Krumenspur
Habe meine Brotkrumen überall verstreut,
mit viel Liebe, recht sorgsam und bedacht.
Habe mich umgedreht und zufrieden meine Spur betrachtet,
helle Flecken, eine Schneise schneidend ins Dickicht.
Bin immer weiter gegangen, des Fortschritts sicher, bis
Du vor mir standst,
und hungrig warst.
Ich griff in meine Tasche, wollte dir zu Essen geben,
- Ich griff ins Leere.
Ich bedeutete dir, zu warten
auf mich, dein Brot
Und rannte, rannte zurück, den ganzen Weg
durch Dornen, Unterholz und Wühlmauslöcher
doch da war nichts mehr.
Atemlos kehrte ich zurück,
du standst noch da, mit leeren Händen
wie ich.
Blanke Handflächen nach oben zeigend,
keuchend,
mit den Schultern zuckend.
Du gingst. Was solltest du auch tun?
Denn was bin ich?
Ein Mädchen mit leerem Taschenblick.
Krumenspur
Hallo Theragrug,
herzlich Willkommen im Salon. :)
Ein schönes Einstandsgedicht, das das Hänsel und Gretelmotiv aufgreift, ihm dann aber einen ganz eigene Wendung und Geschichte gibt. Gefällt mir auch sprachlich/klanglich gut.
Ein paar Kleinigkeiten:
Schneiße - Schneise?
Die einzigen Stellen, die mir ein wenig zu erklärend sind und so den Zauber des Erzählten wegnehmen sind für mich:
"des Fortschritts sicher" und
"Unverständnis und Bedauern in meinem Blick."
Beides könnte für mich einfach entfallen (auch klanglich) und würde sich aus dem Gezeigten ergeben.
Die Erklärung des Blicks schwächt für mich auch die Schlusszeile.
Also so:
Ich griff in meine Tasche, wollte dir zu Essen geben.
- Ich griff ins Leere.
Das "Du" würde ich kleinschreiben, wenn es nicht am Satzanfang steht, da es sonst einen sehr förmlichen, Schrifteindruck macht, der für mich nicht zur gezeigten Beziehung, Erzählsituation passt?
Feine Schlusszeile.
Liebe Grüße
Flora
herzlich Willkommen im Salon. :)
Ein schönes Einstandsgedicht, das das Hänsel und Gretelmotiv aufgreift, ihm dann aber einen ganz eigene Wendung und Geschichte gibt. Gefällt mir auch sprachlich/klanglich gut.
Ein paar Kleinigkeiten:
Schneiße - Schneise?
Die einzigen Stellen, die mir ein wenig zu erklärend sind und so den Zauber des Erzählten wegnehmen sind für mich:
"des Fortschritts sicher" und
"Unverständnis und Bedauern in meinem Blick."
Beides könnte für mich einfach entfallen (auch klanglich) und würde sich aus dem Gezeigten ergeben.
Die Erklärung des Blicks schwächt für mich auch die Schlusszeile.
Zwei "doch" so kurz aufeinander würde ich hier versuchen zu vermeiden. Ohne würde es an dieser Stelle für mich auch stärker wirken.doch ich griff ins Leere.
Also so:
Ich griff in meine Tasche, wollte dir zu Essen geben.
- Ich griff ins Leere.
Das "Du" würde ich kleinschreiben, wenn es nicht am Satzanfang steht, da es sonst einen sehr förmlichen, Schrifteindruck macht, der für mich nicht zur gezeigten Beziehung, Erzählsituation passt?
Entweder Punkte am Zeilenende oder klein weiterschreiben?Atemlos kehrte ich zurück,
Du standst noch da, mit leeren Händen
Wie ich.
Feine Schlusszeile.
Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)
-
theragrug
Liebe Flora,
danke für deine Antwort. Deine Änderungsvorschläge kann ich voll und ganz nachvollziehen und Schneiße sollte tatsächlich Schneise heißen :) die verschiedenen Groß- und Kleinschreibungen waren in der Tat eher willkürlich gesetzt. Mir war nicht bewusst, dass das evtl. beim Lesen Irritationen hervor rufen kann. Danke dafür :)
Bzgl. der Fortschrittzeile - ich verstehe, was du meinst. Allerdings würde ich gerne diesen Aspekt der unreflektierten Dynamik behalten, denn ich glaube, dass nur so die Zäsur deutlich wird, die durch das Aufeinandertreffen verursacht wird. Aber das es so nicht sonderlich elegant ist, ist mir bewusst.
Vielleicht gibt es ja noch ein paar Meinungen diesbezüglich? :)
danke für deine Antwort. Deine Änderungsvorschläge kann ich voll und ganz nachvollziehen und Schneiße sollte tatsächlich Schneise heißen :) die verschiedenen Groß- und Kleinschreibungen waren in der Tat eher willkürlich gesetzt. Mir war nicht bewusst, dass das evtl. beim Lesen Irritationen hervor rufen kann. Danke dafür :)
Bzgl. der Fortschrittzeile - ich verstehe, was du meinst. Allerdings würde ich gerne diesen Aspekt der unreflektierten Dynamik behalten, denn ich glaube, dass nur so die Zäsur deutlich wird, die durch das Aufeinandertreffen verursacht wird. Aber das es so nicht sonderlich elegant ist, ist mir bewusst.
Vielleicht gibt es ja noch ein paar Meinungen diesbezüglich? :)
Hallo Theragrug,
mir gefällt das Gedicht ebenfalls sehr.
Wie Flora irritiert auch ein wenig die Zeile mit dem Fortschritt, allerdings weniger wegen dieses Ausdrucks speziell, sondern weil ich an dieser Stelle gestutzt habe bei der Überlegung: was ist denn eigentlich der ursprüngliche Sinn der Krumenspur? Im Märchen diente sie dazu, wieder nach Hause zurückzufinden. Dieser Zweck scheint mir aber irgendwie im Widerspruch zu stehen zu dem Ausdruck "Fortschritt", der eher aufs Weggehen als aufs Heimkommen verweist.
Und - ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht -, ich war erschrocken, dass der Sprecher am Ende eine Sprecherin ist.
Aus welchen Gründen auch immer habe ich eine männliche Person gesehen. Und nun, da ich weiß, dass es eine weibliche Person ist, versuche ich umgekehrt in das angesprochene Du, das ich weiblich gesehen habe (warum auch immer), eine männliche Person hineinzusehen - es ist sicher nicht die Schuld des Gedichts, aber ich habe am Schluss noch mal mit umgekehrten Vorzeichen von Anfang an lesen müssen ...
Meine 2 cents
Grüße von Zefira
mir gefällt das Gedicht ebenfalls sehr.
Wie Flora irritiert auch ein wenig die Zeile mit dem Fortschritt, allerdings weniger wegen dieses Ausdrucks speziell, sondern weil ich an dieser Stelle gestutzt habe bei der Überlegung: was ist denn eigentlich der ursprüngliche Sinn der Krumenspur? Im Märchen diente sie dazu, wieder nach Hause zurückzufinden. Dieser Zweck scheint mir aber irgendwie im Widerspruch zu stehen zu dem Ausdruck "Fortschritt", der eher aufs Weggehen als aufs Heimkommen verweist.
Und - ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht -, ich war erschrocken, dass der Sprecher am Ende eine Sprecherin ist.
Aus welchen Gründen auch immer habe ich eine männliche Person gesehen. Und nun, da ich weiß, dass es eine weibliche Person ist, versuche ich umgekehrt in das angesprochene Du, das ich weiblich gesehen habe (warum auch immer), eine männliche Person hineinzusehen - es ist sicher nicht die Schuld des Gedichts, aber ich habe am Schluss noch mal mit umgekehrten Vorzeichen von Anfang an lesen müssen ...
Meine 2 cents
Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
(Ikkyu Sojun)
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
(Ikkyu Sojun)
Oh ... mir nicht :) ... ich sah von Anfang an eine Sprecherin, aber schwierig genau zu sagen, warum.Und - ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht -, ich war erschrocken, dass der Sprecher am Ende eine Sprecherin ist.
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)
-
theragrug
Danke für deine Rückmeldung Zefira.
Interessant, dass du im Erzähler eine männliche Person gesehen hast. Aber wenn das dazu führt, dass du dir das Gedicht noch einmal durchgelesen hast, dann habe ich gegen diesen Effekt nichts einzuwenden ;)
Und ja, die Krumenspur soll hier eine gegenteilige Funktion einnehmen - im Sinne von Erkennungszeichen des Selbsts, die man überall in der Welt verstreut, dort, wo man gewesen ist bzw. noch sein wird.
Daher ja auch das Einhalten durch das Zusammentreffen, das Überdenken dieser "Expandierungstaktik"..aber vielleicht sollte man das deutlicher machen...denn ohne den "Fortschritt" ist das wohl nur noch schwerer zu verstehen.
Interessant, dass du im Erzähler eine männliche Person gesehen hast. Aber wenn das dazu führt, dass du dir das Gedicht noch einmal durchgelesen hast, dann habe ich gegen diesen Effekt nichts einzuwenden ;)
Und ja, die Krumenspur soll hier eine gegenteilige Funktion einnehmen - im Sinne von Erkennungszeichen des Selbsts, die man überall in der Welt verstreut, dort, wo man gewesen ist bzw. noch sein wird.
Daher ja auch das Einhalten durch das Zusammentreffen, das Überdenken dieser "Expandierungstaktik"..aber vielleicht sollte man das deutlicher machen...denn ohne den "Fortschritt" ist das wohl nur noch schwerer zu verstehen.
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