dieter (1)

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 01.08.2010, 02:23

dieter (1)








last man standing




Ich geh jetzt nachts nicht mehr durch den langen unbeleuchteten Flur mit den vielen Baugräben; ich pisse in einen Eimer in der Küche. Da läuft sowieso die Bracke aus dem Spülbecken rein, weil es kein Abwasserrohr mehr gibt. Und morgens schütte ich den Bottich draußen im Rinnstein aus. So hat man das früher auch gemacht.

Zuhause fängt Vadder an zu sterben. Endlich Krebs, wo man doch seit drei Jahren nichts gefunden hatte; die Welt glaubt Einem keine Schmerzen.

Tief in der Wurzel fault es seit Langem, das weiß ich. Aber: das verschließt sich jetzt, von selbst, als wüsste es, dass der Saft bald in die Eier soll, und man den Seiler zurückholen muss in die Werkstatt, ihm Hanf und Pech geben, damit das zusammenbleibt ...

Die Hoffnung der Meisen möcht' ich haben – die Sinnlosigkeit dieser Fliege jetzt N...NICHT!* ...
(*Fußnote: Im Hintergrund SCHLLL...LÄGTdieFliegenklatschezu. Brachycera lebt noch ein bisschen, kann noch krabbeln sogar. Ich wische sie vom Tisch und lasse ihr den Rest ihrer Zeit. So wie Gott das auch immer macht.)...

Die Gegenstände auf dem Kühlschrank vibrieren und klirren aneinander, wenn der asthmatische Motor kurz aussetzt, weil es kalt genug ist, im Inneren. Man kann sich auch an Wiederkehrendem erschrecken. Die Gewöhnung an etwas wird immer zäher, und das Sich-Abfinden mit etwas ist so, als wenn sich Montage darüber im Klaren werden müssten, dass sie Montage sind.
Wenns bergab geht: Schlauchboot und Absinth und Opium kaufen, und raus in die Nordsee bei ablandigem Wind. Trinkt aus, Piraten, yo-hoh!

Ist aber noch nicht so weit. Vorher er-SCHLLL-LAGEichnochdiesesandereMistvieh* ...
(*Fußnote: wieder ist ein Knall zu vernehmen, diesmal bestimmter).
Die Zeit beginnt, in der man auch halbvolle Mülltüten rausbringen und Lavendel in die Schränke hängen sollte. Und Laubrotten vom vergangenen Jahr wälzen, damit Luft drankommt, und es nicht gärt ... aufrecht stehen wie ne alte Tanne, mit wenig Harz, damit es nicht verklebt, die Gedanken, die Schritte, nur langsamer werden, damit es, damit es.

Der Letzte macht das Licht aus. Das Blut versiegt. Guter Abgang. Aber nach hinten raus geht normalerweise immer noch was.





morphium


da liegen
in morphium weichgebettet
die spule rückwärts laufen lassen
in technicolor
und noch weiter
zurück
bis schwarzweiß

mit vertrockneten lippen
lautlose worte bilden
und in die windel machen
wenn das wachsein nicht reicht

oder mit nackten eiern
und kurzem hemd
vorm bett stehen
oder mitten im zimmer
und es nicht merken
nicht wissen warum
alles in watte ist

das geräusch der generatoren in der sodafabrik
und elvis ohne ton
das atmen der mutter
der letzen nacht
und jetzt das fiepsen
des perfusors
weil der schlauch ab ist

komm her, halt still
ich rasier dich jetzt
du guter mann
mit diesem braun hier
und jetzt leg dich wieder in die kissen
du armer sack
und schlaf (jetzt bitte) ...





rückfahrt mit der U79


letzte fahrt:

st. raphael*


"nächster halt:

neuer friedhof"



*hospiz





stark wie zwei



auf der totenfeier
haben wir lindenberg gehört
der fährmann setzt dich
über’n fluss rüber
ich spür deine kraft
geht voll auf mich über
und alle haben
bier getrunken
oder schnaps
und geweint





sahne an der soße


den tisch wie üblich für zwei gedeckt
und alleine gegessen

durch dich hindurch
den blick

aus dem fenster
in den hof
und die straßen

durch die wir angeschickert zogen
als wir von juist
oder aus der kneipe kamen

du konntest sogar
mit deinem glasauge lachen
während das andere
grimmig guckte

weil du dachtest
ich hätte wieder heimlich
sahne an die soße getan
(was ich auch hatte, als du auf dem klo warst)

und jetzt klopf ich
diesen rasierer aus
mit deinen letzten stoppeln
spüle sie
in den abfluss

und vergesse

nichts




epilog


nun diese weißen shirts
auf dem fußboden
mit blut und geruch
ich werde sie nicht waschen
sondern

bestatten
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

Mucki
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Beitragvon Mucki » 01.08.2010, 09:29

Moin Tom,

hammerhart und hammergut. Puh, geht rein, Mann!

Hier hat sich ein Fehlerchen eingeschlichen:
Thomas Milser hat geschrieben:nun diesen weißen shirts

--> diese

Chapeau für diesen Text, der sich wie ein unterdrückter Schrei liest, der einen erdrückt, weil der Schrei in der Kehle festhängt und (noch) nicht rauskann.
Mucki

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 01.08.2010, 13:12

vermutlich sollte ich mir zeit lassen, bevor ich etwas zu diesem werk schreibe, zu diesem schrei wie gabriella es nennt, aber vermutlich würden mir auch dann die worte fehlen. weil ich eigentlich nicht schreiben will: großartig, ergreifend, nicht weil es das nicht wäre, sondern weil das so abgegriffene worte sind, die dem hier nicht gerecht werden. diesem nachschrei.

am anfang, das muss ich zugeben, habe ich last man standing nicht verstanden, na ja, ich habe nicht verstanden, warum es da steht, weil es so anders ist, als die stücke danach, die mich sofort mit voller wucht getroffen haben und nur einverständnis zurückließen. also, was ich sagen will, ich habe den anfang sperrig gefunden und das ist gut so, ich habe es mehrmals gelesen, immer wieder, weil ich mit meiner kritik ansetzen wollte, weil ich schreiben wollte, aber so geht es doch hier nicht, und warum ist das hier so... dabei (bei jedem mal lesen ein bisschen mehr) habe ich verstanden, warum es so ist und so sein muss.
z.b. die nacht, die baugräben, wie sich alles im eimer sammelt... so hat man das früher auch gemacht. diese bilderwelt, die da aufgemacht wird und die dann einen sinn bekommt, einen körper und eine benennbare krankheit. das ist so grausam, dass ich mich fast schäme auf irgendeine weise versuchen zu wollen, das zu analysieren.

Brachycera lebt noch ein bisschen, kann noch krabbeln sogar. Ich wische sie vom Tisch und lasse ihr den Rest ihrer Zeit. So wie Gott das auch immer macht.)...


Diese Art und ich weiß nicht, wie man das nennt, wie ich das nennen soll, das ist grausam und das ist ehrlich und das ist lakonisch und jedenfalls ist es das, was mich trifft, so eine art schmerz in der trotzdem schönheit liegt. das klingt dumm und vielleicht sogar irgendwie grausam, aber ich meine damit, dass es eine eigene art von schönheit hat, den dingen trotzdem ins auge zu sehen, sie zu beschreiben wie sie sind, auch wenn es dinge sind, vor denen man lieber die augen verschließen würde...


Die Gegenstände auf dem Kühlschrank vibrieren und klirren aneinander, wenn der asthmatische Motor kurz aussetzt, weil es kalt genug ist, im Inneren. Man kann sich auch an Wiederkehrendem erschrecken. Die Gewöhnung an etwas wird immer zäher, und das Sich-Abfinden mit etwas ist so, als wenn sich Montage darüber im Klaren werden müssten, dass sie Montage sind.


Dieses Bild mit dem Kühlschrank haut mich um. Das ist so, dass mir wieder einmal die Worte fehlen, Dieser Absatz liest sich, als hätte Brodsky ihn schreiben können in dieser unnachahmlichen lakonie, der schlichtheit die über allem liegt.

Jetzt gebe ich den Versuch auf, Worte dafür zu finden, was dir hier gelungen ist. für mich ein schwer erträglich grausam schöner nachschrei, dessen echo mich noch lange begleiten wird.

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Elsa
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Beitragvon Elsa » 01.08.2010, 13:46

Das ist sehr sehr gut, mehr kann ich nicht dazu sagen.

LG
Elsa
Schreiben ist atmen

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 01.08.2010, 13:49

@Gabriella und Elsa:
dankeschön!

@Xanthippe:
Ich hatte ein bisschen Gänsehaut, als ich deinen Kommentar las. Weil das wohl doch ziemlich hart rüberkommt.
Das Problem ist bei solcherlei Texten, dass ihnen immer die Betroffenheit oder besser das Betroffenmachen anhängt, die der Tod eines geliebten Menschen auslöst, und die Nähe des Autors zum Erlebten beklemmt. Rein literarisch auf solche Texte zu blicken stelle ich mir fast unmöglich vor.
Wie ich ja schon bei 'rückfahrt mit der U79' geschrieben hatte, konnte ich mich diesem Thema nur fragmenthaft nähern, durch viele kleine und recht verschiedenartige Einzelskizzen. Und heute Nacht hat sich das irgendwie zusammengefügt. Ich habe bewusst nicht versucht, die Texte in Beziehung zu setzen, sie zu verbinden. Ähnlich blitzlichthaft habe ich die letzten Wochen erlebt, und was bleibt, sind Einzelmomente, und Sprachlosigkeit. Da gibt es nichts Ganzes, nichts Herleit- oder Erklärbares.
Ich freue mich sehr, dass sich das auf dich als Leser so eindringlich übertragen hat.

Danke Euch sehr,
wenn Schreiben jemals Verarbeitung für mich war, dann jetzt ...

Tom.
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

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leonie
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Beitragvon leonie » 04.08.2010, 21:20

Lieber Tom,

"sahne an der soße" finde ich den Hammer! Und das soll ein Lob sein, ein ganz fettes sogar (hab auch heimlich Sahne dran gemacht...).

Da ist alles im Text gezeigt, nix mit Worten erklärt...

Nein, bloß nichts in Beziehung setzen... Der Schmerz zwischen und hinter den Bildern ist ja gerade das, was umhaut.

leonie

Rala

Beitragvon Rala » 04.08.2010, 21:34

Hallo Tom,

ich kann da auch nicht viel zu sagen, außer: Das passt alles von vorn bis hinten und ist einfach unglaublich gut. Haut rein.

Verneigender Gruß,
Rala

wüstenfuchs

Beitragvon wüstenfuchs » 06.08.2010, 12:33

Hallo Tom,

wie schon gesagt, HAMMERGUT, werde es wieder und wieder lesen und mich noch einmal zu Details und besonders beeindruckenden Passagen melden, auch die Stilmittel passen wie die Faust aufs Auge...

verschlägt einem fast die Sprache...

viele Grüße
Fux

Max

Beitragvon Max » 07.08.2010, 20:11

Hi Tom,

ich weiß nicht, ob Du hoier Textarbeit möchtest, auch nicht, ob mir dazu was Gutes einfällt. Aber ein sehr guter Text, auch in der Mischung aus Prosa und Lyrik.

Liebe Grüße
Max

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 08.08.2010, 11:59

Liebe Leute,

ich danke Euch sehr.

@Max:
Wenn dir was Gutes einfällt, möchte ich sicherlich Textarbeit ... :o)
Ich fände es schon prima, wenn die Leser hier sich aus der Nähe zum Autor und somit der Kenntnis des Geschehenen lösen und rein 'sachlich' über diesen Text blicken würden. Aber dazu hatte ich ja oben was geschrieben ...

Ich sehe für mich selbst ein ganz anderes Problemchen: Ich frage mich, woher ich in Zukunft eine vergleichbare Intensität nehmen soll, wenn es um weniger schlimme Themen geht, als seinen Erzeuger und besten Freund zu verlieren, und eine ganze Familiengeschichte in den Container zu kloppen. Durch Eure Reaktionen spüre ich, dass hier irgendwie ein Zenit erreicht ist, und etwas Schöneres, als mit ein paar Worten derart die Leser zu bewegen, kann ich mir gar nicht vorstellen. Das muss ich erstmal sacken lassen, weil mich das selbst echt angerührt hat.

Tom.
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

aram
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Beitragvon aram » 01.12.2010, 00:18

lieber tom,

dieser text hat mich damals (als ich nichts schrieb) 'gepackt', unmittelbar und mit abstand am stärksten von den dieter (nummer) texten.

last man standing I morphium I sahne an der soße I epilog.

die andern zwei nicht so, auch wenn die u9 was gemeinsam hat mit der wiener bim richtung hütteldorf, wo die stationsansagen "lützowgasse, hanusch-krankenhaus", "zehetnergasse, pflegeheim baumgarten" und "waidhausenstraße, baumgartner friedhof" jeweils nach leicht übersteuertem ding-dong in den pendelnden garnituren aufeinander folgend vom band schallten, seit meiner kindheit bis vor paar jahren unverändert, manchmal in leere wagen während durchrauschender fahrt - nachts hält der 49er da nur bei 'haltewunsch'. das ist kurz nach breitensee, wo der hc artmann kind war.

die dietereinstexte werden auch bei mir bleiben, wenn ich sie nicht verdränge.

liebe,
aram

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 01.12.2010, 02:03

.. ich hatte diese Texte schon beinahe vergessen ...
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)


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