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ein spaziergang am fluss während der papst in deutschland we

Verfasst: 12.07.2012, 17:21
von fenestra
Vielleicht könnt ihr mir ja mit diesem Text weiterhelfen. Seit Monaten ändere ich ihn immer wieder, ohne ganz zufrieden zu sein. Was meint ihr?


ein spaziergang am fluss während der papst in deutschland weilt


pfaffenhütchen noch festlich geschlossen
seifenkraut üppig blühend in waschwurzelopernlaune
archangelica streut samen in die kanalböschung
immer schön gerade halten!

jetzt fährt das papamobil ins olympiastadion ein

populus tremula
impatiens


auffallend viele neubürger
goldruten (virga aurea ist nicht dabei)
sacchalinknöterich

sicher greift bald jemand zur sense
im namen des minderheitenschutzes
seid fruchtbar und mehret euch
aber nicht hier!
nicht ihr!

jetzt werden babies ins papamobil gereicht

immerhin feuert niemand
den blutweiderich an oder das mädesüß
niemand titelt „die heimische flora schafft sich ab“

der wald ist fast so leer wie bei olympia
ein paar jungangler am fluss jogger
niemand mit hund

fenster ins beton brechen hat der papst gesagt
im bundestag
in die weite blicken

kann man hier am besten
an der flussbiegung hinter der knorrigen eiche
die war früher donar geweiht (auch so ein irrtum)

vom naturrecht hat er gesprochen
der bisam (mein lieblingsneubürger)
hat schalen am ufer hinterlassen
von einer seltenen muschelart
natur. recht?

heute mag ich dieses land
was geht? googeln jubeln angeln protestieren
(„den papst verhüten“ stand auf einem banner mit papstbüsten
denen kondome übergezogen waren)

wegbleiben
reden über die die wegbleiben
zitieren was geredet wird über die die wegbleiben

populus tremula?

die zitterpappel sollte umbenannt werden
ich wäre für
populus gesticularis

Verfasst: 25.07.2012, 13:04
von Mucki
Hallo fenestra,

ich habe Schwierigkeiten zu begreifen, wohin du hier gehen möchtest, in eine kritische Betrachtung über das Verhalten des Papstes evtl.
Klar ist, dass du zu dem, was der Papst sagt und tut jeweils einen Pflanzenbild dazustellst. Beginnt ja gleich gut mit den pfaffenhütchen *g*.
Doch insgesamt ist es mir nicht schlüssig genug. Es packt mich nicht. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich es schlicht nicht verstehe, was gut der Fall sein kann. ,-)

Liebe Grüße
Gabi

Verfasst: 25.07.2012, 16:33
von Renée Lomris
Liebe Fenestra,

ich werd mal zum banalsten Satz greifen, den ich schon so oft gehört habe: Der Papst ist nicht mein Ding.

Deshalb hab ich hier nicht reingeschaut, der Papst hat es sozusagen verhütet, dass mir hier etwas enthüllt wird.

Beim Lesen habe ich dann deine schönen Sinnfindungen verfolgt. Dem blumengeschmückten Vater der katholischen Kirche die in ihren Bedeutungen schwergeweichtigen Blümlein entgegenzuhalten, fand ich schon interessant.

Dies alles wegen des Papstes, seiner Vermehrungs Ideologie?

Das reicht mir irgendwie nicht, ich suche nach etwas mehr ...

mag sein, dass ich es, wie Gabi, nicht gefunden habe ...

lg
renée

Verfasst: 25.07.2012, 23:42
von fenestra
Hallo, ihr beiden,

das ist lieb, dass ihr euch dieses schwierigen Falls nun doch noch annehmt! Ja, ich gebe zu, es fehlt in diesem Text die knackige Botschaft. Oder eigentlich ist die Botschaft ja, dass man ganz normal am Fluss spazieren gehen kann, während das halbe Land so ein Aufhebens um den Papstbesuch macht. Aber das greift hier anscheinend nicht auf den Leser über. Meine Assoziationen zu Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" haben keinen unmittelbaren Bezug zum Papst, sondern kamen einfach während des Nachsinnens über die Pflanzen. Das sehe ich auch als Schwachstelle an. Vielleicht sollte ich daraus ein anderes Gedicht machen und überhaupt diesen Text eher als einen Tagebucheintrag für mich selbst sehen.

Viele Grüße
fenestra

Verfasst: 28.07.2012, 12:39
von nera
nein fenestra
leg es nicht ab als tagebucheintrag. nicht jeder text braucht eine knackige botschaft, die sich sofort erschließt. mit gefallen die assoziationen so, sie regen zum nachdenken an. und der monopolanspruch der katholischen kirche hat ja schon gewisse ähnlichkeiten mit diffusen "nationalen reinheitsgeboten", beides treibt seltsame blüten und richtet m.e. mehr unheil an wie der von dir genannte knöterich.
lg

Verfasst: 29.07.2012, 10:59
von Gerda
Liebe Fenstra,

schon länger hatte ich hier mir ein Lesezeichen gesetzt, um zu lesen und dir etwas dazu zu schreiben.
Nun denn heute endlich! :-).
Ich finde es sehr erfrischend eine Glosse in dieser Web-ART (von weben)verpackt zu lesen.
Man findet wunderbare (un)sinnig (erscheinende) Vergleiche, die insgesamt irronisch gelesen für begeisterte Papstfeinde, zu denen ich mich zähle, eine wahre Freude sind.
Deine Kunst die Botanik und Zoologie hierbei als Mittel zum Zweck zu benutzen heiligt wahrlich die Mttel! :daumen:

Liebe Grüße
Gerda

Verfasst: 30.07.2012, 16:20
von Renée Lomris
Liebe Fenestra,

mein Sinn für verhaltenen aber keineswegs verhüllten Humor mag nicht immer durchklingen. Deshalb ziehe ich am Zipfel meiner Narrenkappe ... weithin schelle die Glocke der Gottlosen, der wahrlich Frommen, der Nachbeter, Vorbeter, der Vorboten der Verbote der Anbieter feiler Ware, der Überbieter, der Überflieger, der Tiefschürfer und Tieftaucher, der Untertaucher und Nebenbuhler, der Schmeichler und Narren, der Galgenvögel und Spaßvögel, der Hansdämpfe und HansimGlücke, der Hanswürste und Pechvögel, der Pech- und Goldmarien, allesamt.

Das durfte ich doch loswerden, nicht wahr?
lG
Renée

Verfasst: 04.08.2012, 22:12
von fenestra
Liebe nera, danke für deinen Zuspruch! Das mit der Botschaft sehe ich auch so - Lyrik kann durch eine zu klare Botschaft sogar kaputt gemacht werden. Am schönsten ist es, wenn zwischen den Zeilen mehrdeutige Gedanken schweben. Aber hier laviere ich zwischen Botschaften und Laissez-faire, das ist wohl eine Schwäche dieses Textes.

Ach ja, und über die Kirche wird ja jetzt wieder heiß diskutiert wegen der Rehabilitation der Hexen, die in einigen Städten diskutiert wird. Und parallel dazu fordern einige die Strafverfolgung bei Gotteslästerung ... :rolleyes:

Schwieriges Thema für die Lyrik - nachher wird man noch verfolgt ...

Liebe Gerda, danke dir, so war der Text gemeint, wie du ihn aufgefasst hast. Er ist eine Art Gedankenprotokoll von einem Spaziergang und ich denke, ich lasse ihn jetzt einfach so.

Liebe Renée, natürlich darfst du hier was loswerden - ich nehm das mal als Gedanken von einem deiner Spaziergänge. ;)

Viele Grüße
fenestra

Verfasst: 07.08.2012, 07:54
von carl
Moin Fenestra,

dein Gedicht lebt vom Vergleich zwischen botanisch-biologischen und soziologischen Phänomenen:
durch die Globalisierung (des Verkehrs) werden auf beiden Ebenen neue Lebensmöglichkeiten erschlossen und alteingesessene zurückgedrängt.
Wenn du das konsequenter auf die Lebensform "katholische Kirche" anwendest, dann hast du deine Botschaft.
Alles kein Grund zur Aufregung: die Natur stellt nur ein neues Gleichgewicht her.

LG, C

Verfasst: 07.08.2012, 08:22
von Gerda
fast OT @ Carl ... schön, dann bin ich mit meiner Sicht ja ein feiner Gesellschaft :-)

Verfasst: 07.08.2012, 11:44
von fenestra
Alles kein Grund zur Aufregung: die Natur stellt nur ein neues Gleichgewicht her


Jeder Art und innerhalb der menschlichen Gesellschaft jeder soziokulturellen Gruppe ist der Drang, sich zu behaupten, genetisch eingepflanzt. Soll man immer zulassen, dass die Stärkeren gewinnen oder ausgleichend eingreifen? Das ist nicht immer leicht zu entscheiden. Ich lese gerade "Wenn das Schlachten vorbei ist" von T.C. Boyle - genau dieses Thema. Jedenfalls danke, Carl, für den Hinweis, was hier noch deutlicher ausgearbeitet werden kann und viele Grüße

fenestra