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Endlich

Verfasst: 09.05.2011, 17:30
von Amanita
Endlich
wollte sie auf die Reise
Lief ohne Schuhe
los zu den Schienen

Wartet auf dieses freundliche
Rot, mit dem der Zug
in ihr farbloses Leben rast

Und sie träumt sich in den Tod

Ein einziges Mal
hat sie Spuren gelegt
zu ihrer Seele

Verfasst: 10.05.2011, 08:06
von MarleneGeselle
Liest sich hart.

Verfasst: 10.05.2011, 08:15
von Amanita
Ja, muss es in diesem Fall auch.

Dieser Text entstand, als ich wieder einmal eine Streckensperrung wegen "Personenschadens" erlebte und die Leute um mich herum sagten:"Warum konnte dieser Mensch keine Schlaftabletten nehmen?".
Ich bin einfach mal das Risiko der "Betroffenheitslyrik" eingegangen.

Verfasst: 10.05.2011, 11:03
von Mucki
Hi Amanita,

normalerweise hab ich einen Hang zu diesem morbiden Zeugs. Aber das hier ist mir zu trivial geschrieben und "beschönigt" den Tod zu deutlich, er wird romantisiert, auf zu naive Weise. "freundliche Rot", nee, das ist mir zu viel. Und "Spuren gelegt zu ihrer Seele" ebenso.
Außerdem hat sie wohl eher traumatische Spuren beim Zugschaffner gelegt, als zu ihrer Seele.
Wieso überhaupt "Spuren gelegt zu ihrer Seele"? Was für Spuren? Wenn überhaupt, hat sie ihre Seele befreit (im esoterischen Sinne) und Spuren hinterlassen, aber keine zu ihrer Seele, sondern sichtbare, blutige, "hübsch" verstreute Spuren auf den Gleisen.

Gruß
Gabi

Verfasst: 10.05.2011, 11:30
von Amanita
Liebe Gabriella, das Urteil trivial ist mir denn doch zu trivial.

Wie ich oben schrieb: Ich habe versucht, eine Antwort zu finden auf die Frage, warum keine Schlaftabletten. Es muss nach meiner Ansicht damit zusammenhängen, dass jemand einmal Einfluss nehmen will - auf ein Geschehen. In diesem Fall legt er den Zugverkehr auf einer Hauptstrecke lahm. Des weiteren muss er an diesem Tod etwas "schön" finden, wie auch immer das zu verstehen wäre.

Meine Hypothese ist übrigens, dass der Mensch das Grundbedürfnis hat, Spuren zu hinterlassen, und wenn ihm das im normalen Ausmaß, im Alltäglichen nicht gelingt, dann eben so - im Extremfall, ein für allemal. Dazwischen gibts viele ebenfalls unschöne Versionen, die nur nicht dermaßen endgültig sind.

Verfasst: 10.05.2011, 11:54
von Mucki
Hi Amanita,

für mich ist es trivial.
Amanita hat geschrieben:Ich habe versucht, eine Antwort zu finden auf die Frage, warum keine Schlaftabletten.

das geht aus dem Text nicht hervor.

Klar möchte jeder Mensch Spuren hinterlassen, aber das ist hier doch gar nicht das zentrale Thema? Hier geht es darum, dass jemand ein "farbloses Leben" lebt, sprich sich leer fühlt und sterben möchte.

Kannst du wenigstens dieses unsägliche "zu ihrer Seele" am Schluss entfernen?
Wenn du mit "hat sie Spuren gelegt" endest, hat es zumindest ein wenig Nachhall.
Na ja, meine Meinung.

Gruß
Gabi

Verfasst: 10.05.2011, 12:19
von Amanita
Das war der Hintergrund, Gabriella, der so nicht aus dem Text hervorgehen muss.

"unsäglich" ... ich fand, den Begriff Seele durfte man/ich hier mal benutzen.

Die sterblichen Überreste sind für mich jedesmal "Spur" zur Seele einer unbekannten Person, die freiwillig aus dem Leben geschieden ist.

(kleine Änderung: "Leben" groß)

Verfasst: 10.05.2011, 13:26
von Xanthippe
Mir geht es wie Gabriella. Ist mir auch zu plakativ das Ganze.

Verfasst: 10.05.2011, 13:32
von Amanita
Danke, ja, dann kommt es eben in die Ablage.

Verfasst: 10.05.2011, 19:34
von Pjotr
Ich find's gut und schlüssig. Plakativität und Seelenbegriffbenutzung sind so, an sich, nicht qualitäts-relevant für mich.

Nur der Titel ist vielleicht noch nicht ganz perfekt, wenn es eher um das "wenigstens einmal" als um das "endlich" geht. Andererseits, "endlich" wortspielt auch mit "Ende". Passt also auch.

Verfasst: 10.05.2011, 20:14
von Eule
Hallo Amanita, ich verstehe das "freundliche Rot" und die Schlussstrophe als selbstironische oder ironische Elemente, die jede naive Romantisierung durchbrechen sollen. Das erste Wort könntest Du vielleicht als Titel vom Text absetzen.

Man kann den bitteren Hintersinn dieses Textes aber relativ leicht überlesen. Vielleicht könntest Du an der ein oder anderen Stelle noch etwas deutlicher werden.

Viele Grüße !

Verfasst: 10.05.2011, 20:29
von leonie
LIebe Amanita,

ich denke schon ein Weilchen über diesen Text nach. Ich weiß noch nciht ganz genau, was es ist, das ihn für mich schwierig macht.
Ich glaube, es hängt mit der eingenommenen Perspektive zusammen.
Die Person wird eher von außen betrachtet und doch erfährt man, was in ihr vorgeht. Das wirkt dann leicht "vereinnahmend", weil man es ja letztlich von außen nicht sagen kann. Dadurch kann die Interpretation in der letzten leicht anmaßend wirken.

Ich würde vielleicht einmal versuchen, die Perspektive der Frau konsequent durchzuhalten.
Oder eben nur die Außenperpespektive, die dann aber weniger interpretierend sein müsste.

Ob es dann funktioniert, weiß ich aber nicht....

Liebe Grüße

leonie

Verfasst: 10.05.2011, 21:38
von Amanita
leonie, der Anfang stand schon in der Ich-Form! Aber hier im Forum hieß es mal zu einem Text von mir, der ebenfalls vom Sterben handelte, so was könne man nicht als "ich" schreiben.
Ich war dann der Ansicht, dass es in der Prosa ja auch geht, von außen nach innen zu "schauen", und entschied mich dann für diese Version.

Arne, ja, das Rot hat eine gewisse (bittere) Ironie, auf der selben Ebene wie die letzte Strophe; stimmt. Aber deutlicher zu werden trau ich mich nicht, das ist ohnehin nicht "mein Ding". Die Grenze, etwas lächerlich zu machen (oder es zumindest diesem Missverständnis auszusetzen), ist dann gefährlich nahe.

Danke an alle für die so ganz verschiedenen Sichtweisen. Ist sehr spannend für mich.

Verfasst: 10.05.2011, 23:03
von leonie
Und wenn man das Subjekt gar nicht ausdrücklich benennt?
Nur mal als Versuch:

Endlich
auf die Reise gehen
barfuß
Halme und Kiesel
unter den Fußsohlen

Farbe ins Leben bringen
freundliches Rot
mit dem der Zug
ins Leben rast

Den Tod träumen
und ein einziges Mal
Spuren legen
zur eigenen Seele



Liebe Grüße

leonie