um hinten anzufangen, ich mag deine version meines "gedichtes" nicht. Naturgemäß ... aber ich mg den Kommentar als Ganzes. Ich mag es über das "Miteinander Reden" in der virtuellen Welt nachzudenken und über den Begriff der "Befangenheit".
Aber ich versuch mal der Reihe nach zu antworten...
Klara hat geschrieben: Und es ist mir zu wenig scharf, also dann wirklich nur für ein Lächeln gut - nicht für ein (selbstkritisches?) Nachdenken. Das wäre mir zu wenig. Aber vielleicht habe ich auch zu wenig von den betreffenden Kommentaren bzw. Fäden mitbekommen, an denen sich die Empfindung dieses Gedichts sozusagen entzündet hat. Obwohl ich es dort zum Teil auch - nicht mochte. DAs In-Den-Arm-Nehmen-(sollen), das in einer Art double-bind-Forderung einherging mit dem Anspruch, es gehe NUR UM DEN TEXT ebensowenig wie das herangezerrte Qualitätsgemunkel. In gewisser Weise war man genötigt, bei Toms letzten Texten, den Autor über die Textkritik zu trösten. Auch wenn Tom das weit von sich weist, nehme ich an: der Effekt war so. Und wer sich dem verweigerte, griff zu tief in die gegensätzlcihe Schublade. Beides geschah, glaube ich, reflexähnlich, weil Menschen Menschen, weil Kommentatoren Kommentatoren, weil Leser Leser sind und weil der Blaue Salon zum Teil eine eher intime Versammlung ist.
Ich will den Text den verteidigen, aber ich merke schon, dass ich nach wie vor, gerade nach der Kritik hinter ihm stehe und ihn so meine, wie er dort steht. Eben nicht so ernst. Weil zu Ernstnehmen eben festhalten ist, aber ganz anders als berühren und auf diese Art festzuhalten. Das ist schwer zu erklären und vielleicht ist es genau das, das man warten sollte, bis man die Dinge (wenigstens für sich selbst) ganz eindeutig benennen kann, bevor man sie aufschreibt in ein öffentliches Medium? Andererseits erlaube ich mir das gerne auch diese (noch) nicht ganz klaren Gedanken aufzuschreiben, weil sich vieles dabei klärt. So ist es auch mit diesem Text, der steht hier, weil er erstens tatsächlich eigentlich dem Forum gehört, das ihn hat entstehen lassen und (für mich völlig unerwartet) öffnet er neue Denkräume, um über den Umgang mit Texten und das Wesen von Kritik nachzudenken.
Klara hat geschrieben: Der Text hier ist mir zu unentschieden, zu wenig provokant - im Grunde macht er dasselbe, was er beschreibt: streicheln, Wir-Gefühl herstellen, liebhaben. Resignieren. Die Unterscheidung zwischen Mensch und Text ist schwer, mag auch zum Teil eine Fiktion sein - die aber notwendig ist, auch und gerade in der virtuellen Welt. Sonst hantiert man mit Unterstellungen und Vermutungen, die man ohnehin nicht ganz "ausmerzen" kann, je mehr Informationen man über einen Autor, gewollt oder ungebetenerweise, bekommt.
Hm, ich habe das Gefühl, dass er gerade durch seine Unentschiedenheit, durch das Weichgespülte provoziert, zumindest Dich, zumindest zu diesem Kommentar. Das ist viel. Und wenn er resigniert, ist das sogar eine Aussage, finde ich. Eine, die ich als sehr stimmig empfinde, übrigens.
Und was Du zu Toms Trauertexten schreibst ist ja gerade das Widersprüchliche wozu ich versucht habe eine Position zu finden, für mich. Nein, man kann wohl nicht trennen zwischen Autor und Text, nicht ganz, aber vielleicht könnte man dahin kommen den Text wichtiger zu nehmen als den Autor (hier in diesem Forum), auf beiden Seiten am Besten, also sowohl der Autor als auch der Kommentator. Das ist verdammt schwer, viel schwerer nämlich als sich ergreifen zu lassen von einer traurigen Lebenssituation und sich dadurch den Blick verstellen zu lassen auf den Text. Und das braucht Zeit, glaube ich und Zeit ist etwas, (also sich Zeit lassen jedenfalls), was schwierig ist in diesem Medium, in dem so schnell reagiert werden kann, wird, was sich ja auszeichnet durch seine Geschwindigkeit, was viele Vorteile hat, aber Nachteile eben auch. Und was ich so merkwürdig gefunden habe, war ja, dass da offenbar ein großes Bedürfnis war, sich oder jemanden in den Arm zu nehmen und das ist ja an unf für sich auch sehr schön, aber eben nicht der richtige Ort.
Klara hat geschrieben: Ich würde mir wünschen, dass wir das, bei aller scheinbaren Intimität, auch hier so anstrreben, handzuhaben. Den Umgang mit Texten - nicht mit Personen. So weit wie möglich am Text zu bleiben - ohne Bezug zu nehmen auf wie auch immer geartete Informationen über den Autor und dadurch ausgelöste Weichen, Gefühle, Befangenheiten.
Ein Wunsch, den ich einschränkungslos teile! Das wäre ernst nehmen statt in den Arm nehmen. Was sich nicht ausschliessen muss, aber schwieriger ist.
Klara hat geschrieben: Das ist überhaupt ein gutes (bzw. schlimmes) Wort in diesem Zusammenhang, denke ich: Befangenheit. Mag man jemanden (oder glaubt ihn zu mögen), oder das Gegenteil, oder weiß man dies oder jenes, oder möchte man dies oder jenes nicht verscherzen - und schon ist man befangen. Ein bisschen ist man es sicherlich immer, aber mir ginge es um die Anstrengung, weitgehend sich davon freizumachen versuchen. Mit Blick auf den Text. Ein Freund des Textes und der Aufrichtigkeit zu sein - die ja gar nicht verletzend sein muss, wenn man sich Mühe gibt, und davon gehe ich aus: Dass wir uns Mühe geben, präzise und sachlich zu formulieren.
Auch das finde ich ganz wunderbar ausgedrückt. Allein für diese Sätze hat sich mein "Gedicht" gelohnt. Ja, ein Freund des Textes und der Aufrichtigkeit zu sein, trotz aller Befangenheit, die man ja nicht ablegen kann, aber man kann sie sich bewusst machen und dann konstruktiv damit umgehen, wenn man eben, wie du schreibst, sich die Mühe gibt, präszise und sachlich zu formulieren, als "Freund des Textes". Aber das ist Arbeit, das ist echte Auseinandersetzung und ich merke zumindest an mir, dass mir das sehr schwer fällt, weil die Befangenheit auch in die Richtung geht, dass man gemocht werden will, dass man nicht anecken will und dann geht die Diplomatie und die Rücksicht bisweilen so weit, dass dahinter keine Einstellung mehr erkennen kann.
Und das hat vielleicht auch mit der "Frische" der Texte zu tun, wie du es nennst, aber nicht nur mit der Frische der Texte, sondern auch mit der des Eindrucks und mit der Frage, wie weit man sich einlassen kann und soll auf das was andere einfach anders machen und wie weit man zu seiner eigenen Auffassung steht.
Wie überall gibt es auch hier keine allgemeingültige Antwort, wie immer ist es auch hier eine Frage des Gleichgewichts. Aber wichtig ist doch, dass man darüber nachdenkt, immer wieder, immer öfter.
Ich danke Dir sehr für Deinen bedenkenswerten Kommentar.
Xanthi