Es ist ja so
dass man an der Schnur
eines Sehnens ziehen muss
das man lieber leugnete
und dem auf den Grund gehen muss
was einen hinreißen könnte
bis über den Hals
Und so
dass man sich selber riskiert
die eigenen Wahrheiten aufs Spiel setzt
und auch die Lügen
die das Leben zusammenhalten
Bis Worte an der Angel hängen
und man sie ausnehmen muss
dieses blutige Spielchen
entkernen anreichern wenden und drehen
um sie schließlich gebuttert zu servieren
obwohl man viel lieber
einen Apfel äße
Nötigung
Als habe einer befohlen
dass man an der Schnur
eines Sehnens ziehen muss
das man lieber leugnete
und dem auf den Grund gehen muss
was einen hinreißen könnte
bis über den Hals
Und der Tümpel ist in einem
die Schnur zieht sich über das eigene Fell
zerlegt was einen zusammenhält
die schöngesoffenen Wahrheiten
und all die zirrhotischen Lügen
Bis Worte an der Angel hängen
und man sie ausnehmen muss
dieses blutige Spielchen
entkernen anreichern wenden und drehen
um sie schließlich gebuttert zu servieren
obwohl man viel lieber
Rohes fräße
Vom Schreiben und Nötigung (2 Fassungen)
-
scarlett
Ob man tatsächlich lieber einen Apfel äße? Ich wage das zu bezweifeln, aber das vorzugeben, gehört auch zu diesem weiten "Lügenkomplex", mit dem man sich umgibt.
Nein, nein ... wer einmal an der Schnur des Sehnens gezogen hat, der wird es immer wieder tun, er kann ja gar nicht anders und er wird sich um Kopf und Kragen schreiben, immer und immer wieder, "was einen hinreißen könnte//bis über den Hals".
Ein toller Text, liebe leonie!
Ich frage mich dennoch, ob er nicht etwas "entzerrt" besser wirken würde; andrerseits habe ich bei der jetzigen Setzung shcon das Gefühl, dass sie eine Sogwirkung entfaltet und die ist ja im Sinne des Inhalts. Schwierig.
Und: warum dieses mir immer irgendwie schwerfällig klingende "welches" in V4? Warum nicht "das"? Wegen der Nähe zur Konjunktion? Ich glaube nicht, dass das stören würde ... Was meinst du?
Sehr gern gelesen!
LG
Monika
Nein, nein ... wer einmal an der Schnur des Sehnens gezogen hat, der wird es immer wieder tun, er kann ja gar nicht anders und er wird sich um Kopf und Kragen schreiben, immer und immer wieder, "was einen hinreißen könnte//bis über den Hals".
Ein toller Text, liebe leonie!
Ich frage mich dennoch, ob er nicht etwas "entzerrt" besser wirken würde; andrerseits habe ich bei der jetzigen Setzung shcon das Gefühl, dass sie eine Sogwirkung entfaltet und die ist ja im Sinne des Inhalts. Schwierig.
Und: warum dieses mir immer irgendwie schwerfällig klingende "welches" in V4? Warum nicht "das"? Wegen der Nähe zur Konjunktion? Ich glaube nicht, dass das stören würde ... Was meinst du?
Sehr gern gelesen!
LG
Monika
Liebe scarlett,
danke, das ging ja schnell....
Ähm, ich habe sofort "hinreißen" genommen, vorher stand da etwas anderes, aber beim neuen Lesen las ich nur noch "hinreißen" und dachte, das ist es! Danke auch dafür!
Über das "das" denke ich noch nach, beim Schreiben störte es mich, deshalb musste es weichen. Entzerren: eher nicht, denke ich, das ist schon bewusst so gemacht.
Ja, mit dem Apfel... Manchmal ist es vielleicht eine der Lügen. Aber manchmal auch nicht, zumindest bei mir nicht, glaube ich...
Ich freue mich, dass der Text Dir so gut gefällt!
Liebe Grüße
leonie
danke, das ging ja schnell....
Ähm, ich habe sofort "hinreißen" genommen, vorher stand da etwas anderes, aber beim neuen Lesen las ich nur noch "hinreißen" und dachte, das ist es! Danke auch dafür!
Über das "das" denke ich noch nach, beim Schreiben störte es mich, deshalb musste es weichen. Entzerren: eher nicht, denke ich, das ist schon bewusst so gemacht.
Ja, mit dem Apfel... Manchmal ist es vielleicht eine der Lügen. Aber manchmal auch nicht, zumindest bei mir nicht, glaube ich...
Ich freue mich, dass der Text Dir so gut gefällt!
Liebe Grüße
leonie
-
Max
Liebe Leonie,
das ist ein stimmiges Bild und ein Gedicht über das Schreiben, was ich sowieso gerne mag.
Inhaltlich, da würde ich Scarlett zustimmen, ist es natürlich ein wenig Anglerlatein .. .nicht nur, dass wir lieber den Apfel äßen, ist gemogelt für die von uns, die sich einmal an den Geschmack von Blut gewöhnt haben. Auch dass wir glauben, wir müssten den Fisch fangen, auch, dass wir meinen, da wäre wirklich ein Fisch. Vielleicht ist es vielemehr wie eine Zwiebel, bei der der Du nachdem Du Haut um Haut geschält hast, schließlich mit leeren Händen dastehst - ein grund, warum es mir derzeit schwer fällt, ernsthaft zu schreiben.
Und:
finde ich einen unnötigen Wundhaken, eine unnötige Spreizung in demFisch und in dem Text.
Liebe Grüße
Max
das ist ein stimmiges Bild und ein Gedicht über das Schreiben, was ich sowieso gerne mag.
Inhaltlich, da würde ich Scarlett zustimmen, ist es natürlich ein wenig Anglerlatein .. .nicht nur, dass wir lieber den Apfel äßen, ist gemogelt für die von uns, die sich einmal an den Geschmack von Blut gewöhnt haben. Auch dass wir glauben, wir müssten den Fisch fangen, auch, dass wir meinen, da wäre wirklich ein Fisch. Vielleicht ist es vielemehr wie eine Zwiebel, bei der der Du nachdem Du Haut um Haut geschält hast, schließlich mit leeren Händen dastehst - ein grund, warum es mir derzeit schwer fällt, ernsthaft zu schreiben.
Und:
welches man lieber leugnete
finde ich einen unnötigen Wundhaken, eine unnötige Spreizung in demFisch und in dem Text.
Liebe Grüße
Max
Hallo Leonie,
das ist ein richtig schöner, auch vielleicht ein bisschen selbstironischer, mit leichter Hand gegebener, unprätentiöser, liebevoller, stimmiger Text!
Ich lese ihn gar nicht als "Lyrik", wie das Selbstgespräch, oder auch tatsächlich geäußerte Nachdenken in einem Roman: am Stück, ganz prosaisch. Dadurch würde das Gesagt noch bescheidener, ungefähr so:
Es ist ja so: dass man an der Schnur eines Sehnens ziehen muss, welches man lieber leugnete, und dem auf den Grund gehen muss, was einen hinreißen könnte bis über den Hals, und so, dass man sich selber riskiert, die eigenen Wahrheiten aufs Spiel setzt! (und auch die Lügen), die das Leben zusammenhalten, bis Worte an der Angel hängen und man sie ausnehmen muss, dieses blutige Spielchen entkernen anreichern wenden und drehen, um sie schließlich gebuttert zu servieren, obwohl man viel lieber - einen Apfel äße.
Ich mag am liebsten
OT, ach schade, dass du nicht dabei bist beim Lesen am Freitag... ich hätte dich gern mal gesehen.
Und diesen Text würde ich dort gerne für dich lesen - zusätzlich zu Elsas Text. Er passt so gut!
Lisa, bekämen wir den Text noch irgendwie unter??
herzlich
klara
PS Max' Einwand gegen den leugnen-Vers sehe ich stilistisch als berechtigt an - aber inhaltlich nicht. Das Leugnenwollen macht es so schön klar, von Anfang an - und deshalb drängt sich mir eben die prosaische Haltung auf. Auch weil es "lustig" wäre, wenn eine Lyrikerin, zumindest vor allem als solche nehme ich Leonie hier wahr, eine Schreib-Beschreibung in Prosa schriebe :)
das ist ein richtig schöner, auch vielleicht ein bisschen selbstironischer, mit leichter Hand gegebener, unprätentiöser, liebevoller, stimmiger Text!
Ich lese ihn gar nicht als "Lyrik", wie das Selbstgespräch, oder auch tatsächlich geäußerte Nachdenken in einem Roman: am Stück, ganz prosaisch. Dadurch würde das Gesagt noch bescheidener, ungefähr so:
Es ist ja so: dass man an der Schnur eines Sehnens ziehen muss, welches man lieber leugnete, und dem auf den Grund gehen muss, was einen hinreißen könnte bis über den Hals, und so, dass man sich selber riskiert, die eigenen Wahrheiten aufs Spiel setzt! (und auch die Lügen), die das Leben zusammenhalten, bis Worte an der Angel hängen und man sie ausnehmen muss, dieses blutige Spielchen entkernen anreichern wenden und drehen, um sie schließlich gebuttert zu servieren, obwohl man viel lieber - einen Apfel äße.
Ich mag am liebsten
- das gibt, anders als der frische, gesunde, rotbäckige Apekl, Butter bei die Fische ;)dieses blutige Spielchen
OT, ach schade, dass du nicht dabei bist beim Lesen am Freitag... ich hätte dich gern mal gesehen.
Und diesen Text würde ich dort gerne für dich lesen - zusätzlich zu Elsas Text. Er passt so gut!
Lisa, bekämen wir den Text noch irgendwie unter??
herzlich
klara
PS Max' Einwand gegen den leugnen-Vers sehe ich stilistisch als berechtigt an - aber inhaltlich nicht. Das Leugnenwollen macht es so schön klar, von Anfang an - und deshalb drängt sich mir eben die prosaische Haltung auf. Auch weil es "lustig" wäre, wenn eine Lyrikerin, zumindest vor allem als solche nehme ich Leonie hier wahr, eine Schreib-Beschreibung in Prosa schriebe :)
Huhu,
nur ganz schnell eine Reaktion auf die Fettschrift .-): Klara, wenn du magst, lies den text noch dazu (sofern leonie einverstanden ist). Er ist ja nicht so lang, dass die Zeit dadurch zu lang wird. Ansonsten liest zwar jeder nur einen Text von jemand anderem, aber das ist ja trotzdem möglich
liebe Grüße,
Lisa
nur ganz schnell eine Reaktion auf die Fettschrift .-): Klara, wenn du magst, lies den text noch dazu (sofern leonie einverstanden ist). Er ist ja nicht so lang, dass die Zeit dadurch zu lang wird. Ansonsten liest zwar jeder nur einen Text von jemand anderem, aber das ist ja trotzdem möglich

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.
Ist alles schon geklärt, Klara, danke! Ich freue mich, dass Du den Text lesen magst. Und bin betrübt, dass ich nicht dabei sein kann...Bitte, macht Photos oder auch Videos oder Tonaufnahmen!
Zum Inhaltlichen:
Max, Deine Anregung beantwortet im Grunde Klara für mich. Ich möchte das so haben.
Ich fände es spannend, zu Deinen Überlegungen ein Gedicht zu lesen!
Liebe Klara,
danke, oh, Du hast das so nett beschreiben, ich fühle mich ganz geehrt.
Aber mit der Prosaform, das muss ich noch überlegen....Ich denke noch ein Weilchen darüber nach.
Liebe Grüße und danke!
leonie
Zum Inhaltlichen:
Max, Deine Anregung beantwortet im Grunde Klara für mich. Ich möchte das so haben.
Ich fände es spannend, zu Deinen Überlegungen ein Gedicht zu lesen!
Liebe Klara,
danke, oh, Du hast das so nett beschreiben, ich fühle mich ganz geehrt.
Aber mit der Prosaform, das muss ich noch überlegen....Ich denke noch ein Weilchen darüber nach.
Liebe Grüße und danke!
leonie
- Thomas Milser
- Beiträge: 6069
- Registriert: 14.05.2006
- Geschlecht:
Hachje, Leo, der Titel ist schon so altbacken, dass man kaum den Text anklicken mag ... Der Inhalt ist weitaus besser, obwohl das Thema nun tausendfach abgelutscht wurde, aber auch hier und da ungelenk. Wohin soll denn die Reise gehen? Da muss - besonders im Mittelteil - Druck hinter. Und am Anfang als Leser erklärt zu bekommen, es sei ja so und so, fördert den Einstieg auch nicht unbedingt.
Das ist schade, weil die Idee und manche Sätze wirklich gut sind. Mach ma weiter daran!
Tom.
Das ist schade, weil die Idee und manche Sätze wirklich gut sind. Mach ma weiter daran!
Tom.
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)
Liebe leo,
das ist schön gemacht, der spiralige Gedanke, klasse, die Schnur des Sehnens, die mir sofort ein Bild schenkst,
ebenso das blutige Spielchen des Ausnehmens der Worte, wie wahr, wie wahr. Auf "welches" könnte ich auch verzichten, ich kann das Wort - wie scarlett auch - garnicht leiden.
Wenn ich den Text laut lese, dann stellt er sich mir als Prosa dar. Wenn ich ihn "auf Papier" augenlese,
dann fehlen mir Absätze, da läse ich ihn eher so:
Liebe Grüße
ELsa
das ist schön gemacht, der spiralige Gedanke, klasse, die Schnur des Sehnens, die mir sofort ein Bild schenkst,
ebenso das blutige Spielchen des Ausnehmens der Worte, wie wahr, wie wahr. Auf "welches" könnte ich auch verzichten, ich kann das Wort - wie scarlett auch - garnicht leiden.
Wenn ich den Text laut lese, dann stellt er sich mir als Prosa dar. Wenn ich ihn "auf Papier" augenlese,
dann fehlen mir Absätze, da läse ich ihn eher so:
leonie hat geschrieben:Es ist ja so
dass man an der Schnur
eines Sehnens ziehen muss
welches man lieber leugnete
und dem auf den Grund gehen muss
was einen hinreißen könnte
bis über den Hals
Und so
dass man sich selber riskiert
die eigenen Wahrheiten aufs Spiel setzt
und auch die Lügen
die das Leben zusammenhalten
Bis Worte
an der Angel hängen
und man sie ausnehmen muss
dieses blutige Spielchen
entkernen anreichern wenden und drehen
um sie schließlich gebuttert zu servieren
obwohl man viel lieber
einen Apfel äße
Liebe Grüße
ELsa
Schreiben ist atmen
Lieber Tom,
ich denke, ich weiß, was Du meinst und ganz unrecht hast Du ja nicht. Ich weiß aber nicht, ob ich das hier umsetzen kann, ich finde nämlich, dass es zu diesem Text passt, so zu bleiben wie er ist. Aber ich muss nochmal überlegen, warum ich das finde.
Liebe Elsa,
ich ändere ich "das" und übernehme mal Deine Setzung, zum "Prosa-isieren" kann ich mich einfach nicht entschließen.
Danke erstmal und liebe Grüße an Euch!
leonie
ich denke, ich weiß, was Du meinst und ganz unrecht hast Du ja nicht. Ich weiß aber nicht, ob ich das hier umsetzen kann, ich finde nämlich, dass es zu diesem Text passt, so zu bleiben wie er ist. Aber ich muss nochmal überlegen, warum ich das finde.
Liebe Elsa,
ich ändere ich "das" und übernehme mal Deine Setzung, zum "Prosa-isieren" kann ich mich einfach nicht entschließen.
Danke erstmal und liebe Grüße an Euch!
leonie
- Thomas Milser
- Beiträge: 6069
- Registriert: 14.05.2006
- Geschlecht:
Liebe Leo,
ich wollte auch nicht zu bissig sein (war ich aber?), aber da steckt so viel Gefühl und Inhalt hinter, und dann ärgert es mich halt, wenn das so - verzeih - kraftlos umgesetzt wird. Du kannst viel mehr, und hast was zu erzählen, wenn du nur mal die Dämme brechen ließest ... und nicht auf die Leserschaft zieltest ... (oder?)
LieGrü
Tom.
ich wollte auch nicht zu bissig sein (war ich aber?), aber da steckt so viel Gefühl und Inhalt hinter, und dann ärgert es mich halt, wenn das so - verzeih - kraftlos umgesetzt wird. Du kannst viel mehr, und hast was zu erzählen, wenn du nur mal die Dämme brechen ließest ... und nicht auf die Leserschaft zieltest ... (oder?)
LieGrü
Tom.
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)
Lieber Tom,
ich glaube, ich habe das richtig verstanden. Ich mag solche Rückmeldungen von Dir, sie kratzen in mir weiter. Und wenn ich das vielleicht hier nicht umsetzen kann, so doch hoffentlich später, ich brauche ja immer ein Weilchen. Aber ich denke, Du triffst die wunden Punkte ganz gut. Seufz.
Auch LieGrü
leo
ich glaube, ich habe das richtig verstanden. Ich mag solche Rückmeldungen von Dir, sie kratzen in mir weiter. Und wenn ich das vielleicht hier nicht umsetzen kann, so doch hoffentlich später, ich brauche ja immer ein Weilchen. Aber ich denke, Du triffst die wunden Punkte ganz gut. Seufz.
Auch LieGrü
leo
Hab grad was Schönes zum Thema Schreiben gelesen:
"Vom Sinn eines Tagebuches:
Wir leben auf einem laufenden Band, und es gibt keine Hoffnung, daß wir uns selber nachholen und einen Augenblick unseres Lebens verbessern können. Wir sind das Damals, auch wenn wir es verwerfen, nicht minder als das Heute -
Die Zeit verwandelt uns nicht.
Sie entfaltet uns nur.
Indem man es nicht verschweigt, sondern aufschreibt, bekennt man sich zu seinem Denken, das bestenfalls für den Augenblick und den Standort stimmt, da es sich erzeugt. Man rechnet nicht mit der Hoffnung, daß man übermorgen, wenn man das Gegenteil denkt, klüger sei. Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heißt: sich selber lesen. Was selten ein reines Vergnügen ist; man erschrickt auf Schritt und Tritt, man hält sich für einen fröhlichen Gesellen, und wenn man sich zufällig in einer Fensterscheibe sieht, erkennt man, daß man ein Griesgram ist. Und ein Moralist, wenn man sich liest. Es läßt sich nichts machen dagegen." (Max Frisch, Tagebuch 1946 bis 1949, Hervorhebungen von mir beziehen sich auf leonies Text)
"Vom Sinn eines Tagebuches:
Wir leben auf einem laufenden Band, und es gibt keine Hoffnung, daß wir uns selber nachholen und einen Augenblick unseres Lebens verbessern können. Wir sind das Damals, auch wenn wir es verwerfen, nicht minder als das Heute -
Die Zeit verwandelt uns nicht.
Sie entfaltet uns nur.
Indem man es nicht verschweigt, sondern aufschreibt, bekennt man sich zu seinem Denken, das bestenfalls für den Augenblick und den Standort stimmt, da es sich erzeugt. Man rechnet nicht mit der Hoffnung, daß man übermorgen, wenn man das Gegenteil denkt, klüger sei. Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heißt: sich selber lesen. Was selten ein reines Vergnügen ist; man erschrickt auf Schritt und Tritt, man hält sich für einen fröhlichen Gesellen, und wenn man sich zufällig in einer Fensterscheibe sieht, erkennt man, daß man ein Griesgram ist. Und ein Moralist, wenn man sich liest. Es läßt sich nichts machen dagegen." (Max Frisch, Tagebuch 1946 bis 1949, Hervorhebungen von mir beziehen sich auf leonies Text)
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