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Fragen beim Lesen der Zeitung

Verfasst: 15.08.2010, 10:59
von Quoth
Fragen beim Lesen der Zeitung

Auf welchen Tisch legt den Schreibblock der Dichter,
dem der Monsun
eben sein Haus wegschwemmte?

Schreibt mit teerigem Finger die Poetin,
die das Ufer reinigt,
ihren Protest aufs Ölzeug?

Was keucht, torfrauchgesättigt,
der Literat, dem in der Datsche
Manuskripte und Notebook verbrannten?

Weiß die Autorin nicht mehr,
wie ihr die Eltern den Sandkasten verboten,
weil der Geigerzähler knackste?

Wie habe ich’s verdient, dass ich
Tisch, Papier, Notebook und Manuskripte
noch habe und dass der Kleine

lachend im Sandkasten spielt?

(Mit Dank an Last und Leonie)
(der Mann, der geändert in die Poetin, die - Dank an Elsa)

(Erste Version)
Auf welchen Tisch legt den Schreibblock der Dichter,
dem der Monsun
eben sein Haus wegschwemmte?

Schreibt mit teerigem Finger der Poet,
der eben das Ufer reinigte,
seine Verse aufs Ölzeug?

Was formuliert, torfrauchgesättigt,
der Literat, dem in der Datsche
Manuskripte und Notebook verbrannten?

Weiß die Autorin nicht mehr,
wie ihr die Eltern den Sandkasten verboten,
weil der Geigerzähler knackste?

Wie habe ich’s verdient, dass ich
Tisch, Papier, Notebook und Manuskripte
noch habe und dass der Kleine

ungefährdet im Sandkasten spielt?

Verfasst: 15.08.2010, 11:20
von Klara
Das...

lässt mich heftig an B.B. denken. Ich wühle ein bisschen und finde nicht das, was mir undeutlich im Kopf ist, aber

z.B.
"Die Nachtlager" http://sonntagsgesellschaft.wordpress.c ... rt-brecht/

oder, "An die Nachgeborenen" http://users.skynet.be/lit/brecht.htm viel zitiert
"Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?"

Herrje, Quoth, du hast so Recht, und man fühlt sich so hilflos

klara (die zu alt war für den Sandkasten, aber alt genug, um über verseuchte Pilze, Milch und Becqerel etc. fachsimpeln zu hören, als wäre die Katastrophe eine Wissenschaft, die man mit ein paar hysterischen Worten und Messungen bändigen kann)

Verfasst: 15.08.2010, 11:45
von Zefira
Leicht ot: Liebe Klara, Du meintest sicher die "Fragen eines lesenden Arbeiters". (Übrigens eines der ersten Gedichte meines Lebens, wenn nicht das erste überhaupt.)

Mir stellt sich spontan die Frage, ob Dichter, die soeben von Katastrophen heimgesucht wurden, überhaupt ans Schreiben denken ...

Gruß aus einem trüben Sonntagmorgen
Zefira

Verfasst: 15.08.2010, 12:29
von Gerda
Guten Morgn Quoth

inhaltlich haben Klara und Zefira das Wesentliche gesagt.
Wäre noch Adornos Ausspruch anzuführen, ob man nach Ausschwitz noch Gedichte schreiben kann, der aber hinlänglich bekannt sein dürfte.

Ja, und abermals ja, lasst uns Gedichte schreiben! :daumen:

Wenn wir keine Gedichte mehr schrieben, wäre unsere Welt ein ganzes Stück ärmer und noch erbärmlicher ...
Besonders wenn ich einen solchen, wie diesen Text lese, der auf dezente aber äußerst bildhafte Art darlegt, warum wir denoch sollen mögen, der seiner Zuückgenommenheit eine neue Perspektive eröffnet, nicht anklagt und jammert, sondern ein positives Moment findet und ohne Zeigefinger darauf hinweist, stimme ich für die Poesie.

Ich schaue mal genauer auf Die "Mach-ART".
Da fällt mir auf, dass gleich in der ersten Strophe die eigenwillige Satzstellung verhindert, dass die Bezüge wenig umständlich hergestellt und verstanden werden können.

Ich verstehe diese Wahl und den Einsatz dieses Mittels hier nicht, weil es sich um ein frei geformtes Gedicht handelt, dessen Sprachflus hieran leidet. Mir ist schon klar, dass es andersherum nicht geht, da wird der Bezug "valsch".
Ich möchte jetzt keine Vorschläge fürs Umfomulieren machen, zumal mich erst einmal deine Meinung dazu interessiert.
Aber ich denke, dass an diesem Text noch zu arbeiten ist.

Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
Gerda

Edit: Tippfehler

Verfasst: 15.08.2010, 13:01
von Xanthippe
Hallo Quoth,

um es ganz kurz zu fassen; ich mag sehr den Inhalt dieses Gedichtes, weniger die Form. Das sehe ich wie Gerda, warum so seltsam (entschuldige den Ausdruck) "gestelzt" schreiben, die Zusammenhänge auseinanderreissen, wie in der ersten Strophe? warum nicht:
Auf welchen Tisch legt der Dichter,
dem der Monsum
eben sein Haus wegschwemmte
seinen Schreibblock?

Verfasst: 15.08.2010, 13:50
von Pjotr
Bezugnehmend auf den Vorkommentar ("gestelzt"; Warum nicht [...]):

Hallo,

ich habe bis heute noch nicht verstanden, wie unprosaische Zeilenumbüche, die allein, aus Prosa Lyrik machen sollten. Die Version der Xanthippe hat für mich kein Spiel, keine Musik, ist aber prosaisch kraftvoll und sehr eindrücklich. Die Version des Quoth hingegen klingt für mich nach Lyrik -- eben weil sie musikalisch ist und spielerisch frei. Der Beweis: Stünde dieses Werk in einer einzigen Zeile, wäre es lyrisch wie zuvor.

Pjotr

Verfasst: 15.08.2010, 14:21
von Ylvi
Hallo Quoth,

ich habe ein wenig den Eindruck, es sollte nicht formgebunden sein, hat dann aber auch nicht den Sprung zur freien Lyrik geschafft und hängt nun etwas prosaisch zwischen den Stühlen. :-)
Verdrehte Satzstellungen und Zeilenumbrüche machen aus Sätzen für mich noch kein Gedicht, zumal ich hier keinen eigenen Sinn in den Umbrüchen entdecken kann und sie mir daher recht beliebig gesetzt erscheinen. Im Gegensatz zu Pjotr höre ich deine Zeilen leider weder musikalisch noch spielerisch frei, da geht es mir wohl ähnlich wie bei Gerdas Wortfrüchten.
Die inhaltliche Umsetzung ist 1:1, der Titel gibt vor und die Fragen werden gestellt. Punkt.
Berührung oder ein (sprachliches) Darüberhinaus entsteht für mich so nicht, dafür bleibt gar kein Raum, bzw. wird keiner geschaffen.
In den Bildern oder Ausschnitten selbst jedoch sehe ich etwas, was durch starke "Verdichtung", .-) für mich die Fragen selbst wirklich spürbar und sichtbar machen würde.

Nur mal als Beispiel und Reibungsfläche .-) eine Variation der ersten Strophe:

Auf welchen Tisch legt den Schreibblock der Dichter,
dem der Monsun
eben sein Haus wegschwemmte?

Auf welchen Tisch

Im Monsun steht ein Dichter

Der sein Haus verlor


Liebe Grüße
Flora

Verfasst: 15.08.2010, 14:28
von Gerda
Salut Pjotr, Hallo Quoth

Zeilenumbrüche machen ja aus Prosa längst noch keine Lyrik ... ;-)
Da muss schon Einiges hinzukommen, u. a. auch den Zeileumbruch betreffend.
Ein Zeilenumbruch muss im Text verankert sein, sich aus dem Sinn ergeben oder dem Text genau an der Stelle den Bruch, die Wendung geben, die der Autor intendiert hat. Er kann auch als zeilenübergreifendes Stilmittel eingesetzt werden, was diesen Texten dann zusätlich einen speziellen Rhythmus verleiht, sofern diese durchgezogen wird. .
Bei Reimgedichten ist das nach wie vor "einfach", da gibt es feste Schemata, nach denen man sich richet, aber beim Gedicht von Quoth haben wir diese Verlässlichkeit, die ja nicht immer Beschränkung sein muss nicht.

Hier ist alles frei ... ja und damit es nicht beliebig ist, muss man es eben doch nach Regeln abklopfen, um diese ggf. zu brechen. Wie beispielsweise der von mir angemerkte Satzbau, der imho einer Korrektur bedarf.

Liebe Grüße
Gerda

Verfasst: 15.08.2010, 14:35
von Gerda
Liebe Flora,

wenn es dir bei diesem Text ähnlich geht wie bei meinen Wortfrüchten, so ist das eine sehr subjektive Betrachtungsweise.
Objektiv weisen die beiden Gedichte in etwa so viel Ähnlichkeit auf, wie Schillers Räuber und Bachmanns Gestundete Zeit.

Liebe Grüße
Gerda

Verfasst: 15.08.2010, 14:38
von ferdi
Hallo Quoth,

lass den Satzbau mal, wie er ist - es muss ja nicht jeder Satz (so man denn in einem Gedicht des 21. Jahrhunderts überhaupt noch einen Satz zu Gesicht bekommt) klingen wie aus dem Kirchfestbericht der Lokalzeitung :-) Auch Den Schreibblock legt auf welchen Tisch der Dichter wäre ja eine Abwandlung mit einem Klang, dem nachzuhören sehr lohnte...

Ferdigruß :-)

Verfasst: 15.08.2010, 14:56
von Pjotr
Wie klingt denn ein Kirchfestbericht? Was für Eigenschaften hat er?

Verfasst: 15.08.2010, 14:59
von Ylvi
Hallo Gerda,

Flora hat geschrieben:Im Gegensatz zu Pjotr höre ich deine Zeilen leider weder musikalisch noch spielerisch frei, da geht es mir wohl ähnlich wie bei Gerdas Wortfrüchten.

wenn es dir bei diesem Text ähnlich geht wie bei meinen Wortfrüchten, so ist das eine sehr subjektive Betrachtungsweise.
Objektiv weisen die beiden Gedichte in etwa so viel Ähnlichkeit auf, wie Schillers Räuber und Bachmanns Gestundete Zeit.
Meine Anmerkung bezieht sich auf Pjotrs Klangwahrnehmung. Und die ist sicher subjektiv, und unterscheidet sich eben bei diesen beiden Gedichten stark von meiner.

Liebe Grüße
Flora

Verfasst: 15.08.2010, 18:34
von Sam
Hallo Quoth,

ja, an Brecht musste ich auch denken. Keine Lyrik um ihrer selbst Willen, sondern eine klare Aussage (ja Botschaft) im poetischen Kleid, das aber manchmal auch wie ein Arbeitsanzug erscheinen kann.

Mit der ersten Zeile habe ich überhaupt keine Probleme. Sie klingt für mich sehr musikalisch und auch thematisch wird hier die Richtung des ganzen Gedichtes vorweggenommen. Grundsätzliches geht verloren (der Tisch), Wesentliches ist nicht mehr möglich (den Schreibblock ablegen) und subjektiv erfahrbar wird der Verlust, durch die Bennenung als Dichter. Danach folgen Variationen, aber die Melodie bleibt gleich.

Nur die vierte Strophe fällt heraus. Hier geht es nicht mehr um Verlust/Erfahrung in Verbindung mit einer Katastrophe, sondern um die Erinnerung daran, die sogar scheinbar angezweifelt wird. Das passt für mich nicht zu den vorhergehenden Strophen.
Ein Dichter artikuliert seine Betroffenheit und stellt sich dabei den von einer Katastrophe heimgesuchten auch als Dichter vor. Er macht dadurch das Leid fassbar, weil er es in eine für ihn nachvollziehbare Situation hineinprojeziert.

Über die Schlussfolgerung der letzten Strophe kann man natürlich streiten? Die Frage nach Verdienst in Verbindung mit er-, über- oder nichterleben von Katastrophen hat für mich immer einen religiösen Beigeschmack (einer muss ja den Verdienst zuordnen).
Niemand hat es verdient zu leiden. Aber auch niemand hat es verdient nicht zu leiden, weil es eben so viele gibt, die leiden. So einfach ist das, aber so schwer zu akzeptieren, dass man immer dagegen anfühlt und denkt, und sogar Gedichte darüber schreibt.

Gruß

Sam

Verfasst: 15.08.2010, 18:45
von Klara
Leicht ot: Liebe Klara, Du meintest sicher die "Fragen eines lesenden Arbeiters". (Übrigens eines der ersten Gedichte meines Lebens, wenn nicht das erste überhaupt.)

ja, danke Zefi! Genau daran erinnerte mich dieser Text :)

(Vielleicht solltest du eine Marktlücke schließen: Alternden Tanten wie mir oder auch nicht so Alten bei Erinnerungen an Texte auf die Sprünge helfen. Manchmal im Buchladen möchte ich am liebsten, dass die Buchhändlerin in mich reinschaut, um dort zu lesen, in mir, was ich lesen will, schon mal gelesen habe und noch mal lesen will - und all die Zitate wieder findet, aus mir gräbt, die mich tragen, stolpern lassen, führen, in die Irre weisen, kirre machen... ;))

[Bitte verzeih das off topic, Quoth, wenn es dir zu dumm, lästig oder sonstwie unangenehm ist, lösche ich den Komm, nee, kann ich gar nicht, oder? Oder tue es zumindest unter deinen Texten NIE WIEDER, versprochen!]