Gegen den Herbst

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Jelena

Beitragvon Jelena » 19.09.2012, 07:29

Gegen den Herbst

wächserne Tränen
so dick wie Sammeloblaten
die es nicht mehr gibt

eine Kindheitserinnerung
an tropfnasse Gläser
neben der Spüle

der Tisch glatt
die Fensterbänke gelb

und damals

sahen die Augen
noch Landschaften
hinter verschlossenen Türen

die Farben im Gesicht

DavidK88

Beitragvon DavidK88 » 19.09.2012, 20:57

Hallo Jelena,

dieses Gedicht lese ich als eine Art Stilleben. Da fand Leben und Bewegung statt, dieses ist aber nur noch in den hinterlassenen Spuren eingefangen. Da ich es als Stilleben lese, könnte die Spannung zwischen diesen beiden Polen für mich noch etwas stärker sein, aber es ist ja nur eine Lesart.
Dieses Stilleben-mäßige wird nach "und damals" verlassen. Hier folgt nach den äußeren Bezugsobjekten nun der Blick in den Innenraum des depersonalisierten Erzählers (kann ja auch eine auktoriale Außenperspektive sein), denn immerhin ist das eine Fantasielandschaft, die er hinter "verschlossenen Türen" erblicken kann. Man kann das auch noch anders übertragen: "Verschlossene Türen" als die emotionslose Hülle der anderen Bewohner. Eine Lesart, die schöne Resonanz erzeugt, weil die anderen neben dem Erzähler in dem Gedicht nur noch metaphorisch anwesend sind. Man könnte tatsächlich noch einen Zusammenhang zu dem Stilleben herstellen.
An zwei Stellen möchte ich zur Überdenkung raten. Zunächst halte ich die "wächsernen Tränen" in der ersten Strophe für abgeschmackt und vor allem in Verbindung mit den "oblaten" finde ich sie übersteuert.
Der letzte Vers passt auch in meinem Empfinden nicht so gut. Zwar knüpft er an den Herbst an, aber mir kam da eher der Gedanke auf, dass den Leuten, zu denen die Gesichter gehören, ziemlich übel sein muss, wenn die gleich mehrere Farben im Gesicht haben ^^ Ich weiß, was du ausdrücken willst, doch dieses Farbding wirkt auf mich ein bissel komisch.
Der Rest resoniert sehr schön. Ich mag das, wenn Geschichten, Leben, hinter den Spuren / Dingen auslotbar werden ohne dass die Offenheit zur Willkür wird.

LG David

Jelena

Beitragvon Jelena » 22.09.2012, 19:50

Lieber David,

ich denke, du hast die Schwachstellen gut benannt, leuchtet ein.

Mein Vorschlag:

Die wächsernen Tränen durch das Wort "Sehhilfen" ersetzen.

Den letzten Satz könnte ich vielleicht weglassen:

Gegen den Herbst

Sehhilfen
so dick wie Sammeloblaten
die es nicht mehr gibt

eine Kindheitserinnerung
an tropfnasse Gläser
neben der Spüle

der Tisch glatt
die Fensterbänke gelb

und damals

sahen die Augen
noch Landschaften
hinter verschlossenen Türen

Gerda

Beitragvon Gerda » 24.09.2012, 08:31

Liebe Jelena,

in dieses Kind kann ich mich gut einfühlen und den Blick (voller Unschuld) in die Welt hinaus verstehe ich nur zu gut.
Bis auf den letzten Satz, den ich bei meiner Deutung nicht unterbringen kann, gefällt mir der Text richtig gut. Ein stiller Text, über etwas, dass sich im Laufe des Lebens grundsätzlich ändert und die Melancholie, die das Lyrich erfasst, wenn es sich daran erinnert, wie es einmal war. :smile:

Liebe Grüße
Gerda


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