botschaft im namenlosen

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Niko

Beitragvon Niko » 20.09.2010, 19:01



botschaft im namenlosen


heute ist unbenannt
nichts fällt
von den lippen
lese ich windgeschütztes

du wringst die stille
zu einem unsichtbaren schrei
wir denken vorwände
in zusammenhänge

und doch
im überschweigen
der mondlosigkeit
schreiben die hände
liebesbriefe



.

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 20.09.2010, 21:12

Niko hat geschrieben:
Niko hat geschrieben:im überschweigen
der mondlosigkeit
schreiben die hände
liebesbriefe



.
Lieber Niko,

wir versuchen hier alle aus der uns bekannten Sprache etwas herauszufiltern. aber gelegentlich geht uns wohl allen der poetische Gaul durch.

Welcher celansche Dämon hat dich hier geritten?

Es kommt bestimmt auf die Haltung des Lesers an .....

ich werde mir Mühe geben, quf deine mMn gelungeneren Gedichte einzugehen

liebe G,
Renée

scarlett

Beitragvon scarlett » 21.09.2010, 10:11

Lieber Niko,

selbst wenn wir schweigen, reden wir.
SO lese ich dein Gedicht.

Wieder ganz tolle Bilder, das Windgeschützte, das von den Lippen abgelesen wird, das Wringen der Stille, das Überschweigen (MannMann, ich könnt ja glatt neidisch werden! :-) ) ...

Für MICH fügt sich das alles ganz wunderbar und ich höre deine Stimme beim Lesen ... wow!

Klasse!

LG
Monika

Niko

Beitragvon Niko » 21.09.2010, 21:07

danke monika......du weißt, wie gut es einem autor tut, wenn er sich verstanden weiß!

hallo renée!
ein wenig verwundert, dass du einerseits den celan´schen dämon mit durchgegangenen poetischen gäulen vergleichst und dann die devote lesehaltung dafür entschuldigend anführst. wenn du die anmerkung so meinst, dann kannst du ruhig dazu stehen. ich bin dir nicht bös drum. mir macht das von dir zitierte viel sinn. es ist mir auch nicht überzogen und gerade an der stelle ist kein gaul mit mir durchgegangen. rede ich mir ein.
ich werde mir Mühe geben, quf deine mMn gelungeneren Gedichte einzugehen
-versteh ich nicht. niemand sollte sich "mühe geben" müssen. entweder man mag etwas sagen, oder man mag nicht. dann kann man es doch auch besser lassen, oder?

rätselgrüße: Niko

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 21.09.2010, 22:37

Lieber Niko,

ich wollte nur sagen, dass das Lesen -auch- von der Tageslaune abhängt. Es gibt Tage, an denen ich für die gestickten Seelendecken der Poesie mehr übrig habe -und selbst eifrig an solchen häkle,

An anderen Tagen ist mir, als zöge jemand mir die Wahrnehmung von Schönheit weg. Du kennst bestimmt die Geschichte vom Teufelsspiegel dessen Splitter Kais Auge für immer böse gemacht hat: was er sieht, ist mit Distanz und Ironie vergittert. So komme ich mir oft vor, wenn ich kommentiere.

Das bedeutet nicht, dass ich zu dem, was ich sage, nicht stehe, sondern, dass ich auch zur Kritik eine Distanz wahre. Das möchte ich vermitteln: dass das Ausgedrückte in einem Kontext steht, der mindestens zur Hälfte nichts mit deinem Gedicht zu tun hat.

Trotzdem dürfte es interessant und von Gewinn sein, sich über die Wirkung dessen, was man schreibt, klar zu werden.

Um auf die Verszeilen deines Gedichts zurück zu kommen, (wie vielleicht gesagt, hatte ich zu dem Zeitpunkt den Leoniefaden nicht gelesen),


im überschweigen
der mondlosigkeit
schreiben die hände
liebesbriefe

- die Hände schreiben Liebesbriefe - gut
aber "im überschweigen?" ich verschweige, schweige über .... gut, eine Wortschöpfung
aber nun im "Überschweigen der Mondlosigkeit"

da frage ich mich, warum Mondlosigkeit - Mondfülle bringt mich eher zum Schweigen, gar zum Überschweigen
im Überschweigen schreiben die Hände Liebesbriefe ... warum tun sie das? warum grade im Üuberschweigen, können sie nicht anders, warum ...

verstehst du, ich stelle mir dann dumme Tertianerfragen, die mich nur noch aus dem Gedicht verjagen

und immer wieder stellt sich mir die Frage der Lyrik: warum, warum, warum ...

so, das war ein Versuch, dir meine zwiespältige Haltung zu verdeutlichen

liebe Grüße
Renée

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Beitragvon Eule » 21.09.2010, 23:16

Nun ja, eigentlich nicht verwunderlich, dass mir als Celan-Leser dieser Text zusagt. Aber es hauptsächlich der Stil, der mich an diesen Autor erinnert - übrigens auch an andere Lyriker/innen. Wortwahl und Inhalte sind zum Glück in ihrer persönlichen und direkten (wenn auch nicht immer offenen) Art überwiegend Niko. Mir gefällts, viele Grüße !
Ein Klang zum Sprachspiel.

scarlett

Beitragvon scarlett » 22.09.2010, 10:22

im überschweigen
der mondlosigkeit

es gibt keinen Mond, nichts leuchtet in die Dunkelheit, darüber reden wir nicht, wir gehen darüber hinweg, tun so, als ob ...

und doch ... schreiben die HÄnde Liebesbriefe, sind wir uns nah, lieben wir uns, selbst in Zeiten, in denen es nicht leuchtet/glänzt

So lese ich das, Renée.

scarlett

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Beitragvon Alma Marie Schneider » 26.09.2010, 18:57

Mir sagen Stil und Bilder zu. Der zweite Vers gefällt mir besonders gut.

Liebe Grüße
Alma Marie
Die Schönheit erklärt man nicht, man empfindet sie (Peter Rosegger).

Niko

Beitragvon Niko » 26.09.2010, 20:23

hallo allerseits!

so sehr celan-lastig finde ich den text gar nicht. das es dennoch an celan erinnert, freut mich ja dann doch, da ich celan natürlich sehr schätze. auch, weil seine art zu schreiben eine sehr spezielle ist. und dies kann ich vergleichend zu meinem text nicht behaupten.

überschweigen - es hat etwas mit assoziationen zu tun, liebe renée. wie du es schon schreibst. im sinne von überwintern, überdauern, eine brücke drüber schlagen - vielleicht eine mischung aus vielem. die mondlosigkeit finde ich hier im kontext völlig in ordnung. ohne mond ist es dunkel. also ein überstehen der dunkelheit, wenn du so willst.
kommt eigendlich rüber, dass das "hände schreiben liebesbriefe" ein -vielleicht zärtliches - händereichen ist?
monika hat das eigendlich ganz textnah erklärt. danke dafür!

schön, alma, dich wieder zu lesen! und ich freue mich nicht nur darüber, sondern auch über deinen kommentar.

liebe grüße: niko

scarlett

Beitragvon scarlett » 30.09.2010, 16:20

Niko. hier kommt alles rüber - zumindest bei mir!

LG
sca

Max

Beitragvon Max » 30.09.2010, 22:30

Lieber Niko,

ich finde die Kritik zum Teil berechtigt, das Gedicht tendiert ein wenig zu großen Worten wie "namenlos", "unbenannt", "unsichtbarer schrei", "mondosigkeit", ohne dass es sich klar auf eine Aussage festlegen wollte (oder ich bin zu doof, eine klare Aussage herauszuarbeiten). Das finde ich (als Hinweis auf die anderen Kommentatoren) nicht Celansch.
Ich empfinde Deine Gedichte manchmal als Drahtseilakt entlang dessen, was sich mit Sprache anstellen lässt - und sie sind diesbezüglich auch ganz einzigartig, ich habe nur den Titel gesehen und hätte jede 10:1 Wette gehalten, dass der text von Dir ist - aber ich habe auch manchmal das Gefühl, dass sich ein text, ein Wort zu mutig vorwagt.

Liebe Grüße
Max

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 01.10.2010, 01:56

lieber Max,
deine Bemerkung sollte ich mir zu Herzen nehmen: nicht celansch
lG
Renée

Niko

Beitragvon Niko » 03.10.2010, 10:53

Ich empfinde Deine Gedichte manchmal als Drahtseilakt entlang dessen, was sich mit Sprache anstellen lässt - und sie sind diesbezüglich auch ganz einzigartig, ich habe nur den Titel gesehen und hätte jede 10:1 Wette gehalten, dass der text von Dir ist - aber ich habe auch manchmal das Gefühl, dass sich ein text, ein Wort zu mutig vorwagt.


ich weiß grad nicht, ob ich das als kompliment oder als kritik sehen soll, max. dass du am titel schon einen niko-text erkennst, werte ich jedenfalls als kompliment. und ebenso den drahtseilakt bin ich geneigt als kompliment zu begreifen. ich finde, dass ja gerade die lyrik dazu anhält, aus worten rauszuholen, was eben geht. und irgendwie neige ich fast auch dazu, das zu mutige vorwagen als kompliment aufzufassen. sicher schieß ich damit mehr als einmal über´s ziel hinaus. aber: ist es das nicht wert? oder andersrum gefragt: was wird aus den gedichten, wenn man sich nicht (zu) mutig vorwagt?sie werden meiner meinung nach immergleich, weil die grenzen abgesteckt sind innen derer ich mich bewege.

das Gedicht tendiert ein wenig zu großen Worten wie "namenlos", "unbenannt", "unsichtbarer schrei", "mondosigkeit", ohne dass es sich klar auf eine Aussage festlegen wollte (oder ich bin zu doof, eine klare Aussage herauszuarbeiten). Das finde ich (als Hinweis auf die anderen Kommentatoren) nicht Celansch.
ich glaube, worte sind dann immer zu groß, wenn sie nicht greifbar sind. da ist es halt die frage, ob ich zu........diffus? unkonkret? zu allgemein oder zu bildlos? schreibe, oder ob das was ich schreibe, oder das "wie ich schreibe" den leser nicht erreicht. und ob es allgemein nicht erreicht oder vereinzelt nicht erreicht (was für mich als verfasser wichtig wäre, zu wissen). und eine "klare aussage" - würde die nicht in der lyrik ebenso bemängelt werden? ist es so, dass die aussage unklar ist, weil sie sich zu sehr dazwischen bewegt? zwischen klarer aussage und zu unklarer aussage? - mir raucht der kopf.....

liebe rauchgrüße: niko


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