Großvater erzählt

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Quoth
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Beitragvon Quoth » 19.11.2010, 19:28

Großvater erzählt
(revidierte Version mit Dank an fenestra und Ferdi)

Auf dem Tank alle Plätze belegt.
Kein Morphium mehr
im Verbandskasten.
Aber noch sechs Schuss
in meiner Luger.
„Fünf sind doch auch genug,“
murmelte Meier-Glücksburg.
Sollte ich ihn
innerlich verbluten
oder qualvoll erfrieren lassen?
Mir blieb keine Wahl.
Sein tapferes Lächeln
sucht mich heim
seit über 60 Jahren.

Erste Version
(Der ehemalige Truppenarzt erinnert sich
an den Rückzug aus der Kalmückensteppe)

Auf dem Tank alle Plätze belegt.
Kein Morphium mehr
im Verbandskasten.
Aber noch sechs Schuss
in meiner Luger.
„Fünf sind doch auch genug!“,
murmelte Meier/Glücksburg.
Sollte ich ihn qualvoll
innerlich verbluten
und/oder erfrieren lassen?
Mir blieb keine Wahl.
Sein tapferes Lächeln
sucht mich heim
seit über 60 Jahren.
Zuletzt geändert von Quoth am 25.11.2010, 22:21, insgesamt 1-mal geändert.
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 20.11.2010, 13:52

irgendwie habe ich so ein seltsames gefühl, dass ich eigentlich nicht das notwendige rüstzeug habe, um dieses gedicht zu beurteilen, aber ich traue mich einfach trotzdem.

mir fällt dazu ein, dass ich gestern eine veranstaltung besucht habe, bei der es um emotionen in literatur und film ging. bei diesem gedicht geht es ja auch um emotionen. also um die frage, wie weckt man emotionen, wie beschreibt man emotionen. und das ist mein ansatzpunkt. also der punkt von dem aus ich das gedicht lese, beurteile, wirken lasse.

ich weiß nicht, ob die in klammern gesetzte vorangestellte "erklärung" wirklich notwendig ist. sie stört mich nicht, aber ich finde sie entbehrlich.
was dann folgt ist zunächst eine sehr nüchterne beschreibung, dessen was war, eine aufzählung der fakten, ein gespräch.

Quoth hat geschrieben:
Sollte ich ihn qualvoll
innerlich verbluten
und/oder erfrieren lassen?
Mir blieb keine Wahl.
Sein tapferes Lächeln
sucht mich heim
seit über 60 Jahren.


dann diese frage, die mir sehr gefühlsgeladen erscheint, auf einmal sind hier ganz viele adjektive "qualvoll innerlich" und dann in der nächsten zeile der kontrast "und/oder" ... also das empfinde ich fast als eigenkommentar. ich weiß nicht, ob du das so intentiert hast, ob das bewusst gesetzt ist, aber ich finde es außerordentlich spannend, weil es tatsächlich eine spannung aufbaut, weil es sich liest, wie ein kommentar des sich erinnerenden...

die "auflösung", wenn ich das mal so nennen darf, das tapfere lächeln, das den sprecher heimsucht, seit über 60 jahren, entäuscht mich ein wenig, weil ich da nichts mehr spüre von der spannung, nichts mehr vom versuch sich zu rechtfertigen, aber auch keine echte resignation. ich weiß nicht, ob ich erklären kann, was genau ich damit meine.
gestern in der diskussion hat katharina hacker über ein kapitel, eine szene gesagt, sie habe dort versucht, den widerstand gegen das zu schreibende, also das, was beschrieben werden sollte, deutlich werden zu lassen, d.h. man schreibt etwas, von dem man nicht will, dass es geschieht. und diesen widerstand wollte sie spürbar machen. ja, und ich denke, so etwas fände ich diesem erzähler angemessen. so etwas unterstelle ich ihm beim erinnern, jedes mal, wenn ihn das tapfere lächeln des anderen heimsucht.

ach ja, und der titel: das ist ein schöner bruch, erwartungsbruch, ich habe schon irgendwie eine gemütliche großvatergeschichte erwartet, etwas erbauliches für die enkel und dann kommt diese lebenserinnerung, diese sehr lebendige erinnerung...
so weit erst mal. bin gespannt, was hier noch gesagt werden wird.

Quoth
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Beitragvon Quoth » 20.11.2010, 16:16

Hallo, Xanthippe,
ich kenne mich in dieser verknappenden Schreibweise nur wenig aus, habe es doch mal riskiert. Eigentlich ist der Text eine Antwort auf die Schlussfrage in scarletts "Großväter": "Was hätten sie mir wohl erzählt?" Mir kam dabei der Gedanke, dass insbesondere ein Großvater, der Truppenarzt war, wohl auch Geschichten zu erzählen gehabt hätte, die man nicht gern gehört hätte - wie diese, die ich von einem früheren Wehrmachtsarzt habe.
Vielen Dank für Dein erstes - sehr vorsichtiges - Herantasten!
Gruß
Quoth
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Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 20.11.2010, 17:07

ja, ich habe das im nachhinein gesehen, dass sich dieses gedicht eventuell beziehen könnte, auf das von scarlett. allerdings verstehe ich nicht deinen ersten satz. was meinst du mit der "verknappenden sichtweise"? meinst du dein eigenes gedicht damit?
es geht um geschichten, die andere vielleicht nicht gern gehört hätten, aber doch auch darum, wie schwer es ist sie zu erzählen, oder? das wäre zumindest für mich ein weiterer, sehr interessanter und wichtiger aspekt.
vorsichtig ist eine nette umschreibung für unsicher. ;-)

Quoth
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Beitragvon Quoth » 22.11.2010, 22:41

Hallo, Xanthippe,
mit "verknappender Schreibweise" meine ich das Schreiben in kurz umgebrochenen Zeilen, bei denen alles so verknappt wie möglich ausgedrückt werden muss, und auch wenn man glaubt, das sei gelungen, wird bestimmt sofort von der wohlwollenden Kritik mit der Kürzungsschere geklappert - im Namen des "Verdichtens" - das mit "Dichten" etymologisch m.W. nichts zu tun hat, dieses ist mit lat. "dictare" - diktieren verwandt.
Vielleicht werde ich die Geschichte einer Tötung auf Verlangen durch einen Arzt unter Kriegsbedingungen noch einmal anders erzählen - die Nähe von Scarletts "Großväter" hat es mich so versuchen lassen.
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

scarlett

Beitragvon scarlett » 23.11.2010, 11:05

hallo quoth,


ich finde das in seiner verknappung sehr wirkungsvoll.
und den gegensatz, der sich damit zum titel auftut.
das birgt schon eine erhebliche spannung.
und ich empfinde das auch durch den schluss eigentlich nicht aufgehoben, dieses heimgesucht werden von einem lächlen über einen so langen zeitraum hinweg; li muss dieses lächeln und das wissen darum, was sich damit verbindet, für immer ertragen - und DAS kommt m m nach schon einer zerreißprobe nah.
aus der sicht des menschen UND des arztes erstrecht, der ja für immer an den hippokratischen eid gebunden ist (ich gehe mal davon aus, dass jeder arzt, der das wirklich und wahrhaftig ist, das nie vergessen kann). selbst unter widrigsten umständen, unter menschenunwürdigsten verhältnissen- muss es grauenhaft sein, nicht helfen zu können, nicht das tun zu können, wozu man sich einmal verschriieben hat.

und ich weiß nicht, ob ich es tatsächlich wissen möchte, welche qualen auch mein großvater als arzt in krieg ausstehen musste, welche handlungen er begehen musste, weil er nicht anders konnte ... nein, die vorstellungskraft allein reicht mir da schon, ich muss es nicht wirklich wissen. oder vielleicht doch?

mich beschäftigt schon die frage, wie er danach weiterleben konnte mit all diesen erfahrungen. welches lächeln ihn wohl heimgesucht haben mag, als er wieder in der "normalität" angekommen war.

ich finde deinen text gelungen!

lg
scarlett

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 23.11.2010, 11:17

Hallo Quoth!

Eigentlich würde ich mir das Gedicht eher länger als kürzer wünschen. Na ja, bis auf eine Srelle: Wenn jemand murmelt, sollte seine Aussage doch nicht mit einem Rufzeichen schließen?!

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 23.11.2010, 17:34

Hallo, Quoth,

ich komme hier gar nicht mehr nach, habe gerade so wenig Zeit und der Salon sprudelt förmlich von Kreativität!

Dies Gedicht ist mir sehr nah gegangen, weil ich in letzter Zeit oft darüber nachdenke, was unser Opa wohl erlebt hat. Damals, als er erzählen wollte, war ich nicht bereit, es war zu schrecklich und Mutter sagte immer, sie wolle die Kriegsgeschichten nicht mehr hören. Jetzt möchte ich wissen, wie es ihm ergangen ist an der Front, in der Kriegsgefangenschaft. Ich muss mal nach Literatur von Augenzeugen forschen.

Die Szene, die dein Text schildert, ist knapp und sagt aber alles Wesentliche, beschwört die furchtbare Lage, in der sich viele damals wohl befanden, sehr wirkungsvoll herauf, weil alles sachlich beim Namen genannt wird. Zwar weiß ich nicht, was es bedeutet, dass "auf dem Tank alle Plätze belegt" sind (ist es da warm? wird der Tank zum Lazarett gebracht?), aber den Rest verstehe ich und das reicht mir.

Was ich stilistisch gar nicht mag, sind die Klammern um den Titel und die beiden Schrägstriche im Text. Ist das ein Herr Meier aus Glücksburg? Vielleicht einfach Meier-Glücksburg?
und/oder könnte man einfach weglassen, z.B. so:

Sollte ich ihn
innerlich verbluten,
qualvoll erfrieren lassen?

oder

Sollte ich ihn qualvoll
innerlich verbluten
und dabei noch erfrieren lassen?

Es ist doch ein (innerer?) Monolog des Truppenarztes, der sagt sicher nicht "und/oder". Auch beim lauten Vortrag stelle ich mir das schwierig vor, weil man den Schrägstrich dann nicht vor sich sieht.

Viele Grüße
fenestra

Quoth
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Beitragvon Quoth » 24.11.2010, 09:40

Hallo, Scarlett,
schön, dass Du hergefunden hast. Ja, man ist solchen Geschichten gegenüber in einem Zwiespalt, sind sie doch durchaus auch imstande, das Andenken an einen Menschen zu verändern. Aber da bei Dir von einem Truppenarzt die Rede war, dachte ich, könnte ich diese Erinnerung eines anderen Truppenarztes mal beisteuern. Und dass meine Kurzzeilen Dir zusagen, freut mich besonders.

Hallo, Ferdi,
ja, das Ausrufungszeichen nehm ich weg. Aber verlängern werd ich den Text vorerst nicht, er scheint ja auch so "anzukommen".

Liebe fenestra,
freue mich, dass auch bei Dir der Text angekommen ist. Mit "Tank" meinte mein (inzwischen verstorbener) Gewährsmann den Panzer, mit dem sich nicht nur die Besatzung zurückziehen wollte, sondern der auch einziges Transportmittel für die Verwundeten war, die auf die Panzerung gelegt wurden.
Ich schreibe eher "Lesegedichte", während für Dich das Vorlesen im Vordergrund steht. Sollte ich diesen Text mal "vertonen", werde ich Deine Vorschläge gerne umsetzen.
Gruß
Quoth
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fenestra
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Beitragvon fenestra » 25.11.2010, 20:01

Lieber Quoth,

es ging mir nicht vorrangig um die Vorlesetauglichkeit des Textes. Der Text liest sich (auch wenn man ihn nicht laut liest) wie ein mündlicher Bericht oder ein Selbstgespräch: "Sollte ich ihn ...? Mir blieb keine Wahl."
Und niemand sagt - auch nicht zu sich selbst - und/oder. Oder? Mich stört diese Stelle doch recht stark in diesem kurzen Text.

Beharrliche Grüße ;)
fenestra

Quoth
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Beitragvon Quoth » 25.11.2010, 22:23

Liebe fenestra,
hab es revidiert.
Mit Dank für Beharrlichkeit -
Quoth
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