ein kinderspiel

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leonie
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Beitragvon leonie » 21.08.2010, 13:01

ein kinderspiel

gott ist tot manchmal sitzt er
in der straßenbahn und
stiert sein spiegelbild an
seine zähne sind ziemlich weiß
vielleicht verwaltet er notstände
und kaut in wolkenkratzern
an nagelhäuten

mittags beschleunigt er
mit fußtritten die welt
manchmal macht er urlaub
im heiligen land oder afghanistan
und abends schaut er zum himmel
wie die wolken einen haken machen
hinter die tage


Erstfassung:

Gott begegnet mir jeden Morgen
im Spiegel auf der Straße
wo er die Welt mit fußtritten
beschleunigt als sei sie
ein kinderspiel
heissa schreien die einen
andere kotzen und lachen dabei
manche lernen fliegen
und abends machen wolken
einen haken hinter den Tag

Klara
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Beitragvon Klara » 21.08.2010, 14:17

Rechtschreibung oder Kleinschreibung oder Absicht?

Niko

Beitragvon Niko » 21.08.2010, 14:32

hallo leo!
die ersten beiden zeilen sind mir noch die stärksten. und das folgende beschleunigen mit fustritten gefällt mir auch diesbezüglich. aber ich finde (und hoffe, du nimmst mir das nicht böse) du bleibst deutlich unter deinen möglichkeiten. kommt mir vor wie ein schnellschuss. vom gedanken her sehr philosophisch, aber dafür für mich (!!!) viel zu platt im sinne von unverdichtet behandelt.

liebe grüße: Niko

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leonie
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Beitragvon leonie » 21.08.2010, 14:44

Liebe Klara,

Absicht, ja, aber ein Versuch...

Lieber Niko,

ich gehe nochmal in mich diesbezüglich...Übel nehme ich Dir gar nichts, ich will doch ehrliche Rückmeldungen!

Danke Euch beiden!

leo

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leonie
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Beitragvon leonie » 21.08.2010, 17:52

Hab es geändert (ziemlich geändert...)

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 26.08.2010, 11:51

Hab es geändert (ziemlich geändert...)


Liebe leonie,

das kann man wohl sagen! Ich habe erst die neue Fassung gelesen, dann die Kommentare, denn die alte Fassung. Das ist wirklich ein Qualitätssprung! Ich glaube, das Überzeugende an der neuen Fassung ist, dass du weitere Bilder suchst, um das Verhalten von "Gott" zu beschreiben, und zwar als ein absolut unwürdiges Verhalten im Gegensatz zu dem, was ihm normalerweise zugeschrieben wird. In der alten Fassung dagegen machst du einen zu großen Sprung von Ursache zu Wirkung, lässt Menschen kotzen usw., nicht besonders originell.

In seiner schlichten lakonischen Art ist das Gedicht natürlich eine Frechheit und das macht den Lesegenuss aus, dieses vom Sockel stoßen - jedenfalls für Leser mit Abstand zum Glauben.

Besonders mag ich die Wolken, die jeden Tag abhaken. Dieses Bild wird mir sicher noch oft in den Sinn kommen, wenn ich den Himmel betrachte.

Liebe Grüße
fenestra

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Zakkinen
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Beitragvon Zakkinen » 26.08.2010, 11:55

Hallo Leonie,

sehr schönes Werk jetzt. Nur die Eröffnung mit "Gott ist tot" mag mir nicht gefallen. Erstens scheint es mir zu platt, plakativ, tausendmal gehört. Zweitens erklärt es zu viel. Könnte ich den Schluss nicht selber ziehen? Obwohl, ich käm wahrscheinlich nicht drauf, da er sich danach gleich sehr lebendig aufführt.

Liebe Grüße
Henkki

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Beitragvon Klara » 26.08.2010, 13:41

Hallo leonie - wow, kraftvoll!

Henkkis Problem mit "Gott ist tot" habe ich auch.
Warum nicht einfach das weglassen und Gott gar nicht benennen?
Das fände ich spannend - fast ein Rätsel - oder tatsächlich ein Rätsel (so wie Gott, wie jedes Kinderspiel - ein Spiel!)

also das wäre dann so:
manchmal sitzt er
in der straßenbahn und
stiert sein spiegelbild an
seine zähne sind ziemlich weiß
vielleicht verwaltet er notstände
und kaut in wolkenkratzern
an nagelhäuten

mittags beschleunigt er
mit fußtritten die welt
manchmal macht er urlaub
im heiligen land oder afghanistan
und abends schaut er zum himmel
wie die wolken einen haken machen
hinter die tage


dann denkt man zuerst, ein Kind, ein Junge sitzt und guckt und macht - aber dann wird er plötzlich größer, ubiquitär, wolkenweit, zeitlos (und es stimmt ja auch gar nicht, das mit dem totsein, nicht für das spielende kind, egal, was es glaubt: dafür hätte er erst leben müssen, um tot zu sein. oder?)

herzlich
klara

Niko

Beitragvon Niko » 26.08.2010, 15:31

finde ich jetzt auch viel dichter, leo. und mit "gott ist tot" ergeht es mir wie klara und henkki. "ist tot" könntest du ersatzlos streichen. diesbezüglich war das in fassung 1 gelungener. aber insgesamt wirklich eine deutliche steigerung. find ich jedenfalls.

lieben gruß: niko

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Beitragvon leonie » 27.08.2010, 11:10

Hallo zusammen,

ich sage schon einmal "Danke". Ich möchte nochmal abwarten, ob es noch andere Lesarten gibt und melde mich dann nochmal.

Liebe Grüße

leonie

Sam

Beitragvon Sam » 27.08.2010, 12:57

Hallo Leonie,

ich finde es immer sehr erfrischend Gedichte zu lesen, die den Ich-Raum verlassen und sich nicht mit bildreicher, wortverspielter Introspektive begnügen. Es entsteht bei mir dann der Eindruck, dass dem Ganzen nicht nur ein Gefühl, sondern vielleicht auch ein Gedanke zugrunde liegt.

Ich kann nicht sagen, welches der beiden Versionen die bessere ist, da es sich für mich um zwei völlig verschiedene Gedichte handelt, die sich mit dem gleichen Thema beschäftigen.

Die Erstfassung, angeführt durch den Titel Kinderspiel, klingt durch seine leicht grimmige Ironie. Da ist Gott ein Spieler, aber nicht von der zynischen, sondern von der kindlichen Sorte. Dem Kind geht es nur um das Spiel an sich, um das unmittelbare Vergnügen an dem, was es gerade macht. Folgen, die das Spiel haben könnte, werden nicht, oder nur ganz selten bedacht. Genauso steht es um Gott, ein naiver Gott, der sich weder um die Folgen seines Spiels, noch um sein Spielzeug schert, solange es nur zum Spielen taugt. Abends verdunkeln die Wolken alles, was er angerichtet hat, der Tag wird abgehakt und morgen geht das Spiel weiter.

Das zweite Gedicht steht unter dem selben Titel, der aber für mich hier nicht mehr passt. Weil die Gottesdarstellung sich verändert hat. Dieser Version fehlt völlig das spielerische Element. Hier wirkt der Gott plötzlich müde, zynisch, überfordert, gelangweilt. Der Tritt gegen die Welt ist keiner aus der Lust am Spiel heraus, sondern eher eine matte oder wütende Geste.Die Urlaube (die ja nur Stundenreisen sind im zeitlichen Kontext) erfolgen scheinbar aus dem selben Grund. Die Folgen seines Handelns werden hier nun völlig ausgeblendet, der Text bleibt ganz bei Gott (obwohl man natürlich genau weiß, was in Afghanistan oder im Nahen Osten alles passiert), der am Schluss gänzlich ohnmächtig erscheint, wenn er die Wolken beobachtet, die den Tag abhaken. Als hätte auch die unbelebte Schöpfung, gleich ihrem Erzeuger, resigniert.
So betrachtet, passt auch der Einstieg mit dem "Gott ist tot", denn in dieser Version ist er es als Gott ja tatsächlich. Er ist nur noch ein hilfloser, nägelkauender Verwalter eines Elends, das er mit seinen wütenden Fusstritten am Laufen hält.

Bemerkenswert auch die Ausschaltung des Ich im zweiten Gedicht. Als wäre der naive, kindlich verspielte Gott noch eher einer, an den man glauben möchte, der einem noch irgendwie begegnet. In der zweiten Version sitzt er schon ganz alleine und innerlich tot in der Straßenbahn.


Gruß

Sam

Trixie

Beitragvon Trixie » 27.08.2010, 13:56

.. um mal bei Sam gleich weiterzumachen: Ich finde das Bild genial, dass Gott der Welt einen Fußtritt verpasst und sie sich dann schneller dreht, wie ein Karussell, und die einen kotzen und die anderen jubeln, vor allem kommt da das kindliche noch mehr raus, denn meistens sitzen ja Kinder im Karussell, also ist Gott quasi so der Außenseiter unter den Kindern oder der große Bruder - richtig stark!!! Das find ich das allerstärkste Bild in beiden Versionen.

Ansonsten, ja, stimmt, es sind zwei unterschiedliche "Gotte", die ich gerne nebeneinander stehen hätte. Sowas wie "Gott I und Gott II" oder "Gott jung und Gott alt" oder so.

Tolle Sache, finde ich, sehr gelungen!

Grüßle
Trix

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leonie
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Beitragvon leonie » 27.08.2010, 15:38

Hallo zusammen,

danke nochmal für die zahlreichen Reaktionen und Lesarten, das ist sehr spannend für mich. Sam, es liegen in diesem Fall sogar sehr viele Gedanken zugrunde. :-) .

Ich bin jetzt selber bei der zweiten Fassung:

Fenestra, Du schreibst: eine Frechheit. So war es auch gedacht, allerdings ist für mich die Frechheit gar nicht allein gegenüber denen, die an Gott glauben.

Für mich wirft der Text die Fragen auf, was denn da für ein Gott "tot" ist. Und was an seine Stelle tritt. Deshalb das Spiegelbild, das Bezug nimmt auf die biblische Rede vom Ebenbild, aber sich auch davon entfernt.
Eigentlich ist der Text dann eher zu lesen als eine Kritik am Menschen, der sich selbst zu einer Art Gott macht oder aber Gott benutzt um Macht auszuüben. Insofern stellt der Text eine Falle, weil es nur vordergründig um Gott geht.

Ein Gott, der sich so verhalten würde, wie der Text es beschreibt, wäre mit Recht ein Gott, der tot sein sollte. Aber was ist mit dem Menschen, wenn er genau dasselbe macht wie das, was er Gott einst vorgeworfen hat? Der die Welt auch nicht besser in den Griff kriegt? Der dieselben Machtspiele betreibt?

Auch die Resignation, das Abhaken der Tage, das man nicht einmal selbst vollzieht (weil man etwa zufrieden mit seinem Tagwerk wäre), sondern die Wolken an einem Himmel vollziehen lässt, einem Himmel, der nur noch sky ist, in dem keiner mehr wohnt und von dem nichts Gutes mehr zu erwarten ist, soll provozieren. Muss es nicht mehr geben als das?

Was wäre ein Gegenbild? Wo findet man das?
Ein Mensch, der Hoffnung hat? Einer, der die Welt "heilen" will und kann.
Ein Gott, der für etwas anderes gut ist als Macht auszuüben?

Der Text soll in erster Linie dazu provozieren weiter zu fragen, das Gottes-und Menschenbild zu überdenken.

Liebe Grüße

leonie

Den Titel möchte ich übrigens behalten, er ist für mich ein provokativer Kontrast zum Inhalt: Die Welt am Laufen zu halten ist eben gerade kein Kinderspiel. Und Kriegsschauplätze kein Abenteuerurlaubsgebiet...

Sam

Beitragvon Sam » 27.08.2010, 16:01

Hallo Leonie,

je mehr Gedanken, desto besser ;-)

An die von dir beschriebene Lesart (Gott=Mensch) hatte ich auch gedacht, es aber wieder verworfen, weil beide Gedichte dieser Interpretation nicht ganz standhalten. Dafür ist es Anfangs zu spezifisch (Spiegel, Straße, Straßenbahn), um danach schnell ins Allgemeine zu kommen, d.h. die großen Menschheitsprobleme. Der einzelne (also der, der mir morgens im Spiegel begegnet, auf der Straße oder in der Straßenbahn) kann sich zwar wie ein Gott vorkommen und sich auch so aufführen, die Welt mit seinen Fußtritten beschleunigen, auf dass die einen fliegen und die anderen kotzen, nun das können doch die wenigsten. Außer, man bezieht es auf sein direktes Umfeld, und dann klappt es mit der Analogie Gott/Mensch wieder nicht so ganz, vor allem wenn so globale Dinge wie Afghanistan und der Nahostkonflikt angeführt werden.

Du stellst in deinem letzten Kommentar wichtige Fragen, die aber meines Erachtens in dem Gedicht nur teilweise Ausdruck finden.

Gruß

Sam


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