ich habe einen Sohn

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 05.08.2010, 18:58

Ich habe einen Sohn
Mein Sohn sitzt im Turm
Und bietet seinen Besuchern
Heu und Gedichte an

Mein Sohn hat ein Zimmer
Und eine Sprache
Die nur er versteht
Mein Sohn hat eine Mutter
Aber das bin nicht ich

Mein Sohn hat Finger
Mit denen er nach der Welt greift
Mein Sohn hat leere Hände
Und mich


In der ersten Fassung:
Mein Sohn hat Hände
Mit denen er Lehm formt
Mein Sohn erschafft Welten
Beleben kann er sie nicht
Zuletzt geändert von Xanthippe am 09.08.2010, 10:56, insgesamt 3-mal geändert.

wüstenfuchs

Beitragvon wüstenfuchs » 06.08.2010, 12:15

Liebe Xanthippe,

der Anfang erinnert mich an den Rapunzelturm und ich finde den ganzen Text märchenhaft, ein verwunschener Sohn.
In der dritten Strofe kommt dann, dass er Lehm formt, und da bekommt er eine göttliche Dimension, die mir ein bißchen zu groß ist, erinnert mich dann aber auch an die Lehmfigur Golem.

Ich finde den Text sehr spannend, wenn er mir auch in 3 eine Stufe zu groß wird.

Viele Grüße
Fux

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 06.08.2010, 13:10

Hallo Fux,

die Bedenken, was die dritte Strophe angeht, kann ich gut verstehen. Tatsächlich bestand das ganze Ding zunächst nur aus den ersten beiden, aber dann dachte ich ich sollte es abschliessen, rund machen und dann kam die letzte Strophe. Die also natürlich einen Sinn ergibt, für mich, ich denke auch, dass sie sich fügt in das Ganze, aber Deinen Einwand, dass es die Dimension sprengt, dass es zu groß ist, den finde ich sehr sehr nachdenkenswert. ich fürchte Du hast Recht.
Danke für die wertvolle Kritik.
Xanthi

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noel
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Beitragvon noel » 09.08.2010, 11:29

ich komme nicht in den bildern an... ich lese, lese, lese

Xanthippe hat geschrieben:Ich habe einen Sohn
Mein Sohn sitzt im Turm
Und bietet seinen Besuchern
Heu und Gedichte an


turm ist mir abschottung, er schottet sich ab & wer
eintritt begehrt / erhält gedichte & heu?
heu als schlafensstatt, oder als leeres lebensmittel,
was eigentlich dem vieh im winter nahrung sei???


Flora hat geschrieben:Mein Sohn hat ein Zimmer
Und eine Sprache
Die nur er versteht
Mein Sohn hat eine Mutter
Aber das bin nicht ich


der turm wird zum zimmer, der raum begrenzter, passend zu der grenze, die seine eigene
sprache erzeugt.
wo ich häääääänge, warum ist die mutter, nicht die mutter?
ist das seine sicht? die sicht des lyrDu
die sicht des lyrI???

Flora hat geschrieben:Mein Sohn hat Finger
Mit denen er nach der Welt greift
Mein Sohn hat leere Hände
Und mich


es ist nicht mehr der turm,
nicht mehr das zimmer.
jetzt sind es nur noch hände, die greifen
& doch nichts in den händen halten.
immer beengter wird es
& er hat das lyrI
die totale abkapselung...
hat mir autistische anklänge (?)
NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der Toxizität, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level).

Wir sind alle Meister/innen der Selektion und der konstruktiven Hoffnung, die man allgemein die WAHRHEIT nennt ©noel

Trixie

Beitragvon Trixie » 09.08.2010, 11:41

hallo xanthi,
an autismus musste ich auch denken oder eine art von geistiger behinderung,
es gibt ja diese werkstätten für behinderte, in denen sie dinge herstellen und verkaufen,
der turm als schutz vor der außenwelt, das find ich nicht schlecht.
nicht die mutter in anlehnung an adoption, vielleicht, die verwunderung darüber, dass das eigene kind eben nicht so ist, wie man selbst, nicht die selben gene hat, einfach anders ist.
also doch weg von der behinderung, schlichtweg das "anderssein" des sohnes, das die mutter verunsichert, weil er anderen dinge bietet, abstrakte und konkrete, praktische und ästhetische, die die mutter selbst nicht kann und hat, vielleicht ist sie wissenschaftlerin oder irgendetwas komplett anderes, weshalb es für sie wichtig ist, zur beschreibung über ihren sohn genau diese begriffe zu verwenden.
andere kommen an ihn heran, die eigene mutter jedoch nicht, kann ihm nicht so helfen, wie sie es gerne täte, vielelleicht auch ein pubertätsproblem, drogen, irgendetwas in die richtung spüre ich.

ich mag die art, wie es geschrieben ist, das interessiert mich, das lese ich gerne, denn es transportiert viel gefühl ohne viel pathos, es klingt recht abgeklärt, weil eigentlich gar keine gefühle beschrieben werden, keine adjektive, reine "fakten" aus der sicht von einer person, also irgendwo auch urteilsfrei. da bleibt viel offen, viel raum für eigenes, das zwischen der mutter und dem sohn, das kann man selbst angucken.

gefällt mir sehr, dieser text, auch wenn ich noch nicht wirklich schlau werde aus ihm und auch nicht so ganz sagen kann, ob es jetzt tragisch ist, eine bestimmte richtung von gefühlen provozieren soll, oder eben einfach nur so ist, wie es ist, dass das alles so ist ;-).

liebe grüße
trixie

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 09.08.2010, 12:16

ach vielen dank für eure reaktionen. genau das wollte ich doch wissen. also, dass es so nicht lesbar ist. sich nicht erschließt. das hatte ich mir schon gedacht, aber ich war nicht sicher. andererseits wenn ich jetzt sage, wer die mutter ist, also wie es gemeint war, dann mache ich damit ja auch wieder viele bedeutungsebenen zu, was ich eigentlich nicht will. also gut zu wissen, aber schade, dass es so einseitig in diese autismus richtung geht... aber gut, ich werde darüber nachdenken. dann schreib ich was kluges (versuche es jedenfalls) jetzt wollte ich nur ganz schnell danke sagen. also: danke!

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 09.08.2010, 12:25

Warum sollte die dritte Strophe zu groß sein? Ich finde es wichtig, dass diese Strophe so in der jetzigen Version bleibt. Sie enthält eine Antwort -- mit der richtigen Dosis Restspannung. Oder ist mit "groß" nur das Wort "Welt" gemeint? Das macht doch nichts, wenn sie groß ist. Außerdem: Eine Welt ist ja nicht notwendig groß.


Gruß

Pjotr

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noel
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Beitragvon noel » 09.08.2010, 12:34

schAde, ich hatte gehofft, dass du zumindest auf meine fragen eingehst :?
NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der Toxizität, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level).

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Beitragvon Pjotr » 09.08.2010, 12:56

noel hat geschrieben:wo ich häääääänge, warum ist die mutter, nicht die mutter?
ist das seine sicht? die sicht des lyrDu
die sicht des lyrI???

Bevor Xanthippe darauf antwortet, mein Senf dazu: Meiner Interpretation nach schaut der Sohn die Mutter durch eine blaue* Brille an, und die Mutter den Sohn durch eine grüne*.

* Farben frei wählbar.

Kants transzendentaler Idealismus in extremo.


Salute

Pjotr

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 09.08.2010, 13:03

tut mir leid, noel. aber ich mag das nicht, meine gedichte erklären. es ist doch viel spannender, was ihr darin lest und ich muss dann gucken, ob es sich so ungefähr mit dem deckt, was ich will. wie langweilige wäre das, wenn ich jetzt alles auflöse und sage; so aus dem und dem anlass habe ich das gedicht geschrieben und das und das habe ich mir dabei gedacht. das ist doch nicht literatur, oder?
die mutter ist eine stolperstelle, etwas woran der leser hängenbleibt, das ist bei mir angekommen und ich gucke mal was ich mit dieser erkenntnis anfange. bis dahin kann ich nicht viel mehr als danke sagen

Trixie

Beitragvon Trixie » 09.08.2010, 13:06

hi xanthi,
ich bin nicht bei der autismusvariante hängen geblieben.
da waren noch andere ideen dabei =), zum beispiel auch eben einfach die feststellung der andersartigkeit des sohnes zu dem, was die mutter erwarten könnte.

vielleicht stehen wir auch einfach nur auf dem berühmten schlauch?

falls nicht: ist doch schön, wenn es so individuell und frei interpretierbar ist, da hat jeder was davon ,-)

nich enttäuscht sein... immerhin ist die beschäftigung mit dem text da und es hilft dir vielleicht auch irgendwie, was wir schreiben, auch, wenn es nicht das ist, was du erwartet hast...

liebe grüßle
trix

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 09.08.2010, 13:20

jetzt hast du mich aber ganz falsch verstanden, trixie, ich bin kein bisschen enttäuscht. ich finde das sehr fruchtbar hier (für mich jedenfalls) und ich würde hier nix einstellen, wenn ich vorher eine erwartung hätte, was ihr antworten solltet. ihr helft mir ganz tüchtig.

Trixie

Beitragvon Trixie » 09.08.2010, 13:54

achso, naja, das kam wohl durch das "schade, ... aber gut"
das hat immer so eine enttäuschte note.
kann man ja nich unbedingt immer gleich richtig erkennen hier im rein geschriebenen =)

willst du nich trotzdem auflösen, was du intendiert hast? das is ja nich "der autor erklärt sein gedicht" sondern vielleicht eher "der autor interpretiert sein gedicht" ,-)?

grüße!

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 09.08.2010, 14:56

ja gut. obwohl das schwierig ist. weil ich es geschrieben habe, nachdem ich mir gedanken darüber gemacht habe, warum hölderlins mutter ihren sohn all die jahre im turm niemals besucht hat. das fand ich schon arg. aber während ich es geschrieben habe, hat es sich geöffnet, also ist über diese persönliche geschichte hinaus gegangen, weshalb ich es auch nicht hölderlin oder hölderlins mutter oder so nennen wollte. und eure reaktionen jetzt zeigen ja zum teil auch, dass es funktioniert. gerade auch da wo es sich nicht so einfach erschliesst.


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