Ruhrgebietskindheit

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Benutzeravatar
Amanita
Beiträge: 5886
Registriert: 02.09.2010
Geschlecht:

Beitragvon Amanita » 23.09.2011, 15:08

Ruhrgebietskindheit

nein, nicht alles war schwarz
der Mond nicht
und nicht das Regenbogenbenzin
auf den Pfützen

blutrot am Abend
der Hochofenabstich

und vormittags klang es hell
wenn Eisenschüppen Männer mit Schippen
Kohleberge ins Kellerloch schoben
Frauen im Kittel Eingänge fegten
und später weißes Püree
zum Kasslerstück kochten

wenn rußige Kriegsruinen
verschwanden und frische Ziegel darüber
nach Neuanfang rochen
die Sonnenblumen schneller wuchsen
als der Staub
und ich von der roten Lederbux träumte
(die zu teuer war) -

und dann aus schwarzen Mündern Herzen strömten
und tschüsken sagten -
so, als führe ich
unter Tage
und käme vielleicht
nicht zurück
Zuletzt geändert von Amanita am 26.09.2011, 13:40, insgesamt 1-mal geändert.

Herby

Beitragvon Herby » 23.09.2011, 21:39

Hallo Amanita,

diese Reminiszenz an das Ruhrgebiet gefällt mir gut, sie weckt Erinnerungen in mir. Als ich Kind war, hatten wir Verwandte in Duisburg-Hamborn, die wir oft besuchten, und in deinem Text finde ich so manches aus jenen Besuchstagen wieder. "Tschüsken" - ja das kenn ich auch noch von damals; und nie vergessen werd ich auch das Wort "Bütterken".

Eine Frage noch zum Schluss: kann Staub wachsen? Mich irritiert das "Sonnenblumen" und "Staub" verbindende Verb etwas.

Herzl. Abendgrüße,
Herby

Benutzeravatar
Amanita
Beiträge: 5886
Registriert: 02.09.2010
Geschlecht:

Beitragvon Amanita » 23.09.2011, 22:01

Vielen Dank, Herby.

Vielleicht sollte ich dann doch die Staubschichten nehmen ... in diesem Sinne war der Staub nämlich gemeint.
Aber: Mir behagten die -schichten nicht im Zusammenhang mit dem Ruhrgebiet - da ist das nämlich "auf Schicht" = bei der Arbeit, und die zusammengesetzten Wörter wurden mir auch zuviel. Hm.

Benutzeravatar
leonie
Beiträge: 8896
Registriert: 18.04.2006
Geschlecht:

Beitragvon leonie » 24.09.2011, 13:07

Liebe Amanita,

das finde ich einen tollen Text, der Bilder und Klänge hervorruft.
Eine kleine Irritation entsteht nur in der dritten Strophe, weil man den Klang auch auf das Fegen und Kochen beziehen kann.

Fast eine Liebeserklärung an Dein Zuhause. Mir gefällt es sehr...

Liebe Grüße

leonie

Nifl
Beiträge: 3931
Registriert: 28.07.2006
Geschlecht:

Beitragvon Nifl » 24.09.2011, 13:34

Hi Ama,

gefällt mir auch sehr gut. Der Text klingt sympathisch und authentisch. Trotz der Schonungslosigkeit spürt man eine Heimatliebe und eine weichgezeichnete Reminiszenz heraus.
Fand auch den Staubwuchs gut (hier wächst er jedenfalls täglich)
Einzig "Eisenschüppen" missfällt mir. Hört sich an, als wüsstest du nicht mehr, wie sie damals genannt wurden? Da gibt es doch bestimmt eine andere Bezeichnung? Ansonsten würde ich nur Schüppen schreiben.
Für mich war der Rohrpott gleich nach Kinderheim das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte nachdem ich ein Asthmakind kennen gelernt hatte, was bei uns zur Kur war.

LG
Nifl
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

Benutzeravatar
Amanita
Beiträge: 5886
Registriert: 02.09.2010
Geschlecht:

Beitragvon Amanita » 25.09.2011, 17:43

Hallo Ihr Lieben, ich freue mich, wie Ihr "mitgehen" konntet in meine Kohlenpottkindheit. Vielleicht kann der eine oder andere meinen Hunger nach Farbe mitempfinden, ich wusste lange nicht, dass es farbig angestrichene Häuser gab!

Ich wäre durchaus "erleichtert", wenn der Staub doch wachsen kann - was ich überhaupt weniger haptisch meine, sondern damit andeuten wollte, dass alles immer dunkler wurde mit der Zeit (weil sich immer mehr Kohlestaub festsetzte) und das dann als "Wachstum" empfunden werden konnte.

leonie, der helle Klang bezog sich in der Tat aufs Fegen und auf die Farbe des Kartoffelpürees.

Nifl, das Metallene zu erwähnen war mir (halbwegs) wichtig, aber wenn es ohne geht, auch gut. Nur:

...
wenn Schüppen
schrapp-schripp die
Berge von Kohlen
...



ist das dann nicht zuviel "Sch"? Obwohl es ja wirklich lange und oft auf dem Gehweg schrappte und es daher passen könnte ...

Benutzeravatar
Ylvi
Beiträge: 9473
Registriert: 04.03.2006

Beitragvon Ylvi » 26.09.2011, 10:21

Sehr schöner Text, Amanita. Es fängt auch klanglich etwas vom Kindsein auf, wenn man anfängt schrapp-schripp durch die Zeilen zu hüpfen.
Ich hing auch an den "Schüppen" weil ich das Wort erst gar nicht einordnen konnte. Es meint Schaufeln? Ich bin mir nicht sicher, aber ich würde entweder noch mehr Dialektworte einbinden, oder hier auch darauf verzichten, weil es sonst für mich unnatürlich klingt, als wäre es eben nicht die eigene Sprache, sondern würde nur "benutzt" um authentisch zu klingen.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Benutzeravatar
Amanita
Beiträge: 5886
Registriert: 02.09.2010
Geschlecht:

Beitragvon Amanita » 26.09.2011, 10:33

Hallo Flora, danke schön. Statt der Schüppen hatte ich zunächst die Schaufeln, aber die "stimmen" einfach nicht! Vielleicht steht mir einer auf der Leitung (oder ich sollte mal ins Synonymenlexikon sehen), mir fällt einfach kein anderes Wort ein - und dann habe ich halt das genommen, was man damals sagte: Schüppen. Man schüppte übrigens auch ... auch dafür wüsste ich kein Äquivalent!

Benutzeravatar
Ylvi
Beiträge: 9473
Registriert: 04.03.2006

Beitragvon Ylvi » 26.09.2011, 13:01

Aber habt ihr damals auch "Regenbogenbezin" und "Hochofenabstich" und "Kasslerstück" gesagt? Gab es dafür keine anderen Begriffe? Das klingt für mich einfach nicht stimmig zusammen mit den Schüppen.
Ein Äquivalent für schüppen ist vermutlich schippen. .-)

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Benutzeravatar
Amanita
Beiträge: 5886
Registriert: 02.09.2010
Geschlecht:

Beitragvon Amanita » 26.09.2011, 13:36

Nein, ich kann nicht alles 1 : 1 übertragen, was wir damals gesagt haben, es soll ja nichts Mundartliches werden hier.

Ich würde ja auch gern eine hochdeutsche Bezeichnung wie Schaufel nehmen! Wobei mit Schippe genauso umgangssprachlich vorkommt wie Schüppe, und mein Problem mit dem Schrapp-Schripp auch nicht löst.

wenn Männer mit Schippen
Kohlenberge ins Kellerloch schoben



- wäre jetzt meine Präferenz

Max

Beitragvon Max » 29.09.2011, 21:49

Hallo Amanita,

der Twext gefällt mir uch gut - ich kann ihn mir auch gut mit den "Eisenschüppen" vorstellen.

Liebe Grüße
max


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 11 Gäste