Arne: Winter
Ich fand im winterlich entlaubten Busch ein Nest,
darin die Jungen noch, nun längst erfroren, lagen.
Sie schienen wie betropft von einem Farbenrest,
von Hunger überrollt und Parasitenplagen.
Zum Gartenschuppen führt ein Weg durchs Kompostbeet,
den bin ich langstolziert, der Küken im Holunder
gedenkend, schlüpfte dann durch faserdürres Reet
und wusste im Voraus: Es gibt kein Rückkehrwunder.
Sind sie, die ich dort ließ zurück, erfroren nicht
an meines Herzens Frost, der ihnen Kraft entzog,
bin ich ihr Mörder nicht und aller Hoffnung bar?
Am Jahresende hält Blei übers Glück Gericht,
mir winkt wohl keines mehr, da es nach Süden flog,
zwei Groschen rollen mit Geklirr ins neue Jahr.
Variation auf Arnes "Winter"
Hallo, Ferdi,
Deinem Adlerauge entgeht mal wieder nichts - erstens, dass es diesen Text überhaupt gibt, zweitens, dass er Mängel hat. Freilich muss ich sie zunächst mal verteidigen. Von Hunger im Sinne einer Hungerkatastrophe kann man, finde ich, durchaus "überrollt" werden, vor allem wenn sie mit Tod endet. In Vers 8 sehe ich kein Problem - oder betonst Du "voraus" auf der ersten Silbe? Und dass das schwere Blei auf eine "Senkungsposition" gehört, die es damit fast versenkt, scheint mir auf paradoxe Weise evident!
Da en passant im Hexameterfaden auch der Alexandriner abgehandelt wird, hab ich ihn hier mal eingesetzt (er war im Barocksonett ja die Regel), habe mich in der Reimfolge aber nicht an Gryphius und Hoffmannswaldau gehalten.
Und die Ästhetik des Flickenteppichs dürfte Dir kaum völlig fremd sein, weshalb ich auch darin keine Abwertung erkenne.
Mit Dank für Befassung
Quoth
Hier ein anderes Sextett (allerdings mit Couplet am Schluss):
Sind sie, die ich dort ließ zurück, erfroren nicht
an meines Herzens Frost, der ihnen Kraft entzog?
Sie halten über mich gefroren steif Gericht,
der ich um Lebenslust und Zukunft sie betrog.
Bin ich ihr Mörder nicht und aller Hoffnung bar?
Zwei Groschen rollen mit Geklirr ins neue Jahr.
Deinem Adlerauge entgeht mal wieder nichts - erstens, dass es diesen Text überhaupt gibt, zweitens, dass er Mängel hat. Freilich muss ich sie zunächst mal verteidigen. Von Hunger im Sinne einer Hungerkatastrophe kann man, finde ich, durchaus "überrollt" werden, vor allem wenn sie mit Tod endet. In Vers 8 sehe ich kein Problem - oder betonst Du "voraus" auf der ersten Silbe? Und dass das schwere Blei auf eine "Senkungsposition" gehört, die es damit fast versenkt, scheint mir auf paradoxe Weise evident!
Da en passant im Hexameterfaden auch der Alexandriner abgehandelt wird, hab ich ihn hier mal eingesetzt (er war im Barocksonett ja die Regel), habe mich in der Reimfolge aber nicht an Gryphius und Hoffmannswaldau gehalten.
Und die Ästhetik des Flickenteppichs dürfte Dir kaum völlig fremd sein, weshalb ich auch darin keine Abwertung erkenne.
Mit Dank für Befassung
Quoth
Hier ein anderes Sextett (allerdings mit Couplet am Schluss):
Sind sie, die ich dort ließ zurück, erfroren nicht
an meines Herzens Frost, der ihnen Kraft entzog?
Sie halten über mich gefroren steif Gericht,
der ich um Lebenslust und Zukunft sie betrog.
Bin ich ihr Mörder nicht und aller Hoffnung bar?
Zwei Groschen rollen mit Geklirr ins neue Jahr.
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.
Hallo Ferdi,
manchmal bist Du wirklich päpstlicher als der Papst! An allen |Stellen (siehe unten), also an 9 von 14, finden sich eindeutige Sinnzäsuren, etliche durch ein Komma formal bestätigt, an den /Stellen mögen es bloße "Wortgrenzen" sein, ein alexandrinisches leichtes Verharren schadet aber auch an diesen Stellen dem Vers in keiner Weise. In dem von Dir verlinkten Faden hast Du auf das "Epischerwerden" eines Textes hingewiesen als Rechtfertigung für das Verschleifen der Zäsur; vielleicht kannst Du mir das hier zugute halten.
Die Reimfolge im Sonett ist für mich komplett disponibel; abba-Folgen mag ich nicht, weil sie über den dazwischen liegenden Reim nicht wirklich hinwegklingen im Deutschen; nicht ohne Grund verzichtet auch das englische sonnet komplett auf diese Spreizung. Das gilt nicht ganz so stark für die abca-Folge, weil da kein dazwischenliegender Reim das Harmoniebedürfnis bereits zufriedenstellt.
Ich bin ein Eklektiker und bekenne mich dazu; was mir gefällt, nehme ich mir, was mir nicht gefällt, das meide ich. Eine Form nur um ihrer selbst willen sklavisch nachzuahmen, liegt mir nicht - bei allem Respekt vor ihrer literarhistorischen Gewordenheit und Würde. Hierzu gehören auch die bewusst eingebauten "Rhythmushoppler". Ein perfekt durchgebauter Rhythmus hat immer was Monotones, meine Hoppler sind Aufwecker sowohl für den Hörer wie für den (Vor)Leser, soll er eine Lösung finden, wie er ein unbetontes Blei rezitiert!
Es soll irgendwann einen Streit unter Bildhauern gegeben haben, ob die glatt polierte Marmoroberfläche oder die, die den Meißel und die Raspel noch erkennen lässt, das ästhetische Ideal sei. Ich wüsste, auf welcher Seite ich stünde in diesem Streit!
Gruß
Quoth
Ich fand im winterlich/ entlaubten Busch ein Nest,
darin die Jungen noch,| nun längst erfroren, lagen.
Sie schienen wie betropft| von einem Farbenrest,
von Hunger überrollt| und Parasitenplagen.
Zum Gartenschuppen führt/ ein Weg durchs Kompostbeet,
den bin ich langstolziert,| der Küken im Holunder
gedenkend, schlüpfte dann| durch faserdürres Reet
und wusste im Voraus:| Es gibt kein Rückkehrwunder.
Sind sie, die ich dort ließ/ zurück, erfroren nicht
an meines Herzens Frost,| der ihnen Kraft entzog,
bin ich ihr Mörder nicht| und aller Hoffnung bar?
Am Jahresende hält/ Blei übers Glück Gericht,
mir winkt wohl keines mehr,| da es nach Süden flog,
zwei Groschen rollen mit/ Geklirr ins neue Jahr.
manchmal bist Du wirklich päpstlicher als der Papst! An allen |Stellen (siehe unten), also an 9 von 14, finden sich eindeutige Sinnzäsuren, etliche durch ein Komma formal bestätigt, an den /Stellen mögen es bloße "Wortgrenzen" sein, ein alexandrinisches leichtes Verharren schadet aber auch an diesen Stellen dem Vers in keiner Weise. In dem von Dir verlinkten Faden hast Du auf das "Epischerwerden" eines Textes hingewiesen als Rechtfertigung für das Verschleifen der Zäsur; vielleicht kannst Du mir das hier zugute halten.
Die Reimfolge im Sonett ist für mich komplett disponibel; abba-Folgen mag ich nicht, weil sie über den dazwischen liegenden Reim nicht wirklich hinwegklingen im Deutschen; nicht ohne Grund verzichtet auch das englische sonnet komplett auf diese Spreizung. Das gilt nicht ganz so stark für die abca-Folge, weil da kein dazwischenliegender Reim das Harmoniebedürfnis bereits zufriedenstellt.
Ich bin ein Eklektiker und bekenne mich dazu; was mir gefällt, nehme ich mir, was mir nicht gefällt, das meide ich. Eine Form nur um ihrer selbst willen sklavisch nachzuahmen, liegt mir nicht - bei allem Respekt vor ihrer literarhistorischen Gewordenheit und Würde. Hierzu gehören auch die bewusst eingebauten "Rhythmushoppler". Ein perfekt durchgebauter Rhythmus hat immer was Monotones, meine Hoppler sind Aufwecker sowohl für den Hörer wie für den (Vor)Leser, soll er eine Lösung finden, wie er ein unbetontes Blei rezitiert!
Es soll irgendwann einen Streit unter Bildhauern gegeben haben, ob die glatt polierte Marmoroberfläche oder die, die den Meißel und die Raspel noch erkennen lässt, das ästhetische Ideal sei. Ich wüsste, auf welcher Seite ich stünde in diesem Streit!
Gruß
Quoth
Ich fand im winterlich/ entlaubten Busch ein Nest,
darin die Jungen noch,| nun längst erfroren, lagen.
Sie schienen wie betropft| von einem Farbenrest,
von Hunger überrollt| und Parasitenplagen.
Zum Gartenschuppen führt/ ein Weg durchs Kompostbeet,
den bin ich langstolziert,| der Küken im Holunder
gedenkend, schlüpfte dann| durch faserdürres Reet
und wusste im Voraus:| Es gibt kein Rückkehrwunder.
Sind sie, die ich dort ließ/ zurück, erfroren nicht
an meines Herzens Frost,| der ihnen Kraft entzog,
bin ich ihr Mörder nicht| und aller Hoffnung bar?
Am Jahresende hält/ Blei übers Glück Gericht,
mir winkt wohl keines mehr,| da es nach Süden flog,
zwei Groschen rollen mit/ Geklirr ins neue Jahr.
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.
Hallo Quoth!
Entschuldige, dass ich über Themen geschrieben habe, die dir offensichtlich nicht nur nicht wichtig, sondern sogar lästig sind. Selbstverständlich lösche ich meine Beiträge sofort; und vielleicht löscht sie ja sogar ein Mod ganz, dann ist dein Werk wieder im Zustand der kommentatorischen Jungfräulichkeit. Ich werde mich bemühen, mich in Bezug auf deine Texte in Zukunft zurückzuhalten.
Ferdigruß!
Entschuldige, dass ich über Themen geschrieben habe, die dir offensichtlich nicht nur nicht wichtig, sondern sogar lästig sind. Selbstverständlich lösche ich meine Beiträge sofort; und vielleicht löscht sie ja sogar ein Mod ganz, dann ist dein Werk wieder im Zustand der kommentatorischen Jungfräulichkeit. Ich werde mich bemühen, mich in Bezug auf deine Texte in Zukunft zurückzuhalten.
Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)
Hallo, Ferdi,
was für ein Unsinn! Du weißt, wie sehr ich Dein tiefgründiges Kennen der Verslehre schätze! Ich habe in diesem Punkt schon eine Menge von Dir gelernt und bitte Dich weiter um Deine immer interessanten und oft erfreulich humoristisch gehaltenen Kommentare!
Anders bin ich einfach in einem Punkt: Für mich hat die "klassische Verslehre" nicht die normative Verbindlichkeit wie für Dich! Ich bleibe zu ihr auf Distanz - auf jeden Fall, wenn ich was Eigenes schreibe. Eine andere Sache ist: Wenn ich was übersetze.
Es gibt die schöne Regel: Regeln darf man erst verletzen und vernachlässigen, wenn man sie beherrscht. Das Merkwürdige ist nur, dass die, die sie perfekt beherrschen (Beispiel für mich: von Platen), sie dann auch nicht mehr verletzen mögen, sondern nur noch ihre Beherrschung vorzeigen wollen - und Epigonen werden.
Ein lebendiger, selektiver, alles auf seine Brauchbarkeit für mich prüfender Umgang mit dem Tradierten, das ist es, was ich anstrebe.
Deine Kommentare sind mir immer lieb und wert, Deine eigenen Produkte haben immer Witz und Geist - aber die Freiheit, nur das anzunehmen, was ich gut finde, und anderes zu verwerfen, lasse ich mir nicht nehmen.
Also nichts von wegen löschen! Du hast diesen Faden doch erst interessant gemacht!
Herzlichen Gruß
Quoth
was für ein Unsinn! Du weißt, wie sehr ich Dein tiefgründiges Kennen der Verslehre schätze! Ich habe in diesem Punkt schon eine Menge von Dir gelernt und bitte Dich weiter um Deine immer interessanten und oft erfreulich humoristisch gehaltenen Kommentare!
Anders bin ich einfach in einem Punkt: Für mich hat die "klassische Verslehre" nicht die normative Verbindlichkeit wie für Dich! Ich bleibe zu ihr auf Distanz - auf jeden Fall, wenn ich was Eigenes schreibe. Eine andere Sache ist: Wenn ich was übersetze.
Es gibt die schöne Regel: Regeln darf man erst verletzen und vernachlässigen, wenn man sie beherrscht. Das Merkwürdige ist nur, dass die, die sie perfekt beherrschen (Beispiel für mich: von Platen), sie dann auch nicht mehr verletzen mögen, sondern nur noch ihre Beherrschung vorzeigen wollen - und Epigonen werden.
Ein lebendiger, selektiver, alles auf seine Brauchbarkeit für mich prüfender Umgang mit dem Tradierten, das ist es, was ich anstrebe.
Deine Kommentare sind mir immer lieb und wert, Deine eigenen Produkte haben immer Witz und Geist - aber die Freiheit, nur das anzunehmen, was ich gut finde, und anderes zu verwerfen, lasse ich mir nicht nehmen.
Also nichts von wegen löschen! Du hast diesen Faden doch erst interessant gemacht!
Herzlichen Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.
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