Nachtgesang

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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leonie
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Beitragvon leonie » 05.11.2011, 11:58

Nachtgesang

Der Wind,
dieser alte Nomade, rupft
die Tage von den Bäumen
und baut sich ein Nest
aus welker Zeit.

Morgen zieht
er weiter, wird mich
hinter sich lassen.
Mich und meine
knisternden Träume.



Erstfassung:

Nachtgesang

Der Wind, dieser alte Nomade,
rupfte heute
die Tage von den Bäumen
und baute sich ein Nest
aus welkender Zeit.

Morgen schon
wird er weiterziehen, wird
mich hinter sich lassen.
Mich und meine
knisternden Träume.

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noel
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Beitragvon noel » 05.11.2011, 15:54

welch abgesang
welch bilder

gern gelesen
NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der Toxizität, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level).

Wir sind alle Meister/innen der Selektion und der konstruktiven Hoffnung, die man allgemein die WAHRHEIT nennt ©noel

Mucki
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Beitragvon Mucki » 05.11.2011, 16:14

Huhu leo,

gefällt mir ganz wunderbar, in seiner Melodie und auch seiner Melancholie.
Kein einziges Wort würde ich daran ändern.
Sehr fein!

Liebe Grüße
Gabi

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 05.11.2011, 22:19

Hallo leonie!

Die erste Strophe: Super.

Aber dann, in der zweiten, stört mich irgendetwas, von dem ich nur ahne, was es ist: Eine merkwürdige Passivität des Ich, aber auch eine Schlichtheit der Aussage, die m. E. nicht zu der kunstvollen ersten Strophe passt.

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 05.11.2011, 23:11

Hallo Amanita, ich finde das absolut nicht passiv, weiterzuziehen und jemanden mit seinen knisternden Träumen zu hinterlassen, aber vielleicht meinst du die Passivität des lyrischen Ich? Andererseits, liebe Leonie, kann ich das nachvollziehen, was Amanita schreibt, dass die zweite Strophe den Erwartungen, die die sehr schön gearbeitete erste Strophe weckt, nicht gerecht werden kann. Allerdings finde ich auch in der zweiten Strophe etwas, das mich umwirft; dieses Hinter sich lassen... Aber ich finde auch, dass ist zu wenig auf zu viele Zeilen ausgebreitet...
Mein Fazit: im Ansatz ganz wunderbar, in der Ausführung gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten, auch wenn ich die gerade nicht konkreter als im bereits geschriebenen, benennen kann.
Xanthi

Niko

Beitragvon Niko » 05.11.2011, 23:14

hallo leonie,

ich kann amanitas einwand ein kleines bischen nachvollziehen. ich glaube in letzter konsequenz liegt es an "dieser alte nomade", was so ein wenig an den alten schweden erinnert. du packst das thema in der ersten strophe mit einem augenzwinkern an. das scheint jedenfalls durch dieses "dieser alte nomade" so. in der zweiten strophe dann kommt eine eher wehmütige stimmung auf. weiterziehen, mich alleine lassen. das steht in dieser art des schreibens schon in einem emotionalen gegensatz zur ersten. und das macht das ganze etwas unrund. versuch es mal so zu lesen, du wirst sehen, es wirkt geschlossener und rund:

Nachtgesang

Der Wind rupfte heute
die Tage von den Bäumen
und baute sich ein Nest
aus welkender Zeit.

Morgen schon
wird er weiterziehen, wird
mich hinter sich lassen.
Mich und meine
knisternden Träume.


was meinst du? liebe grüße: niko

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 05.11.2011, 23:18

Xanthippe, ja, ich meinte das lyrische Ich, wie es in der zweiten Strophe auftaucht. Das finde ich sehr passiv.

Und Niko, Deine Version nimmt den Zauber der ersten Strophe für mich ein bisschen weg, ich bleibe dabei: An der zweiten müsste noch was verändert werden.

Mucki
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Beitragvon Mucki » 06.11.2011, 00:42

Ich kann eure Einwände nicht nachvollziehen. Z.B., dass im "dieser alter Nomade" der Ausdruck 'der alte Schwede' assoziiert wird. Ich persönlich lese und assoziiere hier wirklich den Nomaden, der weiterzieht und es immer tut, weil es seine Natur ist. Und ich mag es, wie in der zweiten Strophe dieses "Weiterziehen" wieder aufgegriffen wird vom LI und was dann mit dem LI geschieht.

Gerda

Beitragvon Gerda » 06.11.2011, 09:53

Liebe leonie,

die erste Strophe ist mit feiner Ironie gewürzt, spielt mit dem Wind, der theamtisiert wird, auf eine frische Art und Weise.
Das gefällt mir, denn obgleich du bekannte Bilder verwendest, bekommen sie durch die Personifizierung des Windes als "Landstreicher", einen neunen Aspekt hinzugefügt.
In der zweiten Strophe nun, da klingt ein wenig Betroffenheit und Selbstbezogenheit an, die zum Ton der ersten nicht recht zu passen scheinen. Vielleicht ist es das, was als störend empfunden wird.
Auf einmal ist das Lyrich im Fokus. Für mich schwächt das den Gesamteindruck sehr.

Liebe Grüße
Gerda

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leonie
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Beitragvon leonie » 06.11.2011, 10:26

Oh, soo viele Rückmeldungen. Danke für Lob und Kritik, da habe ich ja was zum Nachdenken. Immerhin schon mal die Erkenntnis, dass ich die erste Strophe in jedem Fall so lasse. Der alte Nomade ist mir wichtig, Niko, weil er den Ton des Textes "bricht".

Bei der zweiten: Hülfe es denn, die Passivität aufzulösen und auch dort vielleicht den Ton ironisch zu brechen.

Morgen schon
wird er mich
hinter sich lassen.
Ich bleibe sitzen
auf meinen
knisternden Träumen.

Dadurch geht dann die Melancholie natürlich etwas verloren...

Was meinen die Kritiker?

Liebe Grüße und danke Euch allen für die Rückmeldungen!

leonie

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 06.11.2011, 10:50

Leonie, für mich ist deine vorgeschlagene Alternative kein Gewinn. Mir fehlen die feinen Bilder in der zweiten Strophe, das was über einfache Bilder hinausgeht, auch über Augenzwinkern und Ironie, eine Art doppelter Boden, der es erlaubt weiter zu sehen, als das mit dem Auge möglich ist. Vielleicht hängt es allein an diesem Weiterziehen, vielleicht fehlt da einfach noch ein passender Ausdruck, ein aussagekräftiges Bild...
Xanthi

Gerda

Beitragvon Gerda » 06.11.2011, 12:21

Liebe leonie,

ich glaube auch, dass du auf das "Weiterziehen" nicht verzichten solltest.
Vielleicht das Lyrich herausnehmen?

Morgen schon
wird er weiterziehen
andere Gegenden streifen ???
ein knisternder Traum
bleibt zurück


nur ein Vorschlag, weil mich das Auftreten des Lyrichs rausbrachte. So wäre es sehr offen, finde ich.

LGG

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 06.11.2011, 12:46

Hallo Leonie,

lass es, wie es ist. Passt gut (bis auf die vielen Pronomen am Ende), gerade die leichte Spannung zwischen den Abschnitten - Einschlafgedichte gibt's genug ...

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 06.11.2011, 13:42

Hallo Leonie,
damit auch die erste Strophe etwas Reibung findet: mich irritiert der Umgang mit der Zeitlichkeit etwas. Es ist ein momentanes Geschehen, in dem an einem Abend/einer Nacht jede Menge Tage abgepflückt, zum Welken gebracht, vernestelt werden, was ja nicht sonderlich erfreulich wäre. Jeder aufkommende Melancholie ist andererseits durch den jovialen 'alten Nomaden' von Anfang an schon der Zahn gezogen. Und nun? Der Zeitvernichtende Wind zieht weiter, Gott sei dank möchte man sagen.
Für mich ist die Brücke zum Knistern der Träume (abgesehen vom Lautmalerischen) nicht geschlagen, d.h. ich seh sie nicht und deshalb gewinnt es für mich nicht recht Kontur - irgendein Hinweis, in welche Richtung das Knistern zu lesen und zurückzubeziehen ist, fehlt mir in dem Gedicht.
Grüße
Franz


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