inventur des sommers

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
DavidK88

Beitragvon DavidK88 » 19.09.2012, 21:04

Vorläufige neue Version:

inventur des sommers

tanzen ganz
langsam auf der mauer vor
dem fluss. nur so viel morgen
spannst du in dir an dass du
nicht fällst
wenn du dich durch träume drehst.

wolken ziehen auf. schon bald
zählen tropfen die kacheln der dächer und
die pflastersteine. außerhalb
der stadt rechnet später das wasser
in spiegelungen sterne hoch und züge
die schwellen der gleise wie millisekunden. du

drehst dich auf der mauer
fixierst den rest des mondes. deine
träne ist der letzte vektor
der dich hier verortet dunkel
ziffer des augusts.


Alte Version:

inventur des sommers

tanzen ganz
langsam auf der mauer vor
dem fluss. nur so viel morgen
spann ich in mir an dass ich
nicht falle
wenn ich mich als traumtänzer dreh.

wolken ziehen auf. schon bald
zählen tropfen die kacheln der dächer und
die pflastersteine. außerhalb
der stadt rechnet später das wasser
in spiegelungen sterne hoch und züge
die schwellen der gleise wie millisekunden
ins nichts. ich

drehe mich auf der mauer
fixiere den rest des mondes. meine
träne ist der letzte vektor
der mich hier verortet dunkel
ziffer des augusts.
Zuletzt geändert von DavidK88 am 21.09.2012, 18:29, insgesamt 2-mal geändert.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 20.09.2012, 07:53

Hallo David,

ein schöner Einstiegstext!
Die erste Strophe gefällt mir sehr, (sie könnte auch für sich allein stehen), vor allem wie sie die Langsamkeit durch die Zeilenumbrüche selbst "erzwingt" und da es gegen den/meinen (Lese)fluss ist, wird sie einem auch bewusst. Eine schöne Spiegelung. "Tanzen" ist ja schon etwas verdächtig, aber das "nur so viel morgen spann ich in mir an dass ich nicht falle" fängt das wunderbar auf, so dass der Kitsch und Klischeegedichtverdacht abfällt.
Die letzte Zeile holt ihn aber sogleich wieder ans Licht. .-) Ich würde ganz auf sie verzichten wollen, (auch weil sie mir angehängt klingt) aber zumindest auf den Traumtänzer.

Die zweite Strophe nimmt den Titel auf. Auch hier ziehen mich die Worten mit. Sie sind gut gesetzt und auch bildlich frisch und stimmig, bis ich über das "nichts" stolpere. Es scheint mir zu "groß" und "nichtssagend", irgendwie enttäuschend. Warum "nichts"? Da würde ich mir aus dem Gedankenkontext heraus etwas (be)greifbareres, oder mathematischeres :) wünschen.

Die dritte Strophe schließlich ist überraschen für mich ... ich glaube die Träne nicht. Ich vermute das liegt neben den Bildern, auch am Klang der "i" und der Ich (Perspektive). Wenn du das Ich durch ein Du ersetzen würdest, würde das für mich anders, dunkler klingen, aber auch die Träne durch die größere (innere) Distanz, einen anderen Blickwinkel, für mich eher wirken lassen und auch aus diesem Jammerverdacht heben, ihr etwas "Trockeneres" geben, ;-) was für mich gut zum Titel, den Gedanken der zweiten Strophe und dem Vektor passen würde. Hast du das mal versucht?

Ob ich den Umbruch bei "dunkel-ziffer" gelungen finde, kann ich noch nicht sagen. Im ersten Lesen hat es mich gestört, weil es mir zu verspielt und zeigefingerig erschien für den Text, zu drängend.


Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

DavidK88

Beitragvon DavidK88 » 20.09.2012, 12:55

Hallo Flora,

danke für deinen sehr hilfreichen Kommentar. Ich merke schon, hier wird ganz anders kommentiert als in vielen anderen Foren und das meine ich im besten Sinne.

Die letzte Zeile holt ihn aber sogleich wieder ans Licht. .-) Ich würde ganz auf sie verzichten wollen, (auch weil sie mir angehängt klingt) aber zumindest auf den Traumtänzer.


Ist halt die Frage. Der Vers davor sollte durch den rhythmischen Schnitt ein mögliches Stolpern bereits implizieren. Den Vers danach hatte ich mir als einen Auffangmoment gedacht, damit es in der zweiten Strophe fließend weitergehen kann. So würde die erste mit einem Stolpern für den Leser enden und es wäre dann glaube ich eher verwirrend, wenn es in der nächsten Strophe wieder sanft weitergeht. Die Erwartungshaltung würde m.E. da eher negativ gebrochen. Ich würde diesen Vers schon gerne lassen, auch weil er den Tänzer näher spezifiziert.
Die zweite Strophe nimmt den Titel auf. Auch hier ziehen mich die Worten mit. Sie sind gut gesetzt und auch bildlich frisch und stimmig, bis ich über das "nichts" stolpere. Es scheint mir zu "groß" und "nichtssagend", irgendwie enttäuschend. Warum "nichts"? Da würde ich mir aus dem Gedankenkontext heraus etwas (be)greifbareres, oder mathematischeres :)


Ich hatte mich bis jetzt immer gewundert, warum keinen außer mir diese Stelle störte ^^ Mir war sie auch immer zu unkonkret, hatte nur "nichts" geschrieben, weil mir nichts (^^) Besseres einfiel. Und dann nachher mochte ich diese auch lautliche Nebeneinanderstellung von "nichts" und "ich" sehr gerne.
Aber es wäre wirklich gut, wenn es etwas konkreter würde.
Wenn du das Ich durch ein Du ersetzen würdest, würde das für mich anders, dunkler klingen, aber auch die Träne durch die größere (innere) Distanz, einen anderen Blickwinkel, für mich eher wirken lassen und auch aus diesem Jammerverdacht heben, ihr etwas "Trockeneres" geben


Gute Idee.
Ich bin mir bei meinen Gedichten eben immer unsicher, ob ich ein "ich" oder ein "du" nehmen soll. Meistens mache ich das immer noch aus Gefühl. Hier lassen sich die Wirkungsunterschiede zum Glück wirklich konkretisieren.
Ich denke, das werde ich machen, selbst wenn die lautliche Nebeneinanderstellung im letzten Vers der Vorstrophe nicht mehr hinhaut. Das ist ja nichts Dramatisches.

Den Zeilenbruch bei "dunkelziffer" habe ich eigentlich nur aus lautlichen Gründen gewählt und um den Begriff semantisch stärker in Richtung "dunkel" zu färben.

LG David

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 21.09.2012, 09:28

Hallo David,

Ist halt die Frage. Der Vers davor sollte durch den rhythmischen Schnitt ein mögliches Stolpern bereits implizieren. Den Vers danach hatte ich mir als einen Auffangmoment gedacht, damit es in der zweiten Strophe fließend weitergehen kann. So würde die erste mit einem Stolpern für den Leser enden und es wäre dann glaube ich eher verwirrend, wenn es in der nächsten Strophe wieder sanft weitergeht. Die Erwartungshaltung würde m.E. da eher negativ gebrochen. Ich würde diesen Vers schon gerne lassen, auch weil er den Tänzer näher spezifiziert.
Für mein Lesen ist der Zittermoment, das Schwanken, schon bei "dass ich" und das "nicht falle" fängt es wieder auf und die Strophe ruht dort. Für mich wäre der Übergang zu Strophe zwei weder klanglich, noch bildlich (ich sehe LIch in der zweiten Strophe stehen) verwirrend. Aber vielleicht geht das anderen Lesern anders. Die letzte Zeile ist für mich bildlich gesehen nur noch, als würde er erklärenderweise mit dem Finger in der Luft die Drehung machen. :)
Den "Traumtänzer" ist für mich für das Gedicht einfach zu hell, verbraucht und kitschig und färbt so das ganze Gedicht. Wenn der Traum und klanglich die ganze Zeile für dein Lesen wichtig ist, könntest du ev. auch etwas in diese Richtung überlegen:
wenn ich mich(du dich) durch träume dreh(st)
Das würde durch die enge Abfolge von "tr-dr" auch klanglich den dunklen Charakter unterstützen.

Ich hatte mich bis jetzt immer gewundert, warum keinen außer mir diese Stelle störte ^^
:-)

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

DavidK88

Beitragvon DavidK88 » 21.09.2012, 18:27

Ich habe mal nach deinen Vorschlägen eine neue Version gepostet. Habe noch etwas Bauchschmerzen damit, aber die habe ich immer, wenn ich etwas an einem alten Gedicht ändere (das hier ist aus dem März).
Nur wäre es toll, wenn ich nach den "millisekunden" noch irgendwas bringen könnte. So klappt es zwar auch, aber wenn da noch etwas wäre, fände ich es schöner. Mir fällt aber nichts ein.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 21.09.2012, 19:01

Hallo David,

Nur wäre es toll, wenn ich nach den "millisekunden" noch irgendwas bringen könnte. So klappt es zwar auch, aber wenn da noch etwas wäre, fände ich es schöner. Mir fällt aber nichts ein.
Mir fehlt nichts, aber vielleicht ginge tatsächlich etwas Mathematisches, das das "nichts" auch irgendwie auf eine Weise aufgreift?

die schwellen der gleise wie millisekunden
gegen unendlich streben. du


oder etwas in die Richtung:

die schwellen der gleise wie millisekunden
sich in tagen verlieren. du


Dir fällt bestimmt noch etwas ein und wenn die Bauchschmerzen nicht weggehen, ist das immerhin ein deutliches Zeichen ... dann war die Änderung nichts. .-)
Für mich klingt es jetzt jedenfalls sehr stimmig, das kann ich mir auch gut bei einer Lesung, oder für die Hörbar vorstellen.

Liebe Grüße
Flora
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nera
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Beitragvon nera » 22.09.2012, 12:18

hi david
ich habe jetzt schon einige male gelesen, aber durch die zeilenbrüche komme ich nicht rein.

DavidK88

Beitragvon DavidK88 » 22.09.2012, 16:54

Passiert.

Gerda

Beitragvon Gerda » 25.09.2012, 09:35

Hallo David,

ich komme erst heute dazu etwas zu deinem Text zu schreiben, beziehe mich ausdrücklich auf Version II.


DavidK88 hat geschrieben:Vorläufige neue Version:

inventur des sommers

tanzen ganz
langsam auf der mauer vor
dem fluss. nur so viel morgen
spannst du in dir an dass du
nicht fällst
wenn du dich durch träume drehst.

wolken ziehen auf. schon bald
zählen tropfen die kachelnder dächer und
die pflastersteine. außerhalb
der stadt rechnet später das wasser
in spiegelungen sterne hoch und züge
die schwellen der gleise wie millisekunden. du

drehst dich auf der mauer
fixierst den rest des mondes. deine
träne ist der letzte vektor
der dich hierverortet dunkel
ziffer des augusts.


Ich finde dass dieser Text eine romantische Atmosphäre transportiert, die nicht kitschig daherkommt und auch einen Bruch durch die Träne als letzten Vektor erhält. Vermutlich beschäftigst du dich mit Mathematik und/oder Informatik; ich schaue später mal in dein Profil, vllt. erhalte ich dort einen Hinweis. Das Wort "Vektor" ist mir in lyrischen Texten bisher noch nicht begenet, ich finde aber, dass es passt.

Dein Text gefällt mir sehr gut mit den verwendeten Metaphern, die Erdenschwere und Hmmelsleichte miteinander verbinden. ich sehe die Szene bildhaft vor mir.

Die farblich hervorgehoben Textstellen könnten m. A. n. noch einmal überdacht werden.

Hinter dem an in der ersten Strophe müsstest du du entweder ein Komma setzen oder, m. M. n. besser, den Zeilenbruch. So, ist es kaum lesbar und außerdem ist der Bruch an dieser Stelle nicht sinnvoll sondern willkürlich, als wolltest du mal ausprobieren wie es wirkt. ;-)

Str. 2
Dächer tragen keine Kscheln sondern Ziegel, Schindeln, (Dach)pfannen.
Letzte Zeile, wieder ein Bruch, der nichs bewirkt, außer Verwirrung.

Str. 3
verortet dunkel würde ich drehen, das klingt besser und liest sich melodischer.

Vielleicht kannst du mit meiner Rückmeldung etwas anfangen.

Liebe Grüße
Gerda

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 25.09.2012, 09:54

Hallo Gerda,

Hinter dem an in der ersten Strophe müsstest du du entweder ein Komma setzen oder, m. M. n. besser, den Zeilenbruch. So, ist es kaum lesbar und außerdem ist der Bruch an dieser Stelle nicht sinnvoll sondern willkürlich, als wolltest du mal ausprobieren wie es wirkt.
Ich halte weder den Bruch, noch das fehlende Komma an dieser Stelle für nicht sinnvoll, oder willkürlich, sondern beides für wichtig und gut gesetzt (bzw. weggelassen .-)), weil es aus meiner Sicht mit dem Inhalt korrespondiert, wirkt und das Lesen "führt".

Letzte Zeile, wieder ein Bruch, der nichs bewirkt, außer Verwirrung.
Auch hier stimme ich dir nicht zu und verwirrt bin ich auch nicht. :o)

Str. 3
verortet dunkel würde ich drehen, das klingt besser und liest sich melodischer.
Zum einen weiß ich nicht, ob ich melodischer hier wirklich passend fände, aber vor allem würde dann die zeilenübergreifende Dunkelziffer verloren gehen?

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Gerda

Beitragvon Gerda » 25.09.2012, 10:29

Liebe Flora,

meine Ansicht ist konträr zu deinem Leseverständnis. :-)

Ich weiß nicht, wieso diese Setzung in Str. 1, das Lesen unterstützt. Bei mir war das Gegenteil der Fall und eine Begründung für eine Verankerung scheint mir nicht nahe zu liegen.

Das alleistehende "du" hat für mich keinerlei Funktion an der gesetzten Stelle.
Ich habe mich gefragt, was es bewirken soll ... und frage mich das nach wie vor.

Beim letzten Punkt gebe ich dir Recht. Ich habe nicht wohl etwas übersehen.

Wir haben unterschiedliche Auffassungen (keine neue Erkenntnis ;-) ), letztlich muss David wissen, wie er sich das gedacht hat.

Liebe Grüße
Gerda

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Eule
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Beitragvon Eule » 25.09.2012, 10:42

Hallo David, mir gefällt die alte Version viel besser, das Gefühl des Traumtanzes erreicht mich darin direkter, authentischer, ohne den Drang zu Erklärungen oder zu einem irgendwie gleichförmigeren Zeilenrhythmus.

Nur die Schlussstrophe empfinde ich dabei als zu melodramatisch, da würde ich allgemeiner formulieren, um ein zuviel an Betroffenheit zu vermeiden, etwa so:

[...]./tränen als vektor verortet/dunkelziffern des augustes.
Ein Klang zum Sprachspiel.

Gerda

Beitragvon Gerda » 25.09.2012, 10:49

... jetzt habe ich aufgrund von Eules Rückmeldung die erste Version gelesen und ich muss sagen, auch ich finde sie um Längen besser, weil direkter!
Ich würde beim LyrIch bleiben.

Herzliche Grüße
Gerda

DavidK88

Beitragvon DavidK88 » 28.09.2012, 00:04

Tja, was fange ich jetzt mit dieser Diskussion an? ^^ Ich mag meine Urversion auch am Liebsten, aber das mag Gewöhnungssache sein und ich kann die Einwände von Flora auch verstehen. Das alleinstehende "du" steht da an der Stelle gar nicht mal aus Betonungsgründe. Ich hab es so gesetzt, weil ich das Gefühl hatte, der rhythmische Bruch passt besser. Dächer tragen keine Kacheln? Dann muss ich es wohl ersetzen. Der Fehler ist weder mir noch sonst irgendwem bisher aufgefallen ^^

LG David


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