Hallo Estragon,
ich mag die erste Version im Kopfposting sehr. Die veränderte Version in deinem letzten Kommentar erscheint mir wesentlich schwächer. Das liegt für mich wahrscheinlich daran, dass sie klarer sein möchte, mir scheint auch "kühler", "bewusster" und sich durch diese Klarheit aber auch der Zauber, das Verstehen im Unverständlichen, diese Verschiebung der Realität, die eigene "Wirklichkeit" der ersten Version verliert.
das denken macht nichts mit ihrem kopf
(Dem "macht" fehlt ein "e") Ich sehe sie äußerlich nicht nicken, oder den Kopf schütteln, ich sehe keine Veränderung des Gesichtsausdruckes, und auch innerlich "verändern" die Gedanken nichts. Sie "bewegen" sich nicht, auch wenn sie denken, sie gingen über eine Brücke.
Wichtig finde ich aber dann auch die nächste Zeile.
es hämmerte nicht lauter in ihnen als sonst Weil es im Gegensatz zur zweiten Version dieses "nach außen nicht laut sein" nach innen holt und in Beziehung setzt. Es bleibt offen, wie laut dieses Hämmern ist, das sie immer begleitet, und fragt auch nach der Abstumpfung der Wahrnehmung, den Vergleichspunkten, die man braucht, den Unterschieden, die einen dann wieder "aufhorchen" lassen, was das vorbeifließen der Gedanken, das "Nichtsverändern", die Stimmung hier schön für mich aufgreift.
sie träumten von dunklen himbeerschalen
von einer welt in der es alles gab
selbst das nichts roch gut
selbst das nichts klang
als könnte niemand etwas verderben
Mit den dunklen Himbeerschalen hatte ich keine Schwierigkeit, ich sah einfach in sie hinein, sie haben ja im Gegensatz zu Brombeeren diese Vertiefung, die ich mir gut als Schale/Höhle/Welt denken kann und darin, im Innern ist es dunkel.
von einer welt in der es alles gab ist für mich vielleicht auch die schwächste Zeile im Gedicht, auch weil dieses "alles - nichts" mir an dieser Stelle nicht ausgearbeitet genug scheint. "Alles" würde eben auch bedeuten alles "Schlechte"? Hmmm... andererseits spielt ja das "verderben" darauf auch an und greift das auf. Nein, ich glaube ich mag die Zeile doch mit ihrer ausholenden und unbekümmerten, fast kindlichen Art, weil sie eingebettet ist und auch zum Ton, der Stimmung des Gedichtes beiträgt. Und auch die nächsten Zeilen bitte nicht streichen, Estragon. Vor allem dieses auch zeilenübergreifend zu lesende "selbst das nichts klang, als könnte niemand etwas verderben". Aber auch der Geruch, der die Himbeeren noch einmal aufgreift ... wie es darin duften muss.
Auch den Schluss mag ich sehr, auch in den unterschiedlichen Leseweisen, die es ermöglicht. Der Blick der Brücke, aber auch der Gedanke, dass man vielleicht denkend tatsächlich nie auf der anderen Seite ankommt, weil sich die Brücke dann einfach umdreht und man sich wieder auf der gleichen Seite der Brücke wiederfindet, als sei man nie hinübergegangen.
Liebe Grüße
Flora