Nah und Fern
Wenn es einen Gott gibt, dachte Gideon
dann ist er der Tau auf dem Vlies
Und Gott war der Tau auf dem Vlies
Wenn es einen Gott gibt, dachte Gideon
dann ist er die trockene Faser des Tuches
Und Gott war die trockene Faser des Tuches
Wenn es einen Gott gibt, dachte Gideon
Dann ist er die Seele der dreihundert Männer in der Schlacht
Und Gott war die Seele der dreihundert Männer in der Schlacht
Wenn es einen Gott gibt, denke ich
dann wohnt er nicht in einem Wort
Nah und Fern
Hallo Sam!
Dieses Gedicht würde, denke ich, dann am stärksten wirken, wenn es sowohl ohne als auch mit Kenntnis der Bibel gelesen werden könnte?! Und mir scheint fast, das geht... Ich bin mir aber nicht ganz sicher, weil sich mir altem Comic-Leser natürlich bei "dreihundert Männer in der Schlacht" schwer aufhaltbare Bilder aus Frank Millers "300" vors Auge schieben, wohingegen die bilblischen Kämpfer erst einmal Worte bleiben.
Vom Aufbau ist mir der dritte Abschnitt den ersten beiden zu ähnlich - da wünschte ich mir irgendeine kleine Abwandlung, um die Aufmerksamkeit des Lesers wieder zu gewinnen und die beiden Schlussverse vorzubereiten.
Meint "in einem Wort" den Bezug zu "in vielen Wörtern" oder den zu "in anderen Dingen (als Wörtern)"? Oder beide?
(Im letzten Jahrhundert haben sich die Übersetzungen ja umentschieden bezüglich der Auwahl der "Dreihundert": Erst waren das die, die aus der Hand getrunken haben, jetzt sind es die, die nicht aus der Hand getrunken haben. - So gesehen, auch: Gott wohnt nicht in einem Wort
)
Ferdigruß!
Dieses Gedicht würde, denke ich, dann am stärksten wirken, wenn es sowohl ohne als auch mit Kenntnis der Bibel gelesen werden könnte?! Und mir scheint fast, das geht... Ich bin mir aber nicht ganz sicher, weil sich mir altem Comic-Leser natürlich bei "dreihundert Männer in der Schlacht" schwer aufhaltbare Bilder aus Frank Millers "300" vors Auge schieben, wohingegen die bilblischen Kämpfer erst einmal Worte bleiben.
Vom Aufbau ist mir der dritte Abschnitt den ersten beiden zu ähnlich - da wünschte ich mir irgendeine kleine Abwandlung, um die Aufmerksamkeit des Lesers wieder zu gewinnen und die beiden Schlussverse vorzubereiten.
Meint "in einem Wort" den Bezug zu "in vielen Wörtern" oder den zu "in anderen Dingen (als Wörtern)"? Oder beide?
(Im letzten Jahrhundert haben sich die Übersetzungen ja umentschieden bezüglich der Auwahl der "Dreihundert": Erst waren das die, die aus der Hand getrunken haben, jetzt sind es die, die nicht aus der Hand getrunken haben. - So gesehen, auch: Gott wohnt nicht in einem Wort
)Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)
Hallo Sam, für mich ist die letzte Doppelzeile, die sich als Jetzt, vielleicht sogar als Essenz des Vorherigen gibt, etwas zu "dünn" - weil der Leser vermutlich selbst schon auf dieser Fährte war. Das "denke ich" hat durch seinen umgangssprachlichen Gebrauch zusätzlich etwas Abschwächendes.
Jedenfalls stehe ich hier etwas enttäuscht herum, weil ich mich einer anderen Wendung - irgendwie - gerechnet hätte. Obwohl ich an den letzten beiden Zeilen - ohne den Vorspann - überhaupt nichts auszusetzen hätte!
Jedenfalls stehe ich hier etwas enttäuscht herum, weil ich mich einer anderen Wendung - irgendwie - gerechnet hätte. Obwohl ich an den letzten beiden Zeilen - ohne den Vorspann - überhaupt nichts auszusetzen hätte!
-
Max
Hi Sam,
dieser biblische Bezug erhöht zum einen die Lesbarkeit für denjenigen, der nicht im AT bewandert ist (ja, es gibt doch tatsächlich Momente, in denen ich dakkbar auf meine alte Messdienerzeit zurückblicke ;) ), aber es gibt dem Gedicht auch eine zeitliche Dimension. Das gefällt mir sehr.
Gut wirkt das vor allem durch die sehr knappe Kehrtwendung, die der Text in den letzten zwei Zeilen vollzieht. Beinahe spielerisch hebt er sich da auf oder relativiert sich zumindest ..
gefällt mir sehr.
Liebe Grüße
Max
dieser biblische Bezug erhöht zum einen die Lesbarkeit für denjenigen, der nicht im AT bewandert ist (ja, es gibt doch tatsächlich Momente, in denen ich dakkbar auf meine alte Messdienerzeit zurückblicke ;) ), aber es gibt dem Gedicht auch eine zeitliche Dimension. Das gefällt mir sehr.
Gut wirkt das vor allem durch die sehr knappe Kehrtwendung, die der Text in den letzten zwei Zeilen vollzieht. Beinahe spielerisch hebt er sich da auf oder relativiert sich zumindest ..
gefällt mir sehr.
Liebe Grüße
Max
Lieber Sam,
mir gefällt die Grundidee des Textes auch sehr.
Und doch geht er für mich nciht so ganz auf. Denn Gideon denkt ja nicht, dass der Tau oder das trockene Vlies Gott sei, sondern interpretiert es als Zeichen.
Nun kann es ja sein, dass Du genau das betonen willst: Wer so über Gott denkt, der macht ihn zu einer Art Gegenstand.
Aber das wäre mir hier zu vage in der Aussage. Man kann den Text zu leicht trotzdem durch den Einwand entkräften, dass Gideon das doch auch gar nicht meine.
Mir geht es zudem wie Amanita: Die letzten beiden Zeilen würde ich so explizit nicht sagen. Für mich ist das als Fazit (wenn ich es denn so lese wie ich die Intention vermute) völlig klar: So kann und darf man von Gott nicht denken.
Und die Überlegung: Ja, wie denn dann, wenn überhaupt? wäre dann beim Leser gut aufgehoben.
Liebe Grüße
leonie
mir gefällt die Grundidee des Textes auch sehr.
Und doch geht er für mich nciht so ganz auf. Denn Gideon denkt ja nicht, dass der Tau oder das trockene Vlies Gott sei, sondern interpretiert es als Zeichen.
Nun kann es ja sein, dass Du genau das betonen willst: Wer so über Gott denkt, der macht ihn zu einer Art Gegenstand.
Aber das wäre mir hier zu vage in der Aussage. Man kann den Text zu leicht trotzdem durch den Einwand entkräften, dass Gideon das doch auch gar nicht meine.
Mir geht es zudem wie Amanita: Die letzten beiden Zeilen würde ich so explizit nicht sagen. Für mich ist das als Fazit (wenn ich es denn so lese wie ich die Intention vermute) völlig klar: So kann und darf man von Gott nicht denken.
Und die Überlegung: Ja, wie denn dann, wenn überhaupt? wäre dann beim Leser gut aufgehoben.
Liebe Grüße
leonie
Ah, das ist ein interessanter Ansatz! Dann habe ich es vielleicht falsch verstanden...
Zum zweiten: Ich glaube eigentlich, dass man über alles denken darf. Man sollte sich aber im Klaren darüber sein, dass das menschliche Hirn begrenzt ist und falsch liegen könnte
...und das gilt, denke ich, nciht nur für das Denken über Gott....
Liebe Grüße
leonie
Zum zweiten: Ich glaube eigentlich, dass man über alles denken darf. Man sollte sich aber im Klaren darüber sein, dass das menschliche Hirn begrenzt ist und falsch liegen könnte
...und das gilt, denke ich, nciht nur für das Denken über Gott....Liebe Grüße
leonie
Hallo Sam,
das ist eine hübsche Umkehrung des alten Spiels, das Hoffnung zugleich beruhigt wie erregt, tröstet, aber auch ver-tröstet (auf morgen, auf dann, auf das nächste Spiel), ich meine dies hier, nur ein Beispiel:
Wenn in den nächsten Sekunden genau hier ein grünes Auto vorbeifährt, wird er mich anrufen.
Ich glaub (ich weiß nicht, was, aber): Gott wohnt vielleicht nicht in einem Wort allein, und vielleicht wohnt er auch ohne Worte, aber sicher ist: Wenn es ihn gibt, dann wohnt er überall, in jedem Wort, einem einzelnen, einem Satz, einem Kauderwelsch, einem Gedicht, und in einem Kuss bestimmt auch, wenn es den gibt (gibt es den??)
Wenn in den nächsten Sekunden Gott vorbeikommt, wird es Glück geben.
Also gibt es Glück.
Wenn es einen Gott gibt, dann ist er so groß, dass er sich sogar auf solche Wenn-dann-Spielchen einlässt.
(Gerne gelesen!)
klara
das ist eine hübsche Umkehrung des alten Spiels, das Hoffnung zugleich beruhigt wie erregt, tröstet, aber auch ver-tröstet (auf morgen, auf dann, auf das nächste Spiel), ich meine dies hier, nur ein Beispiel:
Wenn in den nächsten Sekunden genau hier ein grünes Auto vorbeifährt, wird er mich anrufen.
Ich glaub (ich weiß nicht, was, aber): Gott wohnt vielleicht nicht in einem Wort allein, und vielleicht wohnt er auch ohne Worte, aber sicher ist: Wenn es ihn gibt, dann wohnt er überall, in jedem Wort, einem einzelnen, einem Satz, einem Kauderwelsch, einem Gedicht, und in einem Kuss bestimmt auch, wenn es den gibt (gibt es den??)
Wenn in den nächsten Sekunden Gott vorbeikommt, wird es Glück geben.
Also gibt es Glück.
Wenn es einen Gott gibt, dann ist er so groß, dass er sich sogar auf solche Wenn-dann-Spielchen einlässt.
(Gerne gelesen!)
klara
-
pjesma
ich find das großartig, und bin gar nicht enttäuscht über die letzten zwei zeilen...in gegenteil-schweigen finde ich wundervoll eingesetzt..."glaube es, oder glaube es nicht, sagen wird es sich dir eh nicht"---er schweigt. gibt es ihm nicht, da er kein laut von sich gibt? oder schweigt er,gerade weil es ihm gibt, aber mit worten nicht messbar?...och doch, ich mag solche-was- gab- es- zu- erst-huhn- oder- ei-gedichte .gif)
lg
.gif)
lg
-
Sam
Hallo Zusammen,
habt herzlichen Dank für eure Kommentare, für Zu- und Widerspruch!
Ferdi,
ich hoffe auch, dass das Gedicht "funktioniert" selbst wenn man die Geschichte um Gideon und die 300 Männer nicht genau kennt. Erforderlich ist wohl eher eine Ahnung, wo man es historisch und auch religionsgeschichtlich einzuordnen hat. Z.B. dass es mit den 300 Spartannern nichts zu tun hat (auch wenn die spätestens seit der Verfilmung des Comics wesentlich bekannter sind
) .
Die sprachliche Ähnlichkeit der letzten Strophe zu den vorhergehenden ist mir sehr wichtig. Hier wird zwar eine gewisse Abkehr gezeigt, aber eben auch Verbundenheit. Z.B., in dem, was man als kulturelles oder auch religiöses Erbe bezeichnen kann.
"In einem Wort" steht hier für das Konkrete, Greifbare, Unmittelbare, das Gideon in seinem Gottesverhältnis erfahren hat. Etwas, das dem LYrI unmöglich erscheint.
Amanita,
dass deine Erwartungen enttäuscht würde, tut mir zwar leid, aber ist irgendwie nicht zu ändern. Ich bin selbst auch von den meisten Dingen, die ich lese enttäuscht (interessanter Aspekt dabei: Je mehr man liest, desto öfter wiederholt sich die Enttäuschung und immer mehr kehrt man zu den Dingen zurück, die man ohne Enttäuschung, ja mit großem Gewinn gelesen hat).
Wobei es sehr spannend wäre zu erfahren, mit welcher Wendung du gerechnet hättest. Für mich ist die letzte Doppelzeile weniger Essenz des Vorangegangenen, sondern eine Gegendarstellung, die aber seine Verbundenheit mit dem Abgelehnten nicht verleugnet.
Das "denke ich" und auch "dachte er" ist mir insofern wichtig, als dass es die Subjektivität unterstreicht. Als umganssprachlich empfinde ich es nicht.
Max,
ja, die zeitliche Dimension spielt eine große Rolle (nah und fern, was im doppelten, also auch im zeitlichen Sinn verstanden werden kann).
Dass du der Bewegung der letzten Zeilen gut folgen kannst, freut mich. Eine Relativierung findet betimmt statt. Wie bei allem, was wir als uns aus der Vergangenheit zugetragen empfinden, aber dennoch spüren, dass es auch ein Teil von uns selbst ist.
Darf man über Gott denken? Meiner Meinung nach sollte man sogar. Unabhängig, zu welchen Schlussfolgerung man kommt. Ebenso, wie man die Nichtexistenz Gottes denken sollte.
Leonie,
du hast Recht, wenn du du sagts, dass Gideon wohl nicht dachte, Gott sei buchstäblich der Tau oder die trockene Faser. Genausowenig ist sein Gedanke:"wenn es einen Gott gibt" wörtlich, also im Sinne eines Zweifels an der Existenz Gottes zu verstehen. Ich habe mir hier ein wenig poetische Freiheit erlaubt, die allerdings meinen Kerngedanken stützt, nämlich den der Unmittelbarkeit. Und diese wird durch die letzten beiden Zeilen aufgehoben. Es ist weniger ein Fazit, sondern eine Gegenposition. Das LyrI steht für ein Heute, in dem eine solche Unmittelbarkeit nicht mehr möglich ist.
Klara,
diese Wenn-Dann-Spiele habe ich auch schon betrieben (am bekanntesten ist wohl das Blütenblätterzupfen). Ausgangspunkt ist ja dabei immer die instinktive Annahme einer alles umfassenden Ordnung und einem darüber wachenden Ordner. Gerade dort, wo wir keinerlei Einfluss auf die Geschehnisse haben, bricht der Wunsch durch, sich an den (oder an ein Etwas) zu wenden, der alles im Griff hat und den Lauf der Dinge überwacht, bestimmt oder wenigstens Bescheid weiß.
Die Frage wo Gott wohnt ist wahrscheinlich nur genauso individuell zu beantworten, wie die Frage, ob er überhaupt exisitert. "Wohnen" ist meinem Gedicht allerdings im übertragenen Sinn gemeint. Nach dem Motto: Wenn ich wüsste wo Gott wohnt, dann könnte ich ihn dort besuchen. Oder wenigstens anrufen.
Aber er wohnt nicht in einem Wort. Nicht in dem, das wir sprechen, und auch nicht in dem, was wir als vermeintliche Antwort zu erhalten meinen.
pjesma,
schön, dass du nicht enttäuscht bist (über die letzten zwei Zeilen). Ja, das Schweigen Gottes. Die einen sagen, er schweigt, weil es ihn nicht gibt. Und die anderen sagen, er schweigt, weil ihm sowieso keiner mehr zuhört und er sich deswegen einer Sprache bedient, die nur noch die Eingeweihten zu verstehen im Stande sind. Jeder findet genügend Gründe für seine eigene Meinung, ob er nun auf der Huhn- oder Eiseite steht..gif)
Nochmals vielen Dank euch allen!
Gruß
Sam
habt herzlichen Dank für eure Kommentare, für Zu- und Widerspruch!
Ferdi,
ich hoffe auch, dass das Gedicht "funktioniert" selbst wenn man die Geschichte um Gideon und die 300 Männer nicht genau kennt. Erforderlich ist wohl eher eine Ahnung, wo man es historisch und auch religionsgeschichtlich einzuordnen hat. Z.B. dass es mit den 300 Spartannern nichts zu tun hat (auch wenn die spätestens seit der Verfilmung des Comics wesentlich bekannter sind
) .Die sprachliche Ähnlichkeit der letzten Strophe zu den vorhergehenden ist mir sehr wichtig. Hier wird zwar eine gewisse Abkehr gezeigt, aber eben auch Verbundenheit. Z.B., in dem, was man als kulturelles oder auch religiöses Erbe bezeichnen kann.
"In einem Wort" steht hier für das Konkrete, Greifbare, Unmittelbare, das Gideon in seinem Gottesverhältnis erfahren hat. Etwas, das dem LYrI unmöglich erscheint.
Amanita,
dass deine Erwartungen enttäuscht würde, tut mir zwar leid, aber ist irgendwie nicht zu ändern. Ich bin selbst auch von den meisten Dingen, die ich lese enttäuscht (interessanter Aspekt dabei: Je mehr man liest, desto öfter wiederholt sich die Enttäuschung und immer mehr kehrt man zu den Dingen zurück, die man ohne Enttäuschung, ja mit großem Gewinn gelesen hat).
Wobei es sehr spannend wäre zu erfahren, mit welcher Wendung du gerechnet hättest. Für mich ist die letzte Doppelzeile weniger Essenz des Vorangegangenen, sondern eine Gegendarstellung, die aber seine Verbundenheit mit dem Abgelehnten nicht verleugnet.
Das "denke ich" und auch "dachte er" ist mir insofern wichtig, als dass es die Subjektivität unterstreicht. Als umganssprachlich empfinde ich es nicht.
Max,
ja, die zeitliche Dimension spielt eine große Rolle (nah und fern, was im doppelten, also auch im zeitlichen Sinn verstanden werden kann).
Dass du der Bewegung der letzten Zeilen gut folgen kannst, freut mich. Eine Relativierung findet betimmt statt. Wie bei allem, was wir als uns aus der Vergangenheit zugetragen empfinden, aber dennoch spüren, dass es auch ein Teil von uns selbst ist.
Darf man über Gott denken? Meiner Meinung nach sollte man sogar. Unabhängig, zu welchen Schlussfolgerung man kommt. Ebenso, wie man die Nichtexistenz Gottes denken sollte.
Leonie,
du hast Recht, wenn du du sagts, dass Gideon wohl nicht dachte, Gott sei buchstäblich der Tau oder die trockene Faser. Genausowenig ist sein Gedanke:"wenn es einen Gott gibt" wörtlich, also im Sinne eines Zweifels an der Existenz Gottes zu verstehen. Ich habe mir hier ein wenig poetische Freiheit erlaubt, die allerdings meinen Kerngedanken stützt, nämlich den der Unmittelbarkeit. Und diese wird durch die letzten beiden Zeilen aufgehoben. Es ist weniger ein Fazit, sondern eine Gegenposition. Das LyrI steht für ein Heute, in dem eine solche Unmittelbarkeit nicht mehr möglich ist.
Klara,
diese Wenn-Dann-Spiele habe ich auch schon betrieben (am bekanntesten ist wohl das Blütenblätterzupfen). Ausgangspunkt ist ja dabei immer die instinktive Annahme einer alles umfassenden Ordnung und einem darüber wachenden Ordner. Gerade dort, wo wir keinerlei Einfluss auf die Geschehnisse haben, bricht der Wunsch durch, sich an den (oder an ein Etwas) zu wenden, der alles im Griff hat und den Lauf der Dinge überwacht, bestimmt oder wenigstens Bescheid weiß.
Die Frage wo Gott wohnt ist wahrscheinlich nur genauso individuell zu beantworten, wie die Frage, ob er überhaupt exisitert. "Wohnen" ist meinem Gedicht allerdings im übertragenen Sinn gemeint. Nach dem Motto: Wenn ich wüsste wo Gott wohnt, dann könnte ich ihn dort besuchen. Oder wenigstens anrufen.
Aber er wohnt nicht in einem Wort. Nicht in dem, das wir sprechen, und auch nicht in dem, was wir als vermeintliche Antwort zu erhalten meinen.
pjesma,
schön, dass du nicht enttäuscht bist (über die letzten zwei Zeilen). Ja, das Schweigen Gottes. Die einen sagen, er schweigt, weil es ihn nicht gibt. Und die anderen sagen, er schweigt, weil ihm sowieso keiner mehr zuhört und er sich deswegen einer Sprache bedient, die nur noch die Eingeweihten zu verstehen im Stande sind. Jeder findet genügend Gründe für seine eigene Meinung, ob er nun auf der Huhn- oder Eiseite steht.
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Nochmals vielen Dank euch allen!
Gruß
Sam
-
romea
gott ist ein koan,
meint lächelnd romea und denkt:
wenn du sagst, dass die zeile "[dann wohnt er nicht] in einem wort" fuer das "kontrete, greifbare, unmittelbare" steht, "das gideon in seinem gottesverhaeltnis erfahren hat" und das also etwas ist, "das dem lyri unmoeglich erscheint", dann sehe ich da zwei seelen in des lyris brust - insbesondere dann, wenn das lyri schreibt:
"Für mich ist die letzte Doppelzeile weniger Essenz des Vorangegangenen, sondern eine Gegendarstellung, die aber seine Verbundenheit mit dem Abgelehnten nicht verleugnet."
das ist so eine art personal catch 22: die sehnsucht nach der unmittelbarkeit, der verbundenheit, dem paradiesischen zustand = nahtanz - der behindert wird von der individuellen erfahrung der ablehnung, dem verstoss aus dem paradies und der intellektuellen entfernung/kaelte = ferntanz - was zur sehnsucht nach der unmittelbarkeit, der verbundenheit, dem paradiesischen zustand fuehrt...
anstelle einer kritik: eine betrachtung - zugegebenermassen ein wenig off-topic:
es gibt tage, da denke auch ich, dass im heute eine "solche unmittelbarkeit nicht mehr moeglich ist". da schnuppere ich in mir das frueher-war-alles-besser-syndrom. ist das eine alterserscheinung? ein mangel an freiverkaeuflichem LSD?? zu wenig holotropic breathwork???
dann gibt es tage, da denke ich, dass die unmittelbarkeit (: spiritueller erfahrung) auch heute noch immer moeglich ist oder zumindest sein sollte. die 'tiefe' dieser erfahrung aber vermutlich aequivalent zur 'tiefe' des sich-schaelen-koennens (also dem pellen von schutzschichten) steht. das wiederum duerfte proportional zur summe der positiven vs. negativen erfahrungen im leben eines menschen stehen. (du bemerkst sicher, dass ich keinen unterschied zwischen spirituellen erfahrungen und anderen tiefenerkenntnissen mache, da m.e. beides eine frage der 'oeffnung' ist. die moeglichkeit eine offenbarung zu erfahren, haengt fuer mich also proportional von der individuellen faehigkeit ab, diese zulassen zu können.)
"wo ist gott?" ist nur fuer simple gemueter eine frage nach der lokalitaet. *kein-anschluss-unter-dieser-nummer-floet* das wollen/streben nach transzendierenden erfahrungen ist bekanntermassen so alt wie der mensch - und - man glaubt es kaum: faengt bereits beim affen an. (das hier stammt von einem interview mit james marsh ueber seinen film 'project nim': "And one of the things that’s quite striking about Chimpanzees is that they are very hedonistic as a species they seek altered states and they seek the same kinds of, you know, kind of stimulation that we do in that respect. So our Chimpanzee likes to smoke marijuana and drink beer and actively seeks those out. And so that appears to be hardwired behavior. In other words, he appears to have an innate desire for an altered state. And we heard tales of Chimpanzees in an institution that would cue up for Ketamine, which is a very powerful horse tranquilizer, it’s also a hallucinator. So Chimpanzees in that respect have this desire for an altered state that we have.")
ob wir noch die moeglichkeit der unmittelbaren erfahrung besitzen oder die (von persönlichen, o.e. 'limitationen' einmal ganz abgesehen) inzwischen vom paket des des 21. jahrhunderts verstellt wird, da jahrhunderte sogenannter 'evolution' dazu beigetragen haben (koennten), dass sich die essenz des menschen inzwischen genetisch so veraendert hat, dass er diese unmittelbarkeit gar nicht mehr wirklich erfahren kann, ist die huhn-ei-frage - nur umgedreht. ;-)))
ich erlaube mir eine weitere bemerkung zu:
"In einem Wort" steht hier für das Konkrete, Greifbare, Unmittelbare, das Gideon in seinem Gottesverhältnis erfahren hat."
ich sehe da noch etwas mehr. indem du das "wort" zum gegenstand der ablehnung machst, lehnst du natuerlich auch die (vom menschen gezeugte) bibel ab, die schliesslich DAS quintessentielle goetzen- pardon: gottes-abbild der christenheit ist und in dem gott seine autoritaere konkretisierung erfaehrt: "… und das wort war gott."
so gesehen lese ich die ablehnung des lyris als ein vielleicht erstes (2-zeiliges) aufbegehren gegen die autoritäre gott-vater-figur.
habe ich schon erwaehnt, dass mich dein text schwer beeindruckt?
meint lächelnd romea und denkt:
wenn du sagst, dass die zeile "[dann wohnt er nicht] in einem wort" fuer das "kontrete, greifbare, unmittelbare" steht, "das gideon in seinem gottesverhaeltnis erfahren hat" und das also etwas ist, "das dem lyri unmoeglich erscheint", dann sehe ich da zwei seelen in des lyris brust - insbesondere dann, wenn das lyri schreibt:
"Für mich ist die letzte Doppelzeile weniger Essenz des Vorangegangenen, sondern eine Gegendarstellung, die aber seine Verbundenheit mit dem Abgelehnten nicht verleugnet."
das ist so eine art personal catch 22: die sehnsucht nach der unmittelbarkeit, der verbundenheit, dem paradiesischen zustand = nahtanz - der behindert wird von der individuellen erfahrung der ablehnung, dem verstoss aus dem paradies und der intellektuellen entfernung/kaelte = ferntanz - was zur sehnsucht nach der unmittelbarkeit, der verbundenheit, dem paradiesischen zustand fuehrt...
anstelle einer kritik: eine betrachtung - zugegebenermassen ein wenig off-topic:
es gibt tage, da denke auch ich, dass im heute eine "solche unmittelbarkeit nicht mehr moeglich ist". da schnuppere ich in mir das frueher-war-alles-besser-syndrom. ist das eine alterserscheinung? ein mangel an freiverkaeuflichem LSD?? zu wenig holotropic breathwork???
dann gibt es tage, da denke ich, dass die unmittelbarkeit (: spiritueller erfahrung) auch heute noch immer moeglich ist oder zumindest sein sollte. die 'tiefe' dieser erfahrung aber vermutlich aequivalent zur 'tiefe' des sich-schaelen-koennens (also dem pellen von schutzschichten) steht. das wiederum duerfte proportional zur summe der positiven vs. negativen erfahrungen im leben eines menschen stehen. (du bemerkst sicher, dass ich keinen unterschied zwischen spirituellen erfahrungen und anderen tiefenerkenntnissen mache, da m.e. beides eine frage der 'oeffnung' ist. die moeglichkeit eine offenbarung zu erfahren, haengt fuer mich also proportional von der individuellen faehigkeit ab, diese zulassen zu können.)
"wo ist gott?" ist nur fuer simple gemueter eine frage nach der lokalitaet. *kein-anschluss-unter-dieser-nummer-floet* das wollen/streben nach transzendierenden erfahrungen ist bekanntermassen so alt wie der mensch - und - man glaubt es kaum: faengt bereits beim affen an. (das hier stammt von einem interview mit james marsh ueber seinen film 'project nim': "And one of the things that’s quite striking about Chimpanzees is that they are very hedonistic as a species they seek altered states and they seek the same kinds of, you know, kind of stimulation that we do in that respect. So our Chimpanzee likes to smoke marijuana and drink beer and actively seeks those out. And so that appears to be hardwired behavior. In other words, he appears to have an innate desire for an altered state. And we heard tales of Chimpanzees in an institution that would cue up for Ketamine, which is a very powerful horse tranquilizer, it’s also a hallucinator. So Chimpanzees in that respect have this desire for an altered state that we have.")
ob wir noch die moeglichkeit der unmittelbaren erfahrung besitzen oder die (von persönlichen, o.e. 'limitationen' einmal ganz abgesehen) inzwischen vom paket des des 21. jahrhunderts verstellt wird, da jahrhunderte sogenannter 'evolution' dazu beigetragen haben (koennten), dass sich die essenz des menschen inzwischen genetisch so veraendert hat, dass er diese unmittelbarkeit gar nicht mehr wirklich erfahren kann, ist die huhn-ei-frage - nur umgedreht. ;-)))
ich erlaube mir eine weitere bemerkung zu:
"In einem Wort" steht hier für das Konkrete, Greifbare, Unmittelbare, das Gideon in seinem Gottesverhältnis erfahren hat."
ich sehe da noch etwas mehr. indem du das "wort" zum gegenstand der ablehnung machst, lehnst du natuerlich auch die (vom menschen gezeugte) bibel ab, die schliesslich DAS quintessentielle goetzen- pardon: gottes-abbild der christenheit ist und in dem gott seine autoritaere konkretisierung erfaehrt: "… und das wort war gott."
so gesehen lese ich die ablehnung des lyris als ein vielleicht erstes (2-zeiliges) aufbegehren gegen die autoritäre gott-vater-figur.
habe ich schon erwaehnt, dass mich dein text schwer beeindruckt?
-
Sam
Hallo romea,
vielen Dank für deine ausführliche Befassung mit dem Text. Ich fand es sehr spannend und interessant deinen Gedankengängen zu folgen.
Das Streben nach transzendierenden Erfahrungen glaubte man ja einst durch Aufklärung und Wissenschaft austreiben zu können, aber der Schuß ging nach hinten los. Selbst hinter der rationalistischsten Wissenschaft steckt immer noch eine Art von Mythos und die großen Metaerzählungen haben nicht aufgehört zu existieren, wie viele behaupten, sondern sie sind nur in viele kleine zersplittert. diese taugen allerdings nicht mehr zur Einbettung in ein Sinngeflecht, dessen Horizont sich weiter ersteckt, als bis zur Grenze des Individuums. Es ist wie in den Kinos heutzutage: es gibt keine Platzanweiser mehr.
Das mit den Affen ist sehr interessant. Gerade heute habe ich wieder etwas über das Kommunikationsvermögen von Schimpansen gelesen - faszinierend.
Deine Lesart von der letzten Strophe ist zwar nicht so von mir intendiert gewesen, aber man kann es natürlich auch so lesen, wie du es beschreibst.
Jedenfalls habe ich mich sehr über deinen Kommentar gefreut.
Gruß
Sam
vielen Dank für deine ausführliche Befassung mit dem Text. Ich fand es sehr spannend und interessant deinen Gedankengängen zu folgen.
Das Streben nach transzendierenden Erfahrungen glaubte man ja einst durch Aufklärung und Wissenschaft austreiben zu können, aber der Schuß ging nach hinten los. Selbst hinter der rationalistischsten Wissenschaft steckt immer noch eine Art von Mythos und die großen Metaerzählungen haben nicht aufgehört zu existieren, wie viele behaupten, sondern sie sind nur in viele kleine zersplittert. diese taugen allerdings nicht mehr zur Einbettung in ein Sinngeflecht, dessen Horizont sich weiter ersteckt, als bis zur Grenze des Individuums. Es ist wie in den Kinos heutzutage: es gibt keine Platzanweiser mehr.
Das mit den Affen ist sehr interessant. Gerade heute habe ich wieder etwas über das Kommunikationsvermögen von Schimpansen gelesen - faszinierend.
Deine Lesart von der letzten Strophe ist zwar nicht so von mir intendiert gewesen, aber man kann es natürlich auch so lesen, wie du es beschreibst.
Jedenfalls habe ich mich sehr über deinen Kommentar gefreut.
Gruß
Sam
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