Fundstück [M]

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Gerda

Beitragvon Gerda » 19.02.2012, 20:55

Aus dem Nichts beim Tauchgang.
Gelb, gummibehandschuht bis zur Elle
umfasst die Hand ein morsches Stück Holz.
Von Schmutz und Unrat aufgeraut das Material.
Dunkel fasert Zersetzung,
übergroß schwimmt das Fundstück
die Fingerkuppen voraus, mir entgegen
Ist da wirklich noch eine Hand …
Trotz Ekel und Abscheu packe ich zu.
Nach dem Schiffsunglück werden
noch Reinigungskräfte vermisst.

©GJ20120219




Auf Floras Anregung nun meine interpretation des Fotos.
Floras Text dazu unter viewtopic.php?p=178688#p178688
viewtopic.php?f=17&t=12866&p=178687&hilit=Monatsthema+Februar#p178687 (© H. Zakkinen)

Mucki
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Beitragvon Mucki » 20.02.2012, 15:13

Hallo Gerda,

bei dem Foto musste auch ich an das Unglück der Costa Concordia und an die noch Vermissten denken.
Dazu passen deinen Zeilen sehr gut, finde ich.
Dieses "Ist da wirklich noch eine Hand ..." geht echt unter die Haut.
Nur eine Anmerkung:
Gerda hat geschrieben:Trotz Ekel und Abscheu packe ich zu.

Hier würde ich "Trotz Ekel und Abscheu" rausnehmen, da dies m.E. nicht zur Gemütslage der Rettungstaucher passt (soweit ich das überhaupt beurteilen kann). Sie waren unglaublich motiviert, wollten, unter Einsatz ihres Lebens, immer weitertauchen, obwohl es schon hoffnungslos war.
Daher würde ich den Schluss umstellen und besagten Satz kürzen, meine Idee wäre:

Ist da wirklich noch eine Hand …
(Absatz danach)

Nach dem Schiffsunglück werden
noch Reinigungskräfte vermisst.
Ich packe zu.


Das hätte dann auch noch so einen Nachhall, der einen Film im Kopf loslaufen lässt. Ist wirklich eine Hand drin und an der Hand ein Körper? Greift der Taucher ins Leere, etc. etc.

Liebe Grüße
Gabi
P.S. Statt "Reinigungskräfte" könnte man auch "Menschen" schreiben, gefiele mir besser.

Gerda

Beitragvon Gerda » 21.02.2012, 12:25

Liebe Gabi,

vielen Dank für deine Rückmeldung.
Wenn es dich beim Lesen ein wenig gegruselt hat so ist es "gut", ;-) denn mir kam das Foto schon beim ersten Betrachten unheimlich vor.
Du triffst mit deiner Kritik am "Ausklang" des Textes genau ins Schwarze.
Ich war ziemlich zerrissen beim Grübeln.
Ich dachte eigentlich an eine Zeit in der die Gewässerzone wieder für Hobby-Taucher allgemein freigegeben ist und eine/r von ihnen, dieses Fundstück entdeckt ...
Aber ich gebe zu, es ist zeitlich noch nahe am Ereignis.

Auf die Reinigungskräfte bin ich nach einiger Überlegung gekommen, weil dieser Gummihandschuh wohl kaum einem Passagier oder dem Servicpersoanl gehört haben kann ...
Mit anderen Worten, ich bin über das Wort "Reinigungskräfte nicht glücklich, aber es ist vom Gedankengang her konsequent.

Mit dem Weglassen des Satzes - Trotz Ekel und Abscheu packe ich zu. - kann ich mich anfreunden.
Ich lasse mal sacken.

Vielleicht bekomme ich noch weitere Rückmeldungen dazu.

Liebe Grüße
Gerda

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 21.02.2012, 13:05

Liebe Gerda,
ich ich habe das Gefühl, dass die Zeile "Trotz Ekel ..." usw. nicht wirklich in den Text passt. Allerdings nicht wegen der Gefühle der Rettungstaucher (ich sehe überhaupt keinen Rettungstaucher, sondern eher einen von dem Fund völlig überraschten Hobbytaucher), sondern weil insgesamt alles an dem Text so diffus und schwebend ist. Die Zeile mit dem Zupacken stört irgendwie mein Gefühl. Vermutlich würde ich anders denken, wenn nicht mit der letzten Doppelzeile - die mit den Reinigungskräften - wieder ins Unsichere, Assoziative zurückgeführt würde.
Mir persönlich würde das Gedicht am besten gefallen, wenn die Zeile ersatzlos gestrichen wäre.
Gerade das Gruselige (was mich sehr erfasst hat) käme für mich deutlicher heraus. Denn ich - wenn ich mich in die Lage Deines lyr. Ich versetze - könnte mich nicht überwinden, hinzufassen. Vielleicht stört es meine persönliche Rezeption, dass der Sprecher in dem Gedicht weit tapferer ist als ich ...
Ich muss noch darüber nachdenken, auf jeden Fall finde ich das Gedicht sehr sprechend, sehr effektvoll.

Liebe Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

Mucki
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Beitragvon Mucki » 21.02.2012, 17:57

Liebe Gerda,
Gerda hat geschrieben:Ich dachte eigentlich an eine Zeit in der die Gewässerzone wieder für Hobby-Taucher allgemein freigegeben ist und eine/r von ihnen, dieses Fundstück entdeckt ...
Aber ich gebe zu, es ist zeitlich noch nahe am Ereignis.

ja, das stimmt. Es ist noch sehr nahe am Ereignis. Ich bin jetzt z.B. (im Gegensatz zu Zefi) überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass es ein Hobby-Taucher sein könnte.
Aber klar, so kann man es natürlich auch lesen.
Das "ich packe zu" würde ich aber auf jeden Fall drinlassen, nur den Ekel und Abscheu rausnehmen.
Wie auch immer, ich finde deine Zeilen sehr gelungen, durch die Eindringlichkeit und diesen Gruseleffekt.

Lieben Gruß
Gabi

Gerda

Beitragvon Gerda » 21.02.2012, 23:04

Liebe Zefi,

vielen Dank für deine Rückmeldung, ich finde es toll, dass du gleich an einen Hobbytaucher gedacht hast. Dann ist die von mir intendierte Möglichkeit doch enthalten.
Ich stehe der Zeile, die du bemängelst, selbst zwiespältig gegenüber, wie ich schon an Gabi schrieb.
Da ich aber etwas Zeit und vor allem Ruhe benötige, die ich im Monment ganz und gar nicht habe, muss diese Streichung/Umformung noch warten.
Auch die Reinigungskräfte ;-) @ makaber



Liebe Gabi,

dankeschön, dir, fürs erneute Mitüberlegen.

Liebe Grüße
Gerda

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Eule
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Beitragvon Eule » 23.02.2012, 09:52

Hallo Gerda, für mich ist der Text gelungen, wie er da steht. Mir gefällt gerade die Vielzahl an Gefühlsaspekten, die Du in dem kurzen Gedicht unterbringst.
Ein Klang zum Sprachspiel.

Gerda

Beitragvon Gerda » 24.02.2012, 11:39

Danke, Eule, für dein "gelungen".

Für mich ist es wieder einmal interessant zu sehen, wie unterschiedlich dieser Text, dessen Auslöser ja bekannt ist, gelesen werden kann.
Ich bin noch unsicher, was ich ändee/streiche.

Liebe Grüße
Gerda


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