schneeschmelze

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 10.06.2011, 10:33

schneeschmelze


seit tagen damastgebettet in diese stille
die die schritte hartfrieren lässt
und die dichtungen in den kupferfittings
unserer gasleitungen spröde macht
den lack hinterwandert.

und jetzt kannst du unter dem laubhymen
das schleimige grau sehen
was von auflösung kündet:
das moos des jahres.

vorbei an wilhelminischen schildgiebeln
entlang zerfallender bürgerhäuser aus einer zeit
in der man sich mit namen kannte
und innehielt.

und wieder friert es über, lässt gerinnen
vertreibt die weberknechte
hinter den gusseisernen heizkörpern
und staubgeruch vermilcht die fenster.

man müsste meisenknödel aushängen
mit dem finger mutters ofenwarmen grießbrei schlecken;
komm her zu mir
alabastermädchen.

lass uns die vorhänge nicht mehr öffnen
und uns bestatten
in totenhemden
aus echtem flanell.

draußen hat alles aufgehört.
hinter allem aber - sei gewiss -
steht der plan
des efeus.
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

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Eule
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Beitragvon Eule » 10.06.2011, 12:07

Hallo Thomas, ein "Winterschlaf"-Gedicht, das von Geistern, Verfall und Schwäche erzählt. Nicht ganz ohne Augenzwinkern, was Weberknechte und Flanellstoffe andeuten.
Ein Klang zum Sprachspiel.

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 10.06.2011, 12:15

Hi Arne,

na, da würde mich aber schon interessieren, welches Augenzwinkern du hinter Weberknecht und Flanell vermutest ...

LieGrüTom
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

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Eule
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Beitragvon Eule » 10.06.2011, 12:27

Hallo Thomas, das lI scheint nicht ganz unbeteiligt den Tieren zuzusehen und weiche Stoffe wie Flanell sind meist bequem und weich. Klingt doch auch ein wenig gemütlich ? ;-)
Ein Klang zum Sprachspiel.

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 10.06.2011, 14:07

Naja, im Falle des Flanells ist es vielleicht ein bisschen so, in Richtung Nestwärme, Kokon, Mutterleib, die Nummer ... allerdings verwoben zum Totenhemd ...

Inwieweit Gemütlichkeit beim Betrachten handtellergroßer Spinnen in Wohnräumen entsteht, müsste man mal die Damen hier fragen ... :o)

Also ich mag sie schon ganz gern ... die Spinnen :o)

LieGrüTom
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

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Eule
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Beitragvon Eule » 10.06.2011, 14:44

Ja, die Abschieds- und Todesmotive stehen im Vordergrund, aber mit feinem Humor dazwischen sympathisch erzählt !
Ein Klang zum Sprachspiel.

Mucki
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Beitragvon Mucki » 10.06.2011, 15:02

Moin Tom,

ein sehr starker Text für mich. Da kann ich mich so richtig reinlesen und mit dieser Stimmung mitgehen. Sehr fein.
Das hier finde ich genial: :daumen:
Thomas Milser hat geschrieben:draußen hat alles aufgehört.
hinter allem aber - sei gewiss -
steht der plan
des efeus.


Thomas Milser hat geschrieben:Inwieweit Gemütlichkeit beim Betrachten handtellergroßer Spinnen in Wohnräumen entsteht, müsste man mal die Damen hier fragen ... :o)

öhm, iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieh! Reicht das? ;-)

Liebe Grüße
Gabi

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 10.06.2011, 15:56

Gabriella hat geschrieben:
Thomas Milser hat geschrieben:hinter allem aber - sei gewiss -
steht der plan
des efeus.



Den Satz hatte ich tatsächlich zuerst, und den Rest habe ich dann davor geklöppelt :o).

Freut mich wirklich sehr, dass das bei Euch so schön ankommt. Mit dem Text gehe ich nun schon geraume Zeit schwanger (seit der Schneeschmelze halt), aber dem jungen Grün darunter habe ich lange Zeit nicht getraut.
Ich hoffe, die Zeit der weißen (leeren) Blätter ist vorbei ...

LieGrüTom.
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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 10.06.2011, 16:26

hallo tom,

(keine kommentare gelesen)

dein text drängt sich kühl in die warme vorpfingstfreude... er macht den eindruck, als sei er "gut abgehangen", soll heißen, er macht auf mich einen sehr ausgearbeiteten eindruck.

ich mag, wie du die zeit der schneeschmelze beschreibst. eine zeit, die ja immer eine ZWISCHENzeit ist, ein mittendrin.
und, um das vorwegzunehmen, die letzten vier verse sind für mich die gelungensten. ("der plan des efeus"-durchhalten, wieder grün werden, wieder treiben, neues terrain erobern...)

"das kupferfitting" passt für mich so gar nicht in den sonst doch poetisch-melancholischen grundduktus, was aber möglicherweise an mir, dem untechnischsten und unmathematischsten leser-mensch dieser erde, liegt.

auch für das "schleimige grau" gibt e sin meinem köpfchen keine bildliche entsprechung. schneematsch ist unschön und grau auch. aber schleimig? sich zersetzendes laub ist meiner erfahrung nach modrig, aber nicht schleimig im eigentlichen wortsinne. ich kriege beim lesen dann auch die verbindung zum "moos des jahres" nicht hin.

die meisenknödel, der grießbrei, alles sehr schön.

die vorletzte strophe finde ich ein bisschen drastisch, kuschelflanell nun mal hin- oder her. sie scheint mir ein bisschen unlogisch in bezug auf die folgende, letzte strophe. erst von totenhemden und bestattung zu reden und dann den immergrünen efeu auf den plan zu rufen, finde ich etwas widersprüchlich. aber das sind sie vielleicht, die männlichen LYRichs im vorfrühling... :-)

gern gelesen!

lga

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 10.06.2011, 16:56

Herzlichen Dank, Frau A.,

"abgehangen" ist sehr treffend (s.o.).

Nunja, was soll ich sagen: Immer schwierig, einzelne Strophen/Erzählstränge für sich betrachtet zu beschreiben. Für mich ist es immer die Summe der Eindrücke, die Vielzahl der Perspektiven und auch das Springen zwischen verschiedenen Wahrnehmungsebenen und Handlungen. Dazu gehören dann Gummidichtungen wie Meisenknödel, Spinnen wie Grießbrei. Vielleicht widerstrebt in mir etwas, poetisch nivelliert gradlinig und klangvoll zu sein. Ist das Leben ja auch nicht ...

Zum Laub ("unter dem laubhymen"): Unter Luftabschluss - also in den unteren Schichten des Laubs - gammelts ganz schön, und das wird richtig glitschig/faulig, und es zersetzt sich dann auch nicht. Jedenfalls in meiner (unperfekten) Laubrotte. Da muss ich noch eine untere Belüftung setzen, dann wirs hoffentlich nur noch modrig. Zerfall will gelernt sein.

Am "Moos des Jahres" bleibe ich selbst hängen. Und der Text auch. Kann ich nicht erklären. Beim Anblick des Laubmatsches kam mir dieses Bild. Vielleicht dir auch, wenn du dir das Laub denn schleimig vorstellst ...?
Ich lass es trotzdem mal noch länger abhängen.

Was ich aber sicher sagen kann ist, dass beim Überstreifen des sinnbildlichen Totenhemdes (i.ü.S. Winterschlaf/Höhle/Kokon) das Wissen über den Plan des Efeus Hoffnung spendet ... das widerspricht sich m.E. überhaupt nicht, im Gegenteil. Den Zusammenhang mit "Mann im Vorfrühling" sehe ich da ehrlich gesagt nicht ...

Dein Kommentar hat mich wie immer sehr gefreut.

Herr T.
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 10.06.2011, 23:43

Mir hat dieser Text auch gut gefallen.
Ich finde es schade, dass sich unsere Kommentare nur höchst selten kreuzen

Lg
R

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 10.06.2011, 23:55

Achja, Renee,

ich kreuze ja allgemein hier seit längerem eher selten ...

Umso schöner, dass du mich/uns hier gefunden und Gefallen daran hast :o)

LieGrüTom
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 11.06.2011, 00:09

du kreuztest deucht mich gewaltich kürzlich?

lg
r

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 11.06.2011, 09:58

Du meinst, in der realen Welt? Ja, da kreuze ich bisweilen häufiger ...
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)


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