Das lichtscheue Zimmer

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 10.01.2012, 12:47

Ich lebte damals in diesem Zimmer, das das Licht verschlang.
Vergiss mich, sagte er, fang jetzt sofort damit an.
Ich dachte, er meint es gut.
Und weil ich das dachte, sagte ich:
Aber ich weiß ja nicht, wie man sich etwas merkt.

Noch während ich das Fenster öffnete,
war er verschwunden.
Einleuchtende Verhältnisse und das was die Vögel von den Dächern pfeifen.
Draußen geht der Tag, geht er, geht die Zeit,
und hier, mit meinen lichtscheuen Blicken,
stehe ich.
Stehe still.





[Komma eingefügt
aus diesem lichtscheuen Zimmer im drittletzten Vers wurde "meinem"
aus "lichtscheuen Zimmer" im drittletzten Vers wurden lichtscheue Blicke.
Zuletzt geändert von Xanthippe am 13.01.2012, 20:39, insgesamt 2-mal geändert.

Jelena

Beitragvon Jelena » 10.01.2012, 17:31

Hallo Xanthi!
Ich würde mich für eine Variante entscheiden: Keine oder kaum Satzzeichen oder: wirklich alle Satzzeichen. Sonst wirkt das Gedicht etwas schluderig.
Die Frage, wer der Er ist, steht noch im Raum. Ich nehme an, Er ist eine Liebe?
Was mir an dem etwas fragemtarisch wirkenden Text gefällt, ist die Frage, wie man sich etwas merkt, wenn man es auch noch vergessen soll. Das ist ein toller Gedanke gegenüber den flüchtigen Gefühlen. Am Ende kommt man an der ewig gültigen Sterblichkeit nicht vorbei, die man akzeptieren muss. Eben deshalb immer wieder der Wechsel zwischen Innehalten und Weitermachen.
Ich würde hier weitermachen und den Text sacken lasssen und dann überarbeiten.
LG, Jelka.

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 12.01.2012, 08:34

hallo Jelena,

das mit den Satzzeichen hatten wir schon mal, oder? :pfeifen: :pfeifen: Ich bin in der Beziehung Legasheniker, unheilbar oder so...
Erklärst Du mir, was Du mit "fragmentarisch" meinst?
Und zu Deiner eigenen Frage; das "er" ist das "du", da kann jeder Leser einsetzen, was er will.
Danke für Deinen Kommentar
Xanthi

Jelena

Beitragvon Jelena » 12.01.2012, 16:23

Ich fände das Gedicht mit einem LD ansprechender, es wirkt im Moment so distanziert, obwohl es um eine persönliche Stellungnahme geht.
Fragmentarisch wirkt es auf mich, weil es von der Form her auf mich ungeschickt wirkt. Das wiederholte "Ich+Verb", besonders die "Ich-dachte"s stören mich etwas, als hättest du nicht ausreichend verdichtet. Drei Mal Und am Versanfang sind wahrscheinlich ein Tonfall, den du gesucht hast. Für mich wirkt er zusammen mit dem unpersönlichen ER und dem Bild der einleuchtenden Verhältnisse, wieder einer distanzierten Einstellung ganz von außen, nicht homogen. Besser kann ich es nicht erklären, sorry.

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 13.01.2012, 06:54

Ich kann persönliche Stellungnahmen nur distanziert ;-). Nein, im Ernst: Danke, dass Du noch einmal geantwortet hast. Ich mag die Distanz tatsächlich. Anders würde es in meinen Augen zu sehr Gefahr laufen ins Pathos abzurutschen.
Viele Grüße
Xanthi

Gerda

Beitragvon Gerda » 13.01.2012, 09:16

Liebe Xanthippe,

das finde ich sehr rund, besonders deshalb, weil das Ganze auch als eine Art Innenschau zu lesen ist.
Ein kleines gelungenes Kurzprosastück für mich.

Liebe Grüße
Gerda

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Eule
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Beitragvon Eule » 13.01.2012, 10:37

Hallo Xanthippe, ich mag dieses kurze Prosastück, aber die Setzung gefällt mir nicht. Sie wirkt eckig und unrhythmisch, vielleicht wäre es möglich die Zeilen miteinander zu verbinden, z.B. durch Gliederung in Strophen. Dann würde auch der letzte Satz lebendiger und weniger bedeutungsschwer. Herzliche Grüße und danke für den Link zu den schönen blog-Texten !
Ein Klang zum Sprachspiel.

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 13.01.2012, 10:46

Hallo Gerda: Danke für Deine Rückmeldung. Freut mich sehr, dass es Dir so wie es ist, gefällt!

Hallo Eule: Deine Kritik an der Setzung kann ich gut nachvollziehen. Danke für den Hinweis. Ich werde mir da mal etwas überlegen.
[Und das freut mich natürlich sehr, wenn Du meinen kleinen Blog auch magst]
Herzliche Grüße
Xanthi

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 13.01.2012, 18:29

Hallo Xanthi,

ich mag die Geschichte ums Erinnern und Vergessen und Gehen und Bleiben und wie die unterschiedlichen Rollen, die Abhängigkeit in einem so kurzen Text deutlich werden und wie das Leben gegen das Stillstehen gesetzt wird. Auch der Bezug zwischen "Einleuchtend" und "lichtscheu" gefällt mir gut.

Aber ich scheitere am Sprung von "lichtscheu" zu "Licht verschlingen", das sind für mich völlig gegensätzlich Vorstellungen und ich bringe sie auch über die Entwicklung der "Geschichte" nicht zusammen.

Draußen geht der Tag, geht er, geht die Zeit,
Und wieder die Frage, was es mit der Zeit auf sich hat?
Die Zeit vergeht auch im Zimmer, egal, wie still man steht und wie dunkel es ist. .-) Wozu brauchst du sie?
Für mich wäre hier etwas wie: Draußen geht das Leben, geht er, weiter. näher am Gedicht dran.
Oder übersehe ich da etwas Grundsätzliches an deinen Gedanken zur Zeit?
das das Licht verschlang.
"das das" finde ich unschön gelöst. Aber ich würde es wohl sowieso ganz rausnehmen, da das "lichtscheu" für mich stärker ist.
Aber ich weiß ja nicht, wie man sich etwas merkt.
Das würde ich entweder kursiv setzen oder danach eine Leerzeile einfügen.
Einleuchtende Verhältnisse und das was die Vögel von den Dächern pfeifen.
Inhaltliche Frage: warum nicht "pfiffen"? Auch "das was" fällt mir hier auf, gäbe es da keine "feinere" Lösung für das Gedicht?

Die letzte Zeile würde ich hochziehen, da mir das für den Ton des Gedichtes zu pathetisch hervorgehoben erscheint. Die restliche Setzung passt allerdings für mich sehr gut zum Inhalt.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 13.01.2012, 20:36

Liebe Flora,

weil ich zur Zeit ziemlich ungeduldig bin, antworte ich jetzt schon auf deine gewohnt detaillierte und sehr konstruktive Kritik;
"einleuchtend und lichtscheu" ich verstehe, was Du meinst.
In meinem kleinen Dichterhirn hatte ich einmal das Zimmer als echtes Zimmer aus Stein usw. gemeint, das nur ein Fenster hat, das klein ist und auf der Nordseite liegt, also sehr dunkel ist und beim zweiten erwähnten Zimmer (obwohl es genau dasselbe Wort ist), ging es mir darum, dass man sich selbst ein Zimmer ist, in sich eingeschlossen, aber auch bewohnt... Aber ich sehe ein, dass der Leser das nicht ohne Weiteres nachvollziehen kann. Schade :sad:


Draußen geht der Tag, geht er, geht die Zeit,
Und wieder die Frage, was es mit der Zeit auf sich hat?
Die Zeit vergeht auch im Zimmer, egal, wie still man steht und wie dunkel es ist. .-) Wozu brauchst du sie?
Für mich wäre hier etwas wie: Draußen geht das Leben, geht er, weiter. näher am Gedicht dran.
Oder übersehe ich da etwas Grundsätzliches an deinen Gedanken zur Zeit? [/quote]

Vielleicht steht für mein lyrisches Ich die Zeit gerade still, und nur draußen geht sie weiter. Ist das nicht vorstellbar?

Aber ich weiß ja nicht, wie man sich etwas merkt.
Das würde ich entweder kursiv setzen oder danach eine Leerzeile einfügen. [/quote]
Okay; Leerzeile wird gemacht.

Einleuchtende Verhältnisse und das was die Vögel von den Dächern pfeifen.
Inhaltliche Frage: warum nicht "pfiffen"? Auch "das was" fällt mir hier auf, gäbe es da keine "feinere" Lösung für das Gedicht?[/quote]

Weil sie immer noch pfeifen. Hm, und ob das "feiner" sein muss, weiß ich noch nicht. Ich mag das eigentlich so schlicht und unpoetisch poetisch. Aber weil Du es bist, denke ich noch mal drüber nach :-)

Die letzte Zeile, also das "stehe still"? hochziehen? Wie meinst du das? Da stehe ich völlig auf dem Verständnisschlauch.

Vielen herzlichen Dank für Deine Mühe
Xanthi

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 14.01.2012, 15:17

Hallo Xanthi,

In meinem kleinen Dichterhirn hatte ich einmal das Zimmer als echtes Zimmer aus Stein usw. gemeint, das nur ein Fenster hat, das klein ist und auf der Nordseite liegt, also sehr dunkel ist und beim zweiten erwähnten Zimmer (obwohl es genau dasselbe Wort ist), ging es mir darum, dass man sich selbst ein Zimmer ist, in sich eingeschlossen, aber auch bewohnt... Aber ich sehe ein, dass der Leser das nicht ohne Weiteres nachvollziehen kann. Schade
Also ich zumindest konnte die Zimmer so nicht trennen, in beidem war für mich das innere und das äußere Zimmer gezeigt. Deine Lösung daraus lichtscheue Blicke zu machen gefällt mir gut, sogar besser, als das "lichtscheue Zimmer", obwohl ich das sehr mochte. Änderst du dann auch den Titel?
Vielleicht steht für mein lyrisches Ich die Zeit gerade still, und nur draußen geht sie weiter. Ist das nicht vorstellbar?
Nö. :) Aber ich sehe auch nicht, warum ich mir das vorstellen soll, was mir das zusätzlich "bringen" würde? Das Bild ihres Stillstandes in ihrem (inneren und äußeren) Zimmer ist für mich stark und gut vorstellbar. Da brauche ich nicht noch die große "unsichtbare" Zeit darübergehängt bekommen, die auch noch herumsteht. ;-)
Was bedeutet es denn für dich, wenn die Zeit für LIch still steht?
Die letzte Zeile, also das "stehe still"? hochziehen? Wie meinst du das? Da stehe ich völlig auf dem Verständnisschlauch.
So: stehe ich. Stehe still.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Beitragvon Xanthippe » 14.01.2012, 20:51

Liebe Flora,
wieder einmal hast du mich überzeugt.
Nur beim "Hochziehen" der letzten Zeile bin ich mir noch nicht ganz sicher. Da sträubt sich noch etwas in mir.
Herzlichen Dank für die Arbeit, die Du in mein Gedicht steckst.
Ich weiß das wirklich zu schätzen
Xanthi


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