Seite 1 von 1

abschied

Verfasst: 16.09.2012, 09:12
von Niko


abschied


er ist mir der treueste geblieben
in allen zeiten
war ich nie ohne ihn

ich fotografiere ihn
damit ich ihn nicht sehen muss

aus dem weißen taschentuch
schütten sich erinnerungen
für einen moment
schmeckt das zerreißen des herzens süß
und dann beginnt
der nachruf auf eine karte
ohne legende



.

Verfasst: 16.09.2012, 09:28
von Amanita
Hallo Niko!

Die erste Strophe finde ich sehr gut, damit ist eine weise Erkenntnis ausgesprochen, auf die man so ohne weiteres nicht kommt.

Die zweite Strophe ist mir eher fern, weil ich das Fotografieren des Abschieds nicht nachvollziehen kann. Zu fotografieren (im Sinne des Konservierens von Erinnerungen, so, als sei alles noch "wirklich"), damit man den Abschied nicht sieht, ist mir plausibel. Aber den Abschied fotografieren ...??

Gut finde ich, wie Du dem - fast zu gefühligen - weißen Taschentuch das sehr dinglich-alltägliche schütten entgegensetzt. Das zerreißen des herzens ist mir allerdings wiederum ein zu konventionelles Bild, und außerdem verstehe ich nicht, warum dieses Zerreißen ein nachruf [...] ist.

Verfasst: 16.09.2012, 15:31
von ecb
Von einem sehr nahen Menschen muß Abschied genommen werden. Da tut sich ein Abstand auf (ein Abgrund), ein notwendiger Abstand, der im "fotografieren" zum Ausdruck kommen will, aber nicht nur Abstand, auch ein Festhalten in der Erinnerung, ein Versuch, zu Verewigen, ein Tribut.
Eine Form muß gefunden werden für die Trauer, damit Weiterleben möglich wird, daher die Formalität einer Karte - ohne Legende, so daß sie einerseits leer ist und damit den seelischen Zustand es Verlustes wiedergibt, andererseits Raum gibt für den persönlichsten Ausdruck der beabsichtigten Mitteilung.
Das Gedicht selbst ist für mich diese Mitteilung.

Mit lieben Grüßen
Eva