zur dreizehnten stunde (aus dem WdW)

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 06.08.2010, 08:31




zur dreizehnten stunde (sprechen wir im sinn der sonnenuhr von liebe)


was ich tat, was ich nicht tat
oder du nie tun würdest
weil man es – ach, wie töricht
wenn wir uns verlören
im reigen des besserschweigen

dreh dich doch um, du, wohin ich bin

zum ersten mal würde es regnen
denn so wecke ich mich in dein beben

wir atmen wie handbeschriebene seiten

schweifen ab von listen
bis uns das schwarz ins gemüt steigt
erfinden wir worte, die unsere pupillen
weiten ins all der dreizehnten stunde

was uns erweicht unter der funktionspanade aus sammelmehl und kreide :
da wären die blitze der lippen im konjunktiv
nähern wir uns, schlucken sterne
auf dass wir uns aus dem licht machten
warmheimlich wie dein augenaufschlag an meinem
sänken wir ins wolkenkleid

noch schattet nur meine hand über die zeilen





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Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Trixie

Beitragvon Trixie » 06.08.2010, 09:49

hi flora,

wie schön, dass du den text nochmal extra einstellst!!

ich mag am allerliebsen die ersten fünf äh strophen, wenn man das so nennen kann.
danach wir es mir ein bisschen zu "abgehoben", das "all" mag ich nicht und die "funktionspanade", das ist mir zu sachlich wissenschaftlich, da ist diese stimmungsebene von sternen und so weiter irgendwie weg bei mir (!). warmheimlich ist mir zu viel in dem einen wort, dafür ist da eh schon so schön viel inhalt und so intensiv.

aber ich liebe das sternschlucken, besserschweigen, die kleinen reime, die so da hin und her springen, das ein wenig irre, verrückte, was in der verbindung mit der 13. stunde voll aufgeht. sich aus dem licht machen und die hand die über den zeilen schattet und wieder die (so schlicht, aber wirkungsvoll) handbeschriebenen seiten miteinbezieht.

mir würde es reichen, wenn die vorletzte strophe ohne die ersten zwei zeilen stünde.

das muss man einfach mehrmals lesen und es nimmt einen so mit in einem wirbel aus sternenstaub.

das mein eindruck - ein genialer text, den ich sehr sehr mag!!

liebe grüße
trixie

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 06.08.2010, 21:10

Hallo Trixie,

ui, das freut mich. Und danke auch für die kritischen Anmerkungen! Ich lasse sie mal sinken und warte noch ein bisschen ob noch andere Stimmen dazu kommen.

Liebe Grüße
Flora
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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 08.08.2010, 13:00

Hallo Trixie,

so, es ist gesunken und der Text scheint nicht sehr rückmeldungsfreundlich zu sein. .-)
Ich bin mir nicht sicher, weil ich hier schon eine Freude an gerade diesen Worten hatte und das auch im Text selbst aufgehoben sehe, weil er das Worteerfinden anspricht... Aber ich kann dich andererseits auch verstehen, dass es dann vielleicht zu viel wird und diese Ebene nicht unbedingt deshalb besser aufgeht.

da wären die blitze der lippen im konjunktiv
Diese Zeile erscheint mir aber wichtig.

Ich stelle oben mal eine abgespeckte Version dazu und schau mir das mit etwas Distanz nochmal an. Dank dir. :-)

Liebe Grüße
Flora
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Trixie

Beitragvon Trixie » 08.08.2010, 18:51

Hallo Flora,

ach was, ich danke dir, dass du dich so über meinen Kommentar freust *freu* und dich damit auseinander gesetzt hast.
Ich kann ja meist nur nach Gefühl kommentieren und da ist, wie du weißt, immer viel eigenes, persönliches drin, weniger "objektive-begründbares".
Ich denke, manche Texte brauchen vielleicht etwas mehr Zeit, um einen Kommentar zu bekommen ;-), gell?

Ich mag die zweite Version, sie kommt mir mehr entgegen, das ist mehr die Gefühlsebene und weniger das wissenschaftliche, so nenn ich es mal, was aber im Nachhinein betrachtet doch auch irgendwo etwas transportiert, das ich bis dato so noch nicht wahrnehmen konnte.
Vielleicht braucht es genau das, um das auszudrücken, was du ausdrücken möchtest. Was eben für mich bedeutet, dass ich mich nicht so gut identifizieren kann, aber das macht ja nichts!! Jedenfalls bin ich beeindruckt, dass ich das jetzt erkenne, wo du die zweite Version eingestellt hast.

- Also, ich kann es nachvollziehen, warum es die 1. Version gibt und wieso sie so ist und wenn für dich die 1. Version stimmiger ist, dann ist die zweite eben die offizielle "für Trixie Version", hihi.

Liebe Grüße
Trixie

Rala

Beitragvon Rala » 08.08.2010, 21:43

Hallo Flora,

mir gefällt das übrigens auch sehr, ich habe mich nur noch nicht dazu geäußert, weil der Text so unglaublich voll ist (was jetzt nicht negativ gemeint ist), sodass ich das Gefühl habe, dass ich einfach etwas länger brauche, um ihn auch ganz zu erfassen. Wenn ich das gescjafft habe, kann ich dir hoffentlich auch mehr sagen.

Liebe Grüße,
Rala

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noel
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Beitragvon noel » 09.08.2010, 08:37

werte flora,

auch schleiche seit tagen immer wieder um den text.
es geht mir wie rala.
aber "ich komm wieder, keine frage..."
noel

ps.: ich bekomme manche kurve noch nicht gebogen
NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der Toxizität, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level).

Wir sind alle Meister/innen der Selektion und der konstruktiven Hoffnung, die man allgemein die WAHRHEIT nennt ©noel

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 09.08.2010, 10:52

Liebe Flora,

ich finde den Text auch sehr fein und auch sprachlich wieder sehr frisch und magisch. Ich finde es toll, wie du eine Stunde erfindest, die es sonst nicht gibt, auf der Uhr, noch dazu eine, die unter einem besonderen Stern (aufgeladene 13) steht (das negative daran wendest du gerade in Form des Konjunktiv ins Hoffnungsvolle und nutzt das Dunkle davon, um die Empfindungen, die das auslöst, für die Beobachtungen des Tatsächlichen zu nutzen, so mein Eindruck, auch wenn das - siehe unten - "das Dunkle" nochmals gewendet wird). Und dabei stellst du jede Menge sprachliche Bezüge her, die sich ein Hin- und Her geben (Sonne, Licht, Schatten, Liste und Worte, das Schreiben als Sprechen), alles spielt zusammen.
(einzig den Regen finde ich nicht richtig motiviert)

Und ans Ende setzt du die schreibende Hand als das, was seine Kreise zieht und vorankündigt, den Mut hat auf eine innerlich feste Art ein "noch" zu "prognostizieren" - und wenn man genau liest, so ist die Art dieser Prognose sehr fein gesetzt: nicht nämlich die Hand ist es, sondern der Schatten der Hand ist es, der sich vorauswirft, das "InsandereLichtrücken" ist also eigentlich ein Geschehen in Dunkelheit, aber durch das Erfinden dieser zusätzlichen Stunde eben als eine Stunde und nicht als Abwesenheit, öffnet sich eben ein Raum, in dem so gesprochen (in Form von Schreiben, die eigentliche Form des Briefes) möglich ist. Ungefähr so lese ich den Text.

liebe grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

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noel
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Beitragvon noel » 09.08.2010, 11:21

Flora hat geschrieben:Version 1:

zur dreizehnten stunde (sprechen wir im sinn der sonnenuhr von liebe)


was ich tat, was ich nicht tat
oder du nie tun würdest
weil man es – ach, wie töricht
wenn wir uns verlören
im reigen des besserschweigen


dieser absatz ist klar & durch seine wendungen "weil man es - ach wie töricht" & "besserschweigen" ein wundersames stück text!



Flora hat geschrieben:zum ersten mal würde es regnen
denn so wecke ich mich in dein beben


regen weckt das lyrI in das beben des lyrdu???
ich bekomme die kurve nicht gespannt

Flora hat geschrieben:wir atmen wie handbeschriebene seiten


wie atmen handbeschriebene seiten???

Flora hat geschrieben:schweifen ab von listen

das klingt positiv, schweifen ab von zu exakt bestimmten,
doch der anschluss ist negativ mir konnotiert
Flora hat geschrieben:bis uns das schwarz ins gemüt steigt


oder meint es wir schweifen solange ab, bis wir eben (leider) nicht mehr anders können,
weil das gedruckte, das bestimmte sich raum schafft?
Flora hat geschrieben:erfinden wir worte, die unsere pupillen
weiten ins all der dreizehnten stunde

dazu passt mir auch diese zwei zeilen... man baut sich ein raumzeitgefüge aus worten, die staunen machen & offen.
schöne wendung.

Flora hat geschrieben:was uns erweicht unter der funktionspanade aus sammelmehl und kreide :
da wären die blitze der lippen im konjunktiv
nähern wir uns, schlucken sterne
auf dass wir uns aus dem licht machten
warmheimlich wie dein augenaufschlag an meinem
sänken wir ins wolkenkleid

noch schattet nur meine hand über die zeilen

??? die hand schattet noch, ist das positiv zu verstehen, oder bedeutet das ein verHalten, ein sich nicht trauen?

noel

NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der Toxizität, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level).

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 09.08.2010, 14:04

Hui, ihr macht mir eine Freude. :blumen:
(Antwort kommt noch, braucht nur ein bisschen Denkzeit. .-))

Liebe Grüße
Flora
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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 10.08.2010, 09:28

Hallo noel,

Flora hat geschrieben:zum ersten mal würde es regnen
denn so wecke ich mich in dein beben

regen weckt das lyrI in das beben des lyrdu???
ich bekomme die kurve nicht gespannt
Nicht der Regen weckt, sondern so, wie der Regen... (was sowohl ein Gefühl auf der Haut, Sicht, als auch Klang und bestimmte Stimmung meinen kann). Und weil es sich so vorstellt, würde es auch regnen. :-)
Flora hat geschrieben:

wir atmen wie handbeschriebene seiten



wie atmen handbeschriebene seiten???
Das überlasse ich deiner Vorstellung. .-) Ich denke im Gefüge des Gedichtes entsteht ein Gefühl dafür, vielleicht auch je nachdem, wie du den Regen hörst, ob es ein leichter Nieselregen für dich ist, oder ein Wolkenbruch, so zeigt sich vielleicht auch das Atmen hier unterschiedlich.
das klingt positiv, schweifen ab von zu exakt bestimmten,
doch der anschluss ist negativ mir konnotiert
Flora hat geschrieben:Flora hat geschrieben:
bis uns das schwarz ins gemüt steigt



oder meint es wir schweifen solange ab, bis wir eben (leider) nicht mehr anders können,
weil das gedruckte, das bestimmte sich raum schafft?
Hier merke ich dann, dass mir das, was ich in der zweiten Version ausgelassen habe, doch sehr fehlt, denn das "All" (worin ja auch ein "Alles" und eine Weite liegt) gibt für mich schon einen Hinweis darauf, wie das Schwarz hier auch gelesen werden könnte. Durch das Abschweifen zu listenfernen Worten wird der Raum geschaffen. Und so liest du dann ja auch weiter,
man baut sich ein raumzeitgefüge aus worten, die staunen machen & offen.
schöne wendung.
das freut mich, dass diese Wendung gelingt.
Flora hat geschrieben:noch schattet nur meine hand über die zeilen


??? die hand schattet noch, ist das positiv zu verstehen, oder bedeutet das ein verHalten, ein sich nicht trauen?
Ich denke, darin schwingt beides mit. Lisas Gedanken dazu fand ich ganz wunderbar! Aber es könnte natürlich auch eine Zurückhaltung von LIchs Seite sein, oder auch seine Hand, die noch fehlt. Je nachdem, wie man die Betonung setzt und die Stimme schwingen lässt.

Danke für deine Fragen und das Nachspüren!

Hallo Lisa,

Und ans Ende setzt du die schreibende Hand als das, was seine Kreise zieht und vorankündigt, den Mut hat auf eine innerlich feste Art ein "noch" zu "prognostizieren" - und wenn man genau liest, so ist die Art dieser Prognose sehr fein gesetzt: nicht nämlich die Hand ist es, sondern der Schatten der Hand ist es, der sich vorauswirft, das "InsandereLichtrücken" ist also eigentlich ein Geschehen in Dunkelheit, aber durch das Erfinden dieser zusätzlichen Stunde eben als eine Stunde und nicht als Abwesenheit, öffnet sich eben ein Raum, in dem so gesprochen (in Form von Schreiben, die eigentliche Form des Briefes) möglich ist.
Das ist so schön, das musste ich nochmal zitieren. :-)
Zum Regen habe ich noel geschrieben. Für mich bleibt er durch die Wolken, die Blitze schon im Bild und wirkt darin. Ein zusätzlicher Aspekt wäre seine Kraft, die Kreide (ich dachte da an diese Redewendung "Kreide fressen", aber auch an Kreide, mit der man vielleicht Listen schreibt, oder an Tafelaufschriebe, Vorgegebenes, das man nur noch abschreiben und glauben soll) wegzuspülen, dass da ein neuer Freiraum entsteht für anderes. Geht es so für dich ein wenig besser auf?

Dank dir!

Hallo Rala,

das freut mich, dann warte ich mal, ist aber auch so schon eine schöne Rückmeldung, dass da etwas ankommt. :-)

Huhu Trixie,

ich fürchte ich muss die zweite Version wirklich zur Trixie-Version machen, weil ich gerade durch die Rückmeldung merke, wie sehr mir die einzelnen Aspekte fehlen. Freut mich, dass es dir auch ein wenig so ging und du das nun besser nachvollziehen kannst. Manchmal sieht man das tatsächlich erst, wenn etwas weggenommen wird, dass es fehlt. .-)

Liebe Grüße euch
Flora
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noel
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Beitragvon noel » 10.08.2010, 18:57

danke für deine antworten ;ö)
NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der Toxizität, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level).

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