Entwicklung

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Rala

Beitragvon Rala » 15.07.2010, 21:20

Ok, so soll's jetzt endgültig bleiben:

Entwicklung

Als wir noch Zeit waren
fein aufgerollt und in Frottee gewickelt
ahnte niemand die Unebenheiten
und die Farben der Tage
Sandkastengrab und Schneckenrennen
Schneeküsse und Seifenblasen
man trug uns umher
wie empfindliche Bomben
wir explodierten dennoch
in Zeitlupe
zu noch ungesehenen Formen
verfingen uns in Daten
versanken in den Jahren
sind nun beinah schon vergangen
die Spule dreht sich schneller und
der Faden dünnt aus.







Erste Fassung
Entwicklung

Als wir noch Zeit waren
fein aufgerollt und in Frottee gewickelt
ahnte niemand die Unebenheiten
und die Farben der Tage
Sandkastengrab und Schneckenrennen
Schneeküsse und Seifenblasen
man trug uns umher
wie empfindliche Bomben
wir explodierten dennoch
in Zeitlupe
zu noch ungesehenen Formen
verfingen uns in Daten
versanken in den Jahren
und sind nun beinah schon vergangen
die Spule dreht sich schneller und
der Faden
dünnt
aus.
Zuletzt geändert von Rala am 29.07.2010, 15:23, insgesamt 2-mal geändert.

Rala

Beitragvon Rala » 21.07.2010, 20:53

Hab mal ein bisschen am Schluss rumgebastelt, so besser?

Max

Beitragvon Max » 21.07.2010, 23:40

Liebe Rala,

das finde ich schwierig. Fassung eins ist expliziter und daudrch auch für mich verständlicher. Das zweite ist lyrischer.

Liebe grüße
Max

Trixie

Beitragvon Trixie » 22.07.2010, 09:28

hi rala,
ich finde, bei der neuen version ist das ende zu aprupt und ich mag dieses "schneller abspulen", die zeit vergeht schneller mit der zeit, diese "erkenntnis", die von der reinen aussage des "wir dünnen aus" sich abhebt, fehlt mir hier jetzt. vorher hat's mir besser gefallen.
liebe grüßle
trix

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 22.07.2010, 10:04

Hallo Rala,

mir fehlt auch etwas in der neuen Fassung, sowohl klanglich, als auch inhaltlich. Ich würde das Ende in der Gegenwart lassen, in der Entwicklung, um den Prozess spürbar sein zu lassen, den Leser mithineinzunehmen aus seiner Lebenssituation heraus, und es nicht als etwas bereits Abgeschlossenes betrachten. (Auch deshalb mag ich das "aus" da am Ende nicht. .-) Warum ist dir wichtig, dass es in einer Einzelzeile steht?)

Meine Lieblingsvariante wäre diese:
und sind nun beinah schon vergangen
die Spule dreht sich schneller und der Faden dünnt aus.


Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 22.07.2010, 10:47

Hallo Rala!

Hm... vielleicht. Aber eigentlich stoße ich mich in der ersten Fassung weniger am Inhalt, sondern mehr an der Breite der Darstellung:

und sind nun beinah schon vergangen
die Spule dreht sich schneller und


Ich frage mich halt, ob es wirklich zwei und braucht; und ob sind fast vergangen wirklich soviel weniger aussagt als und sind nun beinah schon vergangen?!

Ferdigruß :-)
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

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noel
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Beitragvon noel » 22.07.2010, 16:43

ich schliesze mich an
deine wortwahl ist fein
Als wir noch Zeit waren
fein aufgerollt und in Frottee gewickelt


fein wie du von aufgerollter zeit den bogen zu in frottee gewickelt nimmst

ahnte niemand die Unebenheiten
und die Farben der Tage


& diese zusammenfassung für das auf & ab im leben !!!


Sandkastengrab und Schneckenrennen
Schneeküsse und Seifenblasen
man trug uns umher
wie empfindliche Bomben

die kindheit, die spiele fein formuliert & wieder hervorragend
zur nächsten stufe der entwicklung hingewortet "empfindliche bomben" kind
-->

wir explodierten dennoch
in zeitlupe
jugend--> erwachsene genialer zeitraffer


zu noch ungesehenen Formen
verfingen uns in Daten
versanken in den Jahren
spulten uns ab und
dünnten
aus.


--> hin zum senior

fein worte die gelungen in den einzelnen phasen verunden werden
NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der Toxizität, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level).

Wir sind alle Meister/innen der Selektion und der konstruktiven Hoffnung, die man allgemein die WAHRHEIT nennt ©noel

Rala

Beitragvon Rala » 22.07.2010, 22:32

Danke, noel!

Ansonsten: :blink1: *grübel*

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noel
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Beitragvon noel » 23.07.2010, 16:24

"grübel"
wieso,
weshalb,
warum
???
NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der Toxizität, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level).

Wir sind alle Meister/innen der Selektion und der konstruktiven Hoffnung, die man allgemein die WAHRHEIT nennt ©noel

Quoth
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Beitragvon Quoth » 23.07.2010, 16:47

Hallo, Rala,
ja, auch meine Kinder habe ich wie "empfindliche Bomben" herumgetragen, und sie sind in Zeitlupe zu "ungesehenen Formen" explodiert, nämlich völlig anders geworden, als ich mir das je hätte vorstellen können - eine Warnung an alle, die sich auf das Wunder der Fortpflanzung einlassen! Schöner Text!
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Mucki
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Beitragvon Mucki » 23.07.2010, 18:06

Hallo Rala,

ich finde die Darstellung dieser Entwicklung sehr gelungen. Zu dem Schluss, an dem du noch grübelst.
Du möchtest, dass sich das Ausdünnen auch optisch darstellt, ist klar. Vielleicht so: (inhaltlich würde ich keine Änderung vornehmen)

Entwicklung

Als wir noch Zeit waren
fein aufgerollt und in Frottee gewickelt
ahnte niemand die Unebenheiten
und die Farben der Tage
Sandkastengrab und Schneckenrennen
Schneeküsse und Seifenblasen
man trug uns umher
wie empfindliche Bomben
wir explodierten dennoch
in Zeitlupe
zu noch ungesehenen Formen
verfingen uns in Daten
versanken in den Jahren
und sind nun beinah schon vergangen
die Spule dreht sich schneller und
der Faden dünnt aus.



Saludos
Mucki

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 23.07.2010, 20:47

Liebe Rala,

also meine Mokierungen (.-P) sind durch das neue Ende nicht aufgehoben... darum bliebe ich zu diesem Zeitpunkt beim Original.

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

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leonie
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Beitragvon leonie » 12.08.2010, 21:07

Liebe Rala,

das habe ich erst jetzt durch das Portal entdeckt. Ein ganz starker, toller, überzeugender Text, herzlichen Glückwunsch dazu!

Liebe Grüße

leonie

Rala

Beitragvon Rala » 12.08.2010, 21:51

Danke, liebe leonie, freut mich!

Liebe Grüße,
Rala

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 14.08.2010, 16:32

jetzt ist schon so viel gesagt worden, zu diesem sehr schönen text, von so vielen menschen, dass es sich eigentlich erübrigt, dass ich hier auch noch ein paar zeilen beisteuere. aber ich tue es dennoch. weil ich den titel großartig finde, das ist ja ein wort, was sofort ganz viele assoziationen abspult (wie die spule, die du ja im gedicht auch wieder aufnimmst), bilder davon wie etwas verbunden ist, zusammenhängend und vielleicht sogar vorausbestimmt, aber (noch) nicht sichtbar. wie bei einer fotografie (als sie noch nicht digital war), wenn die platte schon belichtet ist, aber das bild ist noch nicht sichtbar, aber eben auch der faden, der an einer (dicken) spule hängt, die schließlich immer dünner wird. das sind so stimmige bilder, die sich so natürlich aufeinander beziehen und abwickeln, entwickeln, dass ich dir einfach die tatsache, dass mich das sehr beeindruckt hat, nicht vorenthalten wollte...


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