Wie hab ich dich enttäuscht

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 14.07.2011, 23:06

[align=left]3, Fassung

Wie hab ich dich enttäuscht,
o hagre Schwester,
als ich nicht kam,
als ich nicht blieb,
als ich nicht ehrte,
den Platz, den man mir gab.

den hatt ich immer dachtest du
vielleicht dachtest du nichts nur
ich dachte,

Warum betäubte Stille
schmerzfreie Zone
und darunter, fern pochende,
Spuren der entschwundenen Struwwellieschen, Rotkäppchen und Rebekka?


Verwoben in uns, eingestickt in unsere Monogramme
die Fehde schwieg und als sie sprach, sprach sie zu spät.
Von Umstehenden begafft, entstand uns jener Umstand, der
zwischen uns die Mauern zog,
die große Mauer Unverstand.

Schwestern verstehen sich oder NICHT
das NICHT nahm von unserer Sehnsucht
(nachts schrien wir nach uns, im Traum)
Besitz. Miß- führte an den -Klang,
das -Trauen, das -Behagen.

Hagre Schwester
wir vermissen uns

doch mißten wir uns immer.

******************************




2. Fassung (im Wesentlichen Nikos Vorschlag)

Miß-schwester

Den Platz, den man mir gab.
hatt ich immer dachtest du
vielleicht dachtest du nichts nur
ich dachte: O

Schwestern verstehen sich oder miß.
Das miß- nahm von unserer Sehnsucht
(nachts schrien wir nach uns) nach Schwester
Besitz. Miß führte unsere Worte alle an, ob
-Geburt, ob -Gunst, ob -Trauen, oder -raten.

Wir mißten immer.
Wir vermissen uns.




1. Fassung:

Wie hab ich dich enttäuscht

Als ich nicht kam
Als ich nicht blieb
Als ich nicht ehrte
Den Platz, den man mir gab.


den hatt ich immer dachtest du
vielleicht dachtest du nichts nur
ich dachte: O

Hagre Schwester
Magere Gestalt und fester Wille
ich fragte mich
Warum herunterspulen Rebekka
Hineingestickt in alle Stoffe
Verwebt mit Rotkäppchen ohne Wolf
Und heimtückische Botschaft Struwwellieschens

Die Fehde zwischen uns sprach viel zu spät
Von Umstehenden entstand der Umstand
Uns umstand die Mauer
Unverstand


Schwestern verstehen sich oder nicht.
Das Nicht nahm von unserer Sehnsucht
(nachts schrien wir nach uns) nach Schwester
Besitz. Miß stand vor allen Wörtern, sollte ein
Wind sie zur einen oder anderen hingetragen haben.
Gunst, Trauen, Mut, Stand, Verstehen.

Wir mißten immer.
Wir vermissen uns.[/align]
Zuletzt geändert von Renée Lomris am 19.07.2011, 22:24, insgesamt 4-mal geändert.

Niko

Beitragvon Niko » 14.07.2011, 23:26

es braucht anlauf, renée, um zu wissen, worum es hier im text geht. ich hab´s erst in der mitte gemerkt. eigentlich kein ding, aber das führt dazu, dass ich das ganze nochmal lesen muss, um mir das thema zu erschließen.

insgesamt denke ich für mich, dass der mittelteil nach meinem leseempfinden unnötig, zu schwafelig ist. was mir extrem gut gefällt, sind die letzten beiden strofen.
ein zusammenführen von anfang und ende ohne den mittelteil würde nach meinem empfinden deutlichen gewinn bringen. präzieser, dichter, durchdringender. vielleicht in dieser art:


Den Platz, den man mir gab.
hatt ich immer dachtest du
vielleicht dachtest du nichts nur
ich dachte: O

Schwestern verstehen sich oder nicht.
Das Nicht nahm von unserer Sehnsucht
(nachts schrien wir nach uns) nach Schwester
Besitz. Miß stand vor allen Wörtern, sollte ein
Wind sie zur einen oder anderen hingetragen haben.
Gunst, Trauen, Mut, Stand, Verstehen.

Wir mißten immer.
Wir vermissen uns.


über die genaue verteilung könnte man natürlich noch nachdenken. hab´s nur mal so geschrieben, damit du weißt, welche teile ich nun genau meine.

so käme es mir wesentlich dichter vor!

liebe grüße: niko

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 15.07.2011, 07:46

Was bedeuten denn die Wörter "Miß" bzw. "mißten"? Weder Wahrig noch ich kennen diesen Begriff in dieser Schreibweise ...
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

Oldy

Beitragvon Oldy » 15.07.2011, 08:17

Hallo,

ich denke, das "mißten uns" ist eine Wortschöpfung aus "vermißten uns".
Eigentlich mag ich es, wenn die lyrische Freiheit so weit geht, gänzlich neue Begriffe zu "erfinden". Ich möchte diese Neuschöpfungen jedoch für mich recht einfach und nachvollziehbar "entschlüsselt" sehen.
Damit habe ich hier meine Probleme, weil das "mißten uns" bereits im Titel steht und ich da noch keinerlei Kontext habe. Dieser ergibt sich erst im Werk selber.
Hier ist dieser Wort eine Kürzung, also ist lediglich eine Silbe fallengelassen worden, gleichzeitig ist es eine Vorsilbe, die das Diilemma beiden beschriebt. Das ist ein sehr interessantes Konstrukt.
Das Wort ist Anfang und Ende.
Wir mißten immer.
Wir vermissen uns.

Den letzten Satz halte ich für obsolet, ist denn nicht im Satz davor schon alles gesagt, alles enthalten?
Ansonsten möchte ich Niko zustimmen und auf den trefflichen Mittelteil verweisen, der deine Intention gut an den Leser bringt. Da ist eigentlich alles gesagt, wie ich finde.

lg
Uwe

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 15.07.2011, 11:12

[

Guten Morgen,

danke für eure Rückmeldungen, Niko, Tom und Uwe,

Dieser Text soll meinen "autobiographischen Texten" eingegliedert werden (Pastell, der vierte Sohn, die Namen, die Mutter, ... wir mißten uns"

Das mit den Wortschöpfungen versuche ich ganz genauso zu machen, wie von Uwe beschrieben. Dieser Text bereitet mir aus unterschiedlichen Gründen einiges Kopfzerbrechen, Nikos EInwände finde ich berechtigt,

der mittelteil nach meinem leseempfinden unnötig, zu schwafelig ist. was mir extrem gut gefällt, sind die letzten beiden strofen.
allerdings ist der Mittelteil eher schwammig als schwafelich (mbMn ... :oops: ) und Uwe spricht ja anders:

möchte ich Niko zustimmen und auf den trefflichen Mittelteil verweisen, der deine Intention gut an den Leser bringt.


Das verwirrt mich nun ----


Ich würde eher in Nikos Richtung gehen und finde die Kürzung recht gut, denn die spezifischen Informationen (Rebekka, Rotkäppchen, Struwwelliese können anderweitig "aufgerollt" oder "aufgetischt" werden.

Das Miß - verstehen das Mißratene dachte ich, erschlösse sich von selbst, jetzt will ich mal Miß-Schlüsselchen reinbringen ...


Vielen Dank für die konstruktive Kritik

liebe Grüße
Renée

Oldy

Beitragvon Oldy » 15.07.2011, 11:25

Das verwirrt mich nun ----

Verständlicherweise.
Ich meinte mit "treffllich" jenen Teil des Werkes, den Niko dargestellt hat (... in dieser Art)
Streiche also das "mittel", dass ist mir irgendwie verquer gegangen.

ein verwirrender
Uwe
Zuletzt geändert von Oldy am 15.07.2011, 11:30, insgesamt 1-mal geändert.

Niko

Beitragvon Niko » 15.07.2011, 11:28

ich glaube, es besteht ein rechtschreibefehler, der sich durch viele wörter zieht, renée. es muss nicht miß, sondern miss heißen. ich glaube, in allen fällen deines gedichts. ich würde an besagten teilen nichts ändern, außer die rechtschreibfehler. denn dann wird klar und deutlich, was du wie meinst.

liebe grüße: niko

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 15.07.2011, 11:35

ja, leider hat sich die Rechtschreibung da geändert, könnte ich aus diesem Grund (weil eben eine Rechtschreibreform dieses ß getötet hat) - das miß beibehalten? Hmm?

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Beitragvon Thomas Milser » 15.07.2011, 11:38

Langsam schnall ich es; da hab ich wohl was missßverstanden ...

Du schreibst offensichtlich nach der alten Rechtschreibung, und da war es m.E. so, dass bei heutigem Doppel-s vor Konsonanten ß geschrieben wurde, vor Vokalen hingegen ss, also vermißt, aber vermissen. Ich habe das immer nach heutigem Regelwerk gelesen, dass nach langgesprochenen Vokalen das ss als ß geschrieben wird, weswegen mir meine innere Stimme immer miesten vorlas. Ich hatte den Wortstamm bei Mist vermutet, was aber auch nicht passte, da es ja kurz gesprochen wird, oder bei mies im Sinne von jmd. etwas vermiesen.

Du meinst offensichtlich das alte miß- als Vorsilbe im Sinne von schlecht, verfehlt.

Soweit erstmal zur Erhellung.

Tom.
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Beitragvon Thomas Milser » 15.07.2011, 11:44

Zum Text (neue Fassung):

Grundsätzlich finde ich das Nebeneinander von miß und miss unglücklich, nach welcher Rechtsschreibung auch immer. In der neuen Fassung ist das miß auf jeden Fall überstrapaziert. Als einmalige Wortschöpfung ok, aber so drauf rumreiten würde ich nicht ... es liest sich mehr als holprig.

Tom.
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Beitragvon Zefira » 15.07.2011, 12:03

ja, leider hat sich die Rechtschreibung da geändert, könnte ich aus diesem Grund (weil eben eine Rechtschreibreform dieses ß getötet hat) - das miß beibehalten? Hmm?


Grundsätzlich kannst Du das immer. Die meisten Verlage halten sich nicht dran. Ich habe sogar kürzlich wieder eine Neuerscheinung (!) in der Hand gehabt, die zum "daß" zurückgekehrt war.
Andererseits kannst Du ja auch einfach "miss" schreiben - dann schwingt allerdings noch die Nebenbedeutung "Miss Sowieso" mit, besonders beim Titel - ich weiß nicht, ob Du damit leben könntest, vielleicht ist diese Nebenbedeutung sogar nicht unwillkommen ...?
Verständnisprobleme habe ich mit diesem Gedicht keine gehabt, aber ich begrüße ebenfalls die kürzere Neufassung.

liebe Grüße
Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 15.07.2011, 12:06

die Holperigkeit könnte mein Stil sein, was nicht heißt, dass ich mir das nicht gut überlege und versuche noch etwas an der Holperigkeit zu arbeiten ..

danke fürs Kommentieren jedenfalls
R

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 15.07.2011, 12:14

Liebe Zefira, danke für deine verlegerische Auskunft --- wie gesagt das Schwesterthema ist besonders harsch ...



ein weiterer Versuch :


Miß-Geschwister

Den Platz, den man mir gab.
hatt ich immer dachtest du
vielleicht dachtest du nichts nur
ich dachte: O Schwestern

verstehen sich oder miß.
Das miß- nahm von unserer Sehnsucht
(nachts schrien wir nach uns) nach Schwester
Besitz. Miß führte unsere Worte alle an, ob

-Geburt, ob -Gunst, ob -Trauen, oder -raten.

Wir mißten immer.
Wir vermissen uns.



Wir mißten immer - das soll sagen = wir machten alles falsch, drehten alles ins Negative

ein "miß" verdrehte Vertrauen, Verständnis, machte uns zu Mißratenen, zu Miß-schwestern

wir vermissen uns = obwohl wir aneinander hängen (könnten)
danke für die Anregung, Zefira
lg
R

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 19.07.2011, 22:00

So, nun habe ich das Ganzer doch etwas erzählerischer gelassen, da es sich um ein Gelegenheitsgedicht handelt, lasse ich Elemente so stehen, die nur von "uns Schwestern" verstanden werden können ...


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