anvasius

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Niko

Beitragvon Niko » 31.10.2010, 14:58




anvasius


die triplexität der konglomerate
ein konvolut invulsiver diagnostik

wer erkennt in der similität der faksimile
das tryptichon der malformationen

erfindungen sind vaskulär
die manometrischen gedanken bleiben
kommunikativ kohaerent

dies alles ist minimalistisch
fundamentalistisch und
suggestive sukzession

Quoth
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Beitragvon Quoth » 01.11.2010, 06:38

Lieber Niko,
könntest Du so nett sein, mir das mal zu übersetzen?
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

keinsilbig

Beitragvon keinsilbig » 01.11.2010, 10:23

ein äußerst spannendes experiment, wie ich finde, Niko!


es hat mich auch wieder einmal (sehr spielerisch) dazu gebracht, zu überprüfen, ob ich im gebrauch der hier anklingenden fremdwörter und fachbegriffe einigermaßen sattelfest und korrekt unterwegs bin. dazu habe ich bei den meisten (zur selbst-kontrolle und dort, wo ich mir so gar nicht sicher war) wiki bemüht und ein kleines wörterbuch zusammengestellt als "übersetzungshilfe":

Triplexität, eine "Dreifachheit in Zusammenhang und Wirkung", ev. auch gemeint im Sinne der aristotelischen Dreiteilung »Substanz-Form- Entelechie
(Entelechie (entelecheia) = die Eigenschaft von etwas, sein Ziel (Telos) in sich selbst zu haben)

Konglomerat = Gemisch, conglomerare = lat. zusammenballen

Konvolut = Bündel von Schriftstücken, (medizinisch:) Verwachsung

invulsiv = meiner Deutung nach ein Neologismus, vermutlich eine Kombination von invasiv (aus der Medizin, "eindringend", "eingreifend")und vulnus, die Wunde, oder vulnere = verwunden

Similität = Kunstwort für "Gleichheit" (äußerliche?)

Faksimile = eine originalgetreue Kopie bzw. Reproduktion einer Vorlage, häufig eines historisch wertvollen Dokuments. Falls das Original zu wertvoll ist, um ausgestellt zu werden, oder gar verloren ist, bietet ein Faksimile die Möglichkeit, ein historisch bedeutendes Dokument der Öffentlichkeit und der Forschung zugänglich zu machen.)

Triptychon = ein dreiteiliges Gemälde oder Bildwerk

Malformation = Fehlbildung

vaskulär = auf Blut(gefäßliches) bezogen

Manometrie = die physikalische Druckmessung mittels eines Manometer s in einem abgeschlossenem Raum.

kohaerent = lat. cohaerere „zusammenhängen“


das "verunsichern" des lesers (genauer gesagt meiner person beim lesen - ich kann ja nur für mich sprechen *gg) durch das spiel mit wörtern auf basis tatsächlich existierender fachvokabel und tatsächlichen fachbegriffen, durch diese durchmischung mit neologismen, die dennoch an vertrautes anstoßen und somit assoziativ wirken und quasi eine eigene bedeutungsebene erzeugen, die "gefühlsmäßig" oder "intuitiv" neben dem verstandesmäßig konkreten erfassungsprozess ablaufen, fühlt sich für mich sehr spannend und verspielt an.

so, als würde ich einem zauber-straßenkünstler bei seinen gaukler-tricks zusehen, die mich so ein wenig wohltuend "irritieren", in staunen und grübeln versetzen zugleich. verzaubern, wenn man es so nennen möchte. etwas, das ich durchaus auch bei guten straßenzauberkünstlern als sehr "poetisch" empfinde.

da ist etwas, das man meint fassen zu können, wenn man nur genügend aufpasst und sich konzentriert. zugleich aber ahnt man, dass einem genau das gar nicht gelingen soll (und auch nie völlig wird). und letztlich möchte man das auch nicht, denn damit wäre der (durch seine unerklärlichkeit wirkende) zauber ja dahin. und der text "entzaubert", würde man dem, was man da meint "zu erkennen", weiter auf den grund gehen.

aber das macht die beschäftigung damit nicht weniger unterhaltsam, spannend und anregend. wie gute zauberei es eben vermag.

lediglich der titel "frustriert" mich - ich gebs zu. da komm ich noch nicht mal einer ahnung auf die spur und würde mir etwas "greifbareres" wünschen (natürlich nichts ZU greifbares) *schiefgrins.


eine "suggestive sukzession", der ich selbst gerne gefolgt bin (bzw. deren spuren ich aufzuspüren versucht habe *gg).
sehr sehr gern gelesen und nachgeforscht!


lieber gruß,

keinsilbig

aram
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Beitragvon aram » 01.11.2010, 11:12

lieber niko,

der titel hat gefallen und neugierig gemacht!

am text selbst steige ich nicht tiefer in die bedeutungen und aussagen ein, was sicher möglich wäre - dazu fehlt mir der eindruck einer gewichtung oder bewegung im text - sicher kann es interessant sein (und erinnert mich an manche texte der fünfzigerjahre) einen text so 'poesiefrei' wie möglich zu verfassen und zu schauen, was dabei passiert, ob sich z.b. eine 'poetische wirkung' nicht auf andere weise geradezu zwangsläufig herausstellt (einige schöne beispiele bietet etwa hilde domins sammlung 'doppelinterpretationen') - in gewisser hinsicht ist das gar nicht so leicht und kaum ohne 'tricks' zu bewerkstelligen; in diesem fall liegt er in der distanzierenden wirkung der 'fremdwörter' und ihrer möglicherweise 'bedeutungsschwangeren' wirkung, der man an diesem beispiel wie einem vexierbild zwischen nachgehen ('nachforschen') (eher keinsilbigs ansatz) oder sie unerklärt wirken zu lassen (eher mein ansatz) erliegen könnte.

der interpretationswege sind dann unzählige; selbst eine zerstörte sonettform ließe sich assozieren, u.s.f. - mich macht die strophenform eher 'misstrauisch', sie scheint mir ein überbleibsel auf dem weg zu einer sprachlosen ballung aus sprache, die gleichzeitig auch bei bedarf lesbare aussage(N) trägt, und auf diese weise etwas über die beschaffenheit von sprach-erfassung und bedeutungserkennen zeigt. - z.b. (neben anderen) eine illustration der watzlawickschen erkenntnis, dass es unmöglich ist, nicht zu kommunizieren; egal ob ein text aussage konstituieren lässt oder nicht, sagt er aus, sobald er in einen vorgergebenen bedeutungsrahmen gestellt ist.

in diesem sinn ist am text bemerkenswert, dass er dem leser die wahl lässt, ob er in eine mögliche unmittelbare aussageebene einsteigt, obwohl es (vermutlich) 'klartext' ist, und diese entscheidungsfreiheit des lesers durch keine erkennbare rhythmik oder akzentuierung in dieser entscheidung 'manipuliert'. (auch strophengliederung und umbruch bieten dem leser im vorliegenden fall m.e. kein solches 'incentive') - ist es nun 'interessant' oder 'uninteressant', spricht es 'für' oder 'gegen' den text, dass ein rezipient einen relativ in details gehenden kommentar dazu zu schreiben vemag, ohne sich näher beschäftigt zu haben als 2mal diagonal drüberzulesen und dabei für sekunden auf wirkung zu horchen? - solche entscheidungsfreiheit bleibt hier sogar dem autor!

liebe grüße!
aram

Quoth
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Beitragvon Quoth » 01.11.2010, 18:39

Hallo, keinsilbig,
invulsiv sehe ich auch als Neubildung, aber aus konvulsiv(isch), krampfartig (lat. convello, convelli, convulsus = niederreißen)
Die Überscherift "anvasius" hat den unschätzbaren Vorzug, dass, gibt man sie bei Google ein, die Suchmaschine einzig und allein im Blauen Salon auf diesem Text landet. Bravo! Gar nicht so leicht, so ein Wort zu (er)finden.
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

keinsilbig

Beitragvon keinsilbig » 01.11.2010, 19:09

Quoth hat geschrieben:Hallo, keinsilbig,
invulsiv sehe ich auch als Neubildung, aber aus konvulsiv(isch), krampfartig (lat. convello, convelli, convulsus = niederreißen)


spannend, quoth,


so hab ich es noch nicht gesehen. geht aber auch. und entwickelt ein ähnlich gefühls-starkes "erfassen" beim lesen, ohne dabei "konkret" zu werden. den effekt find ich ausgesprochen toll an diesem text. (den ich übrigens, wie auch aram, nicht "tiefer" würde entschlüsseln oder deuten wollen. daher auch meine ausführungen zum ver- und ent-zaubern...).

Quoth hat geschrieben:Die Überscherift "anvasius" hat den unschätzbaren Vorzug, dass, gibt man sie bei Google ein, die Suchmaschine einzig und allein im Blauen Salon auf diesem Text landet. Bravo! Gar nicht so leicht, so ein Wort zu (er)finden.
Gruß
Quoth


grins, quoth,

wer außer dir und mir hat heute wohl noch "anvasius" gegoogelt? :rolleyes:
(und sich dabei auch noch exakt dasselbe gedacht wie du dabei, als nur dieser eine treffer kam?)

ich find das wort aber auch ungeachtet seiner "einzigartigkeit" nicht unspannend. gerade, weil es sich entzieht UND zugleich doch suggeriert, man könnte doch vielleicht....


ich unterhalte mich jedesmal wieder königlich beim lesen dieses textes, niko!

liebe grüße,

keinsilbig

Niko

Beitragvon Niko » 01.11.2010, 20:47

liebe leute,

ich bin erstaunt, beglückt und geplättet über eure wahnsinnig guten kommentare zu diesem bisschen an text.

ich hatte die idee, einen text zu schreiben, der aussagt, dass er was aussagen will, das auch durch scheinbar kühl überlegte wortwahl (fremdworte wirken oft so) unterstreicht, und dann doch letztendlich opfer seines eigenen dickichts wird. und wir wühlen uns durch den text und wollen verstehen. wäre dieser text ohne "schwellduktus", so würde man schnell sagen: scheiße, ist mir zu blöd, weg damit". aber ich behaupte, dass diese aneinanderkettung von fremdworten, deren zusammenhang sich nicht gleich erschließen lässt, geradezu fasziniert und unter umständen dermaßen anspornt, dass es einen schier wahnsinnig macht.

und bewusst habe ich den titel gewählt. aus genau dem grund, den einige anmerken: "ich habs gegooglet, aber nichts gefunden".

wir neigen immer mehr dazu, alles nicht bekannte zu ergründen. jeden begriff über google erklären zu lassen. und - mir ist das auch schon passiert - nahezu hilflosigkeit, wenn man einen begriff nicht findet bei google!

ich finde, aram und keinsilbig, ihr habt den text so gut durchschaut und beschrieben, dass es nichts mehr großartig hinzuzufügen gibt.

ich danke euch!

liebe grüße: niko

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 03.11.2010, 11:39

Hallo Niko!

Das "Verstehenwollen", von dem du schreibst, ist aber doch nicht ohne Vorbedingungen einfach da. Es bedarf, na sagen wir mal, eines Versprechens und einer Versicherung von Seiten des Unverständlichen her, einer Ahnung bei mir: dass die Mühe, die eine weitere Beschäftigung machen wird, belohnt werden wird. Das sehe ich hier überhaupt nicht, und daher bin ich weder fasziniert noch angespornt, und wahnsinnig macht mich auch nichts; stattdessen ziehe ich, gänzlich unberührt, einfach weiter.

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

Niko

Beitragvon Niko » 03.11.2010, 16:09

schade, ferdi. aber schön, dass du das mitteilst. ich habe so eine reaktion allerdings gleich von anfang an und von jedem befürchtet.

liebe grüße: niko

keinsilbig

Beitragvon keinsilbig » 03.11.2010, 17:26

wieso von jedem, niko?


für manche ist eben der weg (=die beschäftigung) das ziel.
andere brauchen eine in (sichtweite befindliche) aussicht auf "belohnung", um sich überhaupt zu befassen.
die einen suchen etwas, auf das sie sich "einlassen" können.
die anderen etwas, das ihre vorgefassten, konkreten erwartungen erfüllt.

man wird immer entweder kunst für die einen oder die anderen hervorbringen - je nachdem, wie man selbst denkt, die welt und die eigene position darin sieht. nie wird man beide seiten "befriedigen". und muss auch nicht.

deine reaktion macht mich eher traurig, weil ich aus ihr herauslese, dass du den glauben an die existenz der "einen" schon fast verloren hast. es gibt sie. aber sie sind in der minderzahl. zumindest, soweit ich es sehe und in all den jahren der beschäftigung mit kunst, kunstvermittlung, kunstmarkt, rezipientenverhalten, etc.... beobachten konnte. das waren sie schon immer und werden sie immer sein.

doch das ist nicht automatisch etwas "schlechtes", oder?


lieber gruß,

keinsilbig


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