Wir liegen im Hafen fest
löschen Tag für Tag
unsere Fracht
die Last der Jahre
und werden kaum etwas los
die Leinen sichern uns
unser Schiff
aber sie binden uns auch
an die Ufer der grauen Stadt
mit immer denselben Worten
beschreiben wir sie
auf Ansichtskarten nach Übersee
der verflossenen Liebe
Wir
Mir ist jetzt noch aufgefallen, dass die große Stärke deines Textes darin liegt, dieses Schiff, das eigentlich um die Welt reisen sollte, nur statisch und im Hafen darzustellen. Mit anderen Worten, man hat etwas (eine Beziehung), das einem helfen könnte, aufzubrechen und die Welt zu erkunden. Aber man lässt es - aus was für Gründen auch immer - im Hafen liegen. Ja, so ist es manchmal. Bedrückend, aber wahr.
Danke, fenestra, das war das Anliegen des Textes, ja! (zu Deinem letzten Posting).
Zum ersten: Das Loswerden möchte ich gern behalten, weil verschiedenes mitklingt, Abwerfen, Losmachen usw. "wird nicht geringer" passt m. E. an der Stelle nicht so gut.
"Sie binden uns auch" habe ich ganz bewusst eingesetzt, weil es ja letztlich um eine Beziehung, um eine Bindung geht.
Das Grau der Stadt ist hier einfach farbperspektivisch gemeint: Sie liegen nicht in der Stadt, sondern vor der Stadt oder eben am Ufer der Stadt. "Außen vor". Was weiter weg liegt, verschwindet optisch im Grau oder Dunst.
Am Schluss geht es mir um die tägliche Routine, um das Immerwiederkehrende, das ich hier zum etwas grotesken täglichen Ansichtskartenschreiben wird.
Zum ersten: Das Loswerden möchte ich gern behalten, weil verschiedenes mitklingt, Abwerfen, Losmachen usw. "wird nicht geringer" passt m. E. an der Stelle nicht so gut.
"Sie binden uns auch" habe ich ganz bewusst eingesetzt, weil es ja letztlich um eine Beziehung, um eine Bindung geht.
Das Grau der Stadt ist hier einfach farbperspektivisch gemeint: Sie liegen nicht in der Stadt, sondern vor der Stadt oder eben am Ufer der Stadt. "Außen vor". Was weiter weg liegt, verschwindet optisch im Grau oder Dunst.
Am Schluss geht es mir um die tägliche Routine, um das Immerwiederkehrende, das ich hier zum etwas grotesken täglichen Ansichtskartenschreiben wird.
-
poeta
Hallo Amanita,
ist ja schon wirklich viel zu deinem schiff im 'trockendock' gesagt worden. ich mag daran besonders das bildlich zweideutige etwa in 'löschen tag für tag / löschen die fracht' für ausradieren und entladen oder in der 'übersee verflossenen liebe'
ich verstehe das 'wir' recht offen, nicht unbeingt nur eine zweierbeziehung, aber schon auch..., verstehe es als beziehungsgeflecht: familie, großfamilie, sozialnetz... als verband von altlasten: rollenerwartungen, funktionmustern...
verstehe deine letzten verse als sehnsucht nach 'mehr' nach farbe, anerkennung, liebe, nach aufbrechen der routine, auch als ein zurückerinnern, dass da schon mal 'mehr' war, man sich ganz anders 'lebendig' gefühlt hat. insofern würde ich gerade auf den schluss nicht vezichten wollen. allerdings hatte ich auch an manchen stellen so ein unbestimmtes kribbeln / niesreiz in der nase, das symptom für ein bisschen zuviel ist. zuviel beispielsweise in der metaphernebene der grauen stadt (ob sich da nicht ein individuelleres bild finden ließe?) oder im satzaufbau (die vielen uns/unser wurden schon angesprochen und auch entschärft)
ich hätte mich wohl auch für eines der beiden, den 'hafen' oder das 'schiff' entschieden. wenn da im ersten vers der hafen benannt wird, habe ich ja die ganze zeit über das beladene schiff bildlich vor mir. so empfinde ich es, das muss natürlich nicht für dich gelten. nicht als änderung-, oder gar verbesserungswünsche, nur als feedback an dich stelle ich mal hier hin, was ich für mich aus deinen zeilen mitnehme, ich finde aber deine 'aufbereitung' sehr ansprechend, natürlich auch mit etwas anderer akzentuierung.
ach, ja, zum titel: 'wir' erscheint mir ein bisschen blass - andererseits passt das auch wieder zur grauen stadt
heimathafen
wir liegen hier fest
löschen tag für tag
unsere fracht
die last von jahren
lässt doch nicht los
Leinen sichern
binden auch
an verwohnte ufer
mit immer denselben worten
beschreiben (beklagen) wir sie
auf ansichtskarten nach übersee
verflossener Liebe
für mich kommt im letzten abschnitt auch so etwas wie ein im jammermodus verharren zum ausdruck, obwohl das schiff doch eigentlich starklar wäre, übersee somit eigentlich 'um die ecke' liegt.
Ich finde, dir ist da eine treffliche umschreibung eines phänomens gelungen, das ich auch gar nicht so selten in meinem umfeld beobachte und das ich leider oft als 'krankmachend' erlebe, weil es ein ständiges betäuben der eigenen lebendigkeit, sozusagen einen betäubunsmittelmissbrauch inklusive suchtfaktor (gewohnheit)
, darstellt.
liebe grüße, poeta
ist ja schon wirklich viel zu deinem schiff im 'trockendock' gesagt worden. ich mag daran besonders das bildlich zweideutige etwa in 'löschen tag für tag / löschen die fracht' für ausradieren und entladen oder in der 'übersee verflossenen liebe'
ich verstehe das 'wir' recht offen, nicht unbeingt nur eine zweierbeziehung, aber schon auch..., verstehe es als beziehungsgeflecht: familie, großfamilie, sozialnetz... als verband von altlasten: rollenerwartungen, funktionmustern...
verstehe deine letzten verse als sehnsucht nach 'mehr' nach farbe, anerkennung, liebe, nach aufbrechen der routine, auch als ein zurückerinnern, dass da schon mal 'mehr' war, man sich ganz anders 'lebendig' gefühlt hat. insofern würde ich gerade auf den schluss nicht vezichten wollen. allerdings hatte ich auch an manchen stellen so ein unbestimmtes kribbeln / niesreiz in der nase, das symptom für ein bisschen zuviel ist. zuviel beispielsweise in der metaphernebene der grauen stadt (ob sich da nicht ein individuelleres bild finden ließe?) oder im satzaufbau (die vielen uns/unser wurden schon angesprochen und auch entschärft)
ich hätte mich wohl auch für eines der beiden, den 'hafen' oder das 'schiff' entschieden. wenn da im ersten vers der hafen benannt wird, habe ich ja die ganze zeit über das beladene schiff bildlich vor mir. so empfinde ich es, das muss natürlich nicht für dich gelten. nicht als änderung-, oder gar verbesserungswünsche, nur als feedback an dich stelle ich mal hier hin, was ich für mich aus deinen zeilen mitnehme, ich finde aber deine 'aufbereitung' sehr ansprechend, natürlich auch mit etwas anderer akzentuierung.
ach, ja, zum titel: 'wir' erscheint mir ein bisschen blass - andererseits passt das auch wieder zur grauen stadt
heimathafen
wir liegen hier fest
löschen tag für tag
unsere fracht
die last von jahren
lässt doch nicht los
Leinen sichern
binden auch
an verwohnte ufer
mit immer denselben worten
beschreiben (beklagen) wir sie
auf ansichtskarten nach übersee
verflossener Liebe
für mich kommt im letzten abschnitt auch so etwas wie ein im jammermodus verharren zum ausdruck, obwohl das schiff doch eigentlich starklar wäre, übersee somit eigentlich 'um die ecke' liegt.
Ich finde, dir ist da eine treffliche umschreibung eines phänomens gelungen, das ich auch gar nicht so selten in meinem umfeld beobachte und das ich leider oft als 'krankmachend' erlebe, weil es ein ständiges betäuben der eigenen lebendigkeit, sozusagen einen betäubunsmittelmissbrauch inklusive suchtfaktor (gewohnheit)
, darstellt.liebe grüße, poeta
Hallo poeta, ich freue mich, dass Du so viel Energie in meinen Text gesteckt hast.
Deine Idee, die Überschrift zu ändern, greife ich vielleicht auf!
Der "Heimathafen" wäre für mich allerdings nicht passend.
Im Hafen
Wir liegen hier fest
löschen Tag für Tag
unsere Fracht...
würde ich lieber schreiben.
Nun gut, wenn die graue Stadt nervt ... ich kann auch nur mit "Stadt" gut auskommen
Ansonsten muss ich mal schauen, Deine Änderungen sind mir doch zu fremd. Jedenfalls danke für Deine Anregungen!
Der Text entstand, als sich wieder einmal Freunde von uns getrennt haben, die eine vermeintliche Traum-Ehe führten, deren "Outing" uns also umso mehr überraschte. Der Hafen hier ist natürlich "der Hafen der Ehe", daher möchte ich unbedingt die Leinen drin haben.
Deine Idee, die Überschrift zu ändern, greife ich vielleicht auf!
Der "Heimathafen" wäre für mich allerdings nicht passend.
Im Hafen
Wir liegen hier fest
löschen Tag für Tag
unsere Fracht...
würde ich lieber schreiben.
Nun gut, wenn die graue Stadt nervt ... ich kann auch nur mit "Stadt" gut auskommen
Ansonsten muss ich mal schauen, Deine Änderungen sind mir doch zu fremd. Jedenfalls danke für Deine Anregungen!
Der Text entstand, als sich wieder einmal Freunde von uns getrennt haben, die eine vermeintliche Traum-Ehe führten, deren "Outing" uns also umso mehr überraschte. Der Hafen hier ist natürlich "der Hafen der Ehe", daher möchte ich unbedingt die Leinen drin haben.
-
poeta
Hallo Amanita,
das ist mir schon klar, ich wollte dir nur mal eben in aller kürze zeigen, was da bei mir ankommt, sollte dir auf keinen fall entprechende änderungen 'aufs auge drücken'.
den von dir beschriebene 'anlass-fall' habe ich schon auch herausgelesen, aber ich denke, dass man deine verse noch sehr viel weiter fassen kann, was ja für sie spricht.
liebe grüße, poeta
Deine Änderungen sind mir doch zu fremd.
das ist mir schon klar, ich wollte dir nur mal eben in aller kürze zeigen, was da bei mir ankommt, sollte dir auf keinen fall entprechende änderungen 'aufs auge drücken'.
den von dir beschriebene 'anlass-fall' habe ich schon auch herausgelesen, aber ich denke, dass man deine verse noch sehr viel weiter fassen kann, was ja für sie spricht.
liebe grüße, poeta
Wer ist online?
Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 31 Gäste