dieter (1)
Verfasst: 01.08.2010, 02:23
dieter (1)
last man standing
Ich geh jetzt nachts nicht mehr durch den langen unbeleuchteten Flur mit den vielen Baugräben; ich pisse in einen Eimer in der Küche. Da läuft sowieso die Bracke aus dem Spülbecken rein, weil es kein Abwasserrohr mehr gibt. Und morgens schütte ich den Bottich draußen im Rinnstein aus. So hat man das früher auch gemacht.
Zuhause fängt Vadder an zu sterben. Endlich Krebs, wo man doch seit drei Jahren nichts gefunden hatte; die Welt glaubt Einem keine Schmerzen.
Tief in der Wurzel fault es seit Langem, das weiß ich. Aber: das verschließt sich jetzt, von selbst, als wüsste es, dass der Saft bald in die Eier soll, und man den Seiler zurückholen muss in die Werkstatt, ihm Hanf und Pech geben, damit das zusammenbleibt ...
Die Hoffnung der Meisen möcht' ich haben – die Sinnlosigkeit dieser Fliege jetzt N...NICHT!* ...
(*Fußnote: Im Hintergrund SCHLLL...LÄGTdieFliegenklatschezu. Brachycera lebt noch ein bisschen, kann noch krabbeln sogar. Ich wische sie vom Tisch und lasse ihr den Rest ihrer Zeit. So wie Gott das auch immer macht.)...
Die Gegenstände auf dem Kühlschrank vibrieren und klirren aneinander, wenn der asthmatische Motor kurz aussetzt, weil es kalt genug ist, im Inneren. Man kann sich auch an Wiederkehrendem erschrecken. Die Gewöhnung an etwas wird immer zäher, und das Sich-Abfinden mit etwas ist so, als wenn sich Montage darüber im Klaren werden müssten, dass sie Montage sind.
Wenns bergab geht: Schlauchboot und Absinth und Opium kaufen, und raus in die Nordsee bei ablandigem Wind. Trinkt aus, Piraten, yo-hoh!
Ist aber noch nicht so weit. Vorher er-SCHLLL-LAGEichnochdiesesandereMistvieh* ...
(*Fußnote: wieder ist ein Knall zu vernehmen, diesmal bestimmter).
Die Zeit beginnt, in der man auch halbvolle Mülltüten rausbringen und Lavendel in die Schränke hängen sollte. Und Laubrotten vom vergangenen Jahr wälzen, damit Luft drankommt, und es nicht gärt ... aufrecht stehen wie ne alte Tanne, mit wenig Harz, damit es nicht verklebt, die Gedanken, die Schritte, nur langsamer werden, damit es, damit es.
Der Letzte macht das Licht aus. Das Blut versiegt. Guter Abgang. Aber nach hinten raus geht normalerweise immer noch was.
morphium
da liegen
in morphium weichgebettet
die spule rückwärts laufen lassen
in technicolor
und noch weiter
zurück
bis schwarzweiß
mit vertrockneten lippen
lautlose worte bilden
und in die windel machen
wenn das wachsein nicht reicht
oder mit nackten eiern
und kurzem hemd
vorm bett stehen
oder mitten im zimmer
und es nicht merken
nicht wissen warum
alles in watte ist
das geräusch der generatoren in der sodafabrik
und elvis ohne ton
das atmen der mutter
der letzen nacht
und jetzt das fiepsen
des perfusors
weil der schlauch ab ist
komm her, halt still
ich rasier dich jetzt
du guter mann
mit diesem braun hier
und jetzt leg dich wieder in die kissen
du armer sack
und schlaf (jetzt bitte) ...
rückfahrt mit der U79
letzte fahrt:
st. raphael*
"nächster halt:
neuer friedhof"
*hospiz
stark wie zwei
auf der totenfeier
haben wir lindenberg gehört
der fährmann setzt dich
über’n fluss rüber
ich spür deine kraft
geht voll auf mich über
und alle haben
bier getrunken
oder schnaps
und geweint
sahne an der soße
den tisch wie üblich für zwei gedeckt
und alleine gegessen
durch dich hindurch
den blick
aus dem fenster
in den hof
und die straßen
durch die wir angeschickert zogen
als wir von juist
oder aus der kneipe kamen
du konntest sogar
mit deinem glasauge lachen
während das andere
grimmig guckte
weil du dachtest
ich hätte wieder heimlich
sahne an die soße getan
(was ich auch hatte, als du auf dem klo warst)
und jetzt klopf ich
diesen rasierer aus
mit deinen letzten stoppeln
spüle sie
in den abfluss
und vergesse
nichts
epilog
nun diese weißen shirts
auf dem fußboden
mit blut und geruch
ich werde sie nicht waschen
sondern
bestatten
last man standing
Ich geh jetzt nachts nicht mehr durch den langen unbeleuchteten Flur mit den vielen Baugräben; ich pisse in einen Eimer in der Küche. Da läuft sowieso die Bracke aus dem Spülbecken rein, weil es kein Abwasserrohr mehr gibt. Und morgens schütte ich den Bottich draußen im Rinnstein aus. So hat man das früher auch gemacht.
Zuhause fängt Vadder an zu sterben. Endlich Krebs, wo man doch seit drei Jahren nichts gefunden hatte; die Welt glaubt Einem keine Schmerzen.
Tief in der Wurzel fault es seit Langem, das weiß ich. Aber: das verschließt sich jetzt, von selbst, als wüsste es, dass der Saft bald in die Eier soll, und man den Seiler zurückholen muss in die Werkstatt, ihm Hanf und Pech geben, damit das zusammenbleibt ...
Die Hoffnung der Meisen möcht' ich haben – die Sinnlosigkeit dieser Fliege jetzt N...NICHT!* ...
(*Fußnote: Im Hintergrund SCHLLL...LÄGTdieFliegenklatschezu. Brachycera lebt noch ein bisschen, kann noch krabbeln sogar. Ich wische sie vom Tisch und lasse ihr den Rest ihrer Zeit. So wie Gott das auch immer macht.)...
Die Gegenstände auf dem Kühlschrank vibrieren und klirren aneinander, wenn der asthmatische Motor kurz aussetzt, weil es kalt genug ist, im Inneren. Man kann sich auch an Wiederkehrendem erschrecken. Die Gewöhnung an etwas wird immer zäher, und das Sich-Abfinden mit etwas ist so, als wenn sich Montage darüber im Klaren werden müssten, dass sie Montage sind.
Wenns bergab geht: Schlauchboot und Absinth und Opium kaufen, und raus in die Nordsee bei ablandigem Wind. Trinkt aus, Piraten, yo-hoh!
Ist aber noch nicht so weit. Vorher er-SCHLLL-LAGEichnochdiesesandereMistvieh* ...
(*Fußnote: wieder ist ein Knall zu vernehmen, diesmal bestimmter).
Die Zeit beginnt, in der man auch halbvolle Mülltüten rausbringen und Lavendel in die Schränke hängen sollte. Und Laubrotten vom vergangenen Jahr wälzen, damit Luft drankommt, und es nicht gärt ... aufrecht stehen wie ne alte Tanne, mit wenig Harz, damit es nicht verklebt, die Gedanken, die Schritte, nur langsamer werden, damit es, damit es.
Der Letzte macht das Licht aus. Das Blut versiegt. Guter Abgang. Aber nach hinten raus geht normalerweise immer noch was.
morphium
da liegen
in morphium weichgebettet
die spule rückwärts laufen lassen
in technicolor
und noch weiter
zurück
bis schwarzweiß
mit vertrockneten lippen
lautlose worte bilden
und in die windel machen
wenn das wachsein nicht reicht
oder mit nackten eiern
und kurzem hemd
vorm bett stehen
oder mitten im zimmer
und es nicht merken
nicht wissen warum
alles in watte ist
das geräusch der generatoren in der sodafabrik
und elvis ohne ton
das atmen der mutter
der letzen nacht
und jetzt das fiepsen
des perfusors
weil der schlauch ab ist
komm her, halt still
ich rasier dich jetzt
du guter mann
mit diesem braun hier
und jetzt leg dich wieder in die kissen
du armer sack
und schlaf (jetzt bitte) ...
rückfahrt mit der U79
letzte fahrt:
st. raphael*
"nächster halt:
neuer friedhof"
*hospiz
stark wie zwei
auf der totenfeier
haben wir lindenberg gehört
der fährmann setzt dich
über’n fluss rüber
ich spür deine kraft
geht voll auf mich über
und alle haben
bier getrunken
oder schnaps
und geweint
sahne an der soße
den tisch wie üblich für zwei gedeckt
und alleine gegessen
durch dich hindurch
den blick
aus dem fenster
in den hof
und die straßen
durch die wir angeschickert zogen
als wir von juist
oder aus der kneipe kamen
du konntest sogar
mit deinem glasauge lachen
während das andere
grimmig guckte
weil du dachtest
ich hätte wieder heimlich
sahne an die soße getan
(was ich auch hatte, als du auf dem klo warst)
und jetzt klopf ich
diesen rasierer aus
mit deinen letzten stoppeln
spüle sie
in den abfluss
und vergesse
nichts
epilog
nun diese weißen shirts
auf dem fußboden
mit blut und geruch
ich werde sie nicht waschen
sondern
bestatten