RäuberKneißl hat geschrieben:Getönt
Ob da ein Rand ist, ein Unterschied
So wie zwischen Eisengabel
Und hölzernem Jonglierbesteck
Ob, meine ich, wenn das Sichtfeld
Ins Unscharfe ausläuft
Oder die chinesische Mauer
Als nasengetragener Horizont
Womöglich sind sowas Scheuklappen,
Zarte Beschränkungen,
Zäpfchenschützer und Stützen
Der aufrechten Stäbchen.
Ich meine, das fließt ins
Langnasenbild und ob, z.B.
Alle Begriffe gelb sind oder blau.
"Getönt" - der titel des gedichtes, ist der schlüssel zum verstehen desselben und sollte nicht vernachlässigt werden.
je nachdem, welche tönung die "eigene brille" auf der (lang)nase aufweist - fällt das ergebnis des wahrgenommenen aus.
stäbchen und zäpfchen werden - je nach filter der brille - mal mehr, mal weniger "getäuscht".
und da man sich eine brille niemals ohne absicht aufsetzt, täuscht man sich letztlich selbst. auch, wenn man dann nicht wahrhaben kann (oder will), dass alles, was man zu sehen meint, immer nur der ganz subjektiven und zum teil "unfreien" sicht-wahl entspringt. ob nun rosarote tönung, tunnelblick oder sehr partieller fokus mit viel gleitsicht drumherum....
es geht also um wahrnehmung und das ICH, das mit "teil der brille" ist und sich seiner stäbchen und zäpfchen nicht bewusst. was aber nicht heißt, dass es das, was damit wahrgenommen werden kann, nicht dennoch so steuert, dass "unangenehmes" möglichst weichgezeichnet, eingefärbt oder einfach ausgeblendet, kontrastärmer gemacht wird, um "verträglich" zu sein. wer strengst sich schon gerne beim schauen an?!
das menschliche auge unterscheidet in drei zapfen-rezeptoren, nämlich jene für blau, für grün und für rot.
gemeinsam mit den stäbchen-rezeptoren erst kann das auge "sehen", da die zäpfchen erst bei ausreichender belichtung funktionieren und farben wahrnehmen.der prozess, der ermöglicht, "gelb" wahrzunehmen, ist erstaunlich komplex. und die frage, ob nun "alle begriffe gelb sind oder blau" macht aus dieser perspektive definitiv sinn.
und wo läuft das sichtfeld ins unscharfe? doch immer dort, wo wir die gleitsicht-bereiche hinhaben möchten. interessant auch, wenn man weiß, dass man mit dem peripheren sehvermögen in erster linie bewegung registriert. besser als würde man das bewegliche objekt direkt fixieren mit den augen! überträgt man diese "bilder" auf unsere "willentliche wahrnehmung" (jetzt nicht die optische, sondern die gesamte wahrnehmung, wie der mensch sie steuert oder sie ihn), ergeben sich da spannende gedankengänge und blickwinkel.
die fragen nach dem wahrnehmbaren unterschied sind im text angedeutet und zugleich auch noch als fragen in frage gestellt. etwas, das ich höchst philosophisch empfinde und sehr schätze als wahrnehmbare haltung des autors.
die chinesische mauer - sie kann man mit bloßem auge noch aus dem weltall erkennen. zugegeben - ein höchst selten eingenommener blickwinkel auf ein bauwerk einer (uns) fremden kultur. scheuklappen werden liebevoll als zarte beschränkungen angedacht - aus dem wissen der "tönbaren" und gleitsichtigen wahrnehmung, der wir nun einmal unterworfen sind. der nasengetragene horizont - hängt dann auch davon ab, wie wir die nase tragen, oder? mal höher, mal zu boden gerichtet, mal witternd (und dann meist mit geschlossenen augen) und ab und zu gerümpft, mit augenbrauen, die anzeigen, dass etwas kritischer ins auge gefasst wird....
lyrICH meint, dass all diese faktoren ins langnasenbild einfließen. und das lese ich herrlich doppeldeutig! wir, die - in den augen der erbauer der chinesischen mauer - europäischen lang- oder großnasen mit unseren eigenen scheuklappen und der nasengetragenen chinesischen mauer, der wir uns nicht bewusst sind, wo wir doch mit unserer weltoffenheit so gerne prahlen vor uns selbst... wir machen uns unser eigenes bild vom "anderen", und oft reicht unser blick nicht weiter als bis zur spitze unserer nase.
und oft erklären wir uns ein gelb zu blau, indem wir die brille wechseln.
all das lese ich hier und noch viel mehr mit jedem weiteren lesedurchgang.
ich gestehe: das wissen über die biologie des seh-vorganges und der physiognomie sind mir da natürlich tür und schlüssel, die ev. jemand anders irritierend vermisst, um des textes entsprechend habhaft werden zu können.
das "chinesische" lese ich persönlich als "platzhalter" für "augenscheinlich fremdes", in das von außen hineingeschaut wird und das von außen auf mich blickt.
die nase als begrenzung des eigenen horizontes, ist thema.
das "ob" als wortgewordenes "bewusstsein", dass die eigene wahrnehmung nie die "absolute" wahrheit einer sache erfasst.
scheuklappen, selbstgewälte filter, das spiel mit perspektiven - ein herrlich vielschichtiger text, der mir viel freude bereitet und die gehirnwindungen schön in bewegung bringt.
ich jedenfalls habe ihn sehr genossen!
gruß,
keinsilbig