Für die Weite

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Estragon

Beitragvon Estragon » 30.11.2012, 14:00

als kind bekam ich ein dreirad
ich war mächtig stolz
es war nicht nur das schönste
es wurde auch am schnellsten schmutzig

wir fuhren manches mal mit dem zug
ich wollte mit dem dreirad zum bahnhof fahren
man ließ mich nicht
meine mutter sagte
man wird es dir stehlen weil es so schön schmutzig ist

ich aß reispudding und dachte nach
sie hatte recht
es war ungewöhnlich schmutzig
man würde es mir sicher stehlen

ich hatte eine idee

in der nacht eilte ich leise zum keller hinunter
dort stand es
ich brach den rechten lenker und warf ihn in den mülleimer

ich schlief unglaublich gut
träumte von schmutzigen dreirädern die
allesamt zum bahnhof fuhren und jeder von ihnen hatte nur einen lenker

am nächsten tag jedoch geschah folgendes
ich wurde zum essen gerufen
das dreirad ließ ich unten stehen

doch
als ich zurückkam war das dreirad nicht mehr da

wenn ich träumte suchen es meine mutter und ich
sie mit einem einwegglas und ich mit einer taschenlampe

wenn ich träume
erwache ich als kind und schaue mir und meiner mutter zu
frage mich
was wollte sie mit dem einwegglas
wollte sie die entfernung hineinstopfen zwischen dem dreirad und mir?

Mucki
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Beitragvon Mucki » 02.12.2012, 17:19

Hallo Estragon,

spannend finde ich das Paradoxe an deinem Gedicht und wie du hier die Dinge "verdrehst". Ein Dreirad ist wertvoll, weil es besonders schmutzig ist und das Abbrechen des einen Lenkers, damit dieses Dreirad geschützt ist und "in die Gemeinschaft" findet. Und dann wird es doch gestohlen.
Ganz bemerkenswert finde ich den Schlusssatz. Sagt es doch aus, dass das "amputierte" Dreirad nicht mehr in die "Welt" des LI passt, es nicht mehr das Wertvollste ist, weil es sich angepasst hat, nichts Besonderes mehr ist für das LI (so jedenfalls meine Lesart).
Auch schön die verwobenen Traumsequenzen.
Nur hier:
Estragon hat geschrieben:am nächsten tag jedoch geschah folgendes
ich wurde zum essen gerufen
das dreirad ließ ich unten stehen

doch
als ich zurückkam war das dreirad nicht mehr da

würde ich ein bisschen umformulieren, (dieses "geschah folgendes" braucht es nicht) meine Idee wäre:

am nächsten tag wurde ich zum essen gerufen
das dreirad ließ ich unten stehen
als ich zurückkam
war das dreirad nicht mehr da


Saludos
Gabriella

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 03.12.2012, 11:34

Hallo Estragon,

es liest sich wie ein Traum im Traum im Traum und auf keiner Ebene weiß man, ob die Logik nur dem Traum innewohnt, der Erinnerung, oder dem Kind, oder dem Erwachsenen, oder den Antworten, die es nicht gibt. Es zieht einen so hindurch und man lauscht und lässt sich von den Wendungen mitnehmen. Sehr schönes Ende.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

ecb

Beitragvon ecb » 03.12.2012, 14:28

Sehr schön die Kinderperspektive, unbekümmert um das, was das erwachsene Denken Unstimmigkeit nennt und dergleichen mehr. :daumen:

LG Eva

Estragon

Beitragvon Estragon » 03.12.2012, 19:31

mittlerweile bin ich mir aber gar nicht so sicher, ob das dreirad wirklich gestohlen wurde, ich glaube, meine mutter hat das kaputte dreirrad einfach wegbringen lassen....

Mucki
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Beitragvon Mucki » 03.12.2012, 20:07

... was natürlich doppelt tragisch wäre. Da bricht das Kind den rechten Lenker ab, damit das Dreirad sicher ist. Und dadurch wird es unsicher - vor der Mutter.

Ich dachte mir schon, dass dein Text autobiografisch ist, Estragon. ,-)

Dennoch würde ich die eine, von mir genannte Passage überdenken.

Estragon

Beitragvon Estragon » 03.12.2012, 20:36

das mit dem abbrechen, ist eine kleine dichterische freiheit, das habe ich nicht gemacht, ich glaub es war wesentlich ungeschickter und unbedachter das kleine kind, zu mindesten da hat sich nichts großartig verändert

DavidK88

Beitragvon DavidK88 » 04.01.2013, 16:46

Ja, das finde ich sehr spannend, ohne erklären zu können, warum. Wahrscheinlich ist es gerade dieses Paradoxe, das dem Ganzen diesen träumerischen Anstrich gibt. Ich hatte natürlich direkt im Sinn, dass das Fahrrad für irgendetwas stehen könnte, dann aber dachte ich mir auch wieder, vielleicht steht es auch einfach für gar nichts und genau das macht den Reiz aus. Mh .. ich kann gar nichts Sinnvolles und Interpretatorisches beitragen, kann nur sagen, dass es mich irgendwo fasziniert.

LG David

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 11.01.2013, 23:13

Hallo, Estragon,

Gabi hat schon sehr schön das Paradoxe beschrieben, das den Reiz deines Textes ausmacht. Auch die von ihr vorgeschlagene Kürzung finde ich gut. Die Stelle mit dem Einmachglas ist ganz besonders einprägsam. Eine richtiges völlig irrationales Traummotiv. Hast du es wirklich geträumt, oder für den Text erfunden. Letzteres fände ich noch bemerkenswerter.

Sehr gern gelesen!
fenestra


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