pinnwandpoesie

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 05.02.2011, 22:13

ich reiße mir die sätze aus den haaren
ich schlage mir die worte immer wieder aus dem kopf
und schabe jeden silbling aus dem mund

(es hallt in meinem schädel wie in einem leeren zimmer)

I would never colour my naked candy smile.

ich weiß: die sprache kommt zurück
ich muss die vergangenheit nur einen spaltbreit öffnen
sie mit der zunge berühren wie eine briefmarke

(das schmeckt nach türen und kindsein)

Listen night, there's warm magic liquid in my breath!

mein herz hat keine farbe und fühlt sich an wie birkenholz

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 06.02.2011, 10:24

in einem schädel, hallt die stille wie in einem leeren zimmer
da hat sich jemand die sätze aus den haaren gerissen,
immer wieder die worte aus dem kopf geschlagen
das tut weh,
das hört man
das spürt man
und auch in der zweiten strophe erreicht mich die versöhnung nicht, besänftigt nicht, lindert nicht das, was an gewalt da ist.
vielleicht weil man das nackte süße lächeln nicht einfärben kann/will
da ist das wissen, dass die sprache zurückkommen wird, wenn die vergangenheit nur einen spaltbreit geöffnet wird, dann kann sie berührt werden (die sprache), ganz leicht mit der zunge (wie eine briefmarke) und da wird ein geschmack sein von türen und kindsein. also einer zeit, in der es noch türen gab, in der türen noch den eintritt in etwas gänzlich unbekanntes bedeuteten, in der vielleicht auch noch alles bunt war. die sprache, das spürt man, kommt vielleicht zurück, die farben aber nicht.

allein der letzte satz, das birkenholz, verspricht ein wenig linderung und trost.

so weit meine erste annäherung an ein gedicht, das ich sehr mag, das ist gewaltig und grausam finde, aber nirgendwo gewollt. es tut weh, aber es öffnet türen.

Nachtrag:
Ich habe eben gemerkt, dass ich vermutlich völlig an der Intention des Gedichtes vorbeigeschrammt bin, denn ich hatte den Titel völlig außer Acht gelassen. Es geht um die Pinwand, also auch jedenfalls, vermutlich daher das Birkenholz. Das gibt dem Ganzen natürlich eine andere (weitere) Dimension, trotzdem lasse ich mal meinen ersten (überschriftsbeziehungslosen) Eindruck stehen.

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 06.02.2011, 10:58

Ich finde den Titel toll und den Text richtig gut - nur bringe ich zurzeit beides nicht zusammen!

Mucki
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Beitragvon Mucki » 07.02.2011, 00:03

Hallo Annett,

ich lese hier von einem Kampf des LIs, das sich blockiert und zugleich überflutet fühlt. Überflutet von Sätzen, Worten, Silben, die es nicht hören will, es sind für das LI die "falschen" Worte zur falschen Zeit. Und es ist blockiert durch diese Tür zur Vergangenheit, die es (noch) nicht öffnen kann.
Zum Titel "pinnwandpoesie": an Pinnwände heftet man Zettel, Gekrakel, alles, was man nicht vergessen will, Erinnerungsanker, wild durcheinander, ohne eine Ordnung, ohne System. Ich stelle mir das so vor: LI reißt all diese "falschen" Worte, die gerade nicht zur richtigen Zeit das LI überschwemmen aus sich heraus und wirft sie an diese Pinnwand. Hat das LI einmal diese Vergangenheitstür öffnen können und die "richtigen" Worte wiedergefunden, dann ist es nicht mehr sprachlos, dann kann es wieder auf die "Pinnwandworte" zurückgreifen, so dass die Pinnwand tatsächlich so etwas wie ein Anker ist, all die Überflutungsworte nicht umsonst geflutet, sondern aufbewahrt werden. Soweit meine Lesart.

Saludos
Gabriella

Gerda

Beitragvon Gerda » 09.02.2011, 12:41

Liebe Annett,

mir gefällt dieser Text, trotz einiger Kritkpunkte.

Über die unterschiedlichen Lesearten ist ja bereits geschreiben worden.
M. M.:
Der Text handelt von Worten, und der Sprachgewalt, die es (wieder)zufinden gilt für die Gedanken um diese wieder aufschreiben zu können. Vielleicht nicht aus psychischen sondern aus physischen Gründen.

Was mir auffällt, dass niemand bisher etwas zu den englischen Zeilen geschrieben hat.
Ich weiß schon, dass du es liebst, immer wieder Englisch in Texte einzuflechten.

Ihre Funktion jedoch, und ich gehe davon aus, dass sie wie immer auch indiesemText eine solche haben sollen, geht für mich fremdsprachlich nicht auf.
Ich denke, dass sie zwar kursiv gesetzt, aber genauso gut deutschsprachig lauten könnten, sind sie doch Bestandteil des Textes.
Andererseits kannn es natürlich sein, dass die Autorin dem Lyrich Gedanken in Englisch zu denken aufgibt und dieses assoziativ niedergeschrieben hat.

Mein Gefühl bleibt ambivalent. Da ist es mir etwas unrund.

Dann ist da jene Zeile, in der es darum geht, dass "es nach kindsein schmeckt ...".
Der Bezug zu Türen, der sich automatisch bei mir einstellt, soll aber, so vermute ich, eigentlich nicht vom Leser hergestellt werden, aber genau das passiert mir, obgleich nur das Lecken der Briefmarken "schmeckt".


Liebe Grüße
Gerda

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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 11.02.2011, 20:34

hallo ihr,

ich danke für die rückmeldungen.

@xanthippe: du kommst dem gedicht bzw. meinen intentionen mit deinen gedanken sehr nahe. besonders die tatsache, dass du den letzten satz als "trost" liest, freut mich. dass du den pinnwandtitel nicht in deine überlegungen einbezogen hast, finde ich gar nicht schlimm.

@gabriella: danke für deine ideen. in der tat verstehe ich die pinnwand als einen sammlungsort. an einer meiner pinnwände befinden sich eine reihe von englischen wortbausteinen, die ich hin und wieder im gehen zusammenfüge oder auseinandernehme. eine art ritual. manchmal entstehen so gebilde, die ich einfach mag oder als eine art ideenpool stehenlasse. relativ selten kann ich derartige impulse in die mutterprache einarbeiten. "naked candy-smile" zum beispiel funktioniert im deutschen für mich überhaupt nicht. und so bleiben die pinnwandschöpfungen halt als kleine miniaturen erhalten, auch in zeiten, in denen sich sprache als ausdrucksmittel verweigert.

lga

Max

Beitragvon Max » 11.02.2011, 22:52

Liebe A.,

das Gedicht ist für mich ein Paradox.

Da klagt es, dass die Sprache abhanden gekommen ist und dann kommt ein Satz wie dieser

"mein herz hat keine farbe und fühlt sich an wie birkenholz"

der für mich ein highlight unter den Sätzen ist, die ich in diesem Jahr hier gelesen habe.

Kommt man auf den inhaltlichen Kern des ganzen zurück, so scheint mir das Gedicht ein beinahe perfekter Ausruck für die Situationen, in denen dem Leben die Sprache zu leicht scheint (das Leben ist da manchmal ein wenig lamoryant - die Sprache ist weise genug um zu warten). Gefällt mir sehr.

Liebe Grüße
max


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