paying respect

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 02.11.2011, 18:50

Paying Respect (2. Version)

die Stewardessen reichten Wein,
gewärmte Nüsschen, abgezähltes Lächeln.
kurz vor der Ankunft setzten sie
plötzlich ihn zu uns nach vorn, sprachen
lange auf ihn ein. ein Schrank von Mann, schwarz, jung,
Schuhe, Glatze peinlich glanzpoliert.
er trug die navyblauen Hosen, goldne Streifen,
dazu ein schwarzes Sakko,
es sah sowas von bescheuert aus.
und wie immer er mit diesem glatten Gesicht
dazu gekommen sein mochte,
Orden wie ein Operetten General.

die Chief Stewardess strich ihm
über die Schulter, im passieren.
er ließ sich taschentücher bringen.
sie machten vor der Landung eine Durchsage,
wir mussten ihn als ersten aussteigen lassen.

er ging dann in Atlanta diese Treppe
neben der Gangway hinunter,
vor den Laderaum und wartete dort
auf seine Kameraden, er allein.


Paying Respect

Ein Schrank von Mann,
schwarz, makelloser Hochglanz
Schuhe wie Glatze.
Die Stewardessen setzten ihn
irgendwann zu uns nach vorn,
sprachen lange auf ihn ein.
Dunkelblaue Hosen mit Goldstreifen, schwarzes Sakko,
es sah wirklich bescheuert aus, dazu
Orden-Leisten wie ein russischer General.
Er ließ sich Taschentücher geben.
Die Chief Stewardess strich ihm
über die Schulter, im Passieren.
Er stieg in Atlanta als erster aus,
ging dann diese Treppe
neben der Gangway,
hinunter zum Laderaum,
er allein.
Zuletzt geändert von RäuberKneißl am 24.03.2012, 22:24, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
Ylvi
Beiträge: 9473
Registriert: 04.03.2006

Beitragvon Ylvi » 08.11.2011, 08:59

Hallo Räuber,

klasse Titel, weil er durch den deutschen Text automatisch auch wörtlich gelesen wird, aber eben zugleich auch als stehende Wendung. Ein guter Ausgangspunkt und Anstoß für viele Fragen zum Thema Respekt, Tod, Ehre, Äußerlichkeiten, Haltung, Erwartung, Ablehnung, unterschiedliche Kulturen, Geschlechterrollen ...

Allerdings geht hier für mich die Gedichtform nicht auf. Ich habe überlegt, ob die Form hier das Äußere des Mannes widerspiegeln soll, aber dafür müsste es aus meiner Sicht stärker betont und ausgearbeitete sein, einen anderen Tonfall anschlagen. Im Moment sehe ich nicht, warum es keine Kurzprosa sein sollte, was für einen Sinn die Zeilenumbrüche erfüllen?

Sprachlich scheint es mir nicht so ausgereift, durchdacht, wie viele andere deiner Texte. Irgendwie noch ein wenig unentschieden in Form und Ausdruck und 1:1.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 09.11.2011, 12:59

Danke Flora,

mir ging es sehr ähnlich bezüglich des Nicht-Ausgereiftseins, den Text habe ich eingestellt, weil ich mir nicht so recht klar ist, wie er zum Leben erweckt werden kann (er wurde von mir eher zu oft als zu wenig hin und her gebogen).

Die Krux liegt vermutlich in der Nähe zur Realität, der beschriebene Soldat hatte einen gefallenen Kameraden begleitet und stand vor der Aufgabe, den Sarg im Laderaum den Angehörigen zu übergeben - Ziel war die Spannung zwischen der Business-Stimmung und dem kontrastierenden Soldaten auszudrücken - das hatte ich der lyrischen Form eher zugetraut als Prosa. Ich werd's noch mal versuchen, andere Anregungen sehr gerne ...
Grüße
Franz

Benutzeravatar
Ylvi
Beiträge: 9473
Registriert: 04.03.2006

Beitragvon Ylvi » 09.11.2011, 14:52

Hallo Franz,

ich habe mal ein wenig herumprobiert und denke, dass es sowohl in der lyrischen, als auch in einer Prosaform den Text lebendiger, bzw. greifbarer machen würde, wenn du zuerst die Stimmung einfängst, einen Ort schaffst, und den Mann dann hineinsetzt.
In Gedichtform würde ich die Sätze ein wenig aufbrechen und versuchen Klang und Rhythmus stärker mitsprechen zu lassen.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 25.03.2012, 22:46

Zweiter Anlauf. Glücklich bin ich immer noch nicht damit.
Grüße
Franz

Benutzeravatar
Ylvi
Beiträge: 9473
Registriert: 04.03.2006

Beitragvon Ylvi » 26.03.2012, 10:06

Hallo Franz,

also die Richtung stimmt für mich auf jeden Fall, nur fehlt mir noch immer an manchen Stellen das "Gedicht", der Klang, irgendwie die sprachliche Mitte, es ruckelt noch immer für mich. Das bin ich von deinen anderen Gedichten nicht gewohnt, sie scheinen mir viel sicherer und klarer, entschiedener.
Da du selbst noch nicht glücklich damit bist, habe ich mal ganz unbefangen darin gewerkelt, vielleicht kannst du daran besser sehen, wo ich noch hänge, oder findest einen neuen Ansatz zum Weiterdenken.
Das "glatte Gesicht" passt für mich zum Beispiel nicht, falls ich ein verweintes Gesicht (@Taschentücher) vor mir sehen soll. Das ändert mein Bild von ihm völlig, wahrscheinlich weil "glatt" auch auf den persönlichen Eindruck anspielt und darin die Betroffenheit und das Erschrecken verloren gehen ... dann hat er nur Schnupfen. .-)
(Die Zeichensetzung und vor allem die Kleinschreibung am Satzanfang hat mich irritiert, ob das gut ist, weiß ich noch nicht.)

► Text zeigen


Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Mucki
Beiträge: 26644
Registriert: 07.09.2006
Geschlecht:

Beitragvon Mucki » 26.03.2012, 13:20

Hallo Franz,

ich habe hier das Problem, dass mir der Kontrast zu stark ist. Da ist einmal der hochdekorierte Soldat, der gestandene große Mann, dem man Respekt zollt und der andererseits seinem gefallenen Kameraden Respekt zollt. Auf der anderen Seite wird dieser Soldat so weinerlich dargestellt. Das passt für mich nicht zusammen. Ich stelle ihn mir lieber stark und in seiner Miene versteinert vor, jedoch nicht weinerlich, würde deshalb alles streichen, was dieses Weinerliche darstellt.
Doch du möchtest gerade dieses Nicht-Starke des Soldaten darstellen, hm? Doch diesen Satz:
es sah sowas von bescheuert aus. würde ich auf jeden Fall streichen. Er zieht den Soldaten ins Lächerliche, ein totaler Widerspruch zum Titel.
Diesen Schluss (Vorschlag von Flora)

in Atlanta diese Treppe
neben der Gangway hinunter
vor den Laderaum
dort wartete er - allein
die Hand an der Stirn
auf seinen Kameraden


finde ich auf jeden Fall viel besser, wegen der letzten beiden Sätze.

Liebe Grüße
Gabi

Benutzeravatar
Ylvi
Beiträge: 9473
Registriert: 04.03.2006

Beitragvon Ylvi » 26.03.2012, 14:47

Hallo Gabriella,

ich habe hier das Problem, dass mir der Kontrast zu stark ist. Da ist einmal der hochdekorierte Soldat, der gestandene große Mann, dem man Respekt zollt und der andererseits seinem gefallenen Kameraden Respekt zollt. Auf der anderen Seite wird dieser Soldat so weinerlich dargestellt. Das passt für mich nicht zusammen. Ich stelle ihn mir lieber stark und in seiner Miene versteinert vor, jedoch nicht weinerlich, würde deshalb alles streichen, was dieses Weinerliche darstellt.
Das ist interessant. Ich möchte ihn mir gerade nicht stark und versteinert, weil Mann und Groß und Soldat vorstellen, das wäre für mich auch zu sehr im Helden-Klischee treibend. Für mich ist es nicht weinerlich, wenn man in so einer Situation weint. Ich sehe hier auch keinen "gestandenen Mann", sondern einen "gebrochenen" jungen Menschen, einen, der versucht Haltung zu bewahren, so gut es ihm möglich ist. Aber da helfen die schönsten Dekorationen nichts.
Doch diesen Satz:
es sah sowas von bescheuert aus. würde ich auf jeden Fall streichen. Er zieht den Soldaten ins Lächerliche, ein totaler Widerspruch zum Titel.
Den Satz würde ich auf keinen Fall streichen. Für mich zieht er nicht den Soldaten ins Lächerliche, sondern zeigt die Hilflosigkeit und Unbeholfenheit des LIchs mit dieser Situation, diesem Menschen umzugehen, aber auch seine Fremdheit gegenüber dieser "Soldaten(USA)kultur". LIch kennt weder diesen Mensch, noch seine Geschichte, Uniform und Orden flößen ihm keinen "automatischen" Respekt ein, wohl eher eine Skepsis und Ablehnung. Ich empfinde den Satz als erfrischend ehrlich, ungeschönt, auch sich selbst gegenüber. Gerade deshalb wird für mich am Ende der Respekt für diesen Mann, der weinte und der gesehen wird, über den erzählt werden muss, wie er da steht und wartet, besonders deutlich und "echt" spürbar.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Mucki
Beiträge: 26644
Registriert: 07.09.2006
Geschlecht:

Beitragvon Mucki » 26.03.2012, 14:59

Ja, ist schon klar, Flora. Ich schrieb ja auch oben, dass Franz wohl eben gerade dieses Weinerliche des Soldaten darstellen möchte.
Doch, was du schreibst:
Flora hat geschrieben:Ich sehe hier keinen "gestandenen Mann", sondern einen "gebrochenen" jungen Menschen, einen, der versucht Haltung zu bewahren, so gut es ihm möglich ist. Aber da helfen die schönsten Dekorationen nichts.

Genau das erkenne ich leider nicht. Das fände ich nämlich auch interessant. Aber er kommt auf mich nicht gebrochen, sondern weinerlich, fast schon entehrt rüber. Und das mag ich nicht.

Zu dem Satz, den ich streichen würde:

es sah sowas von bescheuert aus.

schreibst du:
Flora hat geschrieben:Den Satz würde ich auf keinen Fall streichen. Für mich zieht er nicht den Soldaten ins Lächerliche, sondern zeigt die Hilflosigkeit und Unbeholfenheit des LIchs mit dieser Situation, diesem Menschen umzugehen, aber auch seine Fremdheit gegenüber dieser "Soldaten(USA)kultur". LIch kennt weder diesen Mensch, noch seine Geschichte, Uniform und Orden flößen ihm keinen "automatischen" Respekt ein, wohl eher eine Skepsis und Ablehnung. Ich empfinde den Satz als erfrischend ehrlich, ungeschönt, auch sich selbst gegenüber. Gerade deshalb wird für mich am Ende der Respekt für diesen Mann, der weinte und der gesehen wird, über den erzählt werden muss, wie er da steht und wartet, besonders deutlich und "echt" spürbar.

Auch das kommt für mich nicht rüber oder besser gesagt: nicht so bei mir an. Ich glaube, es liegt am Wort "bescheuert". Vllt. würde da ein anderes Wort wie "grotesk" oder "unpassend", etwas in dieser Richtung, eher passen.

Liebe Grüße
Gabi

scarlett

Beitragvon scarlett » 26.03.2012, 16:11

die Stewardessen reichten Wein,
gewärmte Nüsschen, abgezähltes Lächeln.
kurz vor der Ankunft setzten sie
plötzlich einen zu uns nach vorn, sprachen
lange auf ihn ein. ein Schrank von Mann, schwarz, jung,
Schuhe, Glatze, peinlich glanzpoliert.
er trug die navyblauen Hosen, goldne Streifen,
dazu ein schwarzes Sakko,
es sah sowas vonbescheuert aus.
und wie immer er mit diesem glatten Gesicht
dazu gekommen sein mochte,
Orden wie ein Operetten General.

die Chief Stewardess strich ihm
über die Schulter, im passieren. er ließ
sich taschentücher bringen.
sie machten vor der Landung eine Durchsage,
wir mussten ihn als ersten aussteigen lassen.
er stieg als erster aus

er und ging dann in Atlanta diese Treppe
neben der Gangway
hinunter vor den Laderaum und wartete
auf seine Kameraden, er allein.


sehr eindrücklich und beeindruckend.

ich habe mal ein wenig was geändert in deinem text, musst halt sehn, was für dich geht ... sind ja nur ideen.

einige substantive müssten noch groß geschrieben werden ...

chapeau,
scarlett

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 27.03.2012, 00:11

Hallo,
danke für das reichhaltige Feedback, ich werde einiges davon verwenden. Die Spannung zwischen dem Soldaten - die ja meist aus sehr einfachen Verhältnissen stammen - und der "höheren" Klasse würde ich gerne eher noch schärfen als zurücknehmen (deshalb das grobe 'sowas von bescheuert' oder das leicht unwillige 'wir mussten ...'), ebenso die Spannung zwischen der aufgesetzten Freundlichkeit zu den Business-Kunden versus deren echter Fürsorge um den jungen Mann. Ich wollte ihn weniger weinend oder gebrochen darstellen: eher als Stilbruch. Ein alter, kampferprobter Haudegen, ok, akzeptiert; ein smarter JAG-Schnösel in perfekter Uniform: gerne. Aber Krieg und Tod in die Business Class getragen von einem emotionalen jungen Mann mit schlecht sitzenden Hosen ...
Danke nochmal und Grüße
Franz

Benutzeravatar
Ylvi
Beiträge: 9473
Registriert: 04.03.2006

Beitragvon Ylvi » 16.11.2012, 18:41

Hallo Franz,

hast du hier mal eine komplett englische Version/ Übersetzung versucht?

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Benutzeravatar
Schwarzbeere
Beiträge: 254
Registriert: 03.12.2006
Geschlecht:

Beitragvon Schwarzbeere » 24.11.2012, 12:43

denn ich las diesen Text vorerst und fand ihn platt. Das Ende war mir nicht klar und ich musste mit Erstaunen erkennen, dass es sich um einen Sargbegleiter handelt. Offensichtlich bin ich bescheuert, aber ich reise oft mit dem Flugzeug und habe noch nie einen Sargbegleiter erlebt, oder das geschah diskret und nicht, wie es hier gewesen zu sein scheint, durch öffentliche Ansage über den Lautsprecher. Als ich Laderaum las, dachte ich, es handelt sich um einen Gepäckträger, der sich eben mit der Uniform einen Spass erlaubte - Hinweis auf seine Statur, die jene eines Möbelträgers ist - und er wartet auf die Kollegen, die beim Ausladen helfen können.
Frage: ist meine Verständnis durch Altersblödheit verschroben oder mangelt es mir an der Phantasie, die alle anderen auf die richtige Lösung brachte?

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 24.11.2012, 13:24

Hallo Schwarbeere,

tja, das ist meist bei diesen Plot-orientierten Gedichten/Geschichten so, dass man sie vom Ende her ein zweites Mal Revue passieren lassen muss, liegt, glaube ich, in der Natur der Sache und nicht an persönlichen Defiziten; für Blödheit klingt mir dein Griffelgriff doch definitiv zu entschieden und klar gesetzt. Verschroben: als gebürtiger Schrobenhauser bin ich Fachmann, ebenfalls Antwort nein.
Wie oft derlei tatsächlich vorkommt weiß ich nicht (die knapp 2000 Afghanistan-Toten der Amis wurden fast alle über Frankfurt zurücktranportier), ich fliege nicht so oft in die Staaten, die (reale) Episode schien mir gut in die Mentalität zu passen (inzwischen ist der Text in Prosa zurückverwandelt und Teil einer Miniaturenfolge über Amerika).
Übersetzen habe ich nicht versucht, Flora, je mehr ich amerikanische Literatur lese, umso unzufriedener werde ich mit dem jämmerlichen Wortschatz, der mir für aktives Sprechen/Schreiben zur Verfügung steht. Sicher, Übung macht's wohl auch hier, aber ....

Grüße
Franz


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 10 Gäste