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Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
scarlett

Beitragvon scarlett » 15.07.2012, 20:52

warum nicht zurückkehren
zu den verschwiegenen

tannen, den flüsternden
steinen, meinen brüdern

im überschaubaren
land jenseits der wälder

warum nicht ablegen
die viel zu weiten kleider

die siebenmeilenstiefel und
den narrenhut, vielleicht

waren die vögel gnädig
und sanft der ostwind auch
enden märchen ja immer gut

ich vergaß
brotkrumen auszustreuen




/c/ monika kafka, 2007/2012
Zuletzt geändert von scarlett am 17.07.2012, 11:56, insgesamt 2-mal geändert.

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birke
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Beitragvon birke » 15.07.2012, 23:45

Nun, wenn Märchen doch immer gut enden … dann dürften auch die vergessenen Brotkrumen nichts mehr ausmachen, hm, meine Liebe?

Aber enden sie wirklich immer gut … (wenn man da mal in die Forschung und Originale blickt, dann ist das womöglich ein Trugschluss, was wieder sehr interessant für deinen Text ist) … und überhaupt stellt sich vielleicht sogar die Frage: was ist das „Gute“?
Zuweilen wissen wir es nicht.
Außerdem … ein Märchen ist ein Märchen ist ein Märchen. ;)

Was ich hier sehe, ist ein ehrlicher Text über die (verpasste) Möglichkeit einer Rückkehr … wohin? In die Heimat – oder in die Kindheit? Wehmut klingt an … aber auch Zweifel … eine Unsicherheit. Und am Ende doch das Fazit: eine Rückkehr ist nicht möglich. In mir entsteht das Gefühl, dass das LI zwar in einem Winkel seines Herzens eine Rückkehr ersehnt, aber im Grunde doch weiß, dass es unmöglich ist. Zum einen, weil sich die Umstände ohnehin verändert haben – hier und dort. Und weil wir eben immer nach vorn gehen – und das letztendlich auch gut so ist.

Toll gewebt, dieser Text, liebe Mo, der Anklang an Märchen, und somit die Rückkehr in gewisser Weise irreal - gut gemacht!

Melancholisch … und sehr berührend.

Liebste Grüße
deine di
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Mucki
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Beitragvon Mucki » 15.07.2012, 23:50

Liebe Monika,

mich spricht dein Gedicht sehr an. Es ist diese Mischung aus märchenhaften Elementen und dieses Sich-selbst-gut-Zureden, die ich so gelungen finde. Und dann der Schluss, aus dem ich die Zweifel des LI herauslese, den Weg zurückzufinden.
Bei der Setzung frage ich mich, warum du die vielen Absätze eingefügt hast.

Meine Idee, mal als Anregung, wäre, es so zu setzen:

warum nicht zurückkehren
zu den verschwiegenen
tannen, den flüsternden
steinen meinen brüdern
im überschaubaren
land jenseits der wälder?

warum nicht ablegen
die viel zu weiten kleider
die siebenmeilenstiefel und
den narrenhut, vielleicht

waren die vögel gnädig
und sanft der ostwind auch
enden märchen ja immer gut

ich vergaß
brotkrumen auszustreun


Das Wort auszustreun würde ich ausschreiben: auszustreuen.

Feines Gedicht über die Sehnsucht, in die Heimat zurückzukehren.

Liebe Grüße
Gabi

Niko

Beitragvon Niko » 16.07.2012, 13:46

hallo monika,

dass deine texte von durchgehend guter qualität sind, ist ein fakt, über den man nicht wirklich reden muss. also spare ich mir das drumherum und sage: gut!

aber wissen möchte ich noch von dir: warum ziehst du diesen text so auseinander? du könntest doch beispielsweise auch so schreiben:

warum nicht zurückkehren
zu den verschwiegenen
tannen, den flüsternden
steinen meinen brüdern
im überschaubaren
land jenseits der wälder?

warum nicht ablegen
die viel zu weiten kleider
die siebenmeilenstiefel und
den narrenhut, vielleicht
waren die vögel gnädig
und sanft der ostwind auch
enden märchen ja immer gut

ich vergaß
brotkrumen auszustreun


so ist der text für mich greifbarer, kompakter, unzerstreuter. die zeilenübergreifenden mehrbedeutungen bekommt der leser auch ohne die vielen leerzeilen mit, finde ich.

es soll den gesamteindruck nicht schmälern. ich wüsste halt nur gern, was dich bewegt hat, es so zu tun, wie du es getan hast.

liebe grüße: niko

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birke
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Beitragvon birke » 16.07.2012, 16:17

Hm, ich empfinde die Setzung so als stimmig - für mich kommt so das Zögerliche, Fragende gut zum Ausdruck ... und ein immer wieder Innehalten und In-sich-hinein-Horchen.

Noch eine Kleinigkeit, die mir auffiel, liebe Mo - für mein Empfinden würde ich wohl vor "meinen brüdern" ein Komma setzen.

Und etwas, was ich vorher schrieb, möchte ich relativieren - nicht "unmöglich" ist die Rückkehr, denn das LI könnte auch ohne die "Krumen" zurückfinden, aber eben doch sehr erschwert dadurch, dass der Weg nicht mehr bekannt ist.

Liebe Grüße
deine di

PS - Übrigens finde ich den Titel äußerst raffiniert in seiner Mehrdeutigkeit! :daumen:
Zuletzt geändert von birke am 16.07.2012, 20:02, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Mucki » 16.07.2012, 16:42

Hallo Diana,

beim Komma vor "meinen brüdern" stimme ich dir zu, zumal ja bereits Kommata im Gedicht gesetzt sind.
Doch zum "Zögerlichen", "Fragenden":
nach "verschwiegenen" z.B. wird beim Lesen ja keine Pause, keine Verzögerung gelesen, da es zu den "tannen" gehört.
Dito werden "die siebenmeilenstiefel" als weiteres Ablegen zu den "weiten kleider" gelesen. Deshalb sind hier m.E. die Absätze nicht nötig.
Nach "vielleicht" aber lese ich eine Pause, hier wird die Stimme sogar angehoben zum Fragezeichen, daher ist hier ein Absatz sehr sinnvoll, finde ich.

Liebe Grüße
Gabi

Gerda

Beitragvon Gerda » 16.07.2012, 19:07

Liebe Monika,

ich sage jetzt mal nichts zum Gedichte, an das ich mich gut erinnere, denn ich bin sehr sicher, diesen Text vor ein paar Jahren hier im Salon schon kommentiert zu haben. :-)

Nach wie vor gefällt es mir!

Liebe Grüße
Gerda

scarlett

Beitragvon scarlett » 17.07.2012, 09:05

hallo in die runde,

habt alle ganz lieben dank für eure gedanken zu meinem text.

ja, es ist ein alter text, er stand auch schon mal im salon, allerdings im publicus und kommentiert hattest du, gerda, ihn nicht, aber das ist völlig egal.

ich hatte ihn ursprünglich genau in der setzung, die ihr, gabi und niko, vorgeschlagen habt.

zweierlei hat mich bei dieser neuen verson interessiert:
zum einen die frage, ob das zögerliche, nachdenkliche des LI, wie du, diana, geschrieben hast, durch die zweizeilige setzung nicht besser zum ausdruck kommt. da es jetzt viel mehr "luft" zwischen den zeilen gibt, raum, durch die sich die gedanken des LI wie bei einem spaziergang entlang hangeln ... winden auf einen punkt hin, ein ziel, der eindeutig ist, keine vielleichts und wenn und abers mehr zulässt.

zum anderen die frage, ob der spannungsbogen des gedichtes das aushält, über die zeilen hinweg trägt, ohne abzusacken. das funktioniert nicht immer bei einer zweizeiligen setzung, manche gedichte halten das nicht aus und müssen anders "gefasst" werden.

nun, die zweite frage kann ich mir eindeutig mit ja beantworten, ich habe nicht das empfinden, dass da etwas "durchhängt", die spannung verloren ginge.
und ob nun das gedicht mehr raum, mehr luft zwischen den zeilen braucht oder nicht - das ist offensichtlich ein wenig vom gefühl des einzelnen lesers abhängig ...
ich meine, beide setzungen haben ihre berechtigung, für beide gibt es argumente dafür und dagegen ...

für die etwas "gedrungene" fassung spräche für mich auf der inhaltlichen seite, dass die gedanken des li eben drängender - bedrängender - daher kommen, dass sie - die fassung - einfach mehr "halt" gibt, festigkeit usw. - da kann man viel hineinlesen ... oder heraus.

das komma vor "meinen brüdern" werde ich noch einfügen, ist besser.
und auszustreuen - ausschreiben.

habt dank!

lg
monika

Gerda

Beitragvon Gerda » 17.07.2012, 09:49

Tja, so kann frau sich täuschen, liebe Monika.
Dann hatte ich es vielleicht vor und bin nicht dazu gekommen.
Aber nimm es ruhig als Kompliment, dass ich mich dennoch gut daran erinnere.

Liebe Grüße
Gerda

scarlett

Beitragvon scarlett » 17.07.2012, 10:23

danke, gerda!

pjesma

Beitragvon pjesma » 17.07.2012, 11:14

hallo scarlett,
ein schönes gedicht dass mir vielerlei nahe geht...
ich las es jetzt viele male, und wollte erst sicher sein...bevor ich was sage, und jetzt sage ich es ;-)...die letzte zwei zeilen, mmn. benötigt der gedicht gar nicht. das hypothetische, bzw. unwahrscheinlichkeit des rückkehrs, das zögern, wunsch- abtun als hirngespinnst---ist schon angedeutet in märchen zeilen. für mich bliebe der gedicht rund auch ohne die zwei zeilen, ich empfinde sie eh als ein nachträglicher einschub.
lg, pjesma

scarlett

Beitragvon scarlett » 17.07.2012, 11:51

liebe pjesma,

hab dank für deine antwort, deine gedanken.

ich glaube indes, dass das gedicht ein anderes wäre, würde ich die letzten beiden zeilen streichen.
sie transportieren für - mich zumindest - schon etwas ganz wichtiges:
das LI selbst ist dafür verantwortlich, dass eine rückkehr nicht mehr möglich ist, hat es doch "vergessen" - vielmehr wohl nicht mal im traum daran gedacht, brotkrumen auszustreuen, um den weg zurück zu finden.
das wiederum lässt rückschlüsse auf dieses weggehen zu: war es am ende nicht durchdacht? euphorisch? blauäugig gar? immerhin ist ja auch vom narrenhut die rede, von viel zu weiten kleidern ... also kleidern, die eigentlich nicht gepasst haben, wurden sie nur passend gemacht???

ich denke, dass ich die letzten zeilen brauche.

liebe grüße,
scarlett

Jelena

Beitragvon Jelena » 17.07.2012, 11:54

pjesma hat geschrieben:hallo scarlett,
ein schönes gedicht dass mir vielerlei nahe geht...
ich las es jetzt viele male, und wollte erst sicher sein...bevor ich was sage, und jetzt sage ich es ;-)...die letzte zwei zeilen, mmn. benötigt der gedicht gar nicht. das hypothetische, bzw. unwahrscheinlichkeit des rückkehrs, das zögern, wunsch- abtun als hirngespinnst---ist schon angedeutet in märchen zeilen. für mich bliebe der gedicht rund auch ohne die zwei zeilen, ich empfinde sie eh als ein nachträglicher einschub.
lg, pjesma


Liebe Scarlett,

pjesma spricht das auch, was ich gestern genauso empfand! Für mich waren die letzten beiden Verse auch störendes Anhängsel, das LI hat mich aus der Stimmung gerissen, die ich zuvor hatte. Dieses Offene und Märchenhafte, irgendwie für alles Gültige war weg, so schwebend, es war schön, sich nirgends niederlassen zu müssen. Ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll. Das Ich haut da einfach nur rein und macht es kaputt.

Ich würde, ehrlich gesagt, auch das eine Fragezeichen rausnehmen wollen, weil man an so vielen anderen Stellen auch die Fragen mitliest, alles eine Frage, besonders die im Moment vorletzte Strophe: Jeder Vers eine Frage. Du brauchst also kein Hinweisschild.

LG, Jelena.

scarlett

Beitragvon scarlett » 17.07.2012, 11:56

hallo jelena,

das mit dem fragezeichen - gute idee!
übernehm ich glatt!
hab dank.

zu den letzten zwei zeilen- hab ich nun was geschrieben und wenn ich auch deinem "einwand" folgen kann, für mnich geht es nicht anders. sorry.

ganz liebe grüße zu dir hin,
scarlett


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