Der Erinnerungsbach - für meinen Vater -

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Louisa

Beitragvon Louisa » 29.10.2011, 13:18

Bei uns ist es so mit dem Sensenmann:
Es ist mein Bruder mit seinem Handy,
vor fünf Jahren rief er mich an
und sagte: Setz dich, die Mama ist tot.

Nun, heute dachte ich daran,
denn es war Todestag -
da rief mein Bruder wieder an:
Setz dich, der Papa ist tot.

(...)

Mir erscheint dies alles irreal
und trotzdem ist es da
und wieder lässt der Walnussbaum
sein Laub und wieder wird das
Himmelsauge trüb und grau.

Als ob der Himmel mich nicht sieht,
der liebe Gott hat grauen Star -
und ich fürchte jeden Blutgedanken,
der aus meinem Herzen rinnt.

Die Luft sinkt langsamer zurück
in meine Lunge, ich freue mich,
wenn ich die ruhige Trauer finde,
diese Trauer ist ein Bach -

und schau ich in das klare Wässerchen
herab, seh ich manche Szene,
so verschwommen und so sacht.

Da seh ich mich als Kind im Omega
und mein Vater lacht, wir fahren
in die Autowaschanlage -
ich hab Angst und rufe: Papa, Hand!
und mein Vater hält meine kleine Hand
bei jedem Autowaschgang.

Geh ich am Ufer weiter entlang,
seh ich im Wasser das Mittelmeer,
die Sonne ohne Nacht, meine Familie
für immer im Sand
und meinen Vater,
der mit architektonischem Bedacht
Sandburgen baut -

und ich sehe wie braun er ist,
meine Mutter meint jeden Tag:
Ihr beide seid braun wie Zigeuner,
aber ich wie ne Gamba so rot!

und ich seh wie mein Vater lacht.

und geh ich weiter am Bach entlang,
seh ich ihn vor wenigen Tagen,
mit mir zur Bushaltestelle gehen.
Ist dein Freund denn auch lieb zu dir?
Ja!
Und willst du ihn einmal heiraten?
Na, wenn er weiterhin lieb zu mir ist!

und mein Vater lacht, gibt mir einen Kuss,
ich renne zum Bus.

Der Bach - er fließt noch lange
Strecken so weiter, verzweigt sich
und mündet im Fluss, mündet im Meer,
steigt in den Regen und in meine Tränen,
begleitet mich auf allen Wegen -

bis er versiegt.







Änderungen:

Vorher hieß es:


"Da seh ich mich als Kind im Opel-Omega"

"Die Luft sinkt langsamer zurück
in meine Lunge, ich hab Glück"

Aus dem I-Phone in der ersten Strophe wurde ein Handy

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Eule
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Beitragvon Eule » 30.10.2011, 12:01

Hallo Louisa, mir gefällt dieses Erzählgedicht sehr - es gelingt Dir, das ernste Thema des Abschiednehmens mit positiven Momenten zu verbinden, ohne dabei humorlos, kitschig oder banal zu werden.
Ein Klang zum Sprachspiel.

Niko

Beitragvon Niko » 30.10.2011, 12:21

was mich bewegt in deinem text, louisa, ist die vielfalt einfacher und doch sehr tiefgehender bilder. dein abschweifen ohne abschweifen und dein "kernschmelzen", ohne es krachen zu lassen. ein leises, sehr - wie ich glaube - tief empfundenes gedicht mit leichten momenten, damit das thema nicht erschlägt. den leser, sich selbst. wobei ich schon auch finde, dass die erzählung ca ab mitte gedicht schon ausschweifend wird. dein text verträgt das, aber es scheint mir gegen ende auch schon fast grenzwertig. aber vielleicht ist es notwendig, denn der anfang deines gedichtes war mir prägnanter und gehaltvoller. vielleicht verstärkt gerade dieses unbeschwerte leichte leben, dass du beschreibst, die schwere des anfangs.

"als kind im omega" fände ich noch einen tucken besser. den opel würd ich streichen. zurück - glück in strofe 5 wirkt ein bischen plump meiner meinung nach.

ich mag´s!

liebe grüße: niko

Louisa

Beitragvon Louisa » 30.10.2011, 17:00

Hallo Eule und Niko!

Danke für eure Reaktionen!

Niko, deine Vorschläge finde ich gut! Ich werde sie sobald wie möglich einarbeiten!

Dankeschön!!!
l

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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 30.10.2011, 17:52

liebe louisa,

ich finde "der erinnerungsbach" auch sehr berührend und es ist gar nicht so einfach zu begründen, warum.

vielleicht u.a. deshalb, weil ich feststelle, dass das leichteund originelle, das ja ein qualitätsmerkmal deiner lyrik ist, in diesem text sehr zurückgedrängt wird von nachdenklichen/traurigen und ernsten passagen. trotzdem blitzt die "heitere louisa" an einigen stellen auf ("der liebe gott hat grauen star"), das ist gut so, finde ich.

sehr schön eingefangen finde ich die vater-tochter-begegnung in der vorletzten strophe.

lga

Nifl
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Beitragvon Nifl » 30.10.2011, 18:04

Ich muss mich pan anschließen. Gebe aber zu bedenken, dass:

Es ist mein Bruder mit seinem I-Phone,
vor fünf Jahren rief er mich an

erst am 9. November 2007 das erste iPhone (ohne Bindestrich) in Deutschland verkauft wurde.

Den Grauen Star finde ich auch sehr gelungen und deshalb würde ich hier: "Himmelsauge trüb und grau." ändern.

und meinen Vater,
der mit architektonischer Bedacht
Sandburgen baut -

auch stark
aber "schem"?

LG
Nifl
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 30.10.2011, 19:25

Liebe Louisa,

das finde ich auch sehr "singend" und wahrklingend und öffnend.

Nifls I-Phone-Hinweis würde ich auch bedenken, vielleicht einfach Handy, das ist doch schon "modernzeitlich"-schräg genug. Ich mag, wie du dieses große Bild des Wassers benutzt und entlang von ihm Erinnerungen erzählst, die alle sehr treffsicher von Mutter, Vater und Kind erzählen, einfache Momente, die aber eben das "Ganze" in sich zu fassen scheinen. Der Ton ist traurig, aber gehalten, das macht die Magie aus.

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Max

Beitragvon Max » 30.10.2011, 22:23

Liebe Louisa,

der Erinnerungsbach ist natürlich ein Kunst-stück in diesem Text, der nicht einfach zuschreiben war und nicht einfach zu kritisieren ist.
Man merkt: da ist sehr viel ungefiltertest Erleben mit all dem, was Du kannst und all dem , vondem Du Dich jetzt nicht distanzieren kannt.

Sterkte ..

Liebe Grüße
Max

Gerda

Beitragvon Gerda » 31.10.2011, 10:42

Liebe Louisa,

besser als Max es getan hat, kann ich meinen Eindruck nicht schildern.
Der Erinnerungs-Bach, man ist ja geneigt -Buch zu lesen, ist wirklich gelungen.
Das ungefilterte Erleben, wie Max es nennt, bestimmt noch zu sehr den Ton.
Ich glaube, dass du mit dir und dem Gedicht geduldig sein solltest.
Aber, ich finde es sehr gut, dass du Worte finden konntest, die für den Zeitpunkt passen, sie zeichnen die Trauer und ein Lächeln fürs Leben.

Liebe Grüße
Gerda

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Beitragvon leonie » 31.10.2011, 10:53

Liebe Louisa,

mir geht es auch so mit dem Text wie Max es beschreibt.

Die Bilder sind sehr anrührend, originell, wie immer bei Dir. Wie Du vom Walnussbaum zum HImmel kommst, beeindruckt mich, auch das Bild vom Gott mir grauem Star.

Aber ich denke auch, an anderen Stellen ist das Ungefilterte noch zu bestimmend.

Liebe Grüße

leonie

Louisa

Beitragvon Louisa » 31.10.2011, 14:09

Hallo liebe Kommentatoren/-innen!

Ich bedanke mich für eure vielen Beiträge! Super!

Also ich wollte auch einmal einen etwas ruhigeren Text schreiben... Schon allein, weil Tom sich ja so darüber beklagt hat, dass immer alles so heiter daher kommt bei mir :smile: ...

Danke auch an Allerleirauh für deine Worte!

Nifl, ja - das mit dem I-Phone wusste ich :smile: ... Aber ich habe gehofft, dass es niemand auffällt :smile: ! Pech gehabt! Ihr habt wahrscheinlich Recht - ein Handy tut es auch. Ich ändere das...

Ich dachte, dass man das mit dem "der liebe Gott hat grauen Star" ohne die vorhergenende Erklärung zum Himmel gar nicht so sehr auf die Wolken beziehen würde, sondern allein auf das Sehvermögen Gottes. Aber mir geht es ja darum eine plastische Verbindung zwischen grauem Himmel zur metaphysischen Welt Gottes aufzubauen. Ich möchte, dass man in Gedanken in den Himmel sieht und die Wolken wirklich wie ein getrübtes Auge wirken. Ohne die Himmels-Zeilen schaffe ich das nicht, glaube ich.

Was meintest du mit deiner letzten Anmerkung mit diesem "schem" ???

Danke für deine Hilfe!

Max, was meinst du mit "Sterkte" :smile: ?

Ja, vielleicht ist es zu nah an mir, zu persönlich... Andererseits sind eigentlich alle meine Gedichte von heiter über absurd über intim sehr nah an mir und sehr persönlich :smile: ... Hier fällt es nur mehr auf, weil ich nicht so viel von Pharonen und Blaubeernächten erzähle... Aber auch die habe ich so erlebt ;-)

Meint ihr man müsste die Erinnerungen streichen? Kürzen?

Ich bin noch etwas planlos!

Danke auch an Gerda und Leonie für ihre Ratschläge und Eindrücke!

Liebe Grüße,
l

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 31.10.2011, 15:49

Hallo Louisa,

Nifl meint, dass es "der Bedacht" heißt (ich glaube, zu Recht), mithin "mit architektonischem Bedacht".

Dein Text gefällt mir sehr gut.

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

Max

Beitragvon Max » 02.11.2011, 23:25

Louisa,

Sterkte ist Niederländisch .. man wünscht es sich in etwa so, wie man sich hier "viel Kraft" wünscht :)

Liebe Grüße
Max

carl
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Beitragvon carl » 03.11.2011, 11:45



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