süß und unheimlich

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Peter

Beitragvon Peter » 21.12.2010, 17:04

süß und unheimlich


ein stein ist sie,
von namen durchdrungen

eine konfitüre, die,
wie man sagt:
auf den magen schlägt

sie schmückt dein haupt
und macht aus deinem bauch
eine höhle

dein auge (in der stirn)
träumt mit deinem ohr

bilder flüstern sich aus stimmen,
stimmen sich aus bildern hervor

mit dem oberkörper schwimmst du im meer
mit dem unterkörper steckst du im moor

o ja ...
lass uns lieben
Zuletzt geändert von Peter am 01.01.2011, 20:03, insgesamt 1-mal geändert.

jondoy
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Beitragvon jondoy » 22.12.2010, 16:34

Hallo Peter,

nach den drei Bildern (ich weiss nicht, ob du dich dran erinnerst) hab ich nun erstmals einen Text von dir vor mir.
Jetzt les ich also, wie du mit Worten malst.

Ich esse die Sprache der Männer :smile: .

eine konfitüre, die auf den magen schlägt, schön

o ja,...das sollte man tun :smile:

Namaste,
Stefan

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noel
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Beitragvon noel » 22.12.2010, 18:07

es zieht mich an
diese widersprüchliche
bildbehaftete wortreiche imagination

die ersten zwei zeilen strich ich insgeheim
NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der Toxizität, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level).

Wir sind alle Meister/innen der Selektion und der konstruktiven Hoffnung, die man allgemein die WAHRHEIT nennt ©noel

Louisa

Beitragvon Louisa » 22.12.2010, 19:13

Hallo Peter,

also, das hat mir auch sehr gut gefallen. Schön, dass du es eingestellt hast!

Einige Verständnissprobleme, bzw. gedankliche Holpersteine hatte ich an diesen Stellen:

ein stein ist sie,
von namen durchdrungen

Das scheint eine Erfindung von dir zu sein, aber mir geht es gar nicht auf wieso ein Stein von Namen durchdrungen sein soll - oder hat das beides gar nichts miteinander zu tun, was in den zwei Zeilen steht?

Generell gibt mir dieses Bild so aber noch nichts. Es würde mich freuen wenn du es so umformulieren würdest, dass es erschließbarer wird. ich könnte es zum Beispiel verstehen, wenn du damit sagen willst, dass der Stein durch sein Alter viele vergangene Namen überlebt hat oder selbst bekommen hat (Was einmal Baustoff für die einen war ist plötzlich ein Edelstein für die anderen, etc.)

Oder du streichst es wirklich - da schließe ich mich der Vorrednerin an... Die anderen Zeilen des Gedichts lassen sich nämlich ziemlich leicht individuell deuten und lesen sich so sehr viel angenehmer.

Diese Stelle hier:

dein auge (in der stirn)
träumt mit deinem ohr

Da weiß ich nicht Recht was mir die zweite Zeile geben soll. Ich fragte mich: Und was soll so toll daran sein :smile: ?

Man kann es ruhig so lassen, aber ich finde die anderen Strophen sehr viel stärker.

Ein sehr feines Gedicht!

Möchte gerne noch öfter von dir lesen.

Liebe Grüße,
l

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noel
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Beitragvon noel » 22.12.2010, 19:24

louisa hat geschrieben:dein auge (in der stirn)
träumt mit deinem ohr


Da weiß ich nicht Recht was mir die zweite Zeile geben soll. Ich fragte mich: Und was soll so toll daran sein ?




mindestens eine sinnesempfindung mehr
NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der Toxizität, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level).

Wir sind alle Meister/innen der Selektion und der konstruktiven Hoffnung, die man allgemein die WAHRHEIT nennt ©noel

Peter

Beitragvon Peter » 26.12.2010, 13:05

Hallo,

vielen Dank für die Kommentare!

Streichen darf ich das erste Zeilenpaar nicht, da mir sonst der Rest zu lose stünde. Aber er trägt schon diesen Grad einer Erfundenheit - sehe ich auch so, Louisa.

Den Augen-Ohr-Traum würde ich auch gerne so belassen, da er sich ja zudem im nächsten Zeilenpaar näher erklärt.

jondoy hat geschrieben:Ich esse die Sprache der Männer

finde ich treffend, jondoy; hatte selbst einen ähnlichen Gedanken:-)

Liebe Grüße,
Peter

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 27.12.2010, 21:36

Lieber Peter,

diesen Text habe ich unheimlich gern gelesen. Weil er für mich zwei Dinge zugleich schafft.
Zum Einen: In die "Ode" einzufallen, diesen (männlichen?) Grundton des Besingens eines Gegenübers, das einen unheimlich leiden lässt, dass tatsächlich die Gefahr besteht, dieses nicht zu überstehen bei zugleich doch spürbarer Behauptung/Kraft/Bewegung/Ichspürbarbeit (so etwa wie in Schuberts Winterreise etwa, nur in weicherer und offenerer und dadurch nicht egozentrisch wirkender Sprache ).
Und zum anderen: Das Zeigen eines Menschen, weil die Sprache des Textes es schafft, das Gefühl zu vermitteln, dass ein Gegenüber gelassen wird, nicht eingefangen wird, um daraus etwas etwas Poetiksaft für den Alltag zu destillieren. Eben kein Fang für den Zoo.

Dadurch gewinnt mich der Text, weil er nicht wirkt wie eine Inszenierung und dadurch für mich tatsächlich eine Liebehaltung hat. Davon ab (bzw. das ist ja der Grund für alles Gelingen, was ich zuvor nannte) ist die Sprache des Textes sehr stark: die Bilder wirken eigen, bescheiden und weich.

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Max

Beitragvon Max » 27.12.2010, 21:59

Lieber Peter,

ich lese diesen Text sehr gespannt.

Auf der einen Seite entsteht eine Bewunderung gegenüber der kraft deiner Bilder - und gleichzeitig ein Staunen darüber, dass aufgrund des hymnischen Tons das Gegegnüber oder der Gegenstand des Gedichts, das "Du", zu entschwinden scheint und für mich beinahe immateriell wird.
Ich mag die Originalität der Bilder sehr, einzig hier

eine konfitüre, die,
wie man sagt:
auf den magen schlägt

sie schmückt dein haupt
und macht aus deinem bauch
eine höhle


stolpere ich immer über "sie schmückt dein haupt" ... weil ich dabei immer an den Bezug auf die Konfitüre sehe (und nicht auf "sie") und mir das ein albernes Bild wird.
Oh ja ;-) .. das "oh ja" eingangs der letzten Strophe finde ich lässlich - es bricht die Strenge des textes 8vermutlich gewollt) - ich könnte auch mit einem strengeren text gut leben.

Liebe Grüße
max

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 27.12.2010, 23:28

Hallo Peter,

spannend, wie unterschiedlich hier gelesen werden kann.

Ich lese/las eigentlich gar nicht von einem bestimmten Gegenüber, oder an ein bestimmtes "Du" gerichtet, eher von der "Liebe", diesem "Zustand" selbst, auf eine weich-ernste aber auch schelmisch-ironische Art. Dabei wunderbar bildhaft und sprachlich fein gemacht. Das Gedicht lässt mich ehrlich gesagt auch ein wenig schmunzeln, auf eine freie Weise, es trägt etwas ins Leichte. "O ja" :)

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 28.12.2010, 09:11

Liebe Flora,

das habe ich durchaus auch so gelesen! Trotzdem muss die Ansprache an das "Du" ja gelingen, mit Menschen zeigen meinte ich nicht unbedingt: einen bestimmten einzelnen Menschen, sondern dass es eben gelingt, dass da das Gegenüber erfasst wird. Dabei lese ich auch durchaus Lust, Spieltrieb, die "freie Weise" (das Ende ist da ja sehr deutlich und wirkt auf den Rest zurück), was auch nötig ist für das, was ich unter "zum Einen" schrieb, sonst würde es eben egozentrisch. Falls meine Lesart als allzu ernsthaft/fest rüberkam, dank ich dir für diesen Einwurf.

liebe Grüße,
Lisa
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Quoth
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Beitragvon Quoth » 28.12.2010, 10:28

Hallo, Peter,
gefällt mir auch sehr gut.
Ich habe mir mal vorgenommen, Liebesgedichte, in denen der oder die Geliebte mit du angeredet wird, nicht mehr zu kommentieren. Grund: Da entsteht ein intimer Dialog, der mich nichts angeht.
Hier hat das Du eine völlig andere Funktion. Es ist gebraucht wie das englische unpersönliche "you", das wir ins Deutsche dann mit "man" übersetzen. Es richtet sich u.a. auch an mich.
Der Autor spricht zu sich selbst, zu einem Freund oder zu allen über sie, die Liebe.
Dadurch kriegt der Text eine hymnische Dimension wie im Hohelied, wenn dort (Kapitel 8) die Liebende von der Liebe sagt:
Stark wie der Tod ist die Liebe, / die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, / gewaltige Flammen. Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; / auch Ströme schwemmen sie nicht weg. Böte einer für die Liebe den ganzen Reichtum seines Hauses, / nur verachten würde man ihn.

Du benutzt weniger gewaltige Bilder - Konfitüre - aber das stärkt den Text und gibt ihm eine heitere Note!
Das Mit in der vorletzten Strophe würde ich klein schreiben.
Und zum Schluss hieße es für mich besser: "o ja ... lasst uns lieben" - denn das richtet sich nicht an ein einzelnes Du, sondern an die Gemeinschaft derer, die hier die Liebe feiern.
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 28.12.2010, 11:14

Hallo Quoth,

Und zum Schluss hieße es für mich besser: "o ja ... lasst uns lieben" - denn das richtet sich nicht an ein einzelnes Du, sondern an die Gemeinschaft derer, die hier die Liebe feiern.
Nein, das sehe ich nicht so. Ich würde daran nichts ändern, weil es dann auch eine andere "Stimme" und "Stimmung" erhalten würde, der Rahmen, in dem hier erzählt wird ein ganz anderer wäre. Für mich ist es wichtig, dass am Ende die persönliche Ansprache auftaucht, es sich nicht mit einer Botschaft an "die Menschen" richtet. Sonst ginge mir auch das vertraute Augenzwinkern und das Weiche daran verloren.

o.T.
Ich habe mir mal vorgenommen, Liebesgedichte, in denen der oder die Geliebte mit du angeredet wird, nicht mehr zu kommentieren. Grund: Da entsteht ein intimer Dialog, der mich nichts angeht.
Schade, weil du da denke ich ganz viel ausgrenzt an schriftstellerischer Möglichkeit etwas sichtbar und spürbar werden zu lassen. Der Grund kann zutreffen, sollte er aber nicht. Auch eine (Schein)distanzierung mit "sie/er-Konstruktion" ändert an dieser Problematik für mich wenig, beides kann für mich aufgehen, oder eben auch nicht.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Peter

Beitragvon Peter » 01.01.2011, 20:02

Liebe Lisa,

das finde ich fein aufgespürt, diese Balance zwischen Erhobenheit und Augenhöhe. Vielen Dank dafür! Mir war diese Art einer Sprachwendung, wie sie die Ode ist, selbst gar nicht recht bewusst.

Lieber Max,

dass das "sie" sich übergängig darstellt bzw. bezüglich schwankend:-) hab ich eigentlich bewusst gesetzt, da ich oft auf diesen Wandel einer Metapher hinauswill. Eine Konfitüre, die das Haupt schmückt, ist mir selbst dabei kein fremdes Bild:-)

Das "o ja" zuletzt bricht die Haltung des Textes/ Gedichtes, das seh ich ebenso. Flora beschreibt das schön:

Flora hat geschrieben:es trägt etwas ins Leichte. "O ja" :)


würde ich dann auch eher selbst auf diese Weise sehen, zum Ausklang, ins Epiloghafte.

Hallo Flora,

am liebsten wäre es mir selbst, wenn sich das alles vereinen würde, also dass es zum einen ein Gespräch wäre, durchaus mit einem Du, aber dann auch in der Erweiterung, dass das "sie" zur Liebe selbst würde. Wäre dann das, auf was ich im Schreiben hintrachte.

Den ironischen Aspekt versteh ich gut:-)

Hallo Quoth,

freut mich, dich hier zu lesen!

Ein "t" am "lass" anzufügen, wäre mir zuviel Wendung, zuviel Umkreis, der (für mich) nicht im Ton des Gedichtes liegt. (Aber vielleicht steht es ja im Weißen da ...)

Das "Mit" schreib ich dann klein, war ein Vertipper.


Danke für eure Kommentare und liebe Grüße ins neue Jahr,
Peter


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