Lange Nacht

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
poeta

Beitragvon poeta » 15.10.2011, 11:19



Lange Nacht


Die Sonne ging im Osten unter, heute früh,
denn blutrot sank dein Lebenslicht.
Die lange Nacht ertrank in Stille,
die blauen Lippen öffneten sich nicht.
Ich wiegte dich und hielt dich warm.
Ein schlaffes Bündel, an mein Herz gedrückt,
hat unversehens meine Welt verrückt.
Dein Leben, ausgeknipst, liegt schwer in meinem Arm.





RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 15.10.2011, 14:52

Hallo Poeta,

dein Gedicht hinterlässt bei mir einen etwas zwiespältigen Eindruck. Es entstand unmittelbar (weit vor dem 'schlaffen Bündel' und 'ausgeknipst') der Eindruck, dass nicht eine Mutter, sondern eine Krankenschwester oder Pflegerin spricht, vielleicht liegt das an dem 'denn' im zweiten Vers? Auch der Reim gedrückt-verrückt steht für mich in einer seltsamen Beziehung zum Inhalt, er hat etwas sehr einordnendes, was dem 'verrückt' widerspricht. Ich würde es vermutlich überzeugender finden, wenn der ganze Rest gereimt werde und genau diese Zeile nicht.
Ich könnte mir vorstellen, dass das Gemeinte stärker und weniger Widersprüchlich zum Vorschein kommt, wenn die seltsame Rollenumkehr aus der Peripherie des Geschehens - hier hat (so las ich es) wohl nicht Mutter oder Vater, sondern ein Pflegender ein Kind im Sterben begleitet - sichtbarer/gestaltender wird.
Schöne Grüße
Franz

Herby

Beitragvon Herby » 15.10.2011, 21:12

Hallo Poeta,

ich bin wie Franz zwiespältig, aber aus einem anderen Grunde als er. Den Tod eines Menschen lyrisch zu verarbeiten, halte ich für schwierig. Es ist in meinen Augen eine Gratwanderung zwischen einer zu distanzierten und einer zu emotionalen Darstellungsweise. Und bei deinem Text weiß ich noch nicht, ob dir diese Gratwanderung nach meinem Leseverständnis gelungen ist, denn Formulierungen wie in den Versen 2, 3, 4, 6 und 8 kommen mir zumindest grenzwertig vor.

Den Einstieg

poeta hat geschrieben:Die Sonne ging im Osten unter, heute früh,


finde ich dagegen gelungen, denn der Tod eines geliebten Menschen oder gar eines Kindes kommt in seiner furchtbaren Monstrosität der Umkehrung der Naturgesetze gleich.
So weit einige Gedanken zu deinem Text.

Lieben Gruß,
Herby

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 15.10.2011, 21:38

Liebe poeta, auch ich finde die erste Zeile sehr gelungen, sie sagt für mich mehr aus als die (meisten) Zeilen, die folgen.

Mich stören vor allem die Reime, sie "verniedlichen" m. E. die Thematik.

Ich wiegte dich und hielt dich warm finde ich wiederum gut, wenn man erfährt, dass es um den Tod geht, Du erzeugst einen äußersten Gegensatz, den ich als passend empfinde. Begriffe wie Lebenslicht brauchts da gar nicht!
Mit dem "ausgeknipsten Leben" komme ich am wenigsten klar. Ausgeknipst und schwer ist für mich ein nicht-stimmiger Gegensatz.

Max

Beitragvon Max » 15.10.2011, 21:58

Liebe Poeta,

auch ich kann Deinem Gedicht in der ersten Zeile noch folgen.

Danach wird es mit "blutrot", "Lebenslicht" u.v.a sehr meldoramtisch .. da ird Leben für mich zu sehr zum vorgeformten Stück Sprache.

Ich glaube der Text gewönne dort, wenn du da mehr von Dir zeigen könntest.

Liebe Grüße
max

poeta

Beitragvon poeta » 16.10.2011, 10:57

hallo, ihr lieben,

ich freue mich sehr über die vielen rückmeldungen, die alle irgendwie zwiegespalten sind. das entspricht ja auch genau meinem empfinden, wie auch die einsicht, dass, dieses thema zu verdichten, eine gratwanderung ist, sich ganz viele möglichkeiten finden, abzustürzen.
ich möchte euch gern ein bisschen erklären, was ich gewollt habe, und hoffe auf eure hilfe, auf dem weg zu einer besseren umsetzung, ausgehend von der szene:

mutter sitzt bei sonnenaufgang am fenster, das soeben tot geborene kind im arm .

im ersten satz, der ja soweit als gut empfunden wurde, klingt das alles ja auch schon an. ich dachte aber, da noch ein paar details einfügen zu müssen. Vor allem wollte ich den zustand der mutter aus innensicht umschreiben. sie ist ja ebenfalls zwiegespalten.

- die kernaussage liegt dabei einerseits darin, das kind noch ans "herz zu drücken", andererseits aber vom kopf her schon zu wissen, dass die welt kopf steht und nichts wieder so sein wird, wie vorher. ich habe hier den sehr auffälligen paarreim (gedrückt - verrückt) gewählt, um das heraus- und hervorzuheben; ein untaugliches mittel, wie ihr euch alle einig seid.

- die eingestreuten reime, binnenreime und assonanzen, die ja amanita insgesamt für nicht geglückt hält, sollten ein wenig halt geben, ein bisschen struktur in den rahmenbedingungen - so ein "das-leben-geht-weiter"- anklang..., die ungleichen verslängen andererseits das interne chaos abbilden

- der blutrote sonnenaufgang und die "blutige" geburt verbinden sich assoziativ im empfinden der mutter, daher rührt dieser melodramatische 2.vers.
das lebenslicht scheint entbehrlich? was meint ihr: ganz fallen lassen, wodurch ersetzen?

- "die lange nacht ertrank in stille" auch grenzwertig, für LI aber wichtig, die lange schmerzreiche geburt, die nicht in der lebendigkeit eines schreis, in geschäftigkeit und wärme ... endet, sondern in absoluter reglosigkeit, erstarrung und stille.

- "ausgeknipst" geht wieder mit dem lebenslicht zusammen, wird auch von der mutter so empfunden, da wurde einfach ein schalter umgelegt und plötzlich - nur noch dunkelheit.

ich werde versuchen eine neue fassung zu erstellen und einige eurer anmerkungen zu berücksichtigen. mir ist es sehr wichtig, darüber zu schreiben, möglichst gut zu schreiben.

_______________________________

hallo franz,
interessant an deiner rückmeldung, dass du in LI eine pflegerin vermutest (ganz sicher scheinst du nicht zu sein?) gedacht wars so nicht, gespürt hast du, glaub ich, den hilflosen versuch, sich ein wenig zu distanzieren. ich danke dir herzlich für dein einfühlen und deine rückmeldungen.

_______________________________


hallo herby,
dein zwiegespalten-sein kann ich gut nachempfinden und die grenzwertigkeit der meisten formulierungen auch. was tun?
zum ersten vers schriebst du:
"...der Tod eines geliebten Menschen oder gar eines Kindes kommt in seiner furchtbaren Monstrosität der Umkehrung der Naturgesetze gleich."
für mich ist in diesem speziellen fall der morgen auch mit dem lebensbeginn verknüpft, der ja gleichzeitig das ende darstellt.
auch dir vielen dank für deine aufschlussreichen rückmeldungen.
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hallo amanita,
dass die reime als verniedlichend empfunden werden könnten, daran habe ich nicht gedacht. mein gefühl ist da auch ein anderes (sonst hätt ichs ja auch nicht so geschrieben). sie sollten, wie ich oben schon schrieb, eine art notdürftiges stützkorsett bilden und ein klein wenig distanz schaffen. scheint nicht gelungen! ich weiß noch nicht recht, ob ich einen ganz "freien versuch" wagen möchte. mit deiner anmerkung der gegensätzlichleit von "ausgeknipst" und "schwer" hast du mich nachdenklich gemacht. ich könnte mir tatsächlich vorstellen daraus in einer neuen version ein "...liegt leicht in meiner hand" zu machen. vielen dank auch dir für deine anregungen.
hallo max,
mit der "melodramatik" hast du ziemlich sicher recht. ich weiß aber im moment nicht, ob ich das ganz vermeiden kann. du schreibst: "Ich glaube der Text gewönne dort, wenn du da mehr von Dir zeigen könntest."
das wird schwierig, ich bin da schon sehr nah dran. kannst du mir da konkrete hinweise geben, wie du dir das vorstellst?
danke auch dir für deine konstruktiven anmerkungen!
_______________________________

hallo max,
mit der "melodramatik" hast du ziemlich sicher recht. ich weiß aber im moment nicht, ob ich das ganz vermeiden kann. Du schreibst: "Ich glaube der Text gewönne dort, wenn du da mehr von Dir zeigen könntest."

das wird schwierig, ich bin da schon sehr nah dran. könntest du da vielleicht konkrete hinweise geben, wie du dir das vorstellst:

danke auch dir für deine konstruktiven anmerkungen!
________________________________


euch allen liebe grüße, poeta

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 16.10.2011, 11:21

Hallo Poeta,

das scheint mir ein gelungenes Madrigal. Die Reime "verniedlichen" nicht - das ist aber ein Eindruck, den man bereit sein muss anzunehmen in einer Lyrik-Welt, für die "Reimen" zumindest ein Stück weit verbunden wird mit "Büttenrede", "Kindergedicht" und dergleichen mehr.

Eine Mischung aus Vier-, Fünf- und Sechshebern bei freier Reimstellung war ja das Markenzeichen von Christoph Martin Wieland, der damit viele seiner längeren Verserzählungen geschrieben hat. Und auch wenn von deinen Versen nur einer - der Alexandriner der letzten Zeile - im "Innenbau" Wielands Versen entspricht, gelingt es deinen Versen genausowenig wie Wielands, ein "Chaos" auszudrücken. Solltest du das wirklich wollen, müsstest du meines Erachtens nach anderen Wegen suchen.

Aber ich finde eigentlich, der Text kann so bestehen, wie er oben steht - gerade weil er auch Reibefläche bietet.

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

pjesma

Beitragvon pjesma » 16.10.2011, 11:41

hallo poeta,
da das gedicht eine ältere form hat und es sich um eine seit jeh wiederholende tragödie handelt (kindesverlust), kann ich mich mit der melodramatik hier gut arrangieren, obzwar mein gedanke gen solcheines erlebnisses eher in die richtung einer großen sprachlosigkeit als in richtung gewählter sprache schwebt... es ist eben ein moll-gedicht, und seine melodie gefällt mir.

bei "ausknipsen" bin ich der gleichen meinung wie amanita. schwer zu leicht zu ändern erscheint mir weniger wichtig als das wort ausknipsen restlos zu eliminieren und ersatz zu finden.
lg

Jelena

Beitragvon Jelena » 17.10.2011, 14:29

Hallo poeta,

keine Frage, das Gedicht ist berührend. Aber die Elemente Sonnenuntergang, Tod, Trauer, Reime multiplizieren sich hier etwas zum Kitsch, was natürlich auch eine Frage des Geschmacks ist, auch wie man mit dem Thema umgehen will.
Um die Kitschkomente etwas rauszunehmen, wäre ein Enjambement gut, da du das Versschema durchbrichst und die Aussage stärkst, das Bildhafte einmal kurz schwächst.
Der erste Vers ist wie gesagt klasse, im zweiten würde ich blutrot durch ein neutrales Adjektiv ersetzen und mehr auf die Wirkung von Vers Eins vertrauen (der Leser sieht das Rote! und sinken ist kitschig genug), der dritte Vers krankt durch das Reflexive "sich nicht", auch kein einfallsreicher Reim für ein Kurzgedicht.
Die ver-rückte Welt müsste wirklich als ver-rückt ausgedrückt werden, vielleicht wenn du statt "meine" ein "eine" schriebest.
Natürlich sind das nur schnelle Vorschläge, die du auch in die Tonne stopfen kannst. :neutral:

Also, ich mach mal einen Knobelversuch, der das Gesagte umzusetzen versucht. (Versuch oder Irrtum...)


Die Sonne ging im Osten unter, heute früh,
denn heute sank dein Lebenslicht.
Die lange Nacht trug deine Stille
in Dunkelheit, die Kälte auf dein Angesicht.
Ich wiegte dich und hielt dich warm.
Ein schlaffes Bündel, an mein Herz gedrückt,
hat unversehens eine Welt verrückt.
Dein Leben, ausgeknipst, liegt schwer in meinem Arm.


LG, Jelena.

Mucki
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Beitragvon Mucki » 17.10.2011, 16:32

Hallo poeta,

dein Gedicht empfinde ich nicht nur sehr berührend, sondern auch als sehr tragisch, weiß man als Leser doch gleich, worum es hier geht. Ich hab erst mal geschluckt, als ich es las.
Ich glaube, es ist unendlich schwer, so ein Thema lyrisch so zu beschreiben, dass es nicht zu melodramatisch wird und dennoch Gefühle des LI zeigt. Dass der Schmerz zum Leser spricht, ohne den Schmerz selbst blutrot zu beschreiben.
Im Prinzip müsste man diesen immensen Schmerz durch Sprachlosigkeit beschreiben, denn dadurch wird er erst sichtbar. Doch wie beschreibt man Sprachlosigkeit? Puh, schwierig, schwierig.
Die Reime würde ich allesamt rausnehmen. Ich verstehe, was du mit ihnen bezwecken wolltest (du schreibst von diesem "struktur geben"), aber m.E. kommt das nicht rüber, bzw. diese "Struktur" erreicht mich als Leser nicht, da der Inhalt mich zu sehr überwältigt.
Ich würde versuchen, verdichteter und ohne Reime zu schreiben und mit weniger Adjektiven. Das "ausgeknipst" würde ich durch ein anderes Wort ersetzen.
Einen Versuch meinerseits stelle ich nicht ein, da ich im Moment auch nicht wüsste, wie.

Saludos
Gabriella

poeta

Beitragvon poeta » 17.10.2011, 19:47



hallo, ihr lieben,
vielen dank für euer einfühlen in die situation, eure einschätzungen und anregungen. ich habe nun einen neuen versuch gewagt und dabei das alte konzept übern haufen geworfen.


@ferdi,
wie es scheint, bist du hier der einzige, der den "aufdringlichen" Reimen etwas abgewinnen kann. Aber auch du meinst, wenn ich dich richtig verstanden habe, dass es nicht wirklich gelingt, den zwiespalt der mutter, die sich an gewohntem festhalten möchte und letzlich keinen halt findet, sprachlich auszudrücken. ich bin neugierig, was du von der neuen version hältst und danke dir erst einnmal herzlich für deine wie immer sehr qualifizierte rückmeldung.


@pjesma
schön, dass du hierher gefunden hast. ich habe mich schweren herzens von "ausgeknipst" getrennt, nicht allein deinetwegen, aber schon auch :smile: ! sieh mal, ob es so besser passt und danke für dein feedback.


@Jelena,
ich glaube schon zu verstehen, was du meinst, ein bisschen wenigstens! doch überzeugen mich deine verse noch nicht. ich empfinde z.b. "die blauen Lippen" als viel näher dran und auf keinen fall kitschiger als dein "Die lange Nacht trug deine Stille in Dunkelheit, die Kälte auf dein Angesicht." nacht, stille, dunkelheit und kälte sind mir eindeutig zu viel der abstrakten negativbegriffe. in der sache geb ich dir recht, doch erweist sich wieder mal, dass wir ein recht unterschiedliches sprachempfinden zu haben scheinen. mal sehen, was du zur neuen fassung sagst :smile: . ein herzliches danke für deine bemühungen.


@gabriella,
das ist ein sehr feinfühliger kommentar und du hast natürlich recht, dass da erst einmal sprachlosigkeit ist, sprachlosigkeit, die sich lyrisch nicht ausdrücken lässt, der aber in prosa wohl noch schwerer nahezukommen ist. später wächst dann aber schon der wunsch, sich mitzuteilen (vielleicht nicht bei allen) und zwar so, dass es nicht erschlägt, sondern sensibilität weckt und unerwartete solidartät, das fehl-, früh- und todgeburten auch heute noch viel häufiger vorkommen, als man das glauben möchte.
du hast mir geraten, die reime rauszunehmen, ganz möchte ich mich nicht davon trennen :smile: , doch habe ich sie besser versteckt und ihnen so das vordergründig plakative genommen, hoffe ich wenigstens. jetzt rede ich aber nicht mehr länger drum herum. auch dir ein herzliches danke für deine sensiblen und konstruktiven worte.




vorläufig letzte version:

Lange Nacht II


Die Sonne ging im Osten unter, heute früh,
mit deinem Licht versank der Tag,
und diese lange Nacht ertrank in Stille,
die blauen Lippen blieben stumm.
Ich wiegte dich und hielt dich warm,
so schlaff im Arm, so klein.

Ich ließ dich gehn,
allein.



euch allen ein dankeschön und liebe güße, poeta


Mucki
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Beitragvon Mucki » 17.10.2011, 23:40

Hallo poeta,

ja, das vordergründig Plakative ist jetzt raus ... und es geht mir noch mehr unter die Haut.

Saludos
Gabriella

Jelena

Beitragvon Jelena » 18.10.2011, 08:23

Hallo poeta,

ich müsste schweigen. Wenn ich aber nicht nur in Betroffenheit lese, sondern auch dichterisch lese, eben nach meiner Art und meinem Wissensstand, sage ich es dir: Deine Eingangsversion gefiel mir besser.
Erst versinkt der Tag, dann ertrinkt die Nacht: Das ist to much. Vers Eins und der versinkende Tag sind redundant. Die Stille und die stummen Lippen ebenso.
Erstaunlicher Weise hatte ich ja mit dem ausgeknipsten Licht kein Problem. Vielleicht weil ich dieses Bild gut mit dem Anblick eines gerade verstorbenen Menschen verbinden kann (sicher spielt meine Profession der Krankenschwester da mit rein). Der Tod wirkt für mich auch oft, als hätte einer den Stecker gezogen, so grausam und so plötzlich. Ich fand das Bild als Kontrast zum farbigen Sonnenuntergang und damit auch als Aufgreifen des Farbverlaufs - das ist das Paradoxe, das langsame Farbentweichen und gleichzeitig dieses jähe, schreckliche Ende - als wichtigen und interessanten Punkt in deinem Gedicht.

Hoffe, mit dem Posting nicht unsensibel zu wirken, es ist schwierig, hier etwas zu kritisieren, liebe Grüße, Jelena.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 18.10.2011, 09:57

Hallo Poeta,

sehr schwieriges Thema, ich finde es gut, dass man da nicht gleich aufgibt, sondern sich daran "versucht". Schwierig aber auch einen Kommentar dazu zu schreiben. Für mich geht es im Moment in beiden Fassungen nicht auf. Die zweite finde ich aber noch deutlich schwächer. Ich habe das Gefühl, es will noch zu "schön" sein, es plätschert klanglich so nett und harmlos vor sich hin, dass es auch durch die Reime gerade bei der zweiten Version auf mich schon fast sarkastisch wirkt. Vielleicht liegt der Fokus noch zu sehr bei der Vermittlung, beim Leser? Du schreibst, dass du eine Distanzierung zeigen wolltest, aber dazu passt für mich das "heute früh" nicht? Und zwischen "heute früh" und dem "ließ dich gehen" der zweiten Fassung, geht es mir viel zu schnell.

Wahrscheinlich liegt es für mich auch ein Stück weit an der kompakten Setzung, die wenig Raum für die Sprachlosigkeit lässt? Auch der Titel trifft für mich nicht und führt gefühlsmäßig schon ganz weit weg. Vielleicht setzt da schon dieser Gedanke an eine Krankenschwester oder Pflegerin ein, wie Franz schrieb.
Für mich war auch nicht klar, dass hier Geburt und Tod zusammenfallen. Dazu ist es mir zu "leise", schon zu weit weg?

Das "ausgeknipst" finde ich zugleich abstoßend und treffend, schmerzhaft, weil es ein Stück der Ohnmacht einfängt, gerade in Beziehung gesetzt mit dem Sonnenuntergang.

Hier mal nur als Außenanreiz eine Richtung, in die ich es mir denken könnte ausgehend von deiner Erklärung dazu ... um es (irgendwann) nochmal von einer anderen Seite anzuschauen.

Liebe Grüße
Flora


Die Sonne ging im Osten unter, heute früh

gebar die lange Nacht der Schreie

nur Stille


und Blut soviel Blut und blaue Lippen

öffnen sich nicht



Ich wiege dich und halt dich warm

Leben

ausgeknipst.
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)


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