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Haiku
Verfasst: 09.11.2011, 13:27
von Gerda
Ein Reiher, lautlos
allein im kahlen Geäst.
Sein Hals nur ein Strich.
©GJ20111103
Verfasst: 10.11.2011, 08:50
von Eule
Hallo Gerda, gefällt mir sehr gut. Der kigo erschließt sich zwar erst auf den zweiten Blick über das Adjektiv "kahl", da ein solches "vertiefen" aber innerhalb der traditionellen Intention dieser Textform liegt, ist es für mich umso gelungener.
Fehlt eigentlich nur noch der Titel, wie wärs z.B. mit "November" ?
Verfasst: 10.11.2011, 08:56
von Ylvi
Hallo Gerda,
Haikus sind in letzter Zeit selten geworden im Blauen, schade eigentlich und schön, mal wieder eines zu lesen. Ich finde man muss sich immer erst wieder "einstimmen" in diese Art des Schreibens und Lesens.
Das "allein" braucht es für mich nicht, das steckt schon im "ein" drin. Dafür fänd ich es gut, wenn der Strich irgendwie besser "eingebunden" wäre in die Betrachtung. Im Moment fällt er mir etwas raus, auch weil "ein Ast" so naheliegend wäre. Vielleicht in diese Richtung?
Ein Reiher, lautlos
gemalt ins kahle Geäst.
Sein Hals nur ein Strich.
Liebe Grüße
Flora
Verfasst: 10.11.2011, 09:21
von Amanita
Flora, ich stimme Dir zu, "allein" braucht's nicht. Aber lautlos/ gemalt geht m. E. auch nicht.
Verfasst: 10.11.2011, 10:03
von ferdi
Hallo Gerda,
das ist für mich einer dieser Texte, die durch die fehlverstandene Treue zum 5-7-5 alle Schärfe verlieren und breiig werden. "Lautlos", " allein", wahrscheinlich auch "nur": Weg damit!
Im kahlen Geäst
ein Reiher
sein Hals ein Strich
Wenn das nicht trägt, trägt die "geschwätzige" Fassung auch nicht ...
Ferdigruß.
Verfasst: 10.11.2011, 10:46
von Eule
Ich lese die drei "Zeilen" als eigenständig, umschrieben etwa :
Ein Reiher geräuschlos/
in herbstkahlen Ästen fern seiner Kolonie/
dimensionsarmer Teil des Herbsthungers.
Durch diese Lesart kann weder auf das "allein" noch auf "lautlos" verzichtet werden. ferdis verkürtzte Fassung verliert dabei doch stark an Inhalt und Form.
Verfasst: 11.11.2011, 17:00
von Gerda
Meine Güte, ward ihr hier fleißig!
Hallo Amanita, Flora, Eule und Ferdi,
Vielen Dank.
... Sorry, ich habe sehr wenig Zeit, wollte nur ganz schnell sagen, dass ich euch gelesen habe und noch in Ruhe auf jeden Beitrag eingehen werde. So, auf den ersten Blick, ist Eule mit seiner Deutung meiner Intention am nächsten.
Liebe Güße
Gerda
Verfasst: 12.11.2011, 11:58
von Gerda
Hallo Eule,
Eule hat geschrieben:Hallo Gerda, gefällt mir sehr gut. Der kigo erschließt sich zwar erst auf den zweiten Blick über das Adjektiv "kahl", da ein solches "Vertiefen" aber innerhalb der traditionellen Intention dieser Textform liegt, ist es für mich umso gelungener.
Fehlt eigentlich nur noch der Titel, wie wärs z.B. mit "November" ?
Herzlichen Dank nochmal.
Ja, es ist für einen Haiku wichtig, dass er ein Jahreszeitenwort enthält, und dieses ist hier "kahl" für Herbst.
(Könnte auch Winter sein, aber da hätte ich eher etwas mit Frost, Eis, Schnee gewählt).
Auf einen Titel habe ich in guter Tradition verzichtet.
Es ist so, dass ich versuche, imnnerhalb der Silben zahl 17 (die, so habe ich gelernt einschließlich des Titels gilt zu bleiben.
Meinst du es wäre ein Überlegung wert, "Ein Reiher"
als 'Titel' abzusetzen?
Liebe Grüße
Gerda
Verfasst: 12.11.2011, 12:14
von Gerda
Liebe Flora,
danke für deine Beschäftigung mit dem Text.
Der Grad ist schmal, sich bei einem Haikzu beschränken, aber darin liegt auch der Reiz für mich.
Das 'gemalt' geht beim Haiku in diesem Fall nicht, weil es über die reine Beobachtung hinaus beereits eine Interpretation (wie gemalt, vergleichende Wertung), durch die Autorin enthielte, was aber nicht sein darf.
Zum 'allein' . Es steht da, weil der Reiher eigentlich ein geselliger Vogel ist.
Auch kann dieses "allein" u. U. dem Leser ein Einsamkeitsgefühl vermitteln. Schriebe ich "einsam" wäre es schon wieder bewertend und das auch noch mit menschlichen Maßstäben.
Was den 'Hals als Strich' angeht, so ist das ein kleiner Bruch, der dem Haiku innewohnen sollte (wenn ich mich richtig erinnere). Eules Deutung kommt meiner Intention gleich, ein dünner langer Hals, also ein Strich, kann m.E. zeigen, dass der Reiher auf Nahrungssuche ist.
Liebe Grüße
Gerda
Verfasst: 12.11.2011, 12:15
von Gerda
Liebe Amanita,
ich bitte dich, bei meiner Antwort an Flora mitzulesen und danke dir ebenso.
Liebe Grüße
Gerda
Verfasst: 12.11.2011, 12:26
von Gerda
ferdi hat geschrieben:Hallo Gerda,
das ist für mich einer dieser Texte, die durch die fehlverstandene Treue zum 5-7-5 alle Schärfe verlieren und breiig werden. "Lautlos", " allein", wahrscheinlich auch "nur": Weg damit!
Im kahlen Geäst
ein Reiher
sein Hals ein Strich
Wenn das nicht trägt, trägt die "geschwätzige" Fassung auch nicht ...
Ferdigruß.
Hallo Ferdi,
ich muss sagen, dass mir dein rigider Ton hier missfällt.
Ich danke dir dennoch und habe mir deine Vorschläge gründlich durch den Kopf gehen lassen.
Sei so nett und lies die Antwort an Flora, da sind die meisten meiner Sichtweisen enthalten.
Zum "lautlos", was auch mit der Nahrungssituation einhergeht: Reiher schreien gern und viel, aber hier ist nicht nur der Reiher still. Durch das lautlos wird eine Verknüpfung zur stillen Jahreszeit möglich.
Ich verstehe die Silbenzahl keinesfalls als Korsett, aber das kannst du natürlich nicht wissen. Ich habe schon Haiku mit 17, mit weniger und sogar mit mehr Silben verfasst, ich bin da durchaus nicht so festgelegt, wie du an diesem Haiku meinst feststellen zu können und es auch verallgemeinerst, also meinst, daraus ein Lehrstück machen zu müssen, als schlechtes Beispiel.
Mir ist das zu absolut.
Wie ich an Flora schreib ist der Grad sehr schmal oder auch das Eis dünn, auf dem nicht nur ich mich bewege, wenn ich ein Haiku schreibe.
Es kann im Abendland wohl immer nur die Annäherung an diese alte japanische Form geben.
Liebe Grüße
Gerda
Verfasst: 12.11.2011, 12:34
von Gerda
Hallo Eule, nun bin ich durch und bei deinem zweiten Kommentar angelangt.
Ich danke dir sehr.
Eule hat geschrieben:Ich lese die drei "Zeilen" als eigenständig, umschrieben etwa :
Ein Reiher geräuschlos/
im herbstkahlen Ästen fern seiner Kolonie/
dimensionsarmer Teil des Herbsthungers.
Deine Deutung trifft ins Schwarze, das hätte ich so präzise und knapp nicht sagen können. (Siehe meine Erläuterungen, die ich in diesem Faden verfasst habe).
Eule hat geschrieben:Durch diese Lesart kann weder auf das "allein" noch auf "lautlos" verzichtet werden. ferdis verkürtzte Fassung verliert dabei doch stark an Inhalt und Form.
Auch da stimme ich dir zu.
Herzliche Grüße
Gerda
Verfasst: 12.11.2011, 13:25
von Eule
Hallo Gerda, ob ein "eigenständiger" Titel gewählt wird, ist wie die Silbenanzahl beim Haiku eine fast kanonische Frage, die von den "Klassikern" des Genres unterschiedlich gehandhabt wird. Falls ja, sollte dieser aber stilkonform zum Text und quasi eine "notwendige" (nicht redundante) Ergänzung (Bezeichnung/Kennzeichnung) bzw. Erklärung sein. Der "Reiher" wäre deshalb nicht sehr geeignet.
Verfasst: 12.11.2011, 13:28
von Gerda
Hallo Eule, aha, dankeschön, das wusste ich noch nicht.
Wählte ich jedoch November, hätte ich ein Dopplung/kigu @'kahl' ... hm ich werde mal überlegen.