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Traum

Verfasst: 04.02.2011, 22:45
von Amanita
Traum


Gestern wurde ich hingestellt
auf ein Rondell aus Papier

Die Wächter glotzen

Muss starr stehn denn
jede Atembewegung
schleift Spuren aufs Weiß
schwärzliche Reste
von Leben

Wenn mir die Adern
wie bleierne Trauben
die Beine behängen
stell ich mich anders –
da knittert und schiebt sich
der weiße Grund
zerknistert und reißt

Ich spür die letzten Kräfte
in Fingern und Füßen
beuge mich (stehe gleichzeitig auf)
zeichne mit spitzgewachsenen
Nägeln Wörter aufs Nichts
unter mir
beschreibe Formen
reiße sie aus
behänge schmücke mein schütteres Kleid
und laufe den Wächtern
weißgewandet davon

Verfasst: 05.02.2011, 23:13
von leonie
Liebe Amanita,

diesen Text finde ich ganz, ganz toll. Da spielt sich ein richtiger Film in meinem Kopf ab und ich fühle mit: Gruseln, Beklemmung, Angst, dann kleinen Mut, der wächst und Befreiung.

Ich habe an so kleinen Punkten überlegt, zum Beispiel, ob das "denn" nötig ist. Aber ich mag den kleinen unaufdringlichen Reim, den es mit dem "wenn" erzeugt.

Oder das doppelte "behängt". Aber da ist ja eine Entwicklung, einmal ist das lyrtIch ausgeliefertes Objekt und das andere Mal Subjekt, dadurch verstärkt das Verb die Befreiung, die sich ereignet.

So, wie Du es erzählst, wird es wirklich fast zum eigenen Traum, diese Traum-Atmosphäre, in der etwas, was man im richtigen Leben für unsinnig/unmöglich halten würde, so plausibel und "real" ist, hast Du genau eingefangen.

Ein gelungener Text, finde ich!

Liebe Grüße

leonie

Verfasst: 06.02.2011, 10:12
von Xanthippe
das ist ein schönes gleichnis dafür, was schreiben auch sein kann.

Verfasst: 06.02.2011, 23:24
von Amanita
Liebe leonie, danke dass Du mich auf die Doppelungen aufmerksam gemacht hast.

denn - wenn war beabsichtigt, das doppelte behängen aber nicht. So habe ich nach längerem Überlegen eins rausgekegelt - und finde die jetzige Version sogar auch partiell besser.