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Lauter Herbst

Verfasst: 25.09.2010, 13:19
von fenestra
Lauter Herbst
die letzten warmen Tage
verwegen rückt die Rasenmäherstaffel aus
im Blätterwirbel eines Rothirschs Klage
ach nein, ein Laubsauger geht röhrend um das Haus

vor lauter Herbst-
verliebtheit steigen Motorflieger
an allen Ampeln heulen heiße Öfen auf
ja, säß ich selbst auf einem, niemand säh mich wieder
doch wer jetzt ohne Krad ist, wartet lange mit dem Kauf

der Herbst spielt Laute
geht der Wind auch leise
Maishäcksler ziehen dröhnend ihre Kreise
und in den Stoppelfeldern sieht man Treiber laufen

vorlauter Herbst
dein Tinnitus macht mich noch taub
ab in die grüne Tonne mit dem Laub
möge das letzte Rascheln bald im Regenguss ersaufen

Verfasst: 25.09.2010, 13:43
von leonie
Liebe fenestra,

das ist toll. Du bist eine Sprachspielerin mit olympischer Reife, finde ich. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll mit loben, das Spiel mit "vor-laut-e-r Herbst", mit der Mehrdeutigekeit von Laut-e-r, die Alliterationen, die Reime, die leise Rilke-Anspielung, der Humor, der Ernst darunter, die Wut darin, für mich ist das ein perfekter Text!

Liebe Grüße

leonie


Inhaltlich finde ich es ein wenig schade, dass der ganze Herbst ersaufen soll, für mich täte es auch der Tod des motorenhaltigen Herbstanteils (grauenhaft, besonders die Laubsauger und -bläser!), das Rascheln und Rauschen würde ich gerne hören, auch den Hirschen, möglichst ohne Tinnitus. :-) .
Aber ich denke, das wäre dann ein anders Gedicht...

Verfasst: 25.09.2010, 21:09
von fenestra
Oh, danke, leonie .... :icon_redface2:

wann findet die nächste Olympiade der Sprachspieler denn statt?

Ich freu mich, dass du die Balance zwischen Humor, Ernst und Wut ausgewogen findest! Ich hatte schon Angst, man würde mir diesen Text als Betroffenheitslyrik vorwerfen ... ich war nämlich gerade wirklich genervt von der Lärmentwicklung.

Klar, beim Schluss schießt das lyrische Ich bewusst übers Ziel hinaus und treibt den Wunsch nach Stille ad absurdum. Selbstverständlich würde man gern das Laub rascheln hören. Aber dann rücken eben wieder die Laubsauger an ...

Liebe Grüße
fenestra

Verfasst: 26.09.2010, 11:02
von Quoth
Liebe fenestra, ich schließe mich Leonies Lob vollinhaltlich an! Die Motorisierung des Herbstes hat seit Rilke immense Fortschritte gemacht, und Du hast den Mut, diese Tatsache in Deinen Text einziehen zu lassen - und dem Bedauern darüber bietest Du Paroli durch herzhaften Trotz.
Die einzige Stelle, an der ich stockte, war bei "dein Tinnitus". Das ist der Tinnitus, an dem der angeredete Herbst selber, in seinem innersten Ohr, leidet, und den Du ja nicht hören kannst! Oder sehe ich das falsch?
Und Häxler würde ich nicht wie Wexler und Drexler schreiben, da er wohl von Zerhacken kommt.
Gruß
Quoth

Verfasst: 26.09.2010, 13:33
von leonie
Hallo Quoth,

ich finde es aber gerade spannend, dass die Motorengeräusche als Tinnitus des Herbstes gedeutet werden, der sich aufs lyrIch überträgt.
Bei eigenen Tinnitussen weiß man im ersten Moment auch nicht, dass sie in einem sind, glaube ich. Man denkt, da pfeift etwas "draußen".

Liebe Grüße

leonie

Verfasst: 26.09.2010, 13:38
von Max
Liebe Fenestra,

was mir an diesem Text sehr gut gefällt, ist, dass er sich selbst nicht bierernst nimmt. Es wird auf den Herbst angespielt, auch an das, was den Herbst zu einer wunderschönen Jahreszeit macht, aber Du verlierst den realen Herbst nicht aus den Augen, und so enthält Dein Gedicht so manches Augenzwinkern und so manchen kritischen Ansatz.

Gerne gelesen.

Liebe Grüße
Max

Verfasst: 26.09.2010, 19:48
von fenestra
Lieber Quoth,

die Bedeutungsverschiebung von "Tinnitus" war mir bewusst, aber wir befinden uns doch immerhin im Herbst! Also hören wir alles, was in ihm vorgeht, oder? Auch seinen Tinnitus.

Das Häckseln wird gleich berichtigt!

Danke für deine ansonsten positive Einschätzung!

Lieber Max,

wenn die Schönheit des Herbstes trotz allem durchblitzt, freut mich das, so war es beabsichtigt!

Besten Dank und viele Grüße
fenestra

Verfasst: 26.09.2010, 20:54
von ferdi
Hallo Fenestra!

Das die Maishäcksler "Kreise" ziehen, finde ich ich seltsam und vom Reim gefordert. Ungereimt würden sie wahrscheinlich zutreffender "Bahnen" ziehen, oder?! Dass du "mög" auf "möge" geändert hast, gefällt mir; ich könnte es mir auch für die anderen Konjunktive denken, vor allem für das "säh". In der letzten Zeile wäre Möge im Regenguss das letzte Rascheln ersaufen ein schöner Hexameter... Schon gut, ich bin still :-)

Ferdigruß!

Verfasst: 27.09.2010, 10:42
von Alma Marie Schneider
Oha, die Laubsauger und Rasenmäher, den Lärm kenne ich auch sehr gut. Ein prima Text mit humorvollen Anklang.

Lieben Gruß
Alma Marie

Verfasst: 28.09.2010, 19:22
von fenestra
Lieber ferdi,

schon richtig, Bahnen wären treffender. Aber Kreise assoziieren kreisende Raubvögel, Kornkreise, einfach schöne Dinge im Herbst, die ja im Hintergrund mitschwingen sollen.

Natürlich könnte man das umbauen:

der Herbst spielt Laute
jeder Baum schwenkt Fahnen
Maishäcksler ziehen dröhnend ihre Bahnen

Dann fehlte mir aber das Wortspiel Laute/leise.

oder so:

der Herbst spielt Laute
geht der Wind auch leise
der Häcksler frisst sich dröhnend satt im Maise

Lieber nicht! Aber vielleicht so:

der Herbst spielt Laute
geht der Wind auch leise
der Maishäcksler zieht dröhnend eine Schneise

Bin mir noch nicht ganz sicher. Vielleicht bleibe ich doch lieber bei den Maiskreisen ...


Liebe Alma Marie,

wir sind uns hier bisher noch nicht begegnet, ich freue mich auf den Austausch mit dir! Schön, dass du den Text magst und nachempfinden kannst.

Viele Grüße
fenestra