Über eine Reise an der Seite des Königs in...

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Louisa

Beitragvon Louisa » 10.02.2011, 01:57

Über eine Reise an der Seite des Königs in den Harz, begleitet von Bulgaren in Schmalspurbahnen, huch!

„Wenn wir regionale Spezialitäten genießen wollen,
sagen Sie mal, wohin müssen wir dann fahren?“

fragte ich die Dame im Tourismus-Häuschen,
„Wir haben hier einen wunderbaren Bulgaren!“

Neben dem Altersheim im Dörfchen Thale,
gab es noch ein Lokal, das länger als sieben
Uhr geöffnet war, es gab eine „mythische Karte“.
Ich nahm das Siegfried-Schnitzel, leider waren

es mythische Tiefkühlkostwaren. Am zweiten Tage
fiel in unserem entzückenden, einsamen Berghotel
ein Gaskanister aus und wir erfroren beinahe –
Ich dachte: Mach dir nichts draus, ein Dichter

kennt keinen Schmerz, nur den fiktionalen –
Dennoch war mein Fieber echt und so fuhren wir
auf den BROCKEN mit den Harz-Schmalspurbahnen,
drei Stunden am Wald und Eis, an weißen Wiesen

vorbei, zuckerfrei stand auf meiner Cola
und der automatische Reiseführer-Roboter
erklärte: „Meine Damen und Herren, wir
biegen jetzt in die schmalste Kurve der

Harzer Schmalspurbahnen ein, genießen sie
ihre Fahrt.“
Es gab Schnaps mit derben Namen
und Männer, die um 9 Uhr Morgens im nu
sechs davon kippten und ihren dicken Kindern

alle zwei Minuten sagten: „Guck mal, da oben,
der Brocken!“
Mein Fieber stieg an mit der Bahn
und ich dachte im Stillen: Was würdest du geben
um keine Deutsche in Deutschland zu sein –

und immer wieder musste ich denken:
Wenn wir das hier mal einem Franzosen zeigen,
dann kommen die nie mehr wieder, mein Liebster
sagte: "Mäuschen, trink doch mal einen Likör!"

Als wir endlich am Gipfel waren, zahlten wir
einen Euro für die Toilette. Der König meinte:
„Mit dem Schwerbeschädigtenausweis können
wir auch umsonst mit der Schmalspurbahn fahren.“


Ich muss sagen: Das war wohl der schönste Tag
in meinem Leben und beinahe hätt ich vergessen,
dass dies ja ein Gedicht ist und wir auf dem Berg
Schneebälle in die Wolken warfen und die Sonne

schien, als ob sie keine deutsche wäre und
der Kuss in der Schmalspurbahn so ruckelte,
die anderen Menschen ja eigentlich bloß
Papierkulissen waren und der Harz an sich
(so wie jeder Ort) ein Paradies für Liebende ist.






Änderungen:

In der dritten Strophe fehlte bei "entlegenen" das letzte -en!

-An Hand von Quoths erstem Kommentar habe ich an Stellen mit Enjambement klein weiter gedichtet, dafür das höfliche "Sie" in der ersten Strophe groß geschrieben

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 10.02.2011, 10:00

der letzte satz ist prima! zum rest sage ich später was...

Gerda

Beitragvon Gerda » 10.02.2011, 10:34

Liebe Louisa

das haut mich glatt aus dem Sessel und mir das Frühstücksbrot aus der Hand, auch wenn ich es als Erzählgedicht lese.
Unter Kultur passte es auch ...

Du schaffst es problemlos, mich auf diese abenteuerlich Reise mitzunehmen. Wie plastisch ich mir das Erzählte alles vorstellen kann, ganz abgesehen von der Hintergrundaussage, sich als Deutsche des Deutschseins zu schämen, aber das ist nicht die einzige politische Aussage deines Textes.
Ich bin begeistert, mehr kann ich im Moment gar nicht schreiben.

Liebe Grüße
Gerda

PS schenk dem "entlegen" vor "Berghotel" noch ein "en"

Weißt du, dass Höhenluft tatsächlich bei Erkältungskrankheiten hilft? Allerdings wäre der Brocken bei (echtem) Fieber doch zu meiden. :pfeifen:

Klara
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Beitragvon Klara » 10.02.2011, 11:24

Das find ich gelungen, Louisa,
eine hübsches, unterhaltsames, anrührendes Erzählgedicht!
herzlich
klara

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leonie
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Beitragvon leonie » 10.02.2011, 13:46

Köstlich, Louisa pur. Mir gefallen die kleinen Seitenhiebe, die Du eingebaut hast, auch sehr gut...

Liebe Grüße

leonie

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 10.02.2011, 13:49

Ich habe es schon zum Frühstück gelesen und bin gleich mit den Mundwinkeln an den Ohren in den Tag gestartet.

Ein richtig fetziges Gedicht zum Mitreisen :o)

Lieben Gruß von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

Louisa

Beitragvon Louisa » 10.02.2011, 18:57

Huhu!

Das scheint ja ein echtes Frühstücksgedicht zu sein :smile: !

Vielen Dank Xanthippe, Gerda, Leonie, Klara und Zefira! Ich freue mich euch erfreut zu haben :smile: !

Das "-en" füge ich gerne ein, Gerda! Danke.

Ich hatte ein "echtes Fieber" :smile: ... und ich glaube auch deshalb kam mir meine Umgebung noch einen Hauch absurder vor als sie ohnehin schon war. Alleine dieser Name "BROCKEN" für einen Berg hat mich sehr begeistert :smile: ...

Freue mich auf weitere Anmerkungen! Ich selbst muss auch mehr Kommentare schreiben *rüffel, rüffel*...

Schönen Abend noch, schnief, hust,
l

Quoth
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Beitragvon Quoth » 11.02.2011, 08:33

Hallo Louisa,

ja, amüsant, wie Du die Banalitäten des binnenländischen Tourismus erforschst. Die Harz-Wanderung (Hartz-Wanderung?) ist ja seit Goethe ein Muss für angehende Literat(inn)en, weshalb ich auch einen minimalen Reflex auf die Walpurgisnacht vermisse, die ja auf dem Brocken stattfindet (doch - die Schneebälle!). Der Schluss gefällt mir am besten mit diesem "beinahe hätte ich vergessen, dass dies ja ein Gedicht ist", und dann stopfst Du schnell noch ein bisschen was Poesieklischeemäßiges nach wie in eine Wurst ... Mit Deiner romantischen Ironie huldigst Du dem anderen berühmten Harzwanderer: Heinrich Heine.

Kleinigkeiten hätte ich einige anzumelden: Warum schreibst Du das Höflichkeits-Sie standhaft klein? Und warum schreibst Du am Anfang der 3., 7. und 11. Strophe groß, obgleich es sich um Satzfortsetzungen/Enjambements handelt? Auch am "verzückten Berghotel" stoße ich mich, aber das mag dichterische Freiheit sein. Wahrscheinlich stand "entzückend" im Prospekt.

Ein launiges Louisa-Werk, das, unausgesprochen, ein weiteres der Serie Glücksgedichte ist, oder?

Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 11.02.2011, 08:45

Liebe Louisa,

ja, herrlich, es tut gut, das alles mal vorgeführt zu bekommen!
Nur eine Sache passt für mich nicht: Dass du als alternativen Vergleich die Franzosen nimmst, irgendwie kommen mir die nicht unterschiedlich genug vor .-). Dieses edle/gehobene, was man sich dazu denken kann, ist ja bei genauerer Betrachtung genauso bieder und banal wie das Deutsche (vielleicht habe ich auch nur die falschen Franzosen genauer beobachtet .-).

Die Fehler, die Quoth angemerkt hat, würde ich auch noch verbessern und die Interpunktion könnte auch hier und da noch einen Kamm gebrauchen :-).

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Gerda

Beitragvon Gerda » 11.02.2011, 11:41

Liebe Louisa,

was Fieber so alles mit einem anstellt ...
Die Wahnehmungsebene verschiebt sich.

Louisa hat geschrieben:Das scheint ja ein echtes Frühstücksgedicht zu sein


... eigentlich zu jeder Tageszeit herzerfrischend und lebendig.
Natürlich hat Quoth die literarischen Bezüge fein erkannt, die ich vor lauter Begesiterung über dein Werk gar nicht erst gesucht habe, sie liegen tatsächlich sehr nahe.
Die Erbsen sind auch gezählt, die aber am Gesamteindruck nicht kratzen. ;-)


Liebe Grüße
Gerda

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 11.02.2011, 21:21

Liebe Louisa,

da ich gerade die Harzreise von Heine gelesen habe und jetzt "Der Wald im Zimmer - Eine Harzreise" von Björn Kuhligk und Jan Wagner lese (und dieses Jahr auch schon selbst im Harz war), kann ich mich für deinen Text nicht ganz so erwärmen, wie die anderen. Natürlich hast du ein paar scharf beobachtete Skurrilitäten aus der deutschen Provinz verarbeitet, aber eben aus der deutschen Provinz (z.B. das Fehlen authentischer Produkte, der Schnapskonsum) und nicht speziell aus dem Harz. Das träfe auch auf das Eichsfeld oder das Emsland zu. Die Schmalspurbahn ist typisch für den Harz (wobei es auch eine auf Korsika gibt) und der Name ist bereits viel sagend, aber dieses Potential hast du kaum ausgeschöpft, bis auf den witzigen ruckelnden Kuss, der dich vermutlich von anderem ablenkte ... ;)

Was mir vor allem fehlt, ist ein Eindruck von der Landschaft, denn eine Harzreise ist vor allem ein Blick in eine für Norddeutschland ganz einzigartige Landschaft. Ein Blick in stille, kalte Nadelholzmonokulturen z.B., in stillgelegte Stollen, auf riesige Talsperren und rauschende Bäche, auf Schiefer verkleidete Häuschen usw.. Wald, weiße Wiesen und die Sonne sind mir da einfach zu wenig. Aber wie gesagt, ich lese halt gerade intensiver davon und der Vergleich ist vielleicht unfair.

Nicht ganz in den Sinn will mir die Aufteilung in Strophen. In der ersten Strophe reimen sich noch Z2 und Z4, dann liest man weiter und erwartet weitere Reime - bis auf ein paar Binnenreime wars das allerdings schon. Mir würde es als Fließtext in diesem Fall besser gefallen. So versuche ich beim Lesen, eine Metrik oder einen Rhythmus zu finden, den der Text nicht hat.

Das Buch von Kuhligk und Wagner kann ich übrigens empfehlen! Es ist eine Fundgrube an besonderen Gedichten, Liedern, einem tollen Anagramm und lebendig geschilderten Begegnungen mit allerhand skurrilen Menschen im Harz.

Viele Grüße
fenestra

Max

Beitragvon Max » 11.02.2011, 22:17

Liebe Louisa,

das gefällt mir sehr - gerade wenn man es im Kontext der anderen Königsgedichte sieht .. ich mag die Beobachtung, die mit einem sehr originellen schreibstil gepaart ist ...

Sehr schön!

Liebe Grüße
Max

Gerda

Beitragvon Gerda » 11.02.2011, 22:34

Hallo fenestra,

mich interessiert, ob du dich gefragt hast, welches Louisas Intention sein könnte, dieses Gedicht gerade so zu verfassen und nicht, wie du es vielleicht anhand der von dir angeführten "Mänge" erwarten würdest.
Mir kam beispielsweise nicht in den Sinn, dass Louisa ein Landschaftsbild hätte zeichnen wollen. Deshalb sehe ich auch keinen Mangel. Möglicherweise liegt es daran, dass ich den ausführlichen Titel bei der Einschätzung dessen, was das Gedicht erzählen möchte mit einbezogen habe sowie auch die vorhergehenden "Königsgedichte".

Liebe Grüße
Gerda

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 12.02.2011, 22:48

Liebe Gerda,

wenn in einem literarischen Text Harz und Reise im Titel erscheinen, stelle ich den Bezug zur Harzreise und ihren Adaptionen her, das lässt sich schwer vermeiden. Daher habe ich diesen Text zumindest teilweise daran gemessen. Nein, ich frage eigentlich nicht nach der Intention des Autors, sondern ich schaue zunächst einmal, wie ein Text auf mich wirkt. Der Autor kann an der Reaktion dann ja prüfen, ob seine Intention erfüllt wurde. Die meisten Leser hier mochten schließlich den Text sehr gern, ich denke, Louisa wird kein Problem damit haben, dass er meine Erwartungen diesmal nicht erfüllt. :-)


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