Vom Schreiben und Nötigung (2 Fassungen)

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Benutzeravatar
leonie
Beiträge: 8896
Registriert: 18.04.2006
Geschlecht:

Beitragvon leonie » 15.08.2010, 19:41

Es ist ja so
dass man an der Schnur
eines Sehnens ziehen muss
das man lieber leugnete
und dem auf den Grund gehen muss
was einen hinreißen könnte
bis über den Hals

Und so
dass man sich selber riskiert
die eigenen Wahrheiten aufs Spiel setzt
und auch die Lügen
die das Leben zusammenhalten

Bis Worte an der Angel hängen
und man sie ausnehmen muss
dieses blutige Spielchen
entkernen anreichern wenden und drehen
um sie schließlich gebuttert zu servieren
obwohl man viel lieber
einen Apfel äße



Nötigung

Als habe einer befohlen
dass man an der Schnur
eines Sehnens ziehen muss
das man lieber leugnete
und dem auf den Grund gehen muss
was einen hinreißen könnte
bis über den Hals

Und der Tümpel ist in einem
die Schnur zieht sich über das eigene Fell
zerlegt was einen zusammenhält
die schöngesoffenen Wahrheiten
und all die zirrhotischen Lügen

Bis Worte an der Angel hängen
und man sie ausnehmen muss
dieses blutige Spielchen
entkernen anreichern wenden und drehen
um sie schließlich gebuttert zu servieren
obwohl man viel lieber
Rohes fräße

Mucki
Beiträge: 26644
Registriert: 07.09.2006
Geschlecht:

Beitragvon Mucki » 18.08.2010, 13:26

Hallo leonie,

ja, genau so ist es, dachte ich so bei mir, als ich deine Zeilen las. Und der Apfel, ja, isst man wirklich viel lieber einen Apfel? Ein selbstironisches Element, das mir hier gut gefällt. Und es passt hier gut, da dieser Apfel ein schmackhaftes Pendant zum blutigen Spielchen darstellt. Und, um im "Angler-Fisch-Kontext" zu bleiben: zum Matjes gehören schließlich kleine Apfelstückchen ,-)

Saludos
Mucki

Benutzeravatar
leonie
Beiträge: 8896
Registriert: 18.04.2006
Geschlecht:

Beitragvon leonie » 18.08.2010, 16:04

Liebe Klara,

das ist total schön! Danke fürs Rausschreiben und Einstellen!

Liebe Mucki, danke, ich freue mich.

Aber Toms Kritik nagte in mir und ich habe jetzt eine radikalere Variante dazu gestellt....

Liebe Grüße

leonie

Xanthippe
Beiträge: 1312
Registriert: 27.06.2008
Geschlecht:

Beitragvon Xanthippe » 18.08.2010, 16:23

die tendenz geht zur doppelversion neuerdings will mir scheinen :pfeifen:

ich finde es sehr spannend, diese beiden Versionen zu lesen. Welche gefällt denn Dir selbst besser? Oder kannst Du Dir eine Mischung aus beiden vorstellen?
So empfinde ich sie doch als sehr unterschiedlich, als innerlichen Druck und in der zweiten Version als "Nötigung" die von außen kommt. Wer soll denn der eine sein, der befohlen hat? Ich weiß nicht, dass gefällt mir nicht. Das ist doch etwas ganz anderes als die Schnur eines Sehnens an der man ziehen muss... In der zweiten Fassung klingt es, als hätte es nichts mehr mit dir selbst zu tun.
In der zweiten Strophe der zweiten Fassung ist dann das lyrische Ich wieder bei sich und dass auf eine sehr kraftvolle Art und Weise. Nur das zirrhotisch, was ich eben nachgeschlagen habe, stört mich doch sehr. Ist das nötig, so ein medizinisches Fremdwort, was vermutlich nicht nur ich nicht kenne?
Viel lieber mag ich auch den Schluss, mit dem Rohen, was man viel lieber äße, als dem Apfel in der ersten Version. Der Apfel hat für mich schon deshalb nicht gepasst, weil er mich gleich an die Erkenntnisgeschichte erinnert und na ja, dann ist es widersprüchlich, nicht wahr? Nein, das Rohe trifft es viel besser.

Mucki
Beiträge: 26644
Registriert: 07.09.2006
Geschlecht:

Beitragvon Mucki » 18.08.2010, 16:25

Wow, leonie,

da hat Tom dich anscheinend genau an der richtigen Stelle "gekitzelt". Diese radikale Fassung ist klasse! Da ist keine Ironie mehr drin. Da spricht jemand Tacheles!
Sehr sehr gut, vor allem der Schluss.

Saludos
Mucki

Rala

Beitragvon Rala » 18.08.2010, 16:40

Hallo leonie,

die erste Fassung hat mir schon sehr gefallen, aber die zweite ist wirklich eine Wucht, da steckt viel mehr Energie dahinter! Klasse!

Liebe Grüße,
Rala

Benutzeravatar
Elsa
Beiträge: 5286
Registriert: 25.02.2007
Geschlecht:

Beitragvon Elsa » 18.08.2010, 18:10

Hui, leonie, das hat aber jetzt Biss.

Ganz anders kommt das herüber, grausam, brutal, ehrlich.

Mir gefiel ja die 1. feine auch gut, aber die 2. ist durch die Rohheit ganz toll geworden!

Lieben Gruß
ELsie
Schreiben ist atmen

Klara
Beiträge: 4556
Registriert: 23.10.2006

Beitragvon Klara » 18.08.2010, 18:45

DAs ist ja spannend!

Die zweite Version hat eine völlig andere Aussage in meinem Lesen:

Während die erste Fassung die Nötigung eher behutsam, fast unwillig wahrnimmt - unwillig, weil dieses Ziehen an einem Schreiber ihn davon abhält, "einfach so" zu leben (in den Apfel zu beißen, zu genießen, das Schöne schön sein zu lassen, die Lügen in Kauf zu nehmen, das Hässliche verdecken etc.), also die Sehnsucht nach, sagen wir, tendenziell konventioneller Lebenskünstlerschaft im Alltag ausdrückt,

zeigt die zweite Version eine Sehnsucht nach Rohheit! Das ist gegensätzlich. (Ich fürchte auch, das ist nicht gemeint?) Und - ich weiß nicht, ob dieser Eindruck durch die Entstehungsinformation hier kommt oder sonst auch entstanden wäre - wirkt ein Schritt zu weit als wirklich bereit. Die Worte liegen da, aber das Schreib-Ich findet sie eher dreckig, unangemessen.

(Vielleicht gibt es, wie im Leben, auch im Schreiben immer Wege dazwischen? Dritte Wege? Also nicht den notwendigen Sich-Totsäufer-damit-er-real-und-authentisch-leidenschaftlich-und-lebendig-bleibt - sondern auch den weniger selbstzerstörerischen und dennoch wahrhaftigen, und möglicherweise sogar nachhaltigeren, übrigens auch lebenstüchtigeren Autor? Und vielleicht wäre auch diese Sache wieder so eine Mann-Frau-Ding: wo es um Verantwortung geht, nicht nur für die eigene Kunst, die eigene Selbstzerstörung und -Entblößung, sondern auch für andere, die es zu beschützen gilt?)

Oweh - versteht überhaupt irgendjemand, was ich wahrscheinlich sagen will?? (Ich suche selbst grad ein bisschen danach... nach diesem Sagen - )Du zumindest, leonie???

Benutzeravatar
Thomas Milser
Beiträge: 6069
Registriert: 14.05.2006
Geschlecht:

Beitragvon Thomas Milser » 18.08.2010, 19:05

Hihi, geht doch :o))))))

Kein Vergleich zur ersten Version (ganz anderer Text eigentlich), hier und da ein gut klingendes Fremdwort empfinde ich als Rosinchen (man googelt ja sonst auch jeden Mist, warum nicht ein neues Wort lernen oder ein vergessenes nochmal nachgucken?).

Einzig den Übergang von Strophe 2, Zeile 1 nach 2 finde ich etwas unrhythmisch, da stocke ich beim Lesen. Vielleicht weil ich da den Zeilensprung überlese (warum, weiß ich auch nicht).

Ansonsten:
Stets zu Diensten,
Madame :o)

Tom.
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

Benutzeravatar
leonie
Beiträge: 8896
Registriert: 18.04.2006
Geschlecht:

Beitragvon leonie » 18.08.2010, 19:46

Danke, Tom!

Ich mag gerade die zweite Fassung viel lieber.

Also, Xanthi, im Grunde kenne ich beides. Das zweite seltener. Eigentlich beschreiben die beiden Fassungen ihren eigenen Entstehungsprozess ein wenig, wenn ich es recht überlege.
Es ist sicher schon eine Instanz in mir selbst, die da "nötigt" (der Tom hier mal in den Hintern getreten hat), aber vielleicht eine eher fremde und auch nicht gerade favorisierte...
Beantwortet das Deine Frage?

Ich finde das natürlich toll, dass Ihr, Mucki, Rala und Elsa das Ergebnis gut findet.

Liebe Klara,

(ich liebe Deine Kommentare, die ich hier in den letzten Tagen vorfand! das mal schnell vorweg!)
Ich denke, dass es ganz viele Wege gibt.
In der zweiten Version ist es eine Form der Selbst"zerstörung", die meiner Meinung nach heilsam ist.
Die Lügen sind ja zirrhotisch, die müssen mal weg, und die Wahrheiten sind versoffen. Eigentlich geht es drum, ehrlich und klarer zu werden, auch mit den dunklen Facetten, denke ich. Und vielleicht auch darum, den eigenen Tiefen nicht auszuweichen...

Lieber Tom,

bitte bei (von Dir vermutetem oder erkanntem Bedarf) kräftig schütteln!
Hm, der Übergang klingt für mich okay...

Danke Euch allen.

leonie

Benutzeravatar
Lisa
Beiträge: 13944
Registriert: 29.06.2005
Geschlecht:

Beitragvon Lisa » 22.08.2010, 13:29

Liebe leonie,

ich wollte hier zum Einen vorbeikommen und sagen, wie toll dein Text gewirkt hat, als Klara ihn vorgelesen hat, sie hat den Text für mich ganz fein geöffnet, er gefiel mir hier auch schon, aber irgendwie war ich noch verhalten, vielleicht wegen dem, was scarlett schrieb, dass ja auch "einfach den apfel essen" auch schon wieder prätentiös ist bzw. genauer: erst prätentiös wird, wenn man es in so einem Text ans Ende setzt. Ich hab mir da noch irgendeine Zeile gewünscht, die das nochmal reflektiert, weil ich denke, dass du diese Stelle selbst nicht mit den Augen auf diese Problematik gerichtet geschrieben hast, sondern eben das einfache Apfelende tatsächlich als reinen gegensatz meintest.
Als ich Klara den Text aber nun habe lesen hören, da hab ich gemerkt, dass der Text auch der jetzigen (ersten Version) ganz aufgeht, dass es - bei richtiger Präsentation, nehme ich an, nicht nötig ist, das Ende noch einmal auszudifferenzieren, das alles stimmte.

Mit der zweiten Version kann ich wenig anfangen - wobei ich es ziemlich genial fände, wenn dir tatsächlich eine zweite harte Version gelänge, das nebeneinander zu lassen, wäre ganz fein, weil meiner Meinung nach eben beides da ist: das weiche und das harte - beides sind Gewaltätigkeiten, die man sich und dem Schreiben selbst antut.
Allerdings kommt eben deine zweite Version bei mir nur inzeniert an, da bricht nicht wirklich was raus, die Sprache und damit der Horizont bleibt für mich im gleichen Rahmen wie Text 1 und wirkt dadurch fehl am Platz/gewollt. Da muss in meinen Augen was ganz anderes her (was nicht mal heißen muss, dass die Sprache "schlimmer" sein muss, aber für mich muss die Stimme mutiger gegen das Grauen sein...

liebe grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Benutzeravatar
leonie
Beiträge: 8896
Registriert: 18.04.2006
Geschlecht:

Beitragvon leonie » 22.08.2010, 20:25

Liebe Lisa,

ich freue mich gerade tierisch, ich wusste ja noch gar nciht, dass Klara den Text wirklich gelesen hat, weil ja im Raum stand, dass Renée stattdessen liest (das wäre für mich auch völlig okay gewesen, aber noch schöner ist, dass beides ging!). Ich bin ganz stolz, dass ich auf diese Weise doch irgendwie dabei sein konnte. Und noch schöner ist, dass es dann so "öffnend" war und ich kann mir so gut vorstellen, dass Klara ihn viel besser gelesen hat als ich es jemals könnte (weil ich Gedichte einfach nicht laut vorlesen kann, meine eigenen schon gar nicht und weil Klara eine so gute Leserin ist, ach ich bin auch so gespannt auf Photos und vielleicht auch Tonaufnahmen!).

Was die zweite Version betrifft: ich bin selber ganz froh darüber, weil Tom da etwas herausgekitzelt hat, was mir selbst nicht so deutlich war. Ich glaube, das muss einfach die Zeit zeigen, ob das so bleibt. Aber dass etwas anderes daher kommt, ist ja nciht ausgeschlossen, vielleicht sogar wahrscheinlich...

Ich danke Dir jedenfalls ganz doll!

Liebe Grüße

leonie

Benutzeravatar
Lisa
Beiträge: 13944
Registriert: 29.06.2005
Geschlecht:

Beitragvon Lisa » 22.08.2010, 20:44

Liebe leonie,

ich wollte gar nicht sagen, dass du ihn nicht genauso gut gelesen hast, ich nehme das nicht an. Was ich nur sagen wollte, dass Klaras Lesung eben einfach..für mich genau die richtige war. Es gibt davon bestimmt einen Videomitschnitt, es kann etwas länger dauern, bis das alles auf die richtige Größe etc. zugeschnitten ist, aber du kriegst davon (sofern klara das OK findet) auf jeden Fall eine Kopie :-).

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Benutzeravatar
leonie
Beiträge: 8896
Registriert: 18.04.2006
Geschlecht:

Beitragvon leonie » 22.08.2010, 20:49

Lisa hat geschrieben:Liebe leonie,

ich wollte gar nicht sagen, dass du ihn nicht genauso gut gelesen hast, ich nehme das nicht an.

Liebe Lisa,

das habe ich auch nicht so verstanden, dass Du das sagen wolltest, ich selber sage es und bin auch ziemlich sicher, dass es stimmt...Lesen ist nicht meine Stärke

Was ich nur sagen wollte, dass Klaras Lesung eben einfach..für mich genau die richtige war.

Ja, und das freut mich soooo!

Es gibt davon bestimmt einen Videomitschnitt, es kann etwas länger dauern, bis das alles auf die richtige Größe etc. zugeschnitten ist, aber du kriegst davon (sofern klara das OK findet) auf jeden Fall eine Kopie :-).

das wäre wunderbar!

liebe Grüße,
Lisa


Ich danke Dir, liebe Grüße

leonie

Klara
Beiträge: 4556
Registriert: 23.10.2006

Beitragvon Klara » 23.08.2010, 06:55

(sofern klara das OK findet)

klara fände das natürlich ok (und fühlt sich geschmeichelt)

:)


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 38 Gäste