zeilwände

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Niko

Beitragvon Niko » 19.12.2011, 21:38




zeilwände


worte erinnern sich
an zusammenhänge
die im schlaglicht gefallen waren
sätze von gestohlenen momenten
die sich in die zeit zurückschämen
von lichtblicken
die in gestundeten tagen
dunkel scheinen
auch die vertagten entschlüsse
die nach befreiung rufen
schreibe ich nieder
doch am liebsten
sind mir die verlorenen sätze
über die wände
die mit jedem wort rissiger werden

ich verschreibe und schreibe mich
ohne löschpapier



.

Gerda

Beitragvon Gerda » 20.12.2011, 08:21

Lieber Niko,


ich habe deinen Text schon gestern gelesen und nun heute früh noch einmal.
Durchgängig warm werde ich mit deinem Gedicht nicht. Mich "blenden" zunächst deine ausgesuchten Formulierungen, die teilweise aber keine innere Konsistenz aufweisen.

Wunderbar lesen sich u. a. folgende Passagen:
Niko hat geschrieben:sätze von gestohlenen momenten
die sich in die zeit zurückschämen

Hier klappt die Personifizierung der Sache, die im hier folgenden auf der Strecke bleibt.

Das "sich" Erinnern hört sich zunächst interessant an, aber es sind nicht Worte die "sich" erinnern, sondern Worte, die jemanden an jemand anderen oder an etwas erinnern. Es wäre möglich, das "sich" fort zu lasssen.

Die Wände, über die, verlorene Sätze geschrieben werden ... wie geht das? (Wiedergefunden wäre doch naheliegend), und welches sind dir die liebsten, die verloren Sätze oder die rissigen Wände? Es ist m. E. wichtig, hier den Bezug "vorzugeben", bzw., nicht dem Leser zu überlassen für welchen er sich entscheidet.

Trotz allem gefällt mir der Ton und auch, wie du es schaffst mit bekannten Worten zu neuen Bildern über das Schreiben zu gelangen.
Gern gelesen.

Liebe Grüße
Gerda

Mucki
Beiträge: 26644
Registriert: 07.09.2006
Geschlecht:

Beitragvon Mucki » 20.12.2011, 13:54

Hi Niko,

dein Gedicht über das Schreiben gefällt mir gut.
Das "sich" in der ersten Zeile würde ich auch streichen und bei "über die wände" würde ich "über zeilwände" wählen. Damit greifst du den Titel wieder schön auf.
Gelungen finde ich auch den Schluss.

Saludos
Gabriella

Xanthippe
Beiträge: 1312
Registriert: 27.06.2008
Geschlecht:

Beitragvon Xanthippe » 25.12.2011, 11:22

Lieber Niko,

Zeilwände, schon der Titel gefällt mir sehr, weil er so viele Bedeutungsräume öffnet. Ich denke an Bergsteiger und unbezwingbare Bergwände, aber auch an Einwände und natürlich an Zeilen und diese Assoziationen, die der Titel anklingen lässt, finde ich auch im Gedicht selbst wieder.

In der ersten Zeile gebe ich Gerda Recht. Mir würde es besser gefällen, stände da "worte erinnern/ an zusammenhänge/ die im schlaglicht gefallen waren."
Wobei dieses Gefallen waren mich seltsamerweise an Soldaten auf dem Schlachtfeld erinnert. Und das gefällt mir sehr. Die Schlacht, die wir mit Worten führen...

Niko hat geschrieben:[b]

sätze von gestohlenen momenten
die sich in die zeit zurückschämen
von lichtblicken
die in gestundeten tagen
dunkel scheinen


Damit habe ich Schwierigkeiten. Was sind gestohlene Momente und wie klingen Sätze von solchen Momenten? Darunter kann ich mir nichts vorstellen (was natürlich allein an mir liegen kann), auch unter der Wendung "sich in die zeit zurückschämen", tut sich mir keine Bedeutungsebene auf. die lichtblicke in den gestundeten tagen erschließen sich mir verstandesmäßig, aber es ist mir zu viel, zu viel Metapher, zu voll...

Niko hat geschrieben:[b]

auch die vertagten entschlüsse
die nach befreiung rufen
schreibe ich nieder
doch am liebsten
sind mir die verlorenen sätze
über die wände
die mit jedem wort rissiger werden

ich verschreibe und schreibe mich
ohne löschpapier
.


Das gefällt mir wieder gut. Die vertagten Entschlüsse, schön, die Idee, das Schließende in den Entschlüssen hervorzuheben, indem du sie nach Befreiung rufen lässt.
Und sehr gut gefallen mir schließlich die über die wände verlorenen sätze, die die wand mit jedem wort rissiger werden lassen. Genau darin sehe ich die Aufgabe eines Gedichtes.
Schön abgerundet durch die Rolle des Dichters, des Schreibenden, die du bildhaft in den letzten Zeilen beschreibst.

Viele Grüße
Xanthi

Niko

Beitragvon Niko » 25.12.2011, 12:44

hallo und frohe weihnachten!!!

für die wirklich eingehende beschäftigung mit meinen zeilen bedanke ich mich sehr!!!

es freut mich, xanthi, dass du dich so über den titel äußerst. genau das war mir wichtig. einen titel zu haben, der mehrere assoziationen zulässt (steilwände, zellwände, zeilen, wände, vielleicht auch wende...) und der titel sollte vorabrundung des textes sein.
die gestohlenen momente, die sich in die zeit zurückschämen, ist eine stelle, die man vielleicht nur nachvollziehen kann, wenn man so empfinden kann. ich weiß es nicht. gerda, du hebst diese stelle hervor. und xanthi kann genau damit nix anfangen... vielleicht wäre "sätze über gestohlene momente" passender. bei mir im gedichtkino steht hinter sätze ein doppelpunkt. und "von" ist jeweils der beginn einer aufzählung. die sätze, die von gestohlenen momenten handeln, sind für mich das erinnern an diese momente. sprache, gedanke, worte, erinnerung - das wird eins.

"worte erinnern sich" - da habe ich eine andere wahrnehmung als ihr. würde ich das "sich" streichen, so würde ich worte instrumentalisieren. sie sollen aber - denn das haben sie für mich - ein eigenständiges dasein führen. ich glaube, dass worte wie gerüche sind. ein wort lässt erinnerungen aufleben, dich in eine andere welt tauchen. und das wird nicht von mir gesteuert, sondern es steuert mich...

vielleicht hast du recht, xanthi, vielleicht sind der metaphern manchmal zu viel. ich versuche das im foldenden schreiben umzusetzen.

es freut mich aber sehr, gerda, gabriella und xanthippe, dass trotz einiger widrigkeiten in diesem gedicht für euch das gedicht "gut" ist. danke dafür!

liebe grüße und eine schöne stressfreie jahresauslaufzeit wünscht: niko

Benutzeravatar
Eule
Beiträge: 2055
Registriert: 16.04.2010

Beitragvon Eule » 29.12.2011, 23:40

Hallo Niko, mein erster Eindruck ist "durchweg gelungen". Allgemein über Literatur und doch sehr persönlich, was diese für das lI bedeutet. Künstlerlatein eben, oder doch poet/innen/traum. Herzliche Grüße !
Ein Klang zum Sprachspiel.


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 10 Gäste