lisa

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 20.09.2010, 01:49

lisa

cafe carina, wien, im mai


zuerst
saß da dieses arschloch
der hocker mit der jacke
sei besetzt sagte er

und ich ging
woanders hin

dann kam sie
sagte drrrei neunzisch
und die nacht war
blass und samtbraun

berühre ihr kleines muttermal
über der oberlippe
atme ihren flaum
ahne ihre brust

schenke ihr
19 oder 21 weiße lilien
und knie nieder vor ihr
um mein geld vom boden aufzuheben

sie lacht mich an und aus
ich grinse blöd
und bestell
direkt noch eins

dann ist
der hocker mit dem arschloch
plötzlich frei
für mich

die band spielt
völligen mist zusammen

aber sie
sie lächelt
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

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leonie
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Beitragvon leonie » 24.09.2010, 23:00

Lieber Tom, lieber Carl,

was den Anfang betrifft, gebe ich Dir, Carl, recht, das könnte man dem Leser etwas leichter machen durch die von Dir vorgeschlagene Formulierung. Aber wenn ich Dich, Tom richtig verstehe, geht es darum, dass dein gefühlter Stammplatz in jeder Kneipe an der Theke ist, insofern ist es eine Frechheit vom Arschloch, da alle Hocker zu besetzen. Es geht nicht um den Einblick, eher um ein Revier.
Die Dame spielt da noch gar keine Rolle. Wenn Du, Carl also vorschlägst, "weiter weg von ihr", dann verlegst Du das Interesse an ihr nach vorne und versaust ihr in gewisser Weise ihren Auftritt.
Der magische Moment ist initiiert durch ihre besondere Sprache, scheint mir, erst das eröffnet dem lyrIch den Blick für ihre Schönheit.
Auch bei den zitternden Händen kann ich Dir nicht zustimmen, das passt doch überhaupt nicht zu Tom...Bei lacht mich an und aus, ja, das stimmt, das kann man anders gestalten, ich persönlich würde hier dazu neigen, nur zu schreiben: Sie lacht. Und die Deutung dem Leser überlassen.
Den Schluss würde ich unbedingt so lassen:

aber sie
sie lächelt

finde ich besser als: Sie aber/sie lächelt.

Aber das mag dann wirklich Geschmackssache sein.

Liebe Grüße

leonie

Nifl
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Beitragvon Nifl » 25.09.2010, 08:21

Huhu.

Es geht nicht um den Einblick, eher um ein Revier.
Die Dame spielt da noch gar keine Rolle.

Dieses „es geht nicht um“ finde ich sehr interessant. Wäre dieses Gedicht Prosa, müsste man nämlich kritisieren, dass zwei Geschichten erzählt werden. Zum einen der Hockerpart zum anderen die schöne Braune. Diese Doppelkonfliktvermengung verwirrt den Leser vermutlich zusätzlich.

LG
Nifl
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 25.09.2010, 09:06

Liebe Leo, lieber Carl,

ich vermute in Euren konstruktiven Anmerkungen durchaus das Potenzial, um den Text mit wenigen Handgriffen vielleicht etwas kompatibler zu gestalten, merke aber auch, dass ich noch etwas zu nah dran bin, um da jetzt drin herumzufuhrwerken. Die Kürze und Löchrigkeit des Textes sind mir im Moment noch zu heilig. Ich bitte um eine kleine Bedenkzeit zur Ausbildung hinreichender Distanz. Ich komme darauf sicherlich zurück.

Danke an alle für die (wieder mal) höchst interessante Diskussion ...

Tom
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

Quoth
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Beitragvon Quoth » 25.09.2010, 11:04

Hallo, Tom,
was wirklich praktisch ist an Deiner Konzeption, vor allem, wenn man Deine Texte kommentiert, man muss mit dem blöden lyrischen Ich nicht herumhühnern!
Dass Deine absichtlich gelassenen Lücken für manche Zeitgenossen etwas zu groß sind, ist hier wohl klar geworden. Aber niemand kann Dich zwingen, darauf Rücksicht zu nehmen! Eine Gefahr geht von diesen Lücken aber auch für Dich selbst aus:
Sie verführen Dich, nachträglich Gehalte in den Text zu projizieren, die nie drin waren. Z.B. schriebst Du hier einmal:
Hat das vielleicht was mit der Leere des Autors zu tun, dass er sich in eine tochteralte Kellnerin verglotzt, dass das Verstrichensein der besten (Mannes-)Zeit thematisiert ist, der Protag gar einsam sein könnte (z.B. in einer fremden Stadt), ihm alles auf den Sack geht?

Das liest Du vielleicht mit, wenn Du diesen Text liest, weil Du Dich an die Wiener Gesamtsituation erinnerst. Aber außer Dir liest das kein Mensch.
Gruß
Quoth (der sich vornimmt, auch mehr Mut zur Lücke zu entwickeln)
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 25.09.2010, 11:26

Quoth hat geschrieben:Sie verführen Dich, nachträglich Gehalte in den Text zu projizieren, die nie drin waren. Z.B. schriebst Du hier einmal:
Hat das vielleicht was mit der Leere des Autors zu tun, dass er sich in eine tochteralte Kellnerin verglotzt, dass das Verstrichensein der besten (Mannes-)Zeit thematisiert ist, der Protag gar einsam sein könnte (z.B. in einer fremden Stadt), ihm alles auf den Sack geht?

Das liest Du vielleicht mit, wenn Du diesen Text liest, weil Du Dich an die Wiener Gesamtsituation erinnerst. Aber außer Dir liest das kein Mensch.

Doch, ich.

Nur nicht speziell Wien. Aber die Stadt ist ja nicht ausschlaggebend.


Servus

Pjotr (Frisur sitzt heute leider wieder nicht.)

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 25.09.2010, 12:58

Hi Quoth,

ich glaube weder, dass ich diese Inhalte da nachträglich hineindenke, noch dass der Leser das mitbekommen muss. Es hat was mit der Stimmung zu tun, in der ich schreibe. Das passiert mit Sicherheit zum größten Teil unbewusst. Die Lücken und die Leere sind also nicht Inhalt. sonder eher Spiegel. Deswegen lasse ich das auch zu.

Und die Erklärungen bzw. Eigeninterpretationen liefere ich ja normalerweise nicht dazu, nur hier auf Anfrage :o)

Tom
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