Hallo Leonie,
Flora hat geschrieben:Die Zeilenumbrüche erschließen sich mir nur teilweise. Bei der ersten Zeile betont es z.B. für mich auf eine ungute Weise eine Inbesitznahme, ohne würde es diesen Aspekt verlieren und einfach klingen dürfen.
ich blieb jetzt gerade bei "Inbesitznahme" hängen.
Ich kenne keine einzige Frau, die nicht ab dem Moment, in dem sie erfahren hat, schwanger zu sein, Phantasien darüber hat, wie es mit dem Kind sein wird. Die sich nicht etwas darüber "ausmalt". Ich finde überhaupt nicht, dass das etwas mit Inbesitznahme zu tun hat, eher mit sich einlassen auf einen neuen Menschen.
Vielleicht habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt, oder du bist tatsächlich einfach an diesem Wort hängen geblieben. Natürlich sagt man "Ich habe ein Kind." Wie man auch sagt, ich habe einen Hund, ich habe ein Haus, ein Auto... ohne sich dabei etwas zu denken. In einem Gedicht, in dem sogar extra ein Satz umgebrochen wird, um dieses "haben" herauszustellen, fällt mir das dann jedoch auf, es macht mich wieder aufmerksam auf die Worte selbst, sie geben den Ton an. Das ist für mich ein wichtiger Aspekt bei Gedichten, dass sie das können, wieder etwas sichtbar machen, über das wir im Alltag einfach hinwegsprechen.
Hättest du den Umbruch weggelassen, fiele dieser (in diesem Fall eben für mich unangenehm auffallende) Aspekt weg:
Ich hatte dich ja schon in mein Leben gemaltDie Präzise Vorstellung, die sich das Ich über das Kind macht, ist dann natürlich noch immer da. Das Ausmalen wie es mit dem Kind sein wird, ist für mich dann auch etwas anderes, als das Ausmalen wie das Kind sein wird. Und ich denke gerade das verhindert oft ein wirkliches "Einlassen auf einen neuen Menschen", wie du schreibst, weil das Kind dann in eine Bild hineinpassen muss, das man sich von ihm gemacht hat. Auch hier wieder kann ich zwar verstehen, wie du es meinst, finde aber die Formulierung letztlich dann schwierig, weil sie mir auch etwas anderes erzählt. Das Kind muss doch seinen eigenen "Geruch" mitbringen dürfen, etwas, das man sich gar nicht vorstellen kann.
Für mich ist einfach undenkbar, dass das gestorbene Kind den Stein anstreicht, es ist für mich ein Bild, wie etwas durch einen Trauerprozess von außen nach innen wandert, das macht kein anderer für einen, das macht man ganz allein.
Ich schrieb ja auch nicht, dass das Kind den Stein nach innen trägt, sondern lediglich, dass es ihm eine Farbe verliehen hat, dass da auch etwas von ihm bleibt.
Und wenn ich jemandem sage: Wenn es dazu beigetragen hätte, dich ins Leben zu bringen, hätte ich gern dafür gekotzt, dann hat das für mich überhaupt nichts mit Aufopferungsbereitschaft zu tun.
Im Gedicht steht nur,
gekotzt hätte ich gerne für dich. Aber trotzdem geht das für mich so nicht auf. Man nimmt das Kotzen auf sich, es lässt sich ja gar nicht verhindern, es ist keine Entscheidung, ebenso, wie man auch andere unangenehme Aspekte der Schwangerschaft eben erträgt und dabei nicht immer ein Heiligenlächeln auf dem Gesicht hat, sondern auch mal flucht. Das "gerne" stimmt für den gelebten Moment denke ich einfach nicht und ist dann eine Behauptung, die für mich unnötig schief ist. Vielleicht lese ich auch das "hätte" einfach falsch.
Warum nicht nur:
Gekotzt hätte ich
und gelacht... Und aus diesem (wieder durch die Zeilenumbrüche) herausgestellten "für dich", wenn ich es dann weiterdenke, entsteht leider gerade in Beziehungen zwischen Müttern und ihren Kindern oft dieses: Schau nur, was ich alles
für dich auf mich genommen, (oder aufgegeben) habe, und wie dankst du es mir?
Ich glaube, in diesem Fall werden wir uns nicht einig. Ich kann auch den Schmetterling nicht wegnehmen, weil jedes andere Bild nicht erfahren, sondern ausgedacht wäre.
Wir müssen uns ja auch nicht einig werden. .-) Ich frage ich mich eben beim lesen, ob das wirklich so ist, oder ob man sich da nicht einem vorgefertigten Gefühl und Bild hingibt, und sich dadurch die Möglichkeit nimmt, selbst zu Worten und eigenen Bildern zu finden, was dann für mich die Stärke eines Gedichtes sein könnte.
Liebe Grüße
Flora
Hallo Klara,
Von Muttererde zu Muttererde gesprochen stimmt das "hätte" für mich eben genau aus dem Grund nicht. Ich habe aber auch Leonie nochmal dazu geschrieben, ich glaube so weit auseinander liegen wir da gar nicht. .-)
Gerade das nicht-verschlüsselte, ungekünstelte, unmittelbare Sprechen zum Leser finde ich an diesem Text ansprechend. Verrätselung empfände ich in diesem Fall als künstlich.
Habe ich irgendwo geschrieben, dass Leonie etwas verschlüsseln oder verrätseln soll? Und woraus liest du ein Sprechen zum Leser? Für mich spricht das Ich zu seinem Kind.
Liebe Grüße
Flora