gelber tag ...

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
ecb

Beitragvon ecb » 31.07.2012, 19:39

gelber tag
warum alles entführen
wohin es nicht will
und bleibt, was es ist
schon wieder abend
du fragst dich, wo
die aussicht geblieben
durch das schlafzimmerfenster
felder, felder
man wird den verdacht
nicht mehr los
sie waren nie da
sie waren nur hier

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 01.08.2012, 07:57

Hallo Eva!

Bei diesem Titel hatte ich - als farborientierter Mensch, wie Du sicher weißt - eine Art Erläuterung erwartet, was gelbe tage denn wohl sind (für dich). Bezieht sich das Gelb auf felder, felder (im Juli), bedeutet es also ein ödes, abgeerntetes Gelb? Ich bin mir da nicht sicher, und aus meiner Perspektive müsste die Farbangabe gar nicht sein.
Ferner habe ich Probleme mit dem du und dem man: Kannst Du mir den Wechsel erklären?
Schön finde ich die Passage

schon wieder abend
du fragst dich, wo
die aussicht geblieben
durch das schlafzimmerfenster
felder, felder


- wobei ich schon gern ein "ist" irgendwo lesen würde, aber das mag Geschmackssache sein.

ecb

Beitragvon ecb » 01.08.2012, 19:14

Was du mit der Farbe Gelb verbindest, ist hier natürlich auch enthalten, Amanita, aber nicht nur - mit "gelb" assoziiere ich auch etwas stimmungsmäßiges, athmosphärisches.

An einem zusätzlichen "ist" habe ich auch gerätselt und mich am Ende dagegen entschieden, aber so richtig zufrieden damit bin ich zugegebenermaßen nicht.

Muß man den Wechsel zwischen "man" und "du" begründen? - Sie sind ja unterschieden und auch so gemeint, aber ich würde gern erfahren, ob andere Leser das auch als störend empfinden.

Vielen Dank für deine Gesichtspunkte!
Liebe Grüße
Eva

Mucki
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Beitragvon Mucki » 02.08.2012, 00:02

Hallo Eva,

dein Gedicht hab ich mehrfach gelesen und möchte dir schreiben, was sich da auf mich überträgt.
Ich sehe ein LI vor mir, das große satte, gelbe Kornfelder oder Rapsfelder oder Sonnenblumenfelder, also etwas sehr Schönes vor sich gesehen hat. Das Gelb assoziiere ich mit Wärme und Licht. Und das "felder, felder" mit Weite und Freiheit. Dieses Positive, Satte und Warme hat das LI in sich selbst übertragen. Es vergeht Zeit (muss gar nicht an einem Tag sein) und das LI stellt fest, dass dieses gute Gefühl nicht mehr da ist und fragt sich, warum dieses gute Gefühl nicht bleiben konnte.

Du siehst, ich lese deine Zeilen teilweise auf einer metaphorischen Ebene.
Daher gefiele mir auch die durchgängige Ich-Form viel besser.
Aber vielleicht liege ich auch mit meinen Assoziationen ganz falsch. ,-) Doch das, was ich schrieb, diese Stimmung überträgt sich auf mich, wenn ich deine Zeilen auf mich wirken lasse.

Liebe Grüße
Gabi

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 02.08.2012, 08:01

Hallo Eva, Gabriella - ich lese den Text völlig anders, ich kann darin keine Anklänge ans Positive sehen, er wirkt vielmehr ziemlich depressiv und düster auf mich (daher kann ich auch das Gelb so schlecht orten).

ecb

Beitragvon ecb » 02.08.2012, 12:25

Nein, nein, falsch liegen kann man bei einem Gedicht gar nicht, der Autor gibt es frei und der Leser eignet es sich an, wenn und wie es zu seinem persönlichen Referenzrahmen paßt - nur hat der Autor heute durch ein Forum wie dieses die Möglichkeit zu erfahren, wie sich sein Text mitteilt.

Diesmal nehme ich zum Beispiel mit, wie unterschiedlich "gelb" wahrgenommen werden kann, denn für mich kann da auch etwas Ambivalentes mitschwingen, etwas von "fahl" oder Gewitterhimmel oder dergleichen, und das sollte in diesen Text irgendwie mit eingehen.

Vielen Dank euch, Amanita und Gabriella!
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Mucki
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Beitragvon Mucki » 02.08.2012, 12:33

Farben sind ja ganz besonders unterschiedlich besetzt bei jedem einzelnen. Für den einen ist Blau z.B. mit Weite, mit Meer, Wasser, Himmel, sprich mit Positivem besetzt, beim anderen mit Depression, "den Blues haben", etc.
Oder noch stärker: schwarz etc. etc.
Insofern glaube ich auch, dass man gerade bei Gedichten, in denen die Farbe eine Rolle spielt, Assoziationen, die nicht unbedingt mit der des Autors übereinstimmen, zulassen muss. Geht gar nicht anders.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 06.08.2012, 10:11

Hallo Eva,

für mich gelingt es dem Gedicht, seine ganz eigene Gelbstimmung zu erschaffen.
Wieder ein vielschichtiges Gedicht, eines zum Immerwiederlesen. Was dieses etwas theatralische und frustrierte "alles" in diesem Augenblick im Kern meint, was sozusagen der "Auslöser" für diese Sichtweise war, bleibt offen, unbenannt. Hier passt das für mich gut.
Ganz auflösen lässt sich das Gedicht für mich nicht, wie auch für LIchdu, das zwischen Vedacht, Stillstand und Veränderung hängt, zwischen den Gelbtönen, mit seiner Infragestellung der Erinnerung, der eigenen Sichtweise, der Verortung.
Und es bleibt diese Reibung zwischen den beiden Teilen, die aber ineinandersprechen, was durch das fehlende "ist" und das zeilenübergreifende Lesen noch unterstützt wird. Das würde ich also unbedingt so lassen.
Auch der Wechsel von "Ichdu" zu "man" scheint mir stimmig.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Gerda

Beitragvon Gerda » 07.08.2012, 04:55

Hallo Eva,

Flora hat es treffend beschrieben, was deinen Text lesenswert macht.
Die Offenheit macht den Text für mich in meiner derzeitigen Situation subjektiv erfahrbar. Es ist wunderbar, wenn ein Gedicht das schafft, die Leserin (wenn sie es zulässt) abzuholen, wo sie in ihrem Leben steht.
Feiner Text.

Liebe Grüße
Gerda

ecb

Beitragvon ecb » 07.08.2012, 19:20

So kann man es sich nur wünschen - ich freue mich über eure Leseweise, vielen Dank :spin2:

Liebe Grüße
Eva


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