der versuch einer annäherung an die farbe

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 04.04.2011, 15:15



der versuch einer annäherung an die farbe


wir schreiben das jahr 2011
noch immer fühle ich mich
bei diesen zahlen in einen science fiction
versetzt | schwarzweiß
pappmacheeraumschiffe + heldenhafte lösungen
für jedes interstellare problem - japan
ist kein lichtjahr entfernt
sag ich mir das meer
himmel das meer
voll strahlender fische
menschen - wasserrisse
welche farbe hat die ohnmacht
frage ich - skype
mit freunden in tokio
sie schließen am abend auch nur
die augen zu und sehen
ihre neugeborene enkelin yukiko
in zwanzig frühlingen im schneetreiben
unter dem verblühenden
wildkirschbaum stehen
wie erwachsen sie sein wird
sie wird




Alternativversion 1:

der versuch einer annäherung an die farbe


wir schreiben das jahr 2011
noch immer fühle ich mich
bei diesen zahlen in einen science fiction
versetzt | schwarzweiß
pappmacheeraumschiffe + heldenhafte lösungen
für jedes interstellare problem - japan
ist kein lichtjahr entfernt
sag ich mir das meer
himmel das meer
voll strahlender fische
menschen - wasserrisse
welche farbe hat die ohnmacht




Alternativversion 2:

welche farbe hat die ohnmacht


im jahr 2011
science nonfiction – der prolog
von der natur geschrieben
japan
in aller kürze
erschüttert - überflutet - verstrahlt
nichts ist mehr schwarz-weiß
menschen
erleben live
was zerstört ist
unvorstellbar
was|wer noch zu retten ist
unvorstellbar
was|wer tot ist
unvorstellbar
was überleben ist
unvorstellbar
+ wie

auf lange sicht
nach windberechnung, wasserrissen, wahnsinn
der versuch einer annäherung an die farbe

in fukushima
schließen zwei menschen
am abend die augen und sehen
ihre neugeborene enkelin yukiko
in zwanzig frühlingen im schneetreiben
unter dem verblühenden
wildkirschbaum stehen






Zu Quoths Kirschknospe und der Diskussion
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Gerda

Beitragvon Gerda » 10.04.2011, 10:28

Hallo flora,

ich habe kein Problem, ;-)
... weiter oben schrieb ich, dass mir die verknappte Fassung deines Gedichtes gefällt. Die längere Fassung eben eher nicht, aus den beschriebenen Gründen, besonders in meinem ersten Kommentar.
Du siehst ja, Ferdi sieht es anders, ihn stören die Wildkirschen in der längeren Fassung nicht.

Ich finde insgesamt den Teil ab "frage ich skype" und die, japanischen Freunden zugeschriebene Sicht auf die Katastrophe, dden implizierten Gleichmut, als nicht gut mit dem ersten minimalistischen Teil (dieser Teil ist vollständig in sich abgeschlossen) vereinbar.
Es taucht bei mir auch die Frage nach der Authentizität der "Äußerungen" jener Freunde auf.
Ich glaube, läse ich ein komplettes Telefongespräch mit Freunden aus Japan, ohne dass dieses im Gedicht eine Bewertung erfährt, die du aber voranstellst, eher davon angesprochen würde weil es möglichweiser "echter" wirkte. .
Das sind zwei Texte für mich.

Liebe Grüße
Gerda

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 10.04.2011, 14:36

Hallo Flora!

Neuer Ansatz :-)

Hast du in der Zeit nach dem Unglück mitbekommen, wie das ZDF sehr für einen Film im "Heute Journal" gerügt wurde, weil der mit Musik unterlegt war, die für unpassend gehalten wurde? Oder eher, das die Musikunterlegung an sich unpassend schien? Wenn nicht, mal googeln - ein Link, der mir gerade noch gegenwärtig ist, ist dieser:

http://www.zeit.de/kultur/musik/2011-03 ... ophe-musik

Es gibt aber noch viel mehr.

Mir scheint, ein "normales" Gedicht unserer Tage macht automatisch dasselbe, was hier der Musik vorgeworfen wird: Es beeinflusst, es hebt die Unmittelbarkeit auf, es schaltet den Schreibenden zwischen Unglück und Leser.

Das geschieht, denke ich, auf zwei Arten:

Einmal dadurch, dass der Leser nicht mehr etwas über das Unglück erfährt, sondern über die Sicht des Schreibenden auf das Unglück. Da stellt sich dann aber schnell der Eindruck ein, das Unglück würde vom Schreibenden benutzt, um dem Leser etwas über sich mitzuteilen - und dagegen gibt es natürlich Abwehr.

Dann dadurch, dass ein heutiges Gedicht fast immer technisch ist - es kann nicht, oder nur in Teilen, unmittelbar aufgenommen werden; es fordert "den Kopf". Es verschlüsselt, schafft Bilder und damit Abstand, der Leser wird angehalten, zu entschlüsseln. Es werden Filter eingebaut, die eine bestimmte Art zu denken und zu betrachten einfordern, es wird geführt, wo der Leser nicht geführt werden möchte. Das Ergebnis ist auch hier Abwehr.

Das ist jetzt wahrscheinlich nicht klarer als mein erster Beitrag - aber das ganze köchelt ja auch erst ein paar Tage. Ich lasse ihm noch Zeit ;-)

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 11.04.2011, 08:29

Hallo ferdi,

doch, das macht es für mich schon klarer. So weit auseinander liegen wir mit unseren Vermutungen ja gar nicht, ist nur die Frage wohin das Schreiben dann gehen kann. Das sind wirklich interessante Gesichtspunkte, die ich auch noch köcheln lassen muss, .-) die mir aber, wenn man eine künstlerische Auseinandersetzung mit solchen Themen versucht, wichtig erscheinen. Da ich mich davor meist scheue und eher auf der "Kritikerbank" sitze und weiß, wie es für mich nicht funktioniert, aber gar nicht so genau warum und wie es denn überhaupt gehen könnte, ist das ein guter neuer Blickwinkel.
Dank dir!

Liebe Grüße
Flora

Um auch auf Gedichtebene ein Gefühl dafür zu bekommen. Würde das zumindest in die Richtung gehen?

welche farbe hat die ohnmacht


im jahr 2011
science nonfiction – der prolog
von der natur geschrieben
japan
in aller kürze
erschüttert - überflutet - verstrahlt
nichts ist mehr schwarz-weiß
menschen
erleben live
was zerstört ist
unvorstellbar
was|wer noch zu retten ist
unvorstellbar
was|wer tot ist
unvorstellbar
was überleben ist
unvorstellbar
+ wie

auf lange sicht
nach windberechnung, wasserrissen, wahnsinn
der versuch einer annäherung an die farbe

in fukushima
schließen zwei menschen
am abend die augen und sehen
ihre neugeborene enkelin yukiko
in zwanzig frühlingen im schneetreiben
unter dem verblühenden
wildkirschbaum stehen




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Gerda

Beitragvon Gerda » 11.04.2011, 09:41

Hallo flora, hast du mich vllt. überlesen?

Was ferdi schreibt ist bedeutsam auch für meine Intention gerade keinen Text im Hinblick auf diese Katastrophe zu verfassen.

Deine neue Version entgleitet mir gleich zu Beginn. Warum muss die Katastrophen derart konkret benannt werden? In Stichworten, um den Leser möglichst mit der Nase drauf zu stoßen?
Für mich bleibt es bei der eingestellten Alternativersion.

Liebe Grüße
Gerda

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 11.04.2011, 10:14

Hallo Gerda,

nein, ich hatte dich nicht überlesen, Entschuldigung. Deine Sichtweise ist natürlich für mich auch eine wichtige Rückmeldung, ich wusste nur nichts mehr dazu zu schreiben. :)

Deine neue Version entgleitet mir gleich zu Beginn. Warum muss die Katastrophen derart konkret benannt werden?
Unter anderem, weil irgendwann die Unmittelbarkeit, die automatische Verknüpfung von Jahreszahl und Geschehen verloren geht und mir eine Konkretisierung hier in diesem Versuch wichtig erscheint. Es soll eben ganz klar benannt werden und nicht verschlüsselt sein. Ob das aufgeht, weiß ich nicht.
Was ferdi schreibt ist bedeutsam auch für meine Intention gerade keinen Text im Hinblick auf diese Katastrophe zu verfassen.
Das ist sicher der leichtere Weg und wäre mit Sicherheit auch meiner gewesen. Quoth, der sich solcher Themen öfter annimmt, hat mich da aber schon ins Nachdenken gebracht.

Liebe Grüße
Flora
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leonie
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Beitragvon leonie » 11.04.2011, 10:51

Liebe Flora,

um Deine Frage an ferdi zu beantworten: :-)

Dein neuer Ansatz funktioniert für mich viel besser.

Mich erreicht Dein neuer Text besser, viel besser!

Liebe Grüße

leonie

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 11.04.2011, 11:58

Das ist spannend für mich hier ... dank dir Leonie für die Rückmeldung. Dir natürlich auch Nicole, dass du dich nochmal gemeldet hast.
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Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 06.11.2011, 11:57

Ich habe das gerade erst entdeckt. Die allererste ursprüngliche Fassung ist mein absoluter Favorit, in allen weiteren Alternativen geht etwas verloren, ohne wirkichen Zugewinn.

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Beitragvon Ylvi » 07.11.2011, 07:49

Hallo Xanthi,

danke, dass du noch etwas dazu geschrieben hast! Für mich ist es auch aus etwas Abstand immer noch die erste Fassung.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)


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