Lieber Niko,
Zeilwände, schon der Titel gefällt mir sehr, weil er so viele Bedeutungsräume öffnet. Ich denke an Bergsteiger und unbezwingbare Bergwände, aber auch an Einwände und natürlich an Zeilen und diese Assoziationen, die der Titel anklingen lässt, finde ich auch im Gedicht selbst wieder.
In der ersten Zeile gebe ich Gerda Recht. Mir würde es besser gefällen, stände da "worte erinnern/ an zusammenhänge/ die im schlaglicht gefallen waren."
Wobei dieses Gefallen waren mich seltsamerweise an Soldaten auf dem Schlachtfeld erinnert. Und das gefällt mir sehr. Die Schlacht, die wir mit Worten führen...
Niko hat geschrieben:[b]
sätze von gestohlenen momenten
die sich in die zeit zurückschämen
von lichtblicken
die in gestundeten tagen
dunkel scheinen
Damit habe ich Schwierigkeiten. Was sind gestohlene Momente und wie klingen Sätze von solchen Momenten? Darunter kann ich mir nichts vorstellen (was natürlich allein an mir liegen kann), auch unter der Wendung "sich in die zeit zurückschämen", tut sich mir keine Bedeutungsebene auf. die lichtblicke in den gestundeten tagen erschließen sich mir verstandesmäßig, aber es ist mir zu viel, zu viel Metapher, zu voll...
Niko hat geschrieben:[b]
auch die vertagten entschlüsse
die nach befreiung rufen
schreibe ich nieder
doch am liebsten
sind mir die verlorenen sätze
über die wände
die mit jedem wort rissiger werden
ich verschreibe und schreibe mich
ohne löschpapier
.
Das gefällt mir wieder gut. Die vertagten Entschlüsse, schön, die Idee, das Schließende in den Entschlüssen hervorzuheben, indem du sie nach Befreiung rufen lässt.
Und sehr gut gefallen mir schließlich die über die wände verlorenen sätze, die die wand mit jedem wort rissiger werden lassen. Genau darin sehe ich die Aufgabe eines Gedichtes.
Schön abgerundet durch die Rolle des Dichters, des Schreibenden, die du bildhaft in den letzten Zeilen beschreibst.
Viele Grüße
Xanthi