Hallo Teya!
Mmm....
Also mal davon abgesehen, dass ich einige Bilder und Formulierungen auch ganz gelungen finde, zum Beispiel die Schichten der Maske, die von einem blättern (wobei mir da auch die Formulierung: "all die Visagen / all die Jahre, die du in deiner Maske gesessen bist /..." gar nicht so gut gefällt. Ginge es nicht auch etwas prägnanter? Wie zum Beispiel: "Wenn all die Schichten (aus) der Maske von dir blättern" ?) - oder aber auch der Speichelfaden als Halt gefällt mir gut -
Ansonsten ist mir das aber definitiv - und ich wiederhole mich mit dieser Kritik wahrscheinlich schon viel zu oft - viel zu pompös und feierlich gehalten. Viel zu viele inhaltliche Wiederholungen, Steigerungen und recht unübliche Wörter (gen, all, ...) und das aller-aller Schlimmste (für mich) noch oben drauf: Abstrakta, die einfach so erwähnt werden ohne einen für mich erkennbaren poetischen Sinn (Wahrhaftigkeit, Reinheit, ewige Moment, das Leben.............) - Es tut mir sehr leid, aber damit kann ich absolut nichts anfangen

Ich versuche meine Abneigung gegen solche alleinstehenden, einsamen, leeren, hohlen Abstrakta gerne mit anderen berühmten Gedichten zu verteidigen, in denen sie auch vorkommen, aber in das Bild und das Thema eingebunden werden. Zum Beispiel bei Rilkes Dauerbrenner:
"(...)
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht (...)"
Man merkt fast gar nicht, dass es hier auch beinahe ein bisschen zu abstrakt wird an manchen Stellen, weil solche Begriffe wie "Welt", "Tanz", "Kraft", "Wille" so perfekt in das Bild des eingesperrten Panthers und seines Geistes eingebaut sind.
Genau das vermisse ich an deinem Text sehr. Ich sehe fast nie einen stinkenden, menschlichen, muskulösen, blutenden Boxer vor mir, wenn ich deinen Text lese... und gerade das soll doch das Thema sein oder? All diese Schnörkel und Abstrakta verschleiern für mich hier das Wesentliche und das ist zum Beispiel die Faust, welche wie Ferdi und Leonie finde ich richtig bemerkt haben, schwerlich "ergreift" - sondern eher "schlägt", "donnert", "schmettert" - das macht sich doch an einem einfachen Boxkampf-Video fest... und das ist auch der Speichel, die Maske... die konkreten, wesentlichen Dinge eines Boxkampfes möchte ich gerne hier in Masse und Genauigkeit wiederfinden und weniger abstrakte Gefühle in einer einzelnen Zeile ... denn wenn ich nicht von deinen texten wüsste, dass du eben genau das sehr gut kannst (der "Gulasch"-Text hat mir in seiner Offenheit, Klarheit, Natürlichkeit und Plastizität sehr gut gefallen!!!!) - dann würde ich mich auch nicht so über die Abstraktheit und eigenartige Feierlichkeit dieses Textes aufregen

!
Den Titel finde ich auch ein bisschen albern - diese Albernheit passt dann kaum zum gewollten Ernst des Textes... da müsstest du dich entscheiden welche Stimmung du vermitteln willst.
An Deiner Stelle würde ich mir noch einmal ganz genau einen Boxkampf ansehen und auf jedes Detail und jedes Gefühl achten...einmal das Konkrete aus deinem Text herausfischen bzw. das Abstrakte mit etwas Konkretem verbinden... und so über das Gedicht hinübergehen - und dann schauen welche Version dir besser gefällt.
Das ich hier jetzt so viel kritisiert habe soll aber nicht bedeuten, dass ich mich wie Lisa sehr über deine Texte freue und gerne noch mehr davon lesen möchte!
Also dann viel Spaß noch im Salon

!
Liebe Grüße,
l
PS: Der kleine Sartre hat glaube ich mal gesagt, dass "Boxen" der ehrlichste Sport der Welt sei - Ich wage das zu bezweifeln...gerade in diesen millionenschweren Fernseh-Schauspielen und Massen an Milchschnitte-Werbeverträgen für die Weltmeister-Zwillinge

... Ich finde man sollte bei all dem Tamtam auch nicht vergessen, dass man da meist zwei Millionären zuschaut, die sich grundlos die Schädel weich kloppen
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