Aus dem Zyklus: Tagebuch einer Verschwindenden

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 07.02.2011, 09:57

Erster August

Deine Lippen hängen noch im Raum
Flattern im Wind
Wie Wäsche
Auf einer Leine
Werden schmaler
Striche am Horizont
Auf dem Weg zu mir

Man darf nicht zu viel Gepäck mitnehmen
Auf die Reise

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 08.02.2011, 10:34

Liebe Xanthippe,

eigentlich ein schönes, stimmiges Bild, allerdings hab ich die ersten beiden Zeilen nicht lesen können, ohne sie als unfreiwillig komisch aufzunehmen, einfach weil ich mir die Lippen so bildlich vorgestellt habe: flatternde Lippen in einem Raum. Das macht dann auch das folgende (auf der Wäscheleine kaputt). Man muss es irgendwie schaffen das Bild der Lippen und das Du in der Vorstellung zusammenzuhalten, nur ist es mir leider nicht gelungen, die Lippen haben sich irgendwie verselbstständigt und dann war das ganze nicht mehr aufzunehmen, wie es gemeint ist. Vielleicht geht es vielen anderen ja auch anders, dann hab ich vielleicht nur einen Hau bezüglich Lippen, einfach, weil ich so oft Klamauk bezüglich ihr mitbekommen habe (die Gummilippe usf..). Ich möchte den Text nämlich eigentlich ohne das lesen, er gefällt mir "eigentlich" (klingt komisch, ist aber wirklich so).

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Klara
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Beitragvon Klara » 08.02.2011, 20:44

Hallo,
mir geht es wie Lisa: komische Lippen sind das, die da im Raum hängen...

Vielleicht eher:
Deine Worte [oder: Sätze] hängen noch im Raum...
...
werden schmaler...
Lippenstriche...

irgendwie so?

Allerdings finde ich den Ratschlag an sich selbst oder an whoever, dieses "man darf" am Schluss, auch etwas betulich. Einerseits ein Gemeinplatz, andererseits: Warum nicht eine Menge Gepäck, wenn man zum lyrischen Ich fährt? Der Rucksack wächst mit den Jahren, und leider ist er angewachsen, also ist der Gepäck-Ratschlag irgendwie gemein. Wo soll "man" es dann lassen, all die angehäuften Sachen, die mit einem wandern, ob man will oder nicht? Darf man dann nicht reisen? Damit die Lippen nicht aus Versehen zuhause bleiben?

herzlich
klara

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 10.02.2011, 09:57

ja schade. Komisch sollte es nun gerade nicht sein. Eher dramatisch :-) Aber ich sehe schon ein, dass das nicht funktioniert hat, hier.
Über die Sache mit dem Gepäck zum Reisen, denke ich jetzt schon eine ganze Weile nach. Ist vielleicht nicht so geschickt ausgedrückt, aber ich glaube schon, dass man vieles loslassen muss, wenn man wirklich reisen will. Und irgendwie hatte dieses Gepäck für mich hier den Sinn, Sicherheiten und Gewohnheiten und all das, was so ein Zuhause ausmacht eben zurücklassen zu müssen, damit man sich überhaupt fortbewegen kann, oder verschwinden.
na ja. Vielen Dank jedenfalls für die Rückmeldungen. Wird wohl etwas dauern, bis etwas treffenderes daraus wird.


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