Der Herbst des Königs oder my bed is my castle, yeah!

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Louisa

Beitragvon Louisa » 14.10.2012, 16:43

Die Kastanien knallen auf ein Autodach
und roter Wein rankt hoch an meinem Bein.
Welke Lieben fallen dort vom Ast
und rieseln durch die Nacht.
Faule Früchte gären in den Herzen,
aus den Arterien fließt Wein.

Alle wolln spazieren gehn
und die frische Luft genießen.

Ja, Luft, das ist zu diesen Zeiten
auch ein echter Hochgenuss!


Ach, das ist alles ja ganz nett,
aber am allerschönsten,
ist es doch im Bett -

Die Geburt, die Einsam- und die
Zweisamkeit, den Tod -
erlebt man meist im Bett.
Ja, dieses Gedicht ist sogar
im Bett geschrieben
und es wäre wunderbar
man läse es auch dort.

Der Herbst, der Herbst -
er ist auch letztes Jahr schon einmal
da gewesen und er kommt nächstes Jahr
zur selben Zeit -
Aber wer weiß denn schon wie lange
uns das Bett noch bleibt?

Der König pflegt im Herbst
oft nackt im Bett zu sein.
"The bed is my castle!"
flüstert er im Lampenschein.
"Im Grunde ist die ganze Welt
ein Bettvorleger und der Feind
tarnt sich als Frühaufsteher."

Tja, wirklich alle wolln spazieren gehn
und die frische Luft genießen.

Ja, Luft, das ist zu diesen Zeiten
auch ein echter Hochgenuss!


"But I don´t prefer fresh air,
maybe next year -
my bed is my castle."

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 14.10.2012, 18:04

Hallo Louisa,

das wirkt recht spontan und am Stück geschrieben, das macht sicher seine Stärke aus und erlaubt einige Brüche, rechtfertigt/braucht vielleicht auch die Wiederholungen, z.B. die vielen 'Ja'. Ich notiere nur für dich ein paar Stellen, wo ich rätselte, bzw. im Text keinen rechten Widerhall für die angelegten Ideen fand: zunächst ist es im Eingangspassus die Perspektive, das LI ist draußen bei den Kastanien und umrankt vom Wein, das irritierte mich etwas. Das Motiv der faulen gärenden Früchte und Wein in den Arterien fand ich nicht wieder (du willst bestimmt nicht auf Faulheit für im Bett liegen anspielen) und kann keine rechte Verbindung finden - höchstens im etwas rätselhaften 'Feind', bei dem ich mich allerdings fragte, inwiefern er denn als Frühaufsteher noch getarnt ist, da hat er sich als Bettverächter doch schon geoutet?
Das Ende hat mich offen gestanden ein bißchen enttäuscht, ich hatte gedacht, da kommt noch etwas, was dem schön vorbereiteten Luft-Motiv eine anderen Touch gibt.
Im letzten Absatz könnte ich mir den Umbruch auch nach 'prefer' vorstellen.
Schöne Grüße
Franz

Louisa

Beitragvon Louisa » 15.10.2012, 14:13

Lieber Räuber,

ich stelle mir nach deinem Kommentar noch einige Fragen. Zum Beispiel:

Stören denn nun die Wort-Wiederholungen im Text oder wirken sie "spontan"?

Ich kann dazu nur sagen, dass keiner meiner Texte wirklich spontan ist, da jedem wochen- und monatelang gesammelte Schnipsel in einem Notizheft hervorgehen. Aber es freut mich trotzdem, wenn es sich so liest am Ende.

Wieso irritiert es dich, dass das Ich im Gedicht draußen von Wein umrankt wird?

Mmm... dich stört, dass du die Anfangsmotive später im Text nicht mehr wiederfindest. Du plädierst also für mehr sinngemäße Wiederholungen?

Ich mag die Arterien und die Früchte nun ungern selbst für alle Leser interpretieren, aber vielleicht kann sich jemand anders hier ja einen "Reim darauf machen".

Zu deinem "Feind" kann ich nur sagen: Jeder König hat wohl Feinde - und dieser bett-freudige König ganz bestimmt den Frühausteher zum Erzfeind. Sollte dieses kleine Gedankenspiel deiner Meinung nach deutlicher sein?

Das mit dem Umbruch sehe ich ein bei prefer... muss ich mal schauen wie es sich laut liest.

Du könntest mit dem Ende sehr gut Recht haben... als ich es einem Freund vorlas, konnte der nämlich nicht glauben, dass das Gedicht schon zu Ende sei - ich muss mir für den Schluss noch etwas besseres einfallen lassen, glaube ich...

Aber auch das geht nicht so spontan ;-)

Danke für dein Kommentar und ich bin auch dankbar für alle weiteren Vorschläge!

Liebe Grüße,
l

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 16.10.2012, 23:04

Hallo Louisa,

faulig gärende Früchte sind ein starkes Bild, ich wollte dafür nicht eine sinngemäße Wiederholung fordern (obwohl, das wäre doch mal ein Kommentar ...) sondern irgendetwas, womit es kommuniziert. Ich empfinde es bisher als Fremdkörper (offenbar, weil ich irgendetwas nicht sehe, was für dich da ist).
Die Anmerkung mit dem Königsfeind war nur auf das Wort 'tarnt' bezogen. (Aber Worte eines echten Königs schaffen ihre eigene Logik :-) )
Grüße
Franz

Louisa

Beitragvon Louisa » 19.10.2012, 19:01

mmm.... ich denke du wirst mit vielen deiner Einschätzungen recht haben, lieber Räuber! :)

Vielleicht rieselt ja noch ein Kommentar hier herein (wofür ich selbst noch mehr kommentieren sollte) - ansonsten versuche ich es mal so an Hand deiner Worte zu überarbeiten und melde mich dann wieder :) !

Danke für die Erklärung!!!

LG,

l

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Beitragvon fenestra » 19.10.2012, 19:12

Liebe Louisa,

für mich ist das ein Gedicht, das der allgegenwärtigen Herbstverklärung in der Lyrik etwas entgegensetzt. Dieses lyr. Ich will nicht draußen sein, denn (s. Strophe 1) da geht es nicht ganz geheuer zu. Es ist lieber im Bett, es pfeift auf die frische Luft. Das ist erstmal eine frische Idee und auch - wie immer von dir - frisch vorgetragen.

Sprachlich gefällt mir die erste Strophe am besten, sie ist am dichtesten, von den Bildern her und auch von der Wortwahl. Danach wird der Text sprachlich etwas wässriger. "Ach" und "Ja", "auch" und "wer weiß schon", "im Grunde". Mündlich vorgetragen ist sowas sicher gut, weil man bei solchen Füllwörtern dem Text besser folgen kann. Allerdings hatte ich mich nach der ersten Strophe auf eine Fortsetzung dieser Dichte und Bilderfülle gefreut, die sich dann nicht einstellte. Ein Trick ist manchmal, wenn die erste Strophe die beste ist, sie einfach nach hinten zu schieben, um eine Steigerung zu erhalten. Wär einen Versuch wert.

Ein kleines Highlight gegen Ende des Textes ist für mich noch der Bettvorläger (statt Bettvorleger), das erinnert mich an Lägerfluren, Lägerflora usw.. Aber das ist nun wieder eine Feinheit, die man beim mündlich vorgetragenen Gedicht nicht bemerken würde.

Insgesamt aber immer schön und erfrischend, was von dir zu lesen!

Lg
fenestra


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